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herrselder Armblatt

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Zernsprech-Anschlutz Nr. 8

Nr. 136.

Mittwoch, den 18. November

1908.

Amtlicher teil.

Hersseld, den 16. November 1908.

Ich erinnere die Herren Bürgermeister der Landgemeinden an die im Kreisblatt Nr. 128 erlassene Verfügung vom 28. v. MtS. St. 2521 betreffend: Unterlagen für die in Aus­sicht genommene Kirchensteuer-Veranlagung in der katholischen Gemeinde.

Ich sehe der Erledigung bestimmt binnen 3 Tagen ent­gegen.

St. 2521.1. Der Königliche Landrat

von Grunelius.

nichtamtlicher teil.

Bußtag.

An grauem Herbsttage läuten dumpf die Glocken. Das Getriebe der Arbeit stockt, die Stätten des Ver- gnüKns sind geschlossen: Bußtag in deutschen Landm.

Handle heute einmal in Gedanken durch die Weiten der Bölkerwelt, rückwärts durch die Geschichte. Lege dein Ohr an der Menschheit Herz. Was hörst du?. . . Ich hire ein Seufzen, tief und schwer, emporquellen aus ih^er Brust. Bald ist es wortloser Wehelaut, bald formt rs sich in hundert Sprachen zu verständlicher Rede. Aus Babylons Steinen klingt es in Vers und Lied, wie aus Alt-Israel und in heiligen Schristrollen der Ander. Durch, Germaniens Haine rauscht es wie Vor­ahnung einerGötterdämmerung". Auf chriechischer Bühne schreitet es im tragischen Gewände: Der Uebel größtes ist die Schuld. Im Bildwerk redet es, wie ein Michäangelo, ein Dürer, ein Klinger es schuf. Wehmütig klingt es bald und bald verzweifelt. Furcht­sam und scheu dann wieder wild und schrecklich. Aber durch alles hindurch der eine Ruf, unmißverständlich der Ruf nach Frieden!

Wie ein Fieberkranker ruhelos sich hin und her wirft auf dein nächtlichen Lager, so wirft sich die Mensch­heit aller Zeiten und Völker unruhig von einer Seite auf die ander;, versucht es bald in dieser, bald in jener Stellung, greift in der Not zu dem und jenem Mittel, sich zu beruhigen. Was ist dir, Mensch? Was fehlt dir? Frage lie Weisesten und Besten, die je gelebt, die wahrhaften Menschenkenner! Aber frage nicht die tändelnden Spaßmacher, die dürftigen Lieblinge des Tages oder die Marktschreier, die nach der Gunst der Leute haschen! Frage die Großen, denen ein Gott gab, zu sagen, was der Durchschnittsmensch wohl fühlt, aber nicht auszusprechm vermag, und du wirst es hören:

Uerter Heinrich.

Novell: von E. R a t h m a n n.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Der Wiederscheir. verdrießlichen Grolles war jetzt auf den vollen und roten Gesichtern der beiden Tanten noch ersichtlicher, weü die Erscheinung des Neffen be­reits keine UeberrasckMng mehr war. Die Frau Kom- merzienrat sah chre Schwester Cordula an und beide fingen dann zu gleicher Zeit, wie mit einer ursprünglich schrillen, jetzt aber von behaglichem Wohlleben gedämpfter Stimme an:Aber Heinrich, wie hast Du uns das an­tun können!" Und plötzlich hielten beide wieder inne.

Der Kommerzienrat hatte über den Zusammenklang der Herzen und Stimmen laut aufgelacht. Die links im Sofa sitzende Dame wandte sich nach rechts und sagte resigniert, die Hände faltend:Sprich du, Martha! Du bist die Verheiratete also die ältere von uns Schwestern!"

Der verheirateten Zwillingsschwester zuckte es um die Lippen, als ob sie Lust hätte,'gegen die Folgerung, daß sie die ältere sei, Widerspruch zu erheben. Aber das vergnügte Lachen des Kommerzienrates und ein leichtes Lächeln auf dem sonst so ernsten Gesicht ihres jungen Gastes brachten sie zum Gefühl ihrer nächsten Pflicht. Und indem sie die großen grauen Augen so fest und so strafend als möglich auf die beiden ölänner heftete, sagte sie etwas rascher als vorhin:Es gibt hier nichts Lächerliches, Robert Heinrich wird es selbst am besten wissen ! Du hast die Familie wahrhaftig nicht verwöhnt, Heinrich, aber soweit, zwei Tage vor dem heiligen Abend zu verreisen man weiß nicht, warum und wohin vatlest Du es doch noch nicht getrieben. Ich war am heiligen Abend ernstlich auf Dich böse und ernstlich um dich besorgt!"

»Ich danke dir, daß Du beides nicht mehr bist,

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!

Die eine will sich von der andern trennen!

Das ist es. Es geht ein Riß durch die Welt und läuft mitten durch uns hindurch. Ein ungeheurer Zwiespalt. Wir sind innerlich auseinander, uneins mit uns selber. Unharmonisch klingen die Saiten unserer Seele. Dies einzusehen und mutig zu gestehen, ist der Anfang aller Weisheit, aller Religion d. h. Gottesfurcht!

Bußtag! Tag der inneren Einkehr und der Selbst­erkenntnis, und zwar einer aufrichtigen, die nicht hin- überschielt nach den Verfehlungen der anderen, nicht chilt noch jammert über die Schlechtigkeitder Welt", andern sich selber in den Busen greift! Was heilt uns den seelischen Riß ? Da schwebt wie aus Himmelshöhen eine Botschaft hernieder: Versöhnung!..... Ein Engel des Friedens, steigt dieses Wort herab. Als Kind schon wußtest du, was das bedeutet. Wenn die Stirn deines Vaters umwölkt war, wenn du fühltest: er war unzufrieden mit dir. Dein Trotz, dein kindisches Selbstbewußtsein lehnte sich zuerst dagegen auf. Aber dein Herz war unruhig in dir. Du wartetest im stillen auf ein Wort der Güte. Da endlich kam er dir entge­gen : Versöhnung ! Und wie neugeboren fühltest du dich.

Wie stehen wir Menschen zu dem Inbegriff alles Guten, zu Gott? Ferne fühlte sich ihm die Mensch­heit, geschieden von ihm durch Himmelsweiten. Zürnte er ihr, der Heilige? War er der schreckliche Richter, als den ihn alte Bußpredißbr verkünden? Oder war's ein Gott mit kaltem Marmorantlitz, ein ehernes Schick­sal, das über irrende Menschen achtlos hinschreitet? Oder ein Selbstgenügsamer, der in seliger Höhe einsam thront ? Da kam JesuA, des einigen Gottes Sohn. Er lüftete den Vorhang, ' der das Ewige verschleiert, er sprach das erlösende Wort: Dahinter ist ein Gott, der euch die Hand des Friedens entgegenstreckt. Glaubet ihm! Aendert euren Sinn 1 Trachtet nach Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit! Das sei eureBuße"! So will es der Vater der Liebe. Und wie Himmelsmusik rauscht es noch immer durch die herbstkalte Welt: Ver­söhnung! Versöhnung!

Den Tröster hat mein Heiland ausgesendet, Die beste Gabe aus des Himmels Zelt, So groß und herrlich, doch verhüllt der Welt, Und seinen Frieden hat er uns gespendet.

Warum ist denn sein Werk noch nicht vollendet, O Volk des Herrn, was ist es, das dich hält? Was ifts, das deinen Augen hier gefällt Und so den Blick vom Ziele abgewendet?

In Reu und Buße, Herr, zu dir wir eilen; Denn wir betrübten deinen heil'gen Geist, Nur du allein kannst unsre Wunden heilen.

Tante Martha!" entgegnete Heinrich, indem er näher trat und beiden Tanten über den Sofatisch hinweg die Hand reichte.Nimm an, daß ich in unaufschiebbaren Angelegenheiten eines Freundes verreisen mußte und über keine andere Zeit verfügte als über die Tage vor Weihnachten! Daß es mir herzlich leid war, den hei­ligen Abend nicht mit Euch zu verleben, und daß ich so früh zurückgekommen bin, als es nur immer möglich war, das seht Ihr wohl jetzt."

Das freut uns gewiß, aber wir konnten es nach Deinem Briese nicht voraussehen", sagte die Frau Kom­merzienrat verdrossen.Und es bleibt immer schlimm, daß Du überhaupt Freunde hast, die Dich in solcher Weise beanspruchen, die man gar nicht kennt, und die in unserem Hause nicht eingeführt sind. Darf man nicht erfahren, wohin die plötzliche geheimnisvolle Reise gerichtet war?"

Doch, doch, liebe Tante ich war in Schlesien!" antwortete der Neffe und die Fragerin konnte gerade noch sehen, daß sich das offene Gesicht des jungen Mannes merklich verdüsterte.

Der Onkel Kommerzienrat war ungeduldig auf seinen Platz am Fenster zurückgekehrt und kam Heinrich, der die weiteren Erörterungen über seine Weihnachtsreise offenbar abzubrechen wünschte, unbewußt zu Hilfe. Lege deinen Hut ab, Junge", rief er plötzlichhier auf den Silbe^chrank und nun sieh dort hinunter, wie Du am heiligen Abend und gestern den Feiertag über ersetzt worden bist! Es ist wirklich eine Lust, die beiden da unten zu sehen. Ich glaube wahrhaftig, Evchen hätte nichts dawider gehabt, wenn wir ihr zu all' ihren Kleidern, Bändern und Schmucksachen und den neuen Schlittschuhen den Leutnant noch zu Weihnachten be­schert hätten!"

Er deutete dabei durchs Fenster nach unten, wo in der Mitte des beschneiten Parkes mit seinen reifblitzen- den Hecken sich ein ziemlich großer Teich mit blankge­kehrtem Eisspiegel ausbreitete.

Im Hintergrund der Eisbahn, die ein Saum dunklen

Wir trauen fest dem, was dein Wort verheißt: Du willst Vergebung deinem Volk erteilen, Du bist es, der den Weg zur Buße weist.

Sie kutsche NtichVrft in ötn Kolonien.

Es leuchtet ohne weiteres ein, daß gute und gesicherte Postverbindungen geeignet sind, das Band, das Deutschland mit seinem Kolonialbesitz verbindet, zu festigen und das Ge­fühl der Zusammengehörigkeit auch auf wirtschaftlichem Ge­biete zu stärken. Das hat man auch rechtzeitig im ReichS- postamte erkannt und ist andauernd bestrebt gewesen, sowohl in unseren Kolonien neue Postanstalten ins Leben zu rufen als auch die Verbindung mit der Heimat zu fördern. Trotz­dem ist die Zahl der in den deutschen Kolonien bestehenden Postanstalten, wie dieMarinerundjchau" schreibt, verhältnis­mäßig gering und beläust sich zurzeit nur aus 161, von denen 58 aus Deutsch-Südwestafrika, 35 aus Deutsch-Ostasrika und 27 auf Kamerun kommen, während die Zahl der Postan­stalten in den übrigen Kolonien noch kleiner ist. Ihre ge­ringe Anzahl erklärt sich daraus, daß sich in den deutschen Kolonien, abgesehen von dem dünnbevölkerten Deutsch-Süd- westasrika, nur eine verhältnismäßig kleine Anzahl von Weißen befindet und die Postverkehrsbcdürsnisse der Eingeborenen naturgemäß nicht hervorragend find. Berücksichtigt man nur die weiße Bevölkerung i> den Kolonien, so ist die Zahl der Postanstalten im Verhältnis dazu sogar sehr groß. Denn während in Deutschland etwa auf je 1500 Einwohner eine Postanstalt kommt entfällt eine Postanstalt in Kamerun auf je 33 Weiße, in Deutsch-Ostasrika aus je 71 und in Deutsch- Südwestasnka aus je 110 Weiße.

Angesichts dieser stylen wffd man der Reichspostver­waltung das Verdienst nicht absprechen können, dem Verkehrs- bedürsnisse unserer Landsleute im deutschen Auslande aus­reichend Rechnung getragen zu haben. Dafür fpricht auch der Umstand, daß der Postverkehr in den 8 Jahren von 18981906 mit verdeutschen Kolonien sich mehr als ver- zwanzigsacht hat. So ist in dieser Zeit die Zahl der Bnes- scndungeu von etwas über 1 Million aus fast 2372 Millionen, die Zahl der Postanweflungen von 26 000 auf 288 000, der Pakete von 12 500 aus 158 000, die Zahl der Zeitungs­nummern von 109 000 aus fast IV2 Millionen und die Ge­samtzahl der Postsendungen von 1,18 Millionen aus 25,2 Millionen gestiegen. In derselben Zeit ist der Betrag der ausgegebenen Postanweisungen von 4,4 Millionen auf 60,4 Millionen Mark Hinausgeschnellt.

Auch diese Zahlen sprechen eine beredte Sprache für die Entwicklungsmöglichkeiten der deutschen Kolonien. Denn selbst­verständlich ist dieser Zuwachs zum überwiegend größten Teil nicht auf die Velkehrserleichterungen, sondern auf die wirt­schaftliche Erschließung der Kolonien zurückzuführen, der sich die Posterleichterungen in geschickter Weise angepaßt und die sie zweifellos auch vielfach gefördert haben. An der Spitze

Nadelholzes abschloß, tummelten sich einige Knaben mit Schlittschuhen und kleinen Schlitten.

Aber nicht weit von dem Hause glitt ein junges Paar in zierlichen Wendungen auf der prächtigen Eis­bahn auf und ab.

Der junge, vielleicht vierundzwanzigjährige Offizier in der grünen Jägeruniform, der Mantel und Degen auf der Bank vor dem Teiche niedergelegt hatte, sauste so geschmeidig und kräftig auf den Stahlschlittschuhen hin, daß es in jedem Augenblick den Anschein hatte, als müsse er die zarte Mädchengestalt einholen, die ihm mit neckischer Gewandtheit und offenbar zu ihrer'eigenen Lust immer zu entrinnen wußte. Je enger der Kreis war, in dem das Spiel hauptsächlich vor sich ging, um so hübscher wirkte es, wenn die junge Dame, plötzlich den Kreis durchbrechend, die größere Eisbahn bis ans Ende des Teiches gewandt hinabflog, während der Leutnant einen Halbbogen fuhr, um ihr sicherer zu be­gegnen.

Sie warf dann den Kopf, an dem zwei prächtige braune Zöpfe über Nacken und Rücken herabfielen, spöttisch zurück und glitt, sowie ihr Verfolger zu einem Anlauf in die große Bahn ausholte, dicht an ihm vor­über, in den inneren Kreis zurück, den sie mit den Spitzen ihrer eigenen Stahlschuhe gezogen hatte.

Das Gesicht des jugendlichen Mädchens glühte vom frischen Luftzug des Wintermorgens, von der An­strengung der Eisbahn und des Spiels und ihr ftohes Lachen scholl bis zu den beiden Männern am Fenster herauf.

Sie hatte, obschon sie nur Augen für ihren stattlichen Genossen zu haben schien, gesehen, daß Heinrich Hagen neben ihrem Vater am Fenster stand und warf eine Kußhand zu dem neuen Zuschauer, der ihr freundlich zunickte, herauf.

Heinrich folgte der wieder nach der Mitte des Teiches gleitenden Schlittschuhläuferin mit den Augen und musterte dann, da der junge Offizier jetzt sttllstand, mit