Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Husgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark, vs
Der Anzeigenpreis beträgt für den Baum einer eingespaltenen Zeile lopfg., im amtlichen Teile 20pfg. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.^r^^^
Herüber UreiMatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-^nschlutz Nr. 8
Nr. 138.
Dienstag, den 34. November 1908.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 14. November 1908.
Aus Grund ministerieller Ermächtigung wird der Gewerbebetrieb in offenen Verkaufsstellen an den zwei letzten Sonntagen vor Weihnachten, am 13. und 20. Dezember d. Js., bis 8 Uhr abends für die Dauer von 10 Stunden freigegeben.
A m dritten Sonntage vor Weinachten, am 6. Dezember d. Js. ist nach der Bekanntmachung des Herrn Regierungspräsidenten vom 22. August 1892 (Amtsblatt 1892 Seite 208) in allen Zweigen des Handelsgewerbes die Beschäftigung von Gehülfen, Lehrlingen und Arbeitern sowie der Gewerbebetrieb in offenen Verkaufsstellen bis 7 Uhr Abends zulässig. Auch an diesem Tage ist die Beschäftigungszeit für 10 Stunden freigegeben.
Die für den Hauptgottesdienst festgesetzte Pause muß inne- gehalten werden.
Während des übrigen Gottesdienstes dürfen an den genannten 3 Tagen die Geschäfte geöffnet sein.
Die Herren Ortspolizeiverwalter deS Kreises ersuche ich Vorstehendes alsbald in ortsüblicher Weise bekannt zu geben.
1. 11 632. Der Königliche Landrat.
I. A.: F e l l i n g e r, Regierungs-Referendar.
Hersfeld, den 20. November 1908.
Unter dem Schweinebestande des Zimmermanns Philipp Schäfer in Hilperhausen ist die Rotlaulseuche ausgebrochen. I. 11668, Der Königliche Landrat.
J. A.: F e l l i n g e r,
Regierungs-Referendar.
nichtamtlicher teil.
§irfl Silolo über die Reichssi»«lizreform.
Bei dem Beginn der Beratungen über die Reichsfinanzreform im Reichstage ergriff der Reichskanzler Fürst Bülow selbst das Wort. Er begann feine glänzende Rede mit einem historischen Rückblick aus die Entstehung unserer Finanznot. Seit der Gründung des Reiches sei unsere Entwicklung eine sehr schnelle gewesen: von der FestlandSpolitik zur Welt- und Flottenpolitik in gesteigertem Ausbau. Darüber haben wir, meint der Kanzler, die Finanzfrage als eine nebensächliche behandelt, wie ein kraftbewußter Jüngling die Sorgen der Zu- kunst überläßt. Diese Sorgen drücken uns aber jetzt, und sie werden verstärkt durch eine Nachbarschaft, die aus uns als Emporkömmling in nicht gerade freundlicher Gesinnung blickt, wenn auch, wie Fürst Bülow besonders betonte, keine nahe
Vetter Heinrich.
Novelle von E. R a t h m a n n. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Das geht über Werthers Leiden", fuhr Heinrich Hagen fort, „und gleichwohl, wenn ich an jene Fahrt zurückdenke, an die sonnig schimmernde Bergstraße, den reinen ungetrübten Tag, das Gespräch, auf dem nur Sonnenschein und sogar kein Reisestaub lag, kommt mir alles so einfach und natürlich vor, als ob es gar nicht anders sein könnte. Und auch das, was mir hinterdrein so bittere Stunden bereitet hat, daß ich gar nicht daran gedacht habe, mich um Namen, Wohnort, Verhältnisse der Anmutigen zu bekümmern — wie schien mir's an jenem Tage das einzig Richtige!
Großer Gott, es wäre ja besser gewesen, ich hätte mich als der große Papiermüller von Herbisthal, wie unsere Leute hier sagen, oder meinetwegen auch als der Herr Fabrikant Heinrich Hagen vorgestellt.' Aber Du verstehst doch, daß ich an nichts weniger dachte, als an unsere Fabriken — überhaupt an nichts als an die wunderbar schönen Stunden und an das frohe Leben, das mir von den Lippen und in den Augen des jungen Mädchens entgegenblühte. Ich war über ihre wahre anmutige Jugend, über die reiche Bildung, die sich nie vordrängte, und über die innere Güte des WesenS, das lebendig und doch wie ein erfüllter Traum vor mir saß, so beglückt, daß ich erst ganz zuletzt merkte, daß auch die lieb- lichen Züge, die reine Stirn, das reiche, aschblonde Haar und die seinbewegte Gestalt mirs angetan hatten! Da hoffte ich denn auf einen glücklichen Zufall, wie ein solcher mir ihren Vornamen Erika schon zugeweht hatte und fand mich am
dem plötzlichen Abschied gegenüber besangen, ungeschickt hllflas — ließ den einzigen Augenblick verstreichen und meinte >n den nächsten Tagen und Wochen wohl gar, daß es sich hm einen guten Tag und holden Traum gehandelt habe, wie
Mensch so viel begraben muß. — Und lebte im Dunkel oahm, bis mir meine kluge Schwester Christine ein Licht an- zündete.
Kriegsgefahr vorhanden sei. Aber Kaltblütigkeit, Furchtlosigkeit und Stetigkeit helfen auch über diese Sorgen hinweg.
Sodann richtete der Reichskanzler einen ernsten Appell an die Opferwilligkeit des deutschen Volkes, das endlich einmal „ganze Arbeit" machen müsse, um den gesunkenen Kredit des Reiches zu heben und damit auch die Gefahr des politischen Niederganges zu beschwören. Ein Reich, dessen jährlicher Zuwachs am Nationalvermögen sich aus rund 4 Milliarden Mark beziffere, sei kein armes Land und könne darum sehr wohl noch stärkere Lasten tragen, wenn die Sicherheit des Reiches es verlange. Aber leider fehle es an Opferwilligkeit. Daran knüpfte Fürst Bülow eine dringende Mahnung zur Sparsamkeit im ganzen Volke, sowohl in den öffentlichen Körperschaften vor allem auch den Gemeinden, die teilweise mit recht vollen Händen ausgegeben haben. Auch an die einzelnen Staatsbürger richtete er die Mahnung, sich die Sparsamkeit der Franzosen zum Muster zu nehmen, die allmählich Frankreich zum Bankier der Welt gemacht hätten. Die Klage über Verteuerung dieses oder jenes Konsumartikels durch Steuererhöhung habe, so. meinte der Kanzler, zumeist auch ihren Ursprung in der Gewöhnung an luxuriöse Genüsse, die oft über die Einnahmen des einzelnen hinausgingen. Daher denn auch die Beschwerden über höhere Belastung von Konsumartikeln, die eigentlich doch nicht zu den notwendigen Gebrauchsgegenständen des kleinen Mannes gehörten. Dieses zu belasten, läge den verbündeten Regierungen fern.
Das jetzt in das Mannesalter tretende deutsche Volk stehe vor einer großen moralischen Ausgabe. Man dürfe nicht vergessen, daß die Weltgeschichte immer mehr eine Geschichte der wirtschaftlichen und finanziellen Beziehungen wird, daß mehr als früher die Macht eines Staates durch seine finanzielle Leistungsfähigkeit bedingt wird. Wenn wir vor neuen Steuern zurückschrecken oder, was genau auf dasselbe hinauskomme, wenn wir uns über die neuen Steuern nicht einigen, wenn wir die Anleihewirtschaft fortsetzen, wenn der Kursstand unserer Anleihen weiter sinkt, so gefährden wir unser Ansehen, so gefährden wir unsere Sicherheit, so ge- sährden wir unsern Frieden. Wir gefährden unsern Frieden; denn die finanzielle Bereitschaft fei gerade so wichtig, wie die militärische, sie zu vernachlässigen sei ebenso gefährlich und könne gerade so verhängnisvolle Folgen haben, als wenn die militärische Bereitschaft außer acht gefallen wird. Kaum aber heiße es: neue Steuern sind nötig, da erscheinen Tabakhändler und Spiritusinteressenten und Brauer und Gutsbesitzer und Kapitalisten, kurz Interessenten aller Art und rufen: „Heiliger Florian, verschon' mein Haus, zünd' andere an!" Dann heiße es: „Jawohl, neue Steuern sind gewiß nötig, aber ich mag und will und kann sie nicht tragen." Solche Gesinnung könne die Nation nicht brauchen. Hier müssen alle nnthelfen, alle Stände, alle Klassen, alle Parteien, alle Berussarten.
Zum Schluß rief Fürst Bülow den Volksvertretern im Reichstage die beherzigenswerten Worte zu: „Meine Herren, der Bau des Reiches ist festgefügt und wohnlich eingerichtet,
Das Gefühl, daß ich an jedem Tage eine lichte Spur des Glückes verloren habe, werde ich nun wohl durchs Leben tragen müssen."
„Du denkst doch nicht etwa, daß alles zu Ende ist, Heinrich?" fragte die Kranke mit bekümmertem Ton und mit ernem Ausdruck stillen Nachsinnens auf ihrem Gesicht, der den Vetter lächeln machte. „Was ließe sich denn zunächst noch tun?"
Heinrich Hagen entgegnete kopfschüttelnd: „Das beste wird sein, sich zu fügen und zu entsagen. Müßte ich nur nicht jedes Mädchen mit der Unvergessenen vergleichen und kämen sie nicht alle, Dich ausgenommen — zu kurz, viel zu kurz bei diesem Vergleich!"
Christines Antwort wurde durch ein Klopfen an der Tür des Wintergartens und den hereingesteckten Kopf Martins unterbrochen.
„Ich soll die jungen Herrschaften zum Dejeuner rufen und ich habe schon einmal gepocht", rief der Diener und kam dann näher, um den Fahrstuhl der Gelähmten in Bewegung zu setzen.
Heinrich winkte ihn zurück.
„Ich fahre Dich selbst hinüber, Christine", rief er freundlich, „und unterwegs aber mußt Du mir noch rasch sagen, wer Dir den Märchenwald hierhergezaubert hat, die Schneebäume mitten im FrühlingSgrün?"
„Die Arbeiter, deren Frauen und Kindern ich am Sonntag vor Weihnachten bescheert hatte, haben mir die ganze Winterlandschast während unserer Bescherung ausgebaut! Wenns auch nicht recht zum Warmhaus und den Kamelien paßt, so sitz ich doch gern in der Schneelandschast, während sich Eva da unten im Park tummelt."
Der junge Mann hatte inzwischen mit geschickter Hand den vorzüglich konstruierten Fahrstuhl über die Fließen des Vor- saaleS und über daS Parkett des großen Speisezimmers gelenkt, immer den Diener, der neben herlicf und Hilfe leisten wollte, zurückweisend.
Er begrüßte die schon am Tische Harrenden und erspähte rasch die Stelle, die für Christine am Frühstückstisch bestimmt
Wälle und Gräben schützen ihn. Jetzt heißt es, die Baugelder regeln, die Hypotheken abtragen und in geordnetem Haushalt durch erhöhte Beiträge der Bewohner zum gemeinsamen Wohl der Zukunft versorgen. Es ist keine Zeit zum Warten, auch keine Zeit zum Nörgeln und Lamentieren. Die verbündeten Regierungen sind der festen Zuversicht, daß dieses hohe Haus die Dringlichkeit und die Größe dieser Ausgabe erkennt, daß die Vertreter der Nation diese Aufgabe so erfüllen werden, wie es eines großen, friedlich vorwärtsstrebenden und starken Volkes würdig ist."
Möchte dieser ernste Appell des Reichskanzlers an daS deutsche Volk nicht unbeachtet verhallen!
Reichstag.
Am Freitag verlas der Reichstagspräsident Graf Stolberg nach Eröffnung der Sitzung zunächst ein Schreiben des Präsidenten des ungarischen Abgeordnetenhauses, in welchem dem deutschen Reichstage das herzlichüe Beileid der ungarischen Volksvertretung anläßlich der jüngsten Grubenkatastrophe in Westfalen ausgesprochen wird. Hierauf wurden die zunächst auf der Tagesordnung stehenden Interpellationen über diese Katastrophe bis Dienstag verschoben, dann nahm der Reichstag die Verhandlung über die Reichsfinanzreform wieder auf. Als erster Redner aus dem Hause zu diesem Thema ließ sich der konservative Abgeordnete v. Richthofen vernehmen. Er erklärte sich mit den vom Reichskanzler ivrrgelegten großen Gesichtspunkten und den allgemeinen Ausführungen des Reichsschatzsekretärs einverstanden. Aber betreffs der Einzelheiten der Finanzreform äußerte er namens eines großen Teiles seiner Partei erhebliche Bedenken, so befanbe^jeg?’, die Erbschaftssteuer und.die Nachlaßsteuer und die Jnseratensteuer. Auch der Redner der Reichspartei, Fürst Hatzfeldt, bekämpfte die Erbschafts- und Nachlaßsteuer, ebenso sprach er sich gegen ein etwaiges Branntweinmonopol aus, während er den übrigen Steuerprojekten zustimmte. Von den Sozialdemokratin nahm der Abgeordnete Geyer das Wort. Er ließ an dem ganzen Finanzresormplane sozusagen kein gutes Haar, speziell donnerte er, als früherer Zlgarrenfabrikant, gegen die Tabaksteuer. Redner verlangte eine starke Steuer aus die großen Einkommen und Vermögen. Auch über die Vorgänge anläßlich des Kaiserintervrews ließ sich der sozialistische Redner absällig vernehmen. Zuletzt sprach noch Abg. Raab von der wirtschaftlichen Vereinigung. Er wandte sich besonders gegen die Tabaksteuer und die Nachlaßsteuer, während er die Gas- und Elektrizitätssiener, die Jnse- ratensteucr, die Weinsteuer und bis zu einem gewissen Grade auch die Branntweinsteuer freundlicher beurteilte.
Abgeordnetenhaus.
Das preußische Abgeordnetenhaus trat am vergangenen Freitag nach längerer Pause wieder zusammen. Präsident v. Kröcher eröffnete die Sitzung mit einer herzlichen Bekundung
war und geleitete sie an den Stuhl, der Martin neben diesem Platze bereitwillig zurückzog.
Als Heinrich Hagen sich aus seiner leicht gebeugten Haltung emporrichtete, fand er sich plötzlich Gesicht gegen Gesicht mit dem jungen Offizier, den er vorhin aus dem Eisspiegel des Teiches gesehen hatte und der keine Zeit mehr fand, seine Züge aus den Falten eines halbvergnügten, halb höhnischen Lachens, mit dem er seine hübsche ÜJtactjbarin unterhalten hatte, in die Ruhe achtungsvoller Erwartung zurückzu- zwingen.
So tadellos und verbindlich der Leutnant auch ein paar Sekunden später dreinblickte, der junge Fabrikherr Heinrich Hagen hatte den Spott, der in das blonde Bärtchen schlüpfte, um den hübschen roten Mund des Offiziers doch noch zucken sehen und wußte auch, daß das Lachen seiner Dienstleistung am Fahrstuhl der Kranken gegolten hatte.
Der junge Offizier verbarg seine Verlegenheit hinter einer hastigen Bitte an den Hausherrn, ihn dem Neueingetretenen vvrzustellen, was der Kommerzienrat, der den Beginn des Frühstücks unverantwortlich verzögert fand, kurz genug bewerkstelligte.
„Herr Leutnant von Gravenreuth — Herr Fabrikbesitzer Heinrich Hagen, rechte Hand und Seele von Hagen und Söhne."
Der Kommerzienrat preßte dabei den dicken Kops so fest gegen den kurzen Nacken, als ob er zugleich ausdrücken wolle, wer bei allem Lob des Neffen das Haupt des Hauses bleibe und sah ausatmend, daß sich endlich alles um den großen runden Tisch gereiht hatte.
Nur ein Gedeck zwischen Tante Cordula und der jüngeren Tochter des Hauses, die eben noch einmal ihren Vetter Heinrich begrüßt hatte, blieb leer.
Herr v. Gravenreuth drückte mit einem ansleuchtenden Blick gegen Fräulein Eva den inneren Jubel aus, den er empfand, ihr einziger Tischnachbar zu sein und vielleicht zu bleiben.
Fräulein Eva gefiel es jedoch, ihren Bewunderer ein wenig zu reizen, indem sie mit großer Beflissenheit nach dem leer gebliebenen Stuhl hinsah und einmal ums andere ausrief: