sandte vom Hotel alsbald nach seinem Eintreffen ein Huldigungstelegramm an den Kaiser; ein offizielles Interview gewährte Herr Castro am Ankunftstage niemanden. Er äußerte jedoch zu den Herren seiner Begleitung, er höre von allen Seiten, daß man seine Berliner Reise durchaus zu einer politischen gestalten wolle. Er könne versichern, daß nur sein Leiden ihn hergeführt habe. Die Sache liege so, daß die Aerzte der medizinischen Fakultät in Caracas, deren wissenschaftliche Befähigung nicht zu bestreiten sei, in der Diagnose uneinig waren und daß er deshalb an eine andere Autorität appeliercn wolle. Sein Nierenleiden verursache ihm große Schmerzen und verhindere die Tatkraft, die er gerade in diesem Augenblicke sehr notwendig brauche. Danach hätte der Besuch des Diktators von Venezuela in der deutschen Reichshauptstadt keine politische Bedeutung, doch kann es trotzdem sehr wohl sein, daß Sennor Castro in Berlin irgendwelche politische Besprechungen haben wird.
Während Sennor Castro in Europa weilt, hat Plötzlich der lange Konflikt zwischen Holland und Vene- z u e l.a eine verschärfte Form angenommen, welche durch die Wegnahme des venezoelanischen Küstenwachtschiffes „Alix" seitens des holländischen Kreuzers „Gelderland" herbeigeführt worden ist. Hierzu wird in einer offiziösen Meldung aus dem Haag erklärt, die Maßnahmen bedeute den Beginn holländischer Repressalien für die völkerrechtswidrigen Gewaltakte der Castroschen Regierung an holländischen Schiffen und sei nur gegen das Castrosche Regime gerichtet. Indessen ist es sehr leicht möglich, daß der Schritt Hollands zu offenen Feindseligkeiten dieses Landes mit Venezuela führt. Der in Vertretung Castros regierende Vizepräsident Gomez hat angesichts des Vorgehens Hollands den Verteidigungszustand für Venezuela proklamiert. Uebrigens ist es in Caracas zu einer feind- seligen Volkskundgebung gegen die Regierung vor dem Gebäude der dem Präsidenten Castro gehörenden Zeitung „El Constitutional" gekommen. Bei dem entstehenden Tumult wurden mehrere Personen verletzt und eine getötet.
Die Leiden eines Fremdenlegionars.
In diesen Tagen ist im Verlage von W. Crünwell in Dortmund ein Buch von Dietrich Vorwerk erschienen, das den Titel trägt: „Im Heer der Heimatlosen, Werdegang eines deutschen Fremdenlegionärs." Die Fremdenlegion ist so dargcstellt, wie sie in der Erinnerung eines früheren Legionärs lebt. An dem himmelschreienden Leiden, die darin aus Grund zuverlässiger Auszeichnungen geschildert sind, hat der Verfasser, wie er selbst sagt, nichts verschärft, sondern noch vieles verhüllt und gemildert. Wir teilen hier ein Erlebnis mit, das sich an einen „Katzenraub" knüpfte. Der Held des Buches Hatte mit einem Schlafkameraden, namens Elsenau, vom Hunger ge- trieben, in Gsryville einer Katze den Garaus gemacht, um sie als „Sonntagsbraten" zu verzehren. Die Folge dieses Streichs wird in dem Buche so geschildert: „Am nächsten Tage wurde Elsenau von der Arbeit am Straßenbau zurückgerufen. Es war sein Glück. Bald nachdem er fort war, wurde ich zu Sergeant Vernet befohlen. Er sagte mir den Katzenraub auf den Kopf zu. Leugnen war unmöglich. Ich gestand alles. Nur den Kameraden verriet ich nicht. Wütend über meine Verstocktheit rief der Sergeant den Korporal und zwei Mann von dem eingeboren Wachtkommando der Tirailleure mit Gewehr. Sie mußten mich in ihre Mitte nehmen und etwa 300 m nach Süden hin führen. Wir machten Halt in einer Schlucht, die in halber Höhe eines Berges etwa 15 km südlich von Gsryville lag. Hier wurde ich aller meiner Kleider bis auf die Drillhose entledigt. Dann mußte ich die Hände auf den Rücken legen, damit die Menottes, die Handschellen» angebracht werden könnten. Darauf wurde ich hingesetzt und mit Fußeisen versehen. Endlich wurden Handschellen und Fußeisen auf dem Rücken zusammengebunden, was eine peinvoll krumme Haltung des Körpers zur Folge hatte. Dieses Krummschließen ist die gefürchtete Crapaudine. In dieser Stellung mußte ich im ganzen 45 Tage zubringen. Dabei erhielt ich nur zwei Wassersuppen die Woche, eine am Sonntag vormittag und eine am Donnerstag. Da ich mit den Händen auf dem Rücken nicht selbst essen konnte, mußte der Mann, welcher mir die Suppe brächte, mir diese mittels eines Löffels einflößen. Nur bei Tage stand ein Posten bei mir. Des Nachts lag ich völlig verlassen an den einsamen, menschensernen Orte. Dann hörte ich das unheimliche Geheul der Schakale und Hyänen. Oft klang es aus nächster Nähe, und ich glaubte, mich wehrlos den Zähnen der Bestien preisgegeben. Noch jetzt wundert es mich, daß sie sich nicht an den gedeckten Tisch gesetzt und mir das Fleisch von den Knochen gefressen haben. Ich hätte nicht einmal einen Finger dagegen rühren können. Aufgeschlossen wurde ich in den 45 Tagen nur zweimal. Zum erstenmal, als mir der Sergant mein Hemd, meine Schuhe und meine Bluse reichen ließ. Zum zweiten Male, als der Major der Garnison ganz unangemeldet zur Inspektion kam. Er schickte den Posten nach dem Lager, um den Sergeanten mit dem Schlüssel zu holen. Der Soldat kam aber mit dem Korporal zurück. Aus einer Tragbahre wurde ich nach Kamp getragen. Denn an Gehen war kein Gedanke. Den Sergeanten fand man nachher mit zerschossenem Schädel in seinem Zelt. Er wußte, was ihm nach dieser Inspektion durch den Major bevorstand und hatte die Folgerungen mit dem Revolver gezogen. Zwei Monate mußte ich im Spital zubringen. Dann waren die Folgen der Strafe, die ich für den Raub einer alten Katze erlitten hatte, einigermaßen überwunden. Ich war wieder diensttauglich. Ost habe ich damals den Tod herbeigesehnt. Aber der Brief der Großmutter aus meiner Brust schützte mich davor, Hand an mich selbst zu legen. Noch heute, im Jahre 1908, trage ich die Narben, welche mir die Handschellen damals beigebracht haben."
Aus Provinz u. Nachbargebiet.
):( Hersfeld, 16. Dezember. Einen für die Zukunft unseres Kreises bedeutsamen Beschluß faßte der Kreistag in seiner heutigen Sitzung, indem einstimmig beschlossen wurde, bei dem Herrn Regierungs-Präsidenten in Cassel die Genehmigung zum Bau und Betriebe einer normal- spurigen Kleinbahn von Hersfeld nach Heimboldshaufen zu beantragen. — Der Kreis baut und betreibt die Bahn selbst, wenn nicht ein Abkommen mit der Staatsbahnverwaltung gelingt, nach welchem diese den Betrieb sür Rechnung des Kreises übernimmt. Diese Nachricht wird sicher in dem betr. Teile des Kreises mit großer Freude begrüßt werden, da hierdurch die seit langen Jahren angestrebte Verbindung mit der Kreisstadt und andererseits auch die Ausschließung dieser blühenden Gegend nunmehr bald verwirklicht wird. Für die Entwickelung des gesamten Kreises wird diese Bahn von größtem Vorteile sein. — Einen ausführlichen Bericht über die Sitzung lassen wir in nächster Nummer folgen.
* (Ernannt.) An Stelle des zum Oberregierungsrat
und Stellvertreter des Regierungspräsidenten hier ernannten bisherigen Landrats Kammerherrn Rieß von Scheurnschloß wurde Herr Regierungsassessor Freiherr Riedesel zu Eisenbach zum Landrat des Kreises Hofgeismar ernannt.
):( Hersfeld, 16. Dezember. Wir machen nochmals aus den heute abend im Saale des Hotel Hohenzollcrn statt- findenden Vortrag des Herrn Professors Langhans aus Gotha über „Den deutschen Weltverkehr und seine Mittel" aufmerksam. Eintrittsgeld wird zu diesem Vorttage nicht erhoben.
):(Hersfeld, 16. Dezember. Der heutige Weihnachtsmarkt war trotz des schönen Wetters nicht so belebt, wie man es bisher gewöhnt war. Die Zahl der Vcrkaussbuden war bedeutend geringer und der Verkehr überhaupt schwach. — Dem Schweinemarkt waren 280 Schweine ausgebracht, auch hier fehlten die Großhändler und das Geschäft ging flau; hiermit sind die Märkte pro 1908 beendet. Der nächste Markt (Schweinemarkt) findet am 5. Januar 1909 statt.
Mansbach (Kr. Hünseld), 13. Dezember. In großer Lebensgefahr schwebte gestern der Fuhrmann eines Bierwagens von H e r s f e l d. Als er mit feinem Bierwagen das Bahnübergangsgeleise in der Nähe unseres Bahnhofes überschritt, kam der 12,35 Uhr hier fällige Personenzug Hünfeld-Salzungen herangebraust. Er erfaßte den hinteren Teil des Bierwagens und schnitt ihn buchstäblich auseinander. Der Wagenlenker und die Pferde blieben unverletzt.
Cassel, 15. Dezember. Beim hiesigen Oberlandesgericht wurde gestern abermals eine Referendar-Prüfung zu Ende geführt. Als Prüfungs-Kommissare fungierten die Herren Oberlandesgerichts-Präsident von Hasfel, Oberlandesgerichtsrat Wurzer-Cassel und die Herren Professoren der Rechte Leonhard und Heymann von der hessischen Universität Marburg. An der Prüfung nahmen 5 Rechtskandidaten Teil, von denen nur 3, nämlich die Herren Konitz-Caffel, Kraushaar-Hanau und Meinecke-Darmstadt bestanden und demgemäß zu Gerichts- Reserendaren ernannt wurden.
Fulda, 14. Dezember. Gestern abend klopfte ein Strolch bei einer zufällig allein in ihrer Wohnung befindlichen Lehrers- witwe an und fuhr sie barsch mit den Worten an: „Geld oder das Leben!" Die zu Tode erschrockene Frau gab in ihrer großen Angst und Aufregung dem Strolch einen Betrag von ca. 200 Mk., der damit schleunigst verduftete. Der Frau jedoch ist der Schrecken derartig in die Glieder gefahren, daß sie dem Landkrankenhause zugesührt werden mußte.
Schlitz (Oberhessen), 14. Dezember. Die gräflich Görtzsche Burggüter-Verwaltung wird die ihr gehörige Hallenmühle im nächsten Jahre in ein Elektrizitätswerk für das Schloß und den Oekonomie-Betrieb Herrichten lassen.
Aus dem Kreise Wetzlar, 13. Dezember. Am Freitag wurden in Leun durch ein Großseuer 5 Wohnhäuser und 8 Scheunen eingeäschert. Es wird Brandstiftung vermutet.
Melfungen, 15. Dezember. Am gestrigen Abend HV2 Uhr, trat der 28 Jahre alte Arbeiter D. in die Wohnung des 78 Jahre alten Tagelöhners Schrader ein. Er überfiel den alten Mann mit einer Feuerschippe und brächte ihm sehr schwere Verletzungen bei. Der Verletzte wird wohl kaum mit dem Leben davon kommen.
Bebra, 14. Dezember. Die elektrischen Doppel-Triebwagen sind in der vergangenen Woche probeweise zwischen Gerstungen und Bebra gefahren. Der fahrplanmäßige Betrieb soll dem Vernehmen nach am 15. Dezember eröffnet werden.
Heiligenstadt, 15. Dezember. Einen Schadenersatz in Höhe von 2700 Mark erhebt tot hiesige Kreisfischerverein gegey die königl. Eisenbahndirektion Cassel, weil beim Tränken de^ Bahnschwellen mit Kreosot auf der Tränkstation Leinefelde verdünntes Kreosot abfloß, in die Leine gelangte und hier ein großes Fischsterben veranlaßte. Das ätzende Kreosot, mit dem Buchen- und Kieserschwellen vor ihrer Verlegung in den Oberbau des Bahnkörpers getränkt wurden, verursachte zunächst ein Erblinden der Fische und hatte weiter eine durch Pilzflecke sich wahrnehmbar machende infektiöse Erkrankung der Fische zur Folge, die regelmäßig den Tod herbeisührte. Die Eisenbahndirektion hat indes eine Verantwortung abgelehnt; sie vertritt die Ansicht, daß die Verwaltung der selbständig arbeitenden Tränkstation für etwaiges Verschulden auszukommen hat.
Vom Eichsselde, 13. Dezember. Zu den Typhus- und Diphtheriefällen in Küllstedt wird authentisch mitgeteilt, daß seit dem 3. September bis 9. Dezember 96 Erkrankungen und 13 Todesfälle vorgekommen sind. Bei diesen 13 Todes- sällen waren 8, für die der Arzt die Verantwortung abgelehnt hatte, weil man ihn zu spät benachrichtigt hatte. Vielfach sündigte das Publikum dadurch, daß die Erkrankten mit Zwiebeln, Petroleum und Tabaksbrühe behandelt wurden, was natürlich gegen die genannten Krankheiten völlig wirkungslose Mittel waren.
Altenbeken, 14. Dezember. Das vierjährige Mädchen des Tagelöhners W. Malbaum spielte am offenen Herdfeuer mit Tannenzweigen, wobei sein Kleidchen Feuer fing und das Kind schwere Brandwunden davontrug, sodaß sein Zustand besorgniserregend ist. — Beim Abforsten einer abgelegenen Waldparzelle im Waldrevier Löhne wurden die Knochenreste einer gänzlich verwesten Leiche gesunden. An einem dabei liegenden Schirme und einer Mütze erkannte man den 1903 verschwundenen Werkmeister Ladeweg aus L.
Siegen, 14. Dezember. Durch die Explosion in einer Gießgrube, worin sich Gase gebildet hatten, die sich durch Ueberspringen von Funken entzündeten, wurden am Sonnabend in der Gießerei der Siegener Maschinenbauanstalt ein Arbeiter getötet und vier zum Teil lebensgefährlich verletzt.
Halle a. S., 14. Dezember. In Halle a. S. gab der Student Wilhelm Schrader aus Hamburg gestern morgen, wie es fcheiift im Delirium nach durchkneipter Nacht, aus seiner Wohnung fortgesetzt Pistolenschüsse aus die Passanten ab, von denen glücklicherweise niemand getroffen wurde. Als die Polizei in die verbarrikadierte Wohnung eindrang, erschoß Schrader sich selbst.
Uermiscbtes.
— (Frisch geschlachtet.) Ein kleiner Geschäftsmann in Meuselwitz hatte in der Zeitung seine Kunden zu frischer Wurst und Wellfleisch eingeladen, da er ein Schwein schlachte. Gerade als sich die ersten Gäste einfanden, stellte sich auch der Gerichtsvollzieher ein und pfändete die Leckerbissen auf Grund eines alten vollstreckbaren Urteils. Kurze Zeit später wurde durch Ausklingeln im Orte bekannt gegeben, daß im Gasthofe „Zur Weintraube" in einer halben Stunde frischgepfändete Würste" versteigert würden, und bald darauf war von den Würsten keine mehr vorhanden, der Gläubiger aber hatte sein Geld.
— (Milli0ne n-Unterschlagung eines Diamantenhändlers.) Eine Riesendesraudation ist in Amsterdam verübt worden. Ein Diamantenhändler verschwand mit Waren im Werte von 1600 000 Mk., die er zehn Firmen herausgelockt hat. Mehrere größere Diamantenfirmen wurden
um Summen von 15 000 bis 50 000 Gulden geschädigt.
Von dem Verbrecher, der flüchtig ist, fehlt jede Spur.
— (Aerztehonorare.) Wenn man von den fabelhaften Honoraren berühmter Aerzte und Chirurgen spricht, muß man sich auch vor Augen Halten, wie ungeheuer viele Kranke von den Aerzten unentgeltlich behandelt werden. ES ist z. B. statistisch sestgestellt, daß in den Vereinigten Staaten, die doch eines der reichsten Länder der Welt sind, 33 v. H. der Einwohner von den Aerzten gratis behandelt werden. Daß dann diejenigen, welche wirklich zahlen können, sür die Nichtzahler mitbluten müssen, ist selbstverständlich und begreiflich. In London hat ein einigermaßen wohlhabender Patient für einen ärztlichen Besuch 2 Guineen oder 42 Mk. zu bezahlen, in New-Iork 20 bis 80 Mk. Wenn ein berühmter Londoner Spezialarzt von reichen Patienten, die an der Riviera Winter- ausenthalt genommen haben, zu einer Konsultation berufen wird, verlangt er mindestens 400 Guineen oder 8400 Mk. Es muß bemerkt werden, daß die Guinee als Münzeinheit eigentlich nicht mehr existiert; trotzdem werden in England alle diejenigen, welche sog. liberale Professionen ausüben, in Guineen und nicht in Schilling bezahlt. Die Guinee gilt 21 Schilling, während das Pfund nur 20 Schilling gilt. In den Vereinigten Staaten wird eine Konsultation, die den Arzt sür einen ganzen Tag von seinem Wohnsitz fernhält, mit 2000 bis 4000 Mk. bezahlt; nicht in Betracht gezogen sind hierbei ganz besondere Fälle, wie z. B. der eines bekannten Eisenbahnkönig, der einem Geburtshelfer, den er zu seiner Tochter hatte rufen lassen, 28 000 Mk. zahlte. Ein Millionär in Virginia gab einem New-Iorker Arzt, den er eine Woche bei sich behalten hatte, einen Scheck über 100 000 Mk; und ein Arzt, der zehn Tage lang einen schwerkranken Milliardär an Bord seiner Jacht behandelt hatte, bekam nach dem Tode des Patienten ein Honorar von 240 000 Mk. Natürlich muß ein Arzt sehr lange warten, bevor er es zu solch hohen Honoraren bringen kann. Die jungen Aerzte mögen sich in Geduld fassen und bedenken, daß der berühmte Chirurg Cooper, der später zum Leibarzt des Königs von England ernannt wurde, im ersten Jahre seiner Praxis ganze hundert Mark verdiente, im zweiten 440 Mk., im dritten 1200 Mk., im vierten 1900 Mk., im fünften 2000 Mk.. im sechsten 8000 Mk, im achten 12 000 Mk; nach neun Jahren erst hatte er es zu einem Einkommen von 20 000 Mk. gebracht. Einmal operierte Cooper einen alten Herrn, und die Operation, ein Steinschnitt, gelang ausgezeichnet. Als der Chirurg einen Tag später erschien, um nach seinem Patienten zu sehen, warf ihm dieser seine Nachtmütze zu, indem er sagte: „Nehmen Sie dies hier, junger Mann; daS ist das einzige, was ich Ihnen geben kann." Der Chirurg nahm, um den Kranken nicht zu beleidigen das merkwürdige Geschenk an; als er sich dann aber zu Hause die Nachtmütze näher ansah, fand er in ihr einen Scheck über 20 000 Mk. Ein anderer berühmter englischer Arzt, Sir James Paget, verdiente nach zehnjähriger Praxis noch nicht mehr als 2000 Mk. pro Jahr; dann aber hatte er das Glück, einen berühmten Patienten, der schwer krank war, vollständig gesund zu machen, und das machte ihn bekannt. Einige Jahre später belies sich sein Jahreseinkommen auf 200 000 Mk!
— Ein verwegener Einbruchsdieb stahl, bei dem Juwelen im Werte von 100,000 Frank gestohlen wurden, ist gestern in Nizza verübt worden. Mit einem bisher unerreichten Raffinement entwendeten unbekannt gebliebene Einbrecher nachts aus einem Eisenschrank die Juwelen. Sie verschafften sich zuerst Eingang in einen anstoßenden Buchladen aus dem Massenaplatze, bohrten ein Loch in die Wand, welches dieses Geschäft von dem des Juweliers trennte, nunmehr bohrten die Einbrecher die Eisenschränke an und machten in diese einige birnensörmige Oeffnungen. Um die Juwelen vorsichtig aus dem Schreine zu bekommen, bedienten sich die Verbrecher einer Art galvanisierten Eisendrahtes. In einem hatten sie es versehen. Bet der Bohrung mußten sie, um die Eisen- wand zur Glühhitze zu bringen, mit Hüftbeines Rohres Acetylen- gas wirken lassen. Durch die Hitze wurden die Goldsachen aus der Fasson gebracht, so daß ihnen nur der Edelmetallwert blieb.
— („Er kn eist".) Eine heitere Geschichte vom serbischen Kronprinzen Georg macht in den diplomatischen Kreisen Belgrads die Runde. Die Gemahlin eines Gesandten erzählte jüngst, sie langweile sich bei den Festessen im königlichen Konak, es könne da zu keiner angeregten Unterhaltung kommen, weil die Gäste des Königs so weit von einander entfernt sitzen, daß man, um sich mit dem Nachbar zu unterhalten, viel lauter sprechen müßte, als es in der guten Gesellschaft üblich ist. Bald erfuhr die erwähnte Dame von der Gemahlin eines Kollegen ihres Mannes den Grund dieser seltsamen Tischordnung. Kronprinz Georg, der tatendurstige Dauerredner des serbischen Hofes, ist sür Damen ein sonderbarer Tischnachbar. Er liebt es, ihnen seine Bewunderung allzu deutlich, allzu sühlbar zum Ausdruck zu bringen. Er — kneist sie. Um nun die Damen den viel zu feurigen Huldigungen des jungen Mannes zu entziehen, setzt man sie, nach der „B. Z. a. M.", so weit von ihm, daß er sie nicht fassen kann, und die einfachsten Grundsätze der Symmetrie gebieten es nun, daß auch die übrigen Gäste des Königs weiter von einander gesetzt werden, als es in der Gesellschast gut erzogener Leute der Fall zu sein pflegt.
Hetzte nacbricbkn.
Tepli tz-S chönau, 15. Dezember. Ein Tourenauto- mobil verbrannte infolge der Explosion des Benzins. Der Wagenführer wurde verletzt. Die Insassen kamen mit heiler Haut davon. Der Schaden beträgt 40 000 Mk.
Bern, 15. Dezember. Gestern wurde die große Glashütte in Münster im Berner Turm vollständig eingeäschert. Ueber 1000 Personen sind arbeitslos.
Prag, 15. Dezember. Die Polizei beschlagnahmte das Titelbild des Simplizissimus, das den deutschen Michel in der Abwehr gegen den tschechischen Löwen zeigt.
Duisburg, 15. Dezember. Die im Sommer veran- staltete Gartenbauausstellung schließt mit einem Fehlbetrag von 20 000 Mark ab.
S t. John (Neufundland), 16. Dezember. Ein Boot des französischen Kreuzer Admiral Aube wurde in der letzten Nacht während eines Schneesturmes bei St. Pierre von einem Sturzsee überschwemmt und kenterte. Die ganze Bemannung, sieben Personen, sind ertrunken.
L i m 0 g e s, 15. Dez. Infolge Reißens der Kuppelung fand heute abend ein Zugzusammenstoß statt. Einzelheiten sind nicht bekannt, doch soll es mehrere Tote und Verwundete gegeben haben.
Hierzu eine Beilage.