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herrselder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 145. Donnerstag, den 10. Dezember 1908.

Amtlicher teil.

Hersfeld, den 5. Dezember 1908.

Der Bürgermeister Heinrich Wegfahrt in Mengshausen ist am 28. v. Mts. als solcher für einen am 27. d. Mts. be­ginnenden weiteren achtjährigen Zeitraum wiedergewählt worden.

Ich habe diese Wiederwahl auf Grund des § 55 der Landgemeindeordnung für die Provinz Hessen-Nassau vom 4. August 1897 bestätigt.

A. 6319. Der Königliche Landrat

von Grunelius.

Hersseld, den 30. November 1908.

Zur Abhaltung von Lichtbilder-Vorträgen in den Schulen und Vereinen des Kreises ist von der Gesellschaft für Ver­breitung von Volksbildung in Berlin N. W. 21, Lübecker Straße 6, aus Kreiskosten ein Projektionsapparat mit Acetylen-Beleuchtung beschafft worden.

Der Apparat nebst allem Zubehör kann an Schulen, Vereine und Gesellschaften zu Lichtbilder-Aufführungen ver­liehen werden. Die Verschickung nach außerhalb geschieht auf die Gefahr des Entleihers. Für die Benutzung des Appa­rates ist zu einer einzelnen Vorführung eine Leihgebühr von 5 Mark neben dem Ersatz der entstehenden Portokosten im Voraus zur Kreiskommunalkasse dahier zu entrichten.

Der Apparat ist sorgsamst zu schonen und genau so, wie er angekommen, wieder zu verpacken. Die Rücksendung muß am Tage nach der Benutzung geschehen, anderenfalls wird die Leihgebühr doppelt berechnet.

Für alle Beschädigungen an dem Apparat, die auf dem Transport, durch die Benutzung selbst und durch schlechte Verpackung entstehen, sind die Entleiher haftbar.

Die Lichtbilder-Serien sind von der Gesellschaft für die Verbreitung von Volksbildung in Berlin direkt zu beziehen. Ein Verzeichnis der vorhandenen Lichtbilder-Serien kann dahier eingesehen werden, oder ebenfalls direkt von der Gesellschaft bezogen werden.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses.

I. A. 6248. von Grunelius.

Hersfeld, den 7. Dezember 1908.

Die unter dem Pferdebestande des Landwirts Daniel Hollstein in Niederthalhausen, Kreis Rotenburg, ausgebrochene Brustseuche ist erloschen.

Der Königliche Landrat.

I. 12421. I. A.: Fellinger,

RegierungS-Referendar.

Hersseld, den 5. Dezember 1908.

Unter dem Schweinebestande des Wilhelm Kothe hier ist die Rotlausseuche ausgebrochen. I. 12 403. Der Königliche Landrat.

I. A.: Fellinger, Regierungs-Referendar.

Wetter Heinrich.

Novelle von E. R a t h m a n n.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Gegen Morgen war Erika v. Gravenreuth nach ein paar schweren Stunden wider Berhoffen eingeschlummert und so erschien sie, wie es besprochen war, um neun Uhr in Fräulein Hagens Gemächern, ohne außer dem gemeinsamen Kammer­mädchen noch irgend jemand im Hause gesehen zu haben. Sie sah frischer und kräftiger aus, als sie sich fühlte und wurde von Christine mit neuem Wohlgefallen an ihrer Er­scheinung willkommen geheißen. Christine fiel es nur ein wenig auf, daß Erika in einem dunklen Kleide zu ihr eintrat; da sie die Bedeutung desselben als Reisekleid nicht ahnte, sagte sie leichthin:Sollten Sie sich's nicht ein wenig bequemer machen, liebe Erika? Sie müssen sich ein für alle mal merken, daß wir Freundinnen sind und so miteinander verkehren. Und mit dem Tee, dessen Bereitung Mama immer meiner Gesell­schafterin aufträgt, wollen wirs so halten, daß ich ihn den einen, Sie den andern Tag herstellen. Heute bewirte ich Sie, Erika, und Sie werden sehen, daß ich mich ganz gut darauf verstehe."

Die Gelähmte saß dabei in ihrem Fahrstuhl, den Teetisch vor sich und ließ die anmutige Geschicklichkeit bewundern, mit der sie sich zu helfen wußte.

Erika war ans Fenster nach dem Park getreten und blickte von ihrer Gefährtin hinweg auf die Baum- und Buschgruppen, die aus dem Morgennebel heraus mit frischgefallenem Schnee schimmerten.

Ein unsäglich bitteres Gefühl wandelte sie an dies um- friebete Haus und diese Zimmer schienen ein Asyl, wie sie es nicht besser hatte träumen könne», seit die Notwendigkeit an sie herangetreten war, selbst für ihre Existenz zu sorgen. Und er, der diese Notwendigkeit unbesonnen herbeigeführt hatte, be­raubte sie jetzt voraussichtlich auch einer Zuflucht, die sich so vielversprechend anließ. Gleichwohl war eS Zeit, der Wahrheit d»e Ehre zu geben.

Die Annahme von Freiwilligen für das Jahr 1909 findet beim Regiment in der Zeit vom 11. bis 16. Januar 1909 statt. Junge, unbestrafte Leute mit guter Führung, welche eintreten wollen, haben sich an einem dieser Tage vor­mittags bis 10 Uhr im Regimentsgeschästszimmer zu melden.

Meldeschein ist mitzubringen. Größe von 1,57 bis 1,72 m. Gewicht nicht über 65 kg.

Hosgeismar, den 26. November 1908.

Dragoner-Regiment Frhr. v. Manteuffcl. Rheinisches Nr. 5.

nichtamtlicher teil

Alt ReichskliizlerreSt über Sie auswärtige Lage.

Im Reichstage hielt am zweiten Tage der Etatsberatung der Reichskanzler Fürst Bülow eine großzügige Rede über die augenblicklich schwebenden Fragen der auswärtigen Politik. Ausgehend von der Orientkrisis betonte Fürst Bülow mit be­sonderer Wärme und Lebhaftigkeit gegenüber den Versuchen, die deutsche Politik in der Türkei zu verdächtigen, unsere Achtung und Sympathie für die konstitutionelle Türkei und hob hervor, wie unsere Diplomatie von jeher bei allen Ge­legenheiten Reformen in der Türkei befürwortet und sich vom ersten Tage der Anerkennung der, Würde und des Idealismus der jungtürkischen Bewegung und der Integrität ihrer Führer angeschlossen habe. Auch jetzt hätten wir keinen andern Wunsch, als den Uebergang in die neue Ordnung der Dinge erleichtert und die Türkei politisch und k^.tfchaftlich gekräftigt zu sehen. Wir hätten ja niemals ein Stück osmanischen Bodens an uns gerissen oder beansprucht und zwar aus dem einfachen Grunde, weil schon unsere geographische Lage keinen Anreiz dazu bietet. Um so aufrichtiger sei aber auch unser Wunsch, daß die Türkei innerlich gesund und stark sei.

Bei der Wahrung der deutschen Interessen habe er stets zwei Punkte im Auge gehabt: erstens, daß die deutsche Politik bei dem diplomatischen Spiel anderen Mächten die Vorhand lassen mußte. Der zweite Punkt war die Treue zu dem uns verbündeten Oesterreich-Ungarn. Von der österreichischen Ab­sicht, die Okkupation Bosniens und der Herzegowina in eine Annexion zu verwandeln, sei der deutschen Regierung ungefähr gleichzeitig mit Italien und Rußland Mitteilung gemacht worden, aber er denke nicht daran, es dem Wiener Kabinett übel zu nehmen, daß es der deutschen Diplomatie Zeitpunkt und Form der Annexion nicht vorher bekannt gegeben habe, sondern er sei ihm offen gestanden dafür sogar dankbar. Die Auffassung des Abgeordneten Speck, als hätten wir erst sehr spät und nach längerem Zögern unseren Platz an der Seite Oesterreich-Ungarns eingenommen, wies Fürst Bülow als un­begründet zurück. Dann machte der Reichskanzler Mitteilung

Christine hatte ihren Tee fertig und rief Erika, die sich fragte, ob sie die entscheidende Unterredung bis nach dem Frühstück verschieben sollte, an den Tisch sie kam aber nicht mit ihrem gewöhnlichen elastischen Schritt, sondern langsam und unschlüssig näher. Fräulein Christine, die sich, einschenkend, über den Teekessel beugte, hielt den Augenblick für geeignet, um etwas zu sagen, das auch ihr auf dem Herzen lag.

Wie haben Sie eigentlich die erste Nacht in unserem Hause geschlasen, liebe Erika und wovon haben Sie geträumt? Ich selbst schlief recht spät ein und mußte immerfort an Sie denken. An Sie und auch daran, daß Sie unS allen gleich so sehr gefallen haben, uns allen und leider auch meinem Bruder Franz. Sie haben es wohl schon selbst bemerkt, daß Sie vor meinem Bruder auf der Hut sein müssen. Franz hat viele gute Eigenschaften und Papa sagt, daß er im Ge­schäft völlig unentbehrlich sei aber er hat gar kein Ge­wissen und ich wollte, ich könnte ihm ein für allemal ver­bieten, sie schön zu finden. Ich mußte Ihnen das sagen wir reden aber, denke ich, nie mehr davon! Aber warum setzen Sie sich nicht, Ihr Tee wird kalt werden."

Erika hatte in der Tat schon den Stuhl an sich gezogen, um sich niederzulassen, jetzt blieb sie aufgerichtet dahinter stehen, jeder Zweifel, ob sie jetzt reden müsse oder noch warten dürfe, war mit einem Male verschwunden. Mit bebender Stimme sagte sie:Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Fräulein Christine, und muß Ihnen etwas sagen, was Sie mehr über­raschen wird, als mich Ihr treugemeinter Wink. Ich bin unter einem Namen in Ihr HauS getreten, der nicht falsch, aber doch nur der Familienname meiner Mutter ist. Ich heiße nicht Erika Münter, sondern Erika v. Gravenreuth und Ihr Besucher, der Lentnant Bodo V. Gravenreuth, ist mein Bruder. Ich würde es für unverzeihliche Falschheit halten, Ihnen auch nur noch ein paar Stunden mit einer Maske gegenüber zu stehen."

Sie hatte fest und aufrecht bleiben wollen, jetzt hatte sie doch den Kopf geneigt und ein paar schwere Tränen rollten über ihre erglühenden Wangen. Christine Hagen blickte mit Bestürzung zu ihr auf bewegte die Lippen zu einer Frage, blieb aber stumm und Erika, die wohl fühlte, daß sie mehr

über den Inhalt seiner Uuterredungen mit Jswolski und ver­sicherte, daß in den alten freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland keine Aenderung eingetreten ist und eintreten soll. Daß die italienische Politik, wenn sie ihre eigenen realen Interessen in weitsichtiger Weise wahren will, ihren Platz im Dreibund behalten muß, erhärtete Fürst Bülow unter allgemeiner Zustimmung durch die Aussprüche zweier hervorragenden Politiker selber, des Grafen Nigra, der erklärte, Italien könne mit Oesterreich nur verbündet oder verfeindet fein und des Ministe, Präsidenten Giolitti, der die segensvollen Wirkungen des Dreibundes für die durch ihn verbundenen Mächte wie für Europa aufs wärmste anerkannt hat.

Was unser Verhältn-s zu Frankreich anbetrifft, so berge das Balkanproblem noch mancherlei Schwierigkeiten in sich, der Kanzler hoffe aber, daß es möglich sein wird, bei dem aus allen Seiten vorhandenen guten Willen, in der Anerkennungs- srage und auf anderen Problemen zu einer Verständigung zu gelangen. Unter stürmischer Heiterkeit erteilte er dem Sozial- demokraten Scheidemann bei Erwähnung des Casablanca- Zwischenfalles eine wohlverdiente Abfuhr. Bei Besprechung dieses Zwischenfalles im Reichstage habe Scheidemann als Vertreter der Sozialdemokratie sich genau auf den Standpunkt gestellt, den die nationalistischen und militaristischen Organe in Frankreich eingenommen haben, wenn es sich um deutsche Vorgänge und Verhältnisse handelt. Wenn es sich aber da­rum handelte, die Politik des eigenen Landes anzugreifen, dann überkomme ihn ein militärischer Geist, von dem der Kanzler nur wünschen könne, daß er ihn auch bei der Be­ratung unseres Militäretats bewahren möge.

Mit allseitigem Beisall wurden die im Zusammenhang mit dem Casablanca-Zwischenfall gemachten Bemerkungen des Kanzlers über eine n.ftüHckare und kleinliche Pxeftigepoliti! ausgenommen, auf die ein wirklich starker Staat zu seinem Vorteil verzichten könne. Als erfreuliches Moment der Lage konnte Fürst Bülow die Tatsache bezeichnen, daß die orien­talische Frage zwischen Deutschland und Frankreich kein Aus­einandergehen, sondern manche Berührungspunkte geschaffen hat. Nachdem Fürst Bülow das japanisch-amerikanische Pacific-Abkommen als ganz dem Geiste unseres srüheren Ab­kommens mit Japan entsprechend begrüßt hatte, wandte er sich den Exzessen in Prag zu, um hier bei allem Bedauern über diese Vorgänge den Standpunkt der deutschen Politik als den der Nichteinmischung in inner-österreichische Verhältnisse zu kennzeichnen. Noch einmal streifte der Reichskanzler kurz die Wirren im Orient und schloß:Meine Herren, ich wiederhole: unsere Politik ist einfach und klar, wir werden unsere eigenen Interessen wahren, unseren Verbündeten treu zur Seite stehen und in Uebereinstimmung mit den Wünschen dieses hohen Hauses, mit den Wünschen des deutschen Volkes alle aus die Erhaltung des Friedens gerichteten Bestrebungen unter­stützen !"

Mit lebhaften Beifallskundgebungen im ganzen Hause wurde die Rede des Fürsten Bülow ausgenommen, die in

sagen müsse, fuhr fort:Lassen Sie mich kurz sein, liebes Fräulein. Wir waren nach meiner Eltern Tode nicht reich, aber wir hatten genug, um zu leben, wenn Bodo ich weiß nicht, ob von Natur anders gewesen oder in ein anderes Regiment gekommen wäre. Er brauchte über seinen Zuschuß hinaus, für den mein Vater das Kapital sicher gestellt hatte, brauchte immer mehr und immer wieder und ich half ihm natürlich, so lange ichs irgend vermochte. Es wurde am Ende für mich notwendig, eine Stellung zu suchen und ich hätte wahrlich nicht auf so viel Glück dabei zu rechnen gewagt, wie darin lag, daß eben Sie mich zu sich riefen. Es war wohl töricht von mir, daß ich den Vorurteilen meines Bruders und einiger entfernter Verwandten zu lieb, die sich sonst eben nicht viel um mich bekümmert hatten, einen bürgerlichen Namen anzunehmen beschloß und daß ich mir einbildcte, das neue ungewohnte Leben würde mir unter dem Schirm des Namens meiner Mutter leichter werden als unter dem meines Vaters. Doch für ein Unrecht hielt ich's nicht und auch der Ober­präsident, der mir einen Paß auf den Namen Erika Münter ausstellen ließ, muß es für kein Unrecht angesehen haben. Zum Unrecht ward's erst, als ich gänzlich unerwartet hier meinen Bruder vorfand und ihn umsonst beschwor, Ihr Haus sofort zu verlassen! Und jetzt sehen Sie wohl, Fräulein Christine, daß meines BleibenS in Ihrer lieben Nähe und unter dem Dache Ihrer Eltern nicht sein kann."

Aber warum um Gotteswillen nicht liebe Erika oder muß ich Fräulein v. Gravenreuth sagen?" rief Christine Hagen und machte eine Bewegung, als ob sie sich aus ihrem Stuhl erheben und die erschütterte Freundin umarmen wollte, wenn ihr hilfloser Zustand es nur gestattete. Erika bemerkte es und beugte sich willig zu der Leidenden herab, die ihre beiden Hände ergriff.

Was ist dabei, daß Sie sich dem Vorurteil unseres Hauses angeschmiegt haben glauben Sie, ich zweifelte an Ihrer Aussage und ich achte Sie darum nickt höher, daß Sie für Ihren Bruder Opfer gebracht haben, die vielleicht zu groß waren?"

(Fortsetzung folgt.)