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Qersfe^er Kreisblatt
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Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 139. Dienstag, den 3. November 1908.
nichtamtlicher teil.
Kaiser und Kanzler
Die öffentliche Meinung Europas stand in der letzten Woche unter dem Eindruck des Artikels des „Daily Telegraph", in dem ein englischer Autor Mitteilung von verschiedenen Aeußerungen unseres Kaisers gemacht hatte. Die handgreifliche Tendenz des Artikels war. die guten Absichten des Kaisers England gegenüber dem englischen Publikum darzulegen und durch tatsächliche Dienste, die die kaiserliche Politik England, namentlich während des Burenkriegs, geleistet hat, zu beweisen.
Die Wirkung des Artikels, in dem private Aeußerungen des Kaisers aus verschiedenen Zeitungen und mit verschiedenen Personen zusammengestellt waren, entsprach jedoch nicht der guten Absicht. In Frankreich und Rußland, zum Teil auch in England selbst, wollte man in der Erinnerung daran, daß die deutsche Politik eine russisch-französische Anregung auf Intervention im Burenkriege abgelehnt hatte, eine Enthüllung erblicken, die dazu bestimmt sei, das gute Verhältnis zwischen England, Rußland und Frankreich zu stören. Auch die deutsche Presse griff vielfach die Veröffentlichung im „Daily Telegraph" an und tadelte heftig den Kaiser, daß er den Artikel genehmigt habe. Dabei ging man von der Annahme aus, daß der Kaiser selbst den Artikel veranlaßt und dem Reichskanzler vor der Veröffentlichung keine Kenntnis davon gegeben habe.
Beides hat sich nunmehr als falsch herausgestellt. Der Kaiser hat den ihm mit der Bitte um Genehmigung vorge- legten Artikel des englischen Autors an den Reichskanzler zur Prüfung geschickt, leider zu einer Zeit, als Fürst Bülow, mit Geschäften (orientalische Wirren, Finanzreform rc.) sehr über« häuft war, weshalb er das Manuskript nicht selbst durchsah, sondern die Prüfung dem Auswärtigen Amt überließ. Hier muß nun ein großes Mißverständnis vorgekommen sein; es scheint, als ob sich die Prüfung nur auf Nebendinge erstreckte, nicht aber auch aus die Zweckmäßigkeit der Veröffentlichung.
Auf dem Kaiser dürfen die ungerechten Vorwürfe wegen der ungünstigen Wirkungen des Artikels nicht sitzen bleiben. Der Reichskanzler Fürst Bülow zögerte keinen Augenblick, die volle Verantwortung für das vorgekommene Versehen auf sich zu nehmen und seinem kaiserlichen Herrn zu erklären, daß er nicht im Amte bleiben könne, es sei denn, daß er durch Veröffentlichung des Sachverhalts in die Lage versetzt werde, die völlig ungerechten Angriffe auf den Kaiser in der deutschen Presse zu zerstören. Der Kaiser hat sich mit diesem offenen Vorgehen einverstanden erklärt, die hoffentlich dazu beitragen wird, die ganze Aufregung in der Presse zu beschwichtigen.
Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht an der Spitze ihrer gestrigen Nummer folgendes: Ein großer Teil der ausländischen und inländischen Presse hat wegen des im Daily Telegraph
Uom Bär und Bieneben.
Die Geschichte einer Jugendliebe.
Von Fritz Skowronnek.
(Fortsetzung.)
Einige Wochen später, eS war schon im Oktober, und bitterkalt, kam Hans eines Abends vom Anstand aus dem Walde. Sein Tory lief zwanzig Schritt vor ihm. Dicht vor dem Rande wurde der Hund unruhig, gleich darauf ging sein Knurren in freudiges Winseln über — kein Zweifel, er begrüßte jemand, den er gern hatte.
Hans ging schnell hinzu; vor ihm stand Czecha. Eine Last dürrer Aeste, die sie gesammelt und zusammengeschnürt hatte, lag neben ihr.
Hans sprach kein Wort der Begrüßung, er sagte nur mit einem heiseren Ton in der Stimme: „Du, Czecha, das darfst du nicht!"
„Ach, Hans", erwiderte sie mit bebender Stimme, „dein Vater erlaubt es doch, daß die armen Frauen das trockene Reisig aussammeln."
„Du bist keine arme Frau, Czecha! Du hast mich nicht verstanden: es schickt sich nicht für dich, wie ein Tägelöhner- weib Holz auf dem Rücken zu schleppen!"
„Danach geht's nicht, Hans, wenn man muß. Wir haben nur noch ein Fuder Torf zum Heizen im Stall, aber kein Holz mehr zum Kochen, und zum Kaufen reicht's nicht!"
„Weshalb gehst du denn nicht zu meiner Mutter?"
„Ich kann doch nicht immer betteln kommen!"
„Nein, aber man kann sich von guten Freunden helfen lassen, bis die schwere Zeit überwunden ist. Das Zeug bleibt hier liegen! So — da hast du deine Bänder! Nun komm!"
Zu Hause trat er vor den Vater. „Nicht wahr, verlausen darsst du nichts von deinem Deputatholz, aber verschenken ?"
veröffentlichten Artikels kritische Betrachtungen gegen die Person Sr. Majestät des Kaisers gerichtet, wobei von der Annahme ausgegangen wurde, der Kaiser hätte diese Publikation ohne Vorwissen der für die Politik des Reiches verantwortlichen Stelle veranlaßt. Diese Annahme ist unbegründet.
Se. Majestät der Kaiser hatte von einem englischen Privatmann mit der Bitte, die Veröffentlichung zu genehmigen, das Manuskript eines Artikels erhalten, in dem eine Reihe von Gesprächen Sr. Majestät mit verschiedenen englischen Persönlichkeiten und zu verschiedenen Zeiten zusammengefaßt war. Jener Bitte lag der Wunsch zu Grunde, die Aeußerungen Sr. Majestät einem möglichst großen Kreise englischer Leser bekannt zu geben und damit den guten Beziehungen zwischen England und Deutschland zu dienen. Der Kaiser ließ den Entwurf des Artikels an den Reichskanzler gelangen, der das Manuskript dem Auswärtigen Amt mit der Weisung überwies, dasselbe einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Nachdem in einem Bericht des Auswärtigen Amts Bedenken nicht erhoben worden waren, ist die Veröffentlichung erfolgt.
Als der Reichskanzler durch die Publikation des Daily Telegraph von dem Inhalt des Artikels Kenntnis erhielt, erklärte er Sr. Majestät dem Kaiser: er hätte den Entwurf des Artikels nicht selbst gelesen; anderenfalls würde er Bedenken erhoben und die Veröffentlichung widerraten haben; er betrachte sich aber als für den Vorgang allein verantwortlich und decke die ihm unterstellten Ressorts und Beamten. Gleichzeitig unterbreitete der Reichskanzler St. Majestät dem Kaiser sein Abschiedsgesuch.
Se. Majestät der Kaiser hat diesem Gesuche keine Folge gegeben, jedoch aus Antrag deS Reichskanzlers genehmigt, daß dieser durch Veröffentlichung des oben dargestellten Sachverhalts in die Lage versetzt werde, den ungerechten Angriffen auf Se. Majestät den Kaiser den Boden zu entziehen.
Abgeordnetenhaus.
Das preußische Abgeordnetenhaus beendigte am Freitag die erste Lesung des Pfarrerbesoldungsgesetzes. In der Diskussion vom genannten Tage richtete der Sozialdemokrat Hoffmann so heftige Angriffe gegen die Geistlichkeit, daß ihm vom Präsidenten ein dreimaliger Ordnungsruf erteilt und zuletzt das Wort entzogen wurde. Es schloß sich dann die Generaldebatte über die Novelle zum Einkommensteuergesetz und die neue Ge- sellschastssteuer an, welche Erörterung am Sonnabend fortgesetzt wurde.
Reichstag.
Der Reichstag nimmt am 4. November seine Verhandlungen nach Ablauf seiner langen, im vergangenen Mai angetretenen, sommerlichen VertagungSpause wieder auf. DaS Är- bcitsprogramm des Reichstages für die anhebende neue Sitzungs
„Eigentlich nicht, mein Junge, aber wenn eS sein muß . . ."
„Na, dann bitte ich dich, mir einige Arme voll Holz zu schenken."
„Sehr gern, Hans, weshalb nicht!"
Die Arme waren sehr kräftig, die das Holz trugen. Es reichte jedenfalls für mehrere Wochen. Als er zurückkehrte, suchte er in der Küche die Mutter auf.
„Liebes Muttchen, sieh doch mal nach Tante Jettchen und Czecha — da scheint es sehr knapp herzugehen. Wenn du einen unbekannten Wohltäter brauchst, hier steht er!"
„Du wolltest doch sparen, Hans!"
„Das Geld ist gut angelegt, Mutter!"
Zärtlich strich ihm sein Mütterchen über die lockigen Haare.
„Ich habe ja nichts dagegen, mein Junge. Ich bin auch der Meinung: Wohltun bringt Zinsen."
In der nächsten Nacht ging Hans fischen. Am andern Morgen brächte das Dienstmädchen aus der Försterei der Tante Jettchen einen Korb voll der schönsten Fische mit einem freundlichen Gruß von Frau Förster.
An demselben Tage fuhr daS Gespann des Försters zwei große Sprockhaufen an, die der Haumeister auf der Holzauktion erstanden hatte, die Holzschläger hackten es klein und schichteten es im Stall aus.
Czecha wußte wohl, daß hinter der Frau Förster, die das alles veranlaßt hatte, ein anderer stand. Es war ihr peinlich, und tagelang ging sie nicht ins Forsthaus, aber im stillen freute sie sich darüber. Und dabei kamen ihr allerlei Gedanken, die ihr die Backen erglühen ließen — bis sie sich selbst auSschalt und die Maschine wieder schnurren ließ.
Im Frühjahr, kurz vor der Versetzung nach Prima, über- raschte HanS seine Eltern mit der Bitte, ihn aus der Schule zu nehmen und Lehrer werden zu lassen. Der Gustav Sänger fei bloß von Obertertia mit dem Sekundanerzeugnis aufs Seminar gegangen und in einem Jahre schon sei er in Amt und Würden. Er habe sich bei einem Lehrer erkundigt: mit dem Primanerzeugnis brauche er nur zwei Jahre aufs Seminar zu gehen. Dann sei er versorgt und brauche ihnen nicht
periode weist schon jetzt eine reiche Fülle gesetzgeberischen Materials auf, an dessen Spitze die ebenso umfangreiche wie wichtige Vorlage über die Reform der Reichsfinanzen steht. Die Beratung dieser Vorlage wird offenbar einen erheblichen Teil der Zeit des Reichstages in Anspruch nehmen, sodaß eS schon jetzt als ausgemacht gelten kann, daß am Schluß der jetzigen Wintertagung des Hauses abermals eine Anzahl Gesetzentwürfe unerledigt zurückbleiben werden.
Ansmche an Die BtMkemz über die Bedeutung und die Ausführung der
Viehzählung am 1. Dezember 1908.
Am 1. Dezember dieses Jahres findet in Preußen eine außerordentliche Viehzählung kleineren Umfanges statt.
Folgende Viehgattungen werden gezählt:
1. die Pferde, und zwar gesondert nach folgenden Gruppen: a) die unter 3 Jahre alten Pferde, einschließlich der Fohlen, b) die 3 bis noch nicht 4 Jahre alten Pferde, einschließlich der Militärpferde, c) die 4 Jahre alten und älteren Pferde, einschließlich der Militärpferde;
2. das Rindvieh, und zwar a) die unter 3 Monate alten Kälber, b) das über 3 Monate bis noch nicht 1 Jahr alte Jungvieh, c) das 1 bis noch nicht 2 Jahre alte Jungvieh, d) die 2 Jahre alten und älteren Bullen, Stiere und Ochsen, e) das 2 Jahre alte und ältere Rindvieh weiblichen GefchlechtS (Kühe, Fersen, Kalbinnen);
3. die Schafe, und zwar a) die unter 1 Jahr alten Schafe, einschließlich der Lämmer, b) die 1 Jahr alten und älteren Schafe;
4. die Schweine, und zwar a) die unter Va Jahr alten Schweine, einschließlich der Ferkel, b) die Va bis noch nicht 1 Jahr alten Schweine, c) die 1 Jahr alten und älteren Schweine.
Aus die genaueste Beantwortung der Fragen nach den Unterabteilungen der einzelnen Viehgattungen muß besondere Sorgfalt verwendet werden, da nur hierdurch eine ausreichende Kenntnis der Zusammensetzung und der vor- oder rückwärts schreitenden Entwickelung des Viehstandes gewonnen werden kann. Diese Kenntnis ist für viele wirtschaftliche Zwecke, so u. a. für alle Maßnahmen zur Förderung der Viehzucht, unentbehrlich; die Angabe der Gesamtzahl für die einzelnen Viehgattungen genügt zu derartigen Zwecken niemals.
Die Zählung erfolgt wie im vorigen Jahre wieder nach Haushaltungen (also nicht wie früher nach Gehöften).
Jeder Haushaltungsvorsteher oder sein Stellvertreter hat das ihm gehörende oder unter seiner Obhut befindliche Vieh, welches in der Nacht vom 30. November bis 1. Dezember 1908 auf dem Gehöfte, wo er wohnt, steht, nach Maßgabe der Zählkarte zu zählen und in diese wahrheitsgetreu einzü- tragen.
mehr zur Last zu fallen. Es sei feine Pflicht, als Aeltester den Eltern bei der Erziehung der jüngeren Geschwister zu helfen.
Als er seine lange Rede gehalten, lachte der Förster kurz auf.
„Wenn du dir die grüne Farbe gewählt hättest, würde ich'S begreiflich finden. Aber Schulmeister! Wie kommst du daraus?"
„Vater, ich habe Geschick zum Unterrichten und es macht mir Vergnügen!"
„Hm, — und die Flinte und der Wald! Was sagen die?"
Hans nickte traurig. „Das habe ich mir auch gesagt, Aber eS geht nicht, es dauert mir zu lange, bis ich zu Brot komme."
„So! Du hast ja furchtbar vernünftige Ansichten gekriegt. Mein Sohn, nun will ich dir mal was sagen: ich freue mich, daß du einen Beruf ergreifen willst, der dich balD auf eigene Beine stellt, doch unsertwegen braucht das nicht zu geschehen. Wir bringen die Opfer gern, damit ihr höher hinauskommt als euer Vater! Du wirst also ruhig daS Gymnasium bis zum Abiturium durchmachen. Dann steht dir die ganze Welt offen."
„Ich habe keine Lust zum Studieren."
„Das wäre sonderbar, wenn du nicht soviel Ehrgeiz besitzen wolltest! Hoffentlich findet er sich noch bei dir!"
„Vater, weshalb wollt Ihr mich dazu zwingen?"
„Zwingen, mein Junge? Das ist wohl nicht der richtige Ausdruck. Wir sind etwas älter als du und sehen etwas weiter. Nach einigen Jahren, wenn du etwas vernünftiger geworden bist, wirst du uns recht geben. — Damit wären wir wohl fürS erste einig. Und nun spring 'rüber zu Reiner und frag' ihn, ob er schon die Zippdrosfel gehört hat. Dann könnte auch die Schnepfe da fein!"
Gehorsam machte Hans Kehrt uud ging hinaus. Er wußte sehr gut, daß es gegen den Willen deS Vaters keinen Widerspruch gab. Sonst war mit ihm sehr gut auszukommen, denn er ließ seinen Söhnen ihren Willen und kümmerte sich nicht um alle Kleinigkeiten. Er fragte nicht, wenn sein Aeltester