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Herrselder Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 147.
Dienstag, den 15. Dezember
1908.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 9. Dezember 1908.
Mit Verfügung vom 25. Juni 1907 Nr. 1413 (im Kreisblatt Nr. 79) betreffend die Handhabung der Baupolizei, habe ich angeordnet, daß sich die Herren Bürgermeister vor Weitergabe der Bauvorlagen von der Uebereinstimmung der Lagepläne und der darin eingetragenen Maße mit den wirklichen Verhältnissen überzeugen und dies bescheinigen sollen. Nach den gemachten Erfahrungen ist das bis jetzt nicht überall in ausreichender Weise geschehen. Schon wiederholt hat es sich bei den Bauabnahmeverhandlungen nachträglich herausgestellt, daß die Maße, welche in den zur Genehmigung vorgelegten Zeichnungen eingetragen waren, mit der Wirklichkeit in keiner Weise übereinstimmten. Eine auf Grund unrichtiger und unvollständiger Unterlagen erteilte Bauerlaubnis gilt nachs den Bestimmungen des § 4 Ziffer 5 Abs. 2 der Baupolizeiordnung III vom 3. November 1902 als nicht erteilt. Aus diese Weise kommen die Beteiligten in die allerunangenehmsten Lagen, da die Wiederentfernung ungenehmigter Bauten verlangt werden kann. Ich muß deshalb meine eingangsbezeichnete Versügung in Erinnerung bringen und weise die Herren Bürgermeister erneut an, bei Vorlage von Bauanträgen zunächst an Ort und Stelle festzustellen, ob die Zeichnungen selbst und die darin eingetragenen Maße mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Insbesondere gilt dieses von den Geschoß-Stockwerks-Höhen bei etwa in Betracht kommenden Wohnräumen. In die Begleit- berichte zu den einzureichenden Bauanträgen ist in allen Fällen ein Vermerk darüber aufzunehmen, daß diese Feststellungen stattgefunden haben und daß die eingeschriebenen Maße mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
B. 6216. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher Leil.
Ae WMrtilt des Urften
Auf vielfache Anfragen aus dem Hause hat Fürst Bülow am Donnerstag im Reichstage eine Aufklärung über den namentlich von englischer Seite behandelten Gegenstand einer internationalen Begrenzung der Rüstungen, insbesondere zur See gegeben. Was er über die Schwierigkeiten einer solchen Abmachung über die Verschiedenheit der geographischen Lage, des Verhältnisses der Landmacht zur Seemacht unter den Großstaaten, über den Mangel eines Maßstabes, die Unbe- rechenbarkeit bestehender und künftiger wirtschaftlicher Kräfte und Bedürfnisse, über die unwägbaren Verschiebungen durch technische Fortschritte usw. sagte, das war unbestreitbar und ließ den an und für sich billigenswerten Gedanken einer internationalen Beschränkung der Wehrkräfte und Rüstungskosten als ein kaum lösbares Problem erscheinen.
Uetter Beistrich.
Novelle von E. R a t h m a n n. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Wie Bodo der Zauber wieder umwehte, den das jugendliche Mädchen über ihn ausübte, wachte auch sein Groll wieder auf, daß ein unseliger Zufall feine Schwester Erika hierher geführt habe.
Er sah auS der Entsernung den alten Kommerzienrat und seinen Sohn Franz vom Hause nach den Fabrikgebäuden gehen, erinnerte sich, daß heute nur ein halber Feiertag sei und sand sein müßiges und zweckloses Umherschlendern unerfreulicher als zuvor, ohne doch zu einem erlösenden Entschluß zu kommen. Jeder Rückblick nach dem Hause belehrte ihn, daß eine Begegnung weder mit Erika noch mit Fränlein Eva auf diesen winterlichen Wegen zu erwarten stände. Dafür war ihm, während er unablässig den Teich und den weiten Bogen der Parkanlagen um die Villa durchstreiste, wiederum Eva Hagen im vollen Zauber ihrer Jugend und ihrer frischen neckischen Munterkeit vor Augen; er fand es hart, daß ihm ohne weiteres der Verzicht auf sie angesonnen werde und erklärte es unbegreiflich und unverzeihlich, daß Schwester Erikas Bedenken nicht alle vor der Lieblichkeit der kleinen schönen Kommerzien- ratstvchter verflogen waren.
„Das Mädchen hat nur zwei Fehler?" sagte sich der Leutnant, „der erste ist, daß sie zu jung ist, aber der wird mit jedem Tage besser, — und der zweite Fehler ist, daß sie den bösen, tückischen Franz zum Bruder hat und der scheint allerdings mit jedem Tage schlimmer zu werden."
Bodo sah dabei mit finsteren und fast feindseligen Blicken nach der Richtung, in der ihm vorher Franz Hagen aus den ^ugen gekommen war.
, Franz Hagen, der also belobte, befand sich inzwischen keineswegs in den Schreibzimmern des großen Fabrikgebäudes, m denen ihn Herr v. Gravenreuth vermutete, sondern Franz H"gen war auf dem Wege, der seitab der Landstraße durch den Wald nach dem über eine halbe Stunde entfernten Hause
Auf den ersten Blick konnte es auffallen, daß der Reichskanzler mit keinem Worte aus England Bezug nahm. Offenbar war er der Meinung, daß gegen den in England verbreiteten Irrtum, die deutsche Flotte solle Angriffszwecken dienen, schon genug, und zwar ohne Ersolg in England, gesagt worden ist, und daß es nicht würdig gewesen wäre, mit neuen Versicherungen zu kommen. Fürst Bülow zog es vor, klipp und klar zu sagen: Wir richten uns nach unseren eigenen Schutzbedürsnissen, kümmern uns nicht um fremden Wettlauf im Flottenbau und werden nicht über das demgemäß, d. h. nach unserem eigenen Bedarf, gesetzlich bereits festgelegte Maß hinausgehen.
Mit Genugtuung sehen wir, daß gerade diese männliche Art, eine heikle Frage zu behandeln, in England eine gute Wirkung zu haben scheint. So schreibt die angesehene liberale „Westminster Gazette": „Deutschland hat seinen Standard in dieser Frage festgelegt; nehmen wir die Tatsache als solche an und vermeiden wir, indem wir unsere eigenen Kräfte aus die entsprechende Höhe bringen, jede weitere Rekrimination. Zweifellos liegt es in der Kompetenz jeder Macht, das Maß ihrer Defensivkräfte zu bestimmen. Die Bedingungen, die Fürst BLlow für die Begrenzung der Schiffsbauten ausstellt, werden, wenn man sie sich selbst überläßt, das von uns gewünschte Ergebnis viel besser und sicherer zeitigen als irgendein Einspruch von unserer Seite. Was wir jetzt hoffen und wofür wir arbeiten, ist eine Verbesserung in den Beziehungen der beiden Mächte, damit am Ende der von Deutschland gesetzlich festgesetzten Neubauperiphe kein neues Gesetz entstehe, das den Standard und die Konkurrenz auf ein noch höheres Niveau schraubt. Unter diesem Gesichtspunkte befriedigt uns Fürst Bülows Erklärung, und wir können sie auch als Formel auf uns anwenden." Das ist durchaus verständig und alles, was wir von England wünschen können.
Reichstag.
Der Reichstag ist am Schlüsse seiner Sitzung vom 11. Dezember in die Weihnachtsserien gegangen; die nächste Sitzung findet am 12. Januar 1909 mit der Tagesordnung „Petitionen" statt. An seinem letzten Verhandlungstage führte der Reichstag die allgemeine Debatte über den Etat und das Beamtenbesoldungsgesetz zu Ende, beide Vorlagen gingen dann an die Budgetkommission. Im Laufe der Freitagdiskussion machte Staatssekretär des Reichskolonialamtes Dernburg auf Grund eigener Erfahrungen interessante Mitteilungen über die Diamantenfunde in Deutsch-Südwestafrika, die nach den Erklärungen Dernburgs bedeutender sind, als man dies in Deutschland bislang wohl angenommen hat. Weiter ließ sich regierungsseitig noch der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes v. Echoen vernehmen, welcher, anknüpfend an Aeußerungen, welche der Zentrumsabgeordnete Erzberger in seiner Etatsrede getan hatte, das amerikanische „Kaiser-Interview" und ferner verschiedene mit der bekannten Veröffentlichung im „Daily Tele
führte, wo sein Vetter Heinrich Hagen wohnte. Die ungleichen Vettern liebten sich nicht und pflogen außer dem geschäftlichen kaum irgend welchen Verkehr miteinander. Auch heute war es wieder nur ein von seinem Vater rasch erteilter Austrag, der den Sohn des Kommerzienrates nach dem Wohnhaus des dritten Geschäststcilhabers trieb.
Herr Franz Hagen kam indes nur etwa bis halben Weges zu der Klausnerhütte, wie er spöttisch das schöne Besitztum benannte, das Heinrich von seinen Eltern ererbt hatte und in dem er sreilich nur mit einer alten Wirtschafterin und einem Diener hauste.
Franz Hagen, dem die schimmernde Schneelandschast nichts sagte, als daß er seinen Biberpelz fester um sich ziehen müsse, stellte eben, zum hundertsten Male im Leben, Betrachtungen darüber an, welch ein Tor Vetter Heinrich sei, der unumspäht und ungehemmt von Eltern und Schwestern sein Leben frei genießen könne, aber sich selbst in engherzige Schranken banne und sich mehr und mehr zu einem Puritaner erziehe. Just wie sich beim Gedanken an Heinrich sein Mund am spött- lichsten verzog, wurde er plötzlich des älteren Vetters ansichtig, der auf dem gleichen Waldweg daherkam, weil er ein paar Stunden auf dem Kontor der Fabrik zu arbeiten beabsichtigte.
Die beiden jungen Männer grüßten sich höflich kühl und Franz zögerte nicht, seinen Austrag zur Sprache zu bringen.
„Du kommst mir wie gerufen, Heinrich — ich bin als Eilbote zn Dir abgeschickt worden, habe mich aber nicht zu Pferde gesetzt, weil dies hier" — er zog einen Brief aus der Tasche — „keine besonders freudige Botschaft ist. Du bist eben erst von einer Ferienreise heimgekommen und es wird Dir schlecht gefallen, daß Du alsbald wieder nach London reisen sollst. Aber eS wird sein müssen — so viel ich von der Angelegenheit verstehe — hat unser größter Abnehmer, Sennor Rafael Arboleda in Caracas Lust, mit seinen Aufträgen von uns abzuspringen. Er bleibt, wie Brown meldet, noch drei Wochen in London und der Alte zweifelt nicht, daß eine persönliche Gesandtschaft an ihn alles wieder zurecht rücken kann. Daß Du die Mission übernehmen mußtest auch klar,
graph" zusammenhängende Vorwürfe erörterte, welche dem Berliner Auswärtigen Amte gemacht worden sind; natürlich verteidigte Herr v. Schoen die Haltung seines Ressorts nach Kräften. Im sonstigen erklärte er, das Gerücht, in Wien seien deutsche Regimenter als Unterstützung für Oesterreich-Ungarn bei kriegerischen Verwicklungen aus der Balkanhalbinsel angeboten worden, entbehre jeder Begründung. Als dritter Regierungsvertreter sprach endlich noch der Staatssekretär des Inneren v. Bethmann-Hollweg, er verteidigte, veranlaßt durch Angriffe des Sozialdemokraten Ledebour, nochmals seine Haltung bei Durchführung des Reichsvereinsgesetzes.
Aus In- und Ausland.
Berlin, den 13. Dezember 1908.
Ihre Kaiserlichen Majestäten machten gestern nachmittag vom Neuen Palais bei Potsdam aus einen andert- halbstündigen Spaziergang. Heute vormittag hörte Se. Majestät der Kaiser die Vo^träge des Staatssekretärs des Reichsmarineamts und des Chefs des Marinekabinetts. — Zur Früh- stückstasel bei Ihren Majestäten waren Prinz und Prinzessin Salm geladen.
Bei dem unter dem Ehrenpräsidium Sr. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen des Deutschen Reichs und von Preußen stehenden Deutschen Reichskomitee für die natio= nale Zeppelin-Spende ist vom Deutschen Flotten- v e r e i n die Summe von 30 967,50 Mk. eingegangen. Schon vorher waren bei dem Reichskomitee erhebliche Beträge von zahlreichen Kreisen des Flottenvereins eingelaufen, so daß man die Eingänge des Deutscl ^ Flottenvereins und seiner Abteilungen allein aus ca. oav Doppelte des obigen Betrages schätzen kann.
Aus Kiel wird gemeldet: Auf der Germania-Werft erfolgte heute mittag der Stapellauf des Linienschiffes Ersatz Baden. Dem festlichen Akte wohnten Ihre Königlichen Hoheiten Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, der deutsche Botschafter in Paris Fürst Radolin mit Gemahlin und eine Deputation der Provinz Posen bei. Der Oberpräsident dieser Provinz v. Waldow hielt die Tausrede. Danach taufte die Fürstin Radolin das Schiff auf den Namen Posen. Um 1 Uhr fand beim Prinzen Heinrich im Königlichen Schlosse Tafel statt, an der unter anderem Fürst Radolin und Gemahlin und die Deputation der Provinz Posen teil- nahmen.
DaS Militärluftschi fs hat am Sonnabend nachmittag zum ersten Male seit dem vor mehreren Wochen bei der Insel Wollin erlittenen Unfall wieder eine Fahrt unternommen. Der Ballon hatte bereits vor 14 Tagen seine Wasierstoffüllng wieder erhalten, jedoch rückte die ungünstige Witterung und einige Verbesserungen, die an der Takelung vorgenommen wurden, den Termin des ersten Aufstieges bis gestern hinaus. Nachdem das Fahrzeug um 3 Uhr von den Versuchsmannschaften nach dem Tegeler Schießplatz gebracht
Du bist der einzige von uns, der Spanisch versteht und ich habe von der einen Verhandlung, die ich vor drei Jahren mit Sennor Arboleda in Hamburg hatte und von seinem fürchterlichen Englisch noch den Schrecken in den Gliedern."
Heinrich Hagen, dessen ernstes, kluges Gesicht von dem selbst zusricden lächelnden des neben ihm stehenden Vetters wundersam abstach, stimmte der Auseinandersetzung seines Geschästsgenossen nur mit kurzem Kopfnicken bei und las aufmerksam den Brief, der von dem englischen Vertreter des Hauses eingelaufen war.
Dann sagte er: „Ich bin, wie Du siehst, auf dem Wege ins Geschäft und werde mit Deinem Vater alsbald Rücksprache nehmen. Du kommst doch mit mir zurück?"
„Du kannst ebensowohl mit dem Alten allein die Sache ordnen. Ich wollte von Dir aus noch aus einen Sprung nach Dreikorn hinüber. Ich habe eine kleine Freundin daselbst, die auf ihr Weihnachtsgeschenk von mir wartet", erwiderte Franz.
Heinrich Hagen, der soviel es ihm möglich war, die fortgesetzten Vertraulichkeiten des Vetters von sich ablehnte, ließ auch diese neueste platt auf den gefrorenen Boden fallen und sagte ruhig ablenkend: „Ihr habt gestern abend noch großes Diner und viele Gäste gehabt? Ist Christines erwartete neue Gesellschafterin angekommen?"
„Ob sie gekommen ist! Und wie sie gekommen ist!" rief Franz Hagen. „Eine stattliche, schöne, gefährliche Person! Ich glaube, es ist eben so geraten, ohne die nötige Erfahrung mit Dynamit zu spielen, als mit diesem Fräulein Münter. Ich sage Dir, obschon sie positiv nichts anderes ist als eine Gesellschafterin, trägt sie bis zur Täuschung die Maske einer Dame aus den besten Kreisen und scheint mir eine Männer- fischerin von bedenklichem Gepräge. Will ohne Frage einen reichen angesehenen Gemahl fangen. Hätte ich nicht Kenntnis in dem Fache und wäre mir nicht der Umstand zu Hilfe gekommen, daß auch die Klügste ihrer Art doch immer ein Fädchen der Vergangenheit heraushängen läßt, so hätte ich vielleicht mit falscher Schätzung des blendenden Kiefels viel schöne Zeit verloren. So allerdings--na, wir sind eben zu klug, um aus solchen Gimpelfang hereinzufallen."