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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 137. Sonnabend, den 21. November 1908.
Amtlicher teil.
Hersseld, den 16. November 1908.
Die unter den Pferden des Landwirts Bechtel in Obergeis ausgebrochene Pferdeinfluenza (Brustseuche) ist erloschen. I. 11672. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Dichtamtlicher Teil.
Am Tage der Toten.
Der Herbst mit den entblätterten Bäumen, mit den öden Fluren, mit seinem todmüden Gepräge spricht eine deutliche Sprache, er ist ein ernster Mahner, ein unverkennbares Memento mori. Die Natur rüstet sich zum winterlichen Schlafe und ruft uns mit eindringlichen Worten zu: „Warte nur, balde ruhest du auch!" Wohl soll der Mensch stets auf seinen Heimgang gerüstet sein, aber der heutige Tag, der Totensonntag, richtet unsere Gedanken ganz besonders auf unser Ende. Wohl mancher denkt: „Bei mir hat's noch gute Wege, ehe ich an mein Ende zu denken brauche," aber „heute rot, morgen tot!" Gar mancher stand vor kurzer Zeit in der Blüte und Vollkraft seines Lebens, und heute ruht er in kühler Erde. Unsere Erdenpilgerschaft ist eine kurze; die zukunftssreudige Jugend begreift dies nicht, der gereifte Mann aber blickt mit Besorgnis auf die ihm so schnell enteilende Zeit. Je älter der Mensch wird, desto schneller entfliehen ihm die Tage, Wochen und Mmate, das Memento mori tritt mit jedem Tage deutlicher vor ihn und mahnt ihn: Schaffe, solange es noch zum Schaffen Zeit ist! Das Schaffen ist der Zweck unseres Erdenwandelns, die nutzlos verbrachte Zeit ist nimmer wieder einzuholen, das sieht erst derjenige ein, dem die Lebenskraft erschlafft ist, der nicht mehr schaffen kann und doch noch so viel zu schaffen hätte. Wie der Herbst in der Natur in manchem Jahre sich vorzeitig einstellt, so auch im menschlichen Leben, und
Er mahnt zum stillen Einkehrhalten Und lehrt die Menschenbrust,
Daß, sowie Blüt' und Blatt verwehen Im Feld, an Baum und Strauch, Auch unser Leben muß vergehen
Vor kaltem Todeshauch.
Dem kalten Todeshauche aber ist der Schrecken genommen, wenn wir des Herbstes Mahnung recht beherzigen.
Weiter mahnt uns das Todenfest:
O lieb', solang' du lieben kannst, Und lieb', solang' du lieben magst
Die Stunde kommt, die Stunde "kommt, Wo du an Gräbern stehst und klagst.
Es wandeln heute Tausende nach den Friedhöfen, der stillen Ruhestätte unserer Toten, und schmücken deren Gräber mit duftenden Gaben der Liebe. Mag in vielen Fällen damit nur eine äußere Form erfüllt werden, von der das Herz nicht berührt wird, vielen aber geht das Herz über von Wehmut, und bittere Tränen der Reue benetzen den Grabhügel. Ja, könnten wir sie lesen, die Gedanken, die an den Gräbern das Gehirn durchmartern, müßten wir mitsühlen die Vor- würfe, die das Herz erzittern lassen, es wäre für viele eine heilsame Warnung. Wohl dem, der noch Zeit hat, seine Fehler wieder gut zu machen, für den sich der kalte Grabhügel noch nicht wölbt über das Opfer seiner Pflichtvergessenheit, seiner Lieblosigkeit, des Undankes oder der Selbstsucht! Das Totenfest redet auch ihm ins Gewissen, umzukehren von den falschen Wegen, Vergebung zu suchen und selbst zu vergeben, es mahnt: Tragt eins der andern Fehler mit Geduld!
So redet das Totenfest eine ernste Sprache, und wohl dem Menschen, der sie versteht, dessen Herz noch, fähig ist, Toten- festgefühle in sich aufzunehmen! Ein Mensch, der sich am Grabe der Tränen nicht schämt, ist noch nicht bar aller guten Empfindungen, und für manchen ist ein Gang zwischen den Gräbern der Weg zur Umkehr geworden. Neben diesen ernsten sind es aber auch hoffnungssrohe Gedanken, die uns am Totenfeste bewegen:
Was wir bergen in den Särgen, Ist der Erde Kleid;
Was wir lieben, ist geblieben, Bleibt in Ewigkeit.
So nimmt der denkende Mensch auch einen Hoffnungsstrahl am Totenfest vom Friedhose mit; denn
Ueber lichten Sternenhöhn Gibt's ein ew'ges Wiedersehn.
Der Spätherbst rüttelt an den Bäumen, Verlassen liegen Flur und Feld; Umgaukelt noch von sel'gen Träumen, Schläft ihren Todesschlas die Welt. In Trümmer sank das Glück, das holde,
Und was du ringend dir gewannst, Stirbt gleich dem letzten Abendgolde: O lieb so lang du lieben kannst!
Verlangend sucht dein Herz die Stätte, Da ihm dereinst sein Glück erblüht — Nun modert in des Todes Bette Der Rosenflor, der längst verglüht; Vereinsamt liegt der dust'ge Garten — Doch sag', was hilst's, daß du verzagst, Statt deiner Pflichten treu zu warten? O lieb,' so lang du lieben magst!
Wohl manche holde Menschenblüte Ist deiner Obhut noch vertraut, Wie mild des Schöpfers Vatergüte Auf dürre Fluren niedertaut. Nicht ewig lacht des Himmels Bläue, Nicht immer nützt, was heute frommt, Und jeder Tag mahnt dich aufs neue: Die Stunde kommt, die Stunde kommt!
Weh, wenn in bittrer Reue Qualen Du toter Liebe Glück beweinst! Kein Himmel kann dir je bezahlen, Was du verlorst mit jenem Einst. Doch dämmert leis ein sel'ges Ahnen, Wenn still das eigne Herz du fragst; Es will dich heut zur Einkehr mahnen, Wo du an Gräbern stehst und klagst.
Politischer Wochenbericht.
Durch die U n t e r r e d u n g, die zwischen unserm Kaiser und dem Reichskanzler Fürsten v. Bülow in Potsdam statt- gesunden hat, ist die Krisis beendet; der dumpfe Druck banger Erwartung, der in den letzten Tagen auf unsern Seelen lag, ist von uns genommen. Der Kaiser hat ausdrücklich die Reichstagsrede des Fürsten Bülow gebilligt und damit also die Aeußerung des Kanzlers, „der Kaiser werde sich künftig diejenige Zurückhaltung auserlegen, die für eine einheitliche Politik und für die Autorität der Krone unerläßlich ist", als richtig und zutreffend bestätigt. Er hat ferner den Fürsten Bülow seines fortdauernden Vertrauens versichert. Das Regierungsprogramm, an das der Kaiser sich fortan halten will, geht dahin, daß er seine vornehmste Aufgabe „in der Sicherung der Stetigkeit der Reichspolitik unter Wahrung der verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten" erblickt. Für diese Lösung der Krisis, die unserm Kaiser nach den beklagenswerten Uebertreibungen der Kritik in Presse und Parlament gewiß nicht leicht geworden ist, gebührt ihm der herzlichste Dank seines Volkes. Aber auch unser Reichskanzler hat mit seinem Verbleiben im Amte ein schweres Opfer gebracht, für das wir ihm nicht dankbar genug sein können. Er hat sich mit vollstem Rechte gesagt, daß dieses Verbleiben im Interesse des Vaterlandes liege, und daher gebietet ihm seine Vorbild liche Vaterlandsliebe, trotz all der bitteren, kränkenden Erfahrungen auch weiterhin auf feinem Posten auszuharren. Die Krisis ist in einer allen Patrioten erwünschten Weise beendet. Nun aber auch fort mit dem Schelten und Mäkeln und dem weibischen, undeutschen Gezeter! Zeigen wir dem neidischen, schadenfrohen Auslande, daß das deutsche Volk stark genug ist, um auch solche Tage und Zwischenfälle zu überwinden und scharen wir uns wieder in ernster, fester Hoffnung um den Kaiser und den Kanzler!
Nächst der inneren Krisis wurde das öffentliche Interesse Deutschlands während der Berichtswoche am stärksten durch das furchtbare Unglück auf Zeche R a d b o d im rheinisch- westfälischen Kohlenrevier in Anspruch genommen, und noch heute steht die Allgemeinheit unter dem erschütternden Eindrücke dieser Katastrophe, der mehr als 300 Bergleute zum Opfer gefallen sind. Unser Kaiser hat auch bei dieser Gelegenheit wieder sofort seine Arbeiterfreundlichkeit und sein warmes, mitleidsvolles Herz durch Spendung einer namhaften Summe für die Hinterbliebenen der Verunglückten und durch Absendung seines Sohnes, des Prinzen Eitel Friedrich, an die Unglücksstätte erwiesen. Von der Sozialdemokratie und teilweise auch vom Zentrum ist auch dieses traurige Ereignis sofort benutzt worden, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Man verlangt Schaffung eines Reichsberggesetzes und Einführung von Arbeiterkontrolle»««. Beides sind parteipolitische Forderungen, die mit elementaren Naturereignissen, wie der Katastrophe auf Zeche Radbod, und der Frage des Arbeiterschutzes nichts zu tun haben. Die Uebertragung der Berggesetzgebung vom preußischen Landtage auf den Reichstag wird von der Sozialdemokratie gewünscht, weil sie vom Parlamente des gleichen Wahlrechts hoffen zu dürfen glaubt, daß dort bei der Behandlung von Bergwerkssachen ausschließlich demagogische Rücksichten auf die Stimmen der Bergarbeitermassen ausschlaggebend sein würden.
In O e st e r r e i ch ist das Kabinett Beck nunmehr durch ein neues, unter der Präsidentschaft des bisherigen Ministers des Innern Baron von Bienerth stehendes Ministerium ersetzt worden. Das neue Ministerium trägt ersichtlich den Charakter
eines Provisoriums an sich und erscheint dazu bestimmt, den Platzhalter für ein späteres parlamentarisches oder sogenanntes Koalitionsministerium zu bilden. Einige Ministerposten sind daher auch nur mit Sektionschess besetzt. Es ist eben ein reines Beamtenkabinett, und ausschließlich die drei neuen Landsmannminister, Zacek, v. Abramovicz und Dr. Schreiner, bringen etwas politische Färbung hinein. Ministerpräsident v. Bienerth will vor der Bildung eines Koalitionsministeriums zunächst eine grundsätzliche Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen herbeigeführt wissen, und er gibt sich die größte Mühe, in diesem Sinne zu wirken. Die Aussichten für eine solche Verständigungsaktion sind leider nach den bisherigen Erfahrungen nicht besonders optimistisch zu beurteilen, doch macht sich letzthin auf Seiten der beiden hadernden Nationen immerhin einiges Entgegenkommen bemerkbar, das zu gewissen Hoffnungen berechtigt.
In China sind der Kaiser sowie die Kaiserin- Witwe fast gleichzeitig vom Tode hingerafft worden. Der letztern, die in Wirklichkeit das Reich der Mitte beherrschte, kann niemand das Zeugnis versagen, daß sie eine der merkwürdigsten Frauen gewesen ist, von denen die Geschichte erzählt. Die methodische Reformbewegung, von der sich China gegenwärtig ergriffen zeigt, wird allgemein auf ihren Einfluß zurückgeführt. Was die beiden Todesfälle für das Reich der Mitte zu bedeuten haben werden, läßt sich nicht sagen. Zunächst liegen die Zügel der Regierung, da der definitive Thronerbe noch ein unmündiges Kind ist, in den Händen des Prinzen Tschun, eines Bruders des verstorbenen Kaisers, und es ist wahrscheinlich eine lange vormundschaftliche Regierung zu erwarten. Da Prinz ^chun als kluger und vernünftiger Anhänger der Reformideen gilt, so darf man seiner Regierung wohl mit Vertrauen entgegenblicken.
Dem Kaiser Dank.
Man muß zu dem Ausgangspunkt zurückkehren. Die vom „Daily Telegraph" veröffentlichten Privatgespräche unseres Kaisers hatten eine höchst ungünstige Wirkung, man sah in ihnen den Beweis dafür, daß das Ausland mit Recht mißtrauisch gegen die auswärtige Politik deS Reiches sei. „Unruhig" und „unzuverlässig" waren die Stichworte gegen sie. Die bis dahin verborgene Kraft angesammelten Mißmuts trat offen zutage und ergriff sogar die konservativen Kreise deS Volkes. Der Reichstag gab das unerhörte, in konstitutionellen Ländern unmögliche Schauspiel einer zwei Tage währenden Kritik an dem sogenannten persönlichen Regiment. Partei- wünsche traten im großen und ganzen zurück hinter dem allgemeinen Wunsch nach Selbstbeschränkung des Monarchen in seinen, zwar von den besten Absichten geleiteten, aber mitunter nachteiligen persönlichen und privaten Aeußerungen.
Worauf kam es hiernach an? Eine Willenskundgebung des Kaisers zu erlangen, die ein neues Bekenntnis zu der verfassungsmäßigen Ordnung der Dinge enthielt und den stetigen Gang der Politik des Reiches verbürgte. Eine solche Kundgebung ist nach einem zweistündigen Vortrag des Fürsten Bülow erfolgt. Trotzdem sind manche Blätter nicht damit zufrieden, sie verlangen Bürgschaften durch die Gesetzgebung, Einführung von Reichsministern, die dem Parlamente verantwortlich sind. Damit kommt ein falscher Zug, eine schiefe Richtung in die Bewegung, die wir in den letzten Wochen durchgemacht haben. Nicht eine Erhöhung der Macht des Parlaments, nicht eine größere Abhängigkeit des für die Reichs- politik ohnehin schon durch die Verfassung verantwortlichen Reichskanzlers vom Reichstage stand in Frage, sondern eine weise Selbstbeschränkung des völkerrechtlichen Vertreters der Nation in privaten Reden und Handlungen.
ä * Ein altes englisches Wort sagt: Nicht Maßregeln, sondern Männer. Wir schließen uns der „Kreuzzeitung" an, die schon vor dem historischen Vortrag des Fürsten Bülow gegen die Fälschung der Volksstimmung schrieb: Was alle wollen, das ist, der Kaiser möchte keine Schritte mehr tun, die nicht verabredet sind mit dem von ihm bestellten Leiter der Reichs- geschäste, die Auseinandersetzung etwaiger Meinungsverschiedenheiten zwischen Kaiser und Kanzler möchte sich nur zwischen diesen beiden vollziehen und der Kanzler dann die volle Verantwortung übernehmen können für alle offiziellen und inoffiziellen Schritte des Monarchen. Nicht aber wollen die ernsten Patrioten, daß die Krone zu einem blutleeren Schatten herabgewürdigt wird, daß der alte vorbismarcksche Geist wieder auswacht, der glaubte, die Form sei das entscheidende, der träumte, nicht Männer von Fleisch und Blut machten die Geschichte, sondern sinnreich erfundene Institutionen, die ohne Friktionen arbeiten. Es gibt keinen unpolitischeren und un- historischeren Glauben als den, man brauche nur bestimmte Formen des Staatslebens aus freier Hand zu schaffen, und alle Friktionen seien beseitigt.
Und nun das Ende der Krisis. Die Seele unseres Kaisers mußte voll Bitterkeit sein. Die öffentliche Kritik, auch die im Reichstage, hatte sich nicht von argen Uebertreibungen frei gehalten, und mancher Artikel war so gehalten, als ob, wie die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" treffend sagte, alles Große ausgelöscht sei, was der Kaiser in zwanzig Jahren für das Reich getan hat. War er nicht gerade in dem Falle, der