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h errselder Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 133. Donnerstag, den 13. November 1908.
- Nichtamtlicher teil.
Reichstag.
Der Reichstag beendigte am Montag die erste Lesung des Weingesetzes. In der fortgesetzten Debatte hierüber wurden wiederum eine Reihe von Einzelheiten deS Regierung-entwurseS als ungenügend bemängelt und die Hoffnung auf eine Verbesserung des Entwurfes in der Kommission ausgesprochen, an welche die Vorlage schließlich ging. Im weiteren Verlaufe der Sitzung wurde noch der Gesetzentwurf über Preisfestsetzungen beim Markthandel mit Schlachtvieh in erster Lesung erörtert. Die Abgeordneten Scheidemann (soz.) und Gerstenberger (Zentr.) bezeichneten den Entwurf als unbedeutend und unbrauchbar, auch Abg. Fischbeck (sr. Volksp.) äußerte ernste Bedenken. Staatssekretär v. Bethmann-Hollweg sowie die Abgeordneten Dr. Roesicke und Wachhorst de Vente (nat. lib.) verteidigten die Vorlage. Als Sachverständiger ließ sich der wildliberale Abgeordnete Kabelt — er ist in seinem bürgerlichen Berufe Fleischermeister — in einer von unfreiwilliger Komik durchsetzten Rede vernehmen. Nach Ablehnung eine- Antrages aus Kommissionsberatung wurde die Vorlage gleich in zweiter Lesung angenommen.
Für Dienstag standen die verschiedenen wegen des Kaiser- Interviews im „Daily Telegraph" eingebrachten Interpellationen auf der Tagesordnung, wobei man mit besonderer Spannung den Erklärungen des Reichskanzlers entgegensah. Die Verhandlungen verliefen, abgesehen von den Ausführungen Singers und Liebermanns von Sonnenberg, ruhig und in würdiger Weise. Die erste Enttäuschung- bestand darin, daß der Reichskanzler Fürst Bülow nicht, wie man erwartet hatte, sofort nach dem Abg. Bassermann das Wort ergriff, er ließ erst noch den freisinnigen, den sozialdemokratischen, den konservativen und den freikonservativen Redner die Interpellation ihrer Parteien begründen, ehe er selbst das Wort ergriff. Seine Bemühungen waren zunächst darauf gerichtet, eine Klärung der Lage herbei- zuführen und es verständlich zu machen, wieso der Kaiser gerade in der Weise sprechen konnte, wie er es getan hat. Der Kanzler wies dann ausdrücklich darauf hin, daß mancherlei in dem Bericht des „Daily Telegraph" entstellt und unrichtig wiedergegeben worden sei. Das sei namentlich in Bezug auf den angeblichen Feldzugsplan der Fall, der alle- andere eher, als ein Kriegsplan gewesen sei. Es handle sich dabei vielmehr nur um eine Reihe von Aphorismen, die der Kaiser mit seiner Großmutter, der Königin Viktoria von England, ausgetauscht habe. Der Kanzler wies dann noch die Unterstellung zurück, als ob Deutschland irgendwelche agressiven Tendenzen gegenüber Japan oder China verfolge. Er gab ausdrücklich zu, daß die Veröffentlichung des „Daily Telegraph" einen schweren Schaden für Deutschland zur Folge gehabt habe, und daß sich das Reich in ernster Situation befinde. Da aber der Kaiser erkannt habe, daß seine Bemühungen, die Engländer von seiner Freund
Uom Bär und Bienchen.
Die Geschichte einer Jugendliebe.
Von Fritz Skowronnek.
(Fortsetzung.)
Eine Viertelstunde später trat Hans bei Czecha ein. Al- er anklopste, sprang sie auf und wart die Arbeit fort, sie wußte, wer da kam. Mit einem Jubelschrei warf sie sich an seine Brust und schlang die Arme um seinen Hals. Er streichelte ihr Haar und küßte sie aus die Stirn.
Befremdet trat sie zurück. „HanS, ist daS deine Begrüßung ?"
„Ich komme nur, deine Verzeihung zu erbitten. Ich habe dir schweres Unrecht getan, aber ich kann zu meiner Ent- schuldigung anführen . . ."
„Sprich nicht weiter, es ist überflüssig. Ich habe nie mit einer Spur von Groll an dich gedacht. Dazu habe ich dich viel zu lieb. Ich wußte, daß du kommen würdest!"
„Hast du mich wirklich so lieb, so ganz aus vollem Herzen?"
„Hast du ein Recht, daran zu zweifeln? Oder spukt noch immer der elende Klatsch in dir?"
„Nein — kein Gedanke daran. Ich habe eben mit Gustav darüber gesprochen und bin sofort hergekommen.'
„Nun, und dann solch eine Begrüßung, solch eine Frage?"
„Ja, Czecha, es könnte noch einmal solch eine Prüfung an dich herantreten. Deshalb muß ich mich vorher sichern."
„Hans, Hans, wie meinst du das?"
„Wie ein ehrlicher Kerl, der geradeweg- auf sein Ziel losgcht. Nun komm mal her, setz dich neben mich aufS Sofa und hör mich geduldig an. Wir wollen unser Verlöbnis erneuern, doch eS darf kein Wenn und Aber dabei sein."
„Ich versteh dich nicht."
„Du hast mir gesagt: wenn ich mein Studium ausgebe, ftnd wir geschiedene Leute."
schaft zu überzeugen, doch keinen Erfolg haben, so dürfe man darauf rechnen, daß die Einsicht den Herrscher dazu führen werde, in Zukunft größere Zurückhaltung zu beobachten. Mit einem Appell zur Ruhe und Mäßigung schloß Fürst Bülow seine Rede, die von den MehrheitSparteien, einschließlich deS Zentrums, mit Beifall, von den Polen und Sozialdemokraten aber mit Zischen begleitet wurde.
Aus ]n- und Ausland.
Berlin, den 10. November.
Zur angekündigten Besichtigung der Z e p p e l i n s ch e n Werft ist DienStag mittag S e. Majestät der Kaiser von Donaueschingen in Manzell eingetroffen, wo zu seinem Empfang festliche Vorbereitungen getroffen waren. Um halb ein Uhr begab sich Gras Zeppelin und seine Umgebung mit der „Württemberg" nach Manzell, wo er mit donnernden Hurra- von den Passagieren der die Halle umlagernden Dampfern und vom Publikum am User begrüßt wurde. Um 12 Uhr 50 Minuten brauste der kaiserliche Zug heran, empfangen von den Hochrufen der vieltausendköpfigen Menge. An der Tür deS Salonwagen- wurde der Kaiser vom Grasen Zeppelin und besten Tochter Komtesse Hella empfangen, denen der Kaiser, der Jagdanzug trug, herzlich die Hand drückte. Vom Grasen Zeppelin geführt, schritt der Kaiser, lebhaft plaudernd, offenbar in der heitersten Laune, durch die am Bahnhof errichtete Ehrenpforte den Abhang zum Seeuser hinab und wurde in einem Motorboot nach der Halle gefahren. Unmassen von Menschen strömten seit dem frühesten Morgen von allen Seiten aus der Eisenbahn, in Auto- und Wagen und zu Fuß nach Manzell. Eine große Anzahl von Gendarmen mußte au- den benachbarten Orten herbeigezogen werden, um wenigsten- für den kaiserlichen Gast freie Bahn von dem auf der Strecke bei SeemoS haltenden Extrazug bis nach der Halle zu schaffen. In der Rede, mit der der Kaiser dem Grafen Zeppelin den Schwarzen Adlerorden überreichte, betonte er, daß Zeppelin eine der wichtigsten Kulturtaten des 20. Jahrhunderts vollbracht habe, und daß er nicht zu viel sage, wenn er diese Tat als die feiere, die das allermeiste Aufsehen im In- und AuSlande erregte und Deutschlands Technik an der Spitze der Stationen marschieren lasse. ES war eine Tat für daS Vaterland.
Der stellvertretende Staatssekretär von Kiderlen-Wächter und der französische Botschafter Cambon haben gestern im Auswärtigen Amt folgendes Ucbereinkommen über den Zwischenfall von Casablanca unterzeichnet: Die deutsche und die französische Regierung bedauern die Ereignisse, die sich in Casablanca am 25. September d. I. zugetragen und untergeordnete Organe zur Anwendung von Gewalt und zu ärgerlichen Tätlichkeiten geführt haben. Sie beschließen, die Gesamtheit der hierbei entstandenen Fragen einem Schiedsgericht zu unterbreiten. In beiderseitigem Einvernehmen ver
„Allerdings."
„Darüber müssen wir unS jetzt klar werden. Ich will, sobald ich wieder zu Kräften gekommen bin, nach Königsberg zurück, noch ehe die Ferien zu Ende sind."
„Du brauchst mir nicht- mehr zu sagen, ich weiß waS du vorhast."
„Nun gut, dann mußt du dich entscheiden. Willst du mir zum Altar folgen, sobald ich eine Brotstelle finde, die unS ohne Sorgen ernährt?"
Czecha atmete tief und schwer. „HanS, du weißt doch, daß ich dich liebe, daß eS mir gleichgültig ist, waS du wirst."
„Na also, wozu denn die Vorrede?" Er legte den Arm um sie und zog sie an feine Brust.
Hie entzog sich ihm und stand auf. „Du vergißt zweierlei, lieber HanS. Nnmal deine Ältern. Sie sind doch nicht einverstanden damit, daß du dein Studium aufgibst. Dazu haben sie doch nicht die schweren Opfer gebracht, daß du nachher in einer kleinen Stellung unterkriechst, bloß um schnell heiraten zu können."
„WaS geht'- dich an, wie meine Eltern darüber denken?"
„O, sehr viel I Ich stehe so tief in ihrer Schuld, daß ich mich ewig schämen müßte, wenn ich deinem Plane Vorschub leisten wollte. Und ich habe sie viel zu lieb, ich würde es nicht ertragen, wenn sie un- ihren Segen verweigern. Hast du daran nicht gedacht?"
„Nein, daS ist aber auch jetzt Nebensache. Ich wollte bloß sehen, ob deine Liebe so stark ist, daß sie alle solche kleinlichen Bedenken überwindet. DaS ist nicht der Fall. Muß ich da nicht immer in Angst leben, daß . . .*
„Ein reicher Freier kommt und ich ihm um den HalS fliege?" unterbrach in Czecha mit bitterem Ton.
„Ach, spotte nicht! Dasür ist mir der Augenblick zu ernst. Nun will ich dir auch sagen, weshalb ich dich auf die Probe gestellt habe. Meine Eltern haben dich sehr lieb. Aber ihr Ehrgeiz geht weiter. Wenn ich mein Studium vollende, dann werden sie erst recht gegen unsere Verbindung sein. Dann soll ich eine Frau heiraten, die mir Geld und Konnexionen 1
pflichtet sich jede der beiden Regierungen, ihr Bedauern über die Handlungen dieser Organe in Gemäßheit des Spruches auszu sprechen, den die Schiedsrichter über den Tatbestand und die Rechtsfrage abgeben werden.
Wie die Korrespondenz Holzerland erfährt, hat nunmehr der Bundesrat die neue BesoldungSvorlage für Offiziere mit den Dienstaltersstusen angenommen. ES werden danach erhalten: die Leutnants 1500 Mk., nach vier Jahren 1800 Mk., nach acht Jahren 2100 Mk.; die Hauptleute 3400 Mk., nach vier Jahren 4600 Mk., nach acht Jahren 5100 Mk.
Der Kaiser hat bekanntlich am vergangenen Sonntag den Grafen Zeppelin anläßlich der vom Grafen im Verein mit dem Kronprinzen zurückgelegten und so besonders erfolgreich verlaufenen Ballonfahrt in Donaueschingen empfangen und ihn hier in ungemein auszeichnender Weise behandelt. Der Monarch gab hierbei seiner wärmsten Anerkennung dieser neuesten hervorragenden aeronautischen Leistung des Grasen Zeppelin Ausdruck. Zweifellos hat die so gelungene Fahrt deS „Zeppelin I" vom 7. November das preußische KriegS- ministerium zu der nunmehr erfolgten amtlichen Uebernahme des BallonS bestimmt. Es waren vom Reichstage zu diesem Zwecke 2 150 000 Mark bewilligt worden, von denen die nach der Katastrophe von Echterdingen dem Grafen Zeppelin auS- gezahlten 500 000 Mark als persönliche Gratifikation gedacht und 1 650 000 Mark für den Ankauf des Luftschiffes Zeppelins bei Nachweis gewisser Leistungen bestimmt waren. Von dieser Hauptsumme wird jetzt ein Teil zum Ankauf des „Zeppelin I" verwandt werden. Der Kaiser setzte den Grafen Zeppelin sofort auf telegraphischem Wege von der Abnahme seines Luftschiffes in Kenntnis und .gratulierte ihm hierbei herzlichst, mit dem lateinischen Wunsche schließend: Vivant sequentes 1 (Es leben die folgenden.)
In der Guildhall zu London fand am Montag das herkömmliche LordmayorS-Bankett zu Ehren des neuen Lord- mayors oder Oberbürgermeisters von London statt. Auch diesmal wurde dem Bankett durch die gehaltenen Reden ein politischer Charakter ausgeprägt, dieS namentlich durch die Rede deS Premierministers Asquith. Der Ministerpräsident streifte hierbei die wirtschaftliche Depression in England und die Reformen in der Türkei, kam dann aus die allgemeine Politik zu sprechen, und verbreitete sich dann über die Beziehungen zwischen England und Deutschland. ASquith erinnerte an die vor einem Jahre in London gehaltene Friedensrede Kaiser Wilhelms und knüpfte hieran die Versicherung, daß auch die englische Politik von einem friedlichen und versöhnlichen Gerste durchdrungen sei. Er bekundete weiter seine Hoffnung aus Erhaltung deS europäischen Friedens trotz der gegenwärtigen Schwierigkeiten und betonte schließlich den unerschütterlichen Entschluß Englands, seine Vorherrschaft zur See aufrecht zu erhalten.
Ueber die militärische Lage inSüdwestasrika berichten die „Windhuker Nachr." vom 10. Oktober: Nach den letzten
mitbringt. Ja, Bienchen, so denken meine Eltern, auf die du so viel Rücksicht nehmen willst. Erst gestern hat meine Mutter mit mir darüber gesprochen und mich gelobt, daß ich so kurz entschlossen muh von der Kette am Fuß befreit habe. So ein Liebesidyll sei ja recht schön, aber es müsse nicht zum Hemmnis werden. Was sagst du nun?"
DaS Mädchen holte tief Atem. „Ich gebe deinen Eltern recht."
„DaS ist doch ein bißchen zu viel Edelmut und Dankbarkeit von dir, Czecha."
„O nein. Das war das zweite, was ich dir sagen wollte. Ich verstehe recht gut, wie deine Eltern denken. Wenn du dein Studium vollendest, kannst du nicht sofort heiraten, am wenigsten ein armeS Mädchen, denn dann wirst du Schulden haben."
„Schon gut," unterbrach HanS sie heftig. „Jetzt weiß ich, woran ich bin. Mich wundert'- nur, daß du nicht schon früher so verständig warst, als wir uns verlobten."
„HanS, willst du mir zum Borwurf machen, daß ich dich liebe, daß ich mich von dem Glück fortreißen ließ, ohne an die Zukunft zu denken?"
Er faßte ihre Hand und zog sie an sich. Sie wehrte ihm.
„WaS soll daS jetzt? Unsere Wege gehen auseinander. Du gehst nach recht-, ich nach links. Laß uns ohne Groll scheiden!"
„Selbstverständlich, liebes Bienchen. Wir haben uns beide geirrt." Er stand auf und reckte mit einem Wehlaut die Arme. „Ich glaubte, die Gefährtin meines Lebens gefunden zu haben, und fand ein törichtes Mädchen, da- meine Liebe als ein Kinderspielzeug ansieht."
„Hans — du irrst dich — meine Liebe ist stärker als deine Sie opfert sich selbst, um deiner Zukunft willen."
„DaS ist mir zu hoch, mein Fräulein. Ich wußte bisher nur, daß die Liebe dazu bestimmt ist, die Menschen zu vereinigen. Empfehle mich gehorsamst."
Er klappte die Hacken zusammen, verbeugte sich tief und schritt langsam hinaus. Als die Tür sich hinter ihm schloß, sank Czecha lautlos zusammen.