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herssel-er Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 138.
Sonnabend, den 31. Oktober
1908.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 28. Oktober 1908.
Um Unterlagen für die in Aussicht genommene Kirchensteuer-Veranlagung zu gewinnen, hat der Kirchenvorstand der hiesigen katholischen Gemeinde ersucht, die OrtSvorstände zu veranlassen, ihm folgendes mitzuteilen:
1. Die Namen sämtlicher innerhalb der einzelnen Ortschaften des Kreises zur Staatseinkommensteuer veranlagten Katholiken und der auf sie veranlagten Staatseinkommensteuer-Sätze.
2. Die Namen des katholischen Teiles gemischter Ehen, soweit von den Ehemännern Einkommensteuer gezahlt wird, unter gleichzeitiger Mitteilung der Staatseinkommensteuer-Sätze und der von den evangelischen Männern katholischer Frauen gezahlten Kirchensteuern.
Ich weise die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises (mit Ausnahme der Stadt Hersfeld) an, solche Nach- weisungen aufzustellen und binnen 8 Tagen an Herrn Curatus Goldbach hier einzusenden.
St. 2521. Der Königliche Landrat von Grunelius.
Hersfeld, den 27. Oktober 1908.
Die unter dem Schweinebestande des Bürgermeisters Rosen- stock und des Landwirts Heinrich Deiseroth zu Hilmes aus- gebrochme Rotlausseuche ist erloschen. I. 11068. Der Königliche Landrat.
I. V.: T h a m e r.
—
HerSfeld, den 27. Oktober 1908.
Die unter dem Schweinebestande des Bürgermeisters Bohlender zu Roßbach ausgebrochene Rotlausseuche ist erloschen. I. 11074. Der Königliche Landrat.
J. V.:
T h a m er.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Während der Berichtswoche haben die Verhandlungen des Preußischen Landtages ihren Anfang genommen. Eingeleitet wurden dieselben mit der Vereidigung der neuein- getretenen Mitglieder, und da bot sich denn das Schauspiel dar, daß auch die sechs Sozialdemokraten, die zurzeit das preußische Parlament zieren, dem Könige den Eid der Treue leisteten. Die parlamentarischen Beratungen selbst haben bisher die Beamten- und Lehrerbesoldungsvorlage zum Gegenstände gehabt. Es ist dies ja auch die wichtigste gesetzgeberische Materie, die das preußische Abgeordnetenhaus während der bevorstehenden Tagung zu erledigen haben wird. Von den Rednern aller Parteien mit Ausnahme natürlich des Häufleins der „Genossen" wurde den Grundzügcn des großartigen Werkes vollste Anerkennung zuteil. Man darsdaher wohl mit Zuversicht hoffen, daß auch die weiteren Verhandlungen einen glatten und befriedigenden Verlauf nehmen und das Begonnene in Kürze zu einem gedeihlichen Abschluß führen werden.
Der russische Minister des Auswärtigen Jswolski hat sich während der verflossenen Woche einige Tage in Berlin ausgehalten und mit unserm Reichskanzler Fürsten v. Bülow sowie dem Staatssekretär v. Schön eingehende Besprechungen gehabt. Soweit sich diese Besprechungen auf die Veränderungen im europäischen Orient bezogen haben, ist ihr Fazit durch eine halbamtliche Mitteilung der Oeffentlichkeit bekanntgegeben worden. Es erhellt daraus, daß für die Stellungnahme Deutschlands nach wie vor unser Bundesverhältnis zu Oesterreich maßgebend ist. Von der deutschen Regierung wird daher sowohl die Weigerung Oesterreichs, seine Annexion Bosniens und der Herzegowina noch auf einer Konferenz diskutieren zu lassen, als auch der österreichische Widerspruch gegen territoriale Kompensationen für Serbien und Montenegro gutgeheißen und verteidigt. Ferner hat sich Herr v. Jswolski davon überzeugt, daß „eine Konferenz nur dann nützlich erscheint, wenn zuvor völlige Uebereinstimmung unter allen Signatarmächten des Berliner Vertrages über Umfang und Inhalt des der Konferenz zu unterbreitenden Programms erzielt ist". Die Aussichten für eine solche Einigung haben sich letzthin offenbar gebessert, doch läßt sich bei der Politik der Ucberraschungen in orientalischen Angelegenheiten, der zusolge die Bilder fast kaleidoskopartig wechseln, ein irgendwie sicheres Prognostikon für die fernere Entwickelung der Dinge nicht stellen.
Die Balkanangelegenheiten nahmen, wie dies ja erklärlich ist, auch einen breiten Raum in den Ausführungen ein, die Freiherr von Aehrenthal jüngst in der öster- mchischen Delegation gemacht hat. Der Leiter der auswärtigen Politik Oesterreich-Ungarns wandte sich mit Schärfe dagegen, aus einer etwaigen Konferenz die vollzogene Tatsache der Annexion Bosniens und der Herzegowina in Frage gestellt
oder zum Gegenstände der Diskussion gemacht werde, erklärte aber zugleich, nichts dagegen zu haben, wenn die Konferenz von dieser Tatsache Kenntnis nähme und bei einer Revision des Berliner Vertrages die Aushebung des Bosniens und den Sandschak betreffenden Artikels konstatierte. Was die Frage der Kompensationen anbelange, so könne von solchen doch nur der Türkei gegenüber die Rede sein, und dieser sei seitens Oesterreichs mit Ueberlassung des Sandschaks Novibazar bereits freiwillig eine Kompensation gewährt worden. Serbien und Montenegro hätten kein Recht, zur Annexion diplomatisch Stellung zu nehmen, und täten besser, an ihrer inneren Entwicklung zu arbeiten, statt unrealisierbaren Träumen nachzu- hängen. Aus die allgemeine Lage übergehend, fand der Minister alsdann warme Worte zum Lobe und Preise des Dreibundes. Wir freuen uns dessen von Herzen und glauben die Stimmung der übergroßen Mehrheit des deutschen Volkes richtig wiederzugeben, wenn wir sagen, daß die bundessreund- liche Gesinnung, die aus jenen Worten hervorleuchtete, in Deutschland sicherlich weit und breit ein kraftvolles Echo finden wird.
Den Sozialdemokraten will auch im Auslande nichts mehr recht glücken. Soeben haben für den S ch w e i z e r Ratio- n a l r a t und für den n i e d e r ö st e r r e i ch i s ch e n L a n d- t a g Wahlen stattgefunden, und in beiden Fällen schnitten die „Genossen" herzlich schlecht ab. In der Schweiz muß selbst ihr Führer Greulich, der es so geschickt versteht, sich nach Bedarf ein christliches Mäntelchen umzuhängen und damit arglose Gemüter zu täuschen, in wenig aussichtsvollcr Stichwahl um sein Mandat ringen. In Niederösterreich aber haben die Christlich-Sozialen au&Aj Grund der neuen Landtagswahlordnung einen glänzenden Sieg errungen und damit den Beweis erbracht, daß ihre Partei nach wie vor in der Gunst der breitesten Volksmassen fest verankert ist. In Wien wurden 43 Christlichsoziale und 5 Sozialdemokraten gewählt. Von den 10 Mandaten der Landstädte und Landgemeinden gewannen die Christlichsozialen neun Mandate, die Sozialdemokraten eins. Da die Wiener Wahlen noch dazu aus der Grundlage des allgemeinen und gleichen Wahlrechts vollzogen wurden, muß die Niederlage der Roten in Wahrheit als geradezu vernichtend bezeichnet werden.
Refsrmatisnsfest.
Heute feiert unsere evangelische Kirche die Wiederkehr des denkwürdigen Tages, an dem einst Dr. Martin Luther seine 95 Streitsätze gegen das Buß- und Ablaßwesen der Kirche an die Schloßkirche zu Wittenberg heftete. Von diesem 31. Oktober 1517 datiert der Beginn der Reformation, durch welche die evangelische Kirche ins Dasein trat. Das Reformationsfest ist somit das Stiftungsfest der evangelischen Kirche. In unsern Tagen, wo man auch aus religiösem Gebiete alle Unterscheidungen gern verwischen möchte, wo aus der evangelischen Seite vielfach das Verständnis für Luthers Tat verloren gegangen und man gegen daS Eigenartige seines neuen und doch uralten Evangeliums gleichgültig geworden ist, wo anderseits der Katholizismus sich diese Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit zunutze macht, um die Schwankenden zu sich herüber zu ziehen — in solcher Zeit ist es wohl nötig, klar und bestimmt auf das Evangelium hinzuweisen, welches Luther seinerzeit der Heilslehre der damaligen Kirche gegenüber- stellte, und von dem er nachwies, daß er das alleinige von Gott offenbarte Christusevangelium ist.
Was ist denn das für ein Evangelium? Es handelt sich hierin um die Antwort, welche man auf die Grundfrage aller Religion findet und ins Leben umsetzt, um die Frage: Auf welche Weise erwerbe ich mir Gottes Wohlgefallen? Wie muß ich es ansangen, um von Gott für gerecht angesehen zu werden? Die Kirche war im Laufe der Jahrhunderte zu der Ansicht gekommen, daß man sich durch allerlei Tugendwerke, Bußübungen, Wallfahrten, mönchisches Leben und was derlei fromme Aeußerlichkeiten alle sind, den Himmel verdienen könne — ein Weg, der schließlich zu dem Ablaßhandel eines Tetzel führte, welcher geradezu die Sünder von ihrer Schuld und Strafe für Geld loskauste. Es war das für die Leute bequem; man konnte mit Gott sein „Soll und Haben" verrechnen wie in einem Bankgeschäft und sich dabei immer noch ein erkleckliches Guthaben herausrechnen. Außerdem brächte solcher Handel für den Papst und die Kirchenfürsten noch ein tüchtiges Stück Geld ein.
Daß dies aber nicht der richtige Weg zur Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, sein konnte, hatten schon 100 Jahre vor Luther ernste und nachdenkliche Christen eingesehen und auch ausgesprochen. DaS war ihnen aber meist schlecht bekommen. Aber das Gewissen läßt sich nicht durch Bannstrahl und Scheiterhaufen ertöten. So trat denn Luther auf und erklärte dem Papste, den Bischöfen und der ganzen Kirche: Ihr irrt; will man gerecht werden vor Gott, kann von verdienen wollen gar nicht die Rede fein, zumal mit diesen Aeußerlichkeiten ganz und gar nicht. Was ihr bei euch so hoch bewertet, ist vor dem heiligen Gott, der das Herz ansieht, wertlos. Wir sind lediglich auf Gottes Gnade angewiesen, daß er uns die Sünden vergibt um des Blutes Jesu Christi willen und
uns mit der heiligenden Kraft seines Geistes ausrüstet, uns der geschenkten Gerechtigkeit würdig zu machen und zu lernen, als ftine guten Kinder vor ihm zu leben. Der Weg zur Gnade Gottes heißt aufrichtige Buße des Herzens und herzlicher Glaube an Jesum Christ, den Erlöser. Und diesen Weg zeigt uns auch das Neue Testament.
Hier ist der große Unterschied in den Antworten auf die Frage: Wie werde ich gerecht? ersichtlich. Die katholische Kirche antwortet: Ich verdiene mir die Gerechtigkeit durch Werke; die Evangelischen sagen: Nein, aus Gnaden erklärt uns Gott für gerecht auf Grund von Buße und Glauben. Die Werke folgen dem Glauben, wie ein guter Baum gute Früchte bringt. Und bei diesem Evangelium wollen wir bleiben, in ihm leben und selig werden, eingedenkt des Wortes des Apostels Paulus: So halten wir eS nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben.
Abgeordnetenhaus.
Am Mittwoch kam die Lehrerbesoldungsvorlage zur Debatte. Abg. v. Ditsuhrt (fonf.) trat für ein Einheitsgehalt für Stadt- und Landlehrer ein, um die Landlehrer nicht zu Lehrern zweiter Klasse zu machen. Abg. Schiffer (natl.) bezeichnete die Gleichstellung der Lehrer mit den Sekretären als wünschenswert, die dem Staat allerdings eine Mehrbelastung von 70 Millionen Mark auferlegen würde, was wohl nicht angängig fei. Ministerialdirektor D. Schwartzkopff erklärte, daß eine solche Gleichstellung heute ganz undurchführbar fei. Der Abg. Schiffer wolle sen ®?t. idie Freiheit lassen, über daS Grundgehalt hincflrsgeheki, wolle ihnen aber die Freiheit, auch das Mindestgehalt festzusetzen, nicht lassen. Das gehe nicht an. Unter den Lehrern trete ein Teil für ein Einheitsgehalt und völlige Gleichheit ein, ein anderer für völlige Bewegungsfreiheit. Die Regierungsvorlage, die mit dem Mindestgehalt eine Art Einheitsgehalt bringe, halte zwischen den beiden Strömungen die rechte Mitte. Abg. Frhr. v. Zedlitz (freifonf.) trat für ein Einhaltsgehalt der Lehrer ein, das aber höher sein müsse als das Mindestgehalt der Vorlage. Den Verhandlungen wohnte der Kronprinz in der Hofloge bei.
Das Haus beschäftigte sich am Donnerstag noch einige Stunden mit dem Lehrerbesoldungsgesetz. Der erste Redner, der Sozialdemokrat Borgmann, befaßte sich aber mit der Vorlage unmittelbar verhältnismäßig wenig und legte das Hauptgewicht darauf, die preußischen Schulzustände grau in grau zu malen. Dabei hielt er sich in so enger Verbindung mit seinem Manuskript, daß der Präsident von Kröcher sich veranlaßt sah, ihn auf die Unstatthaftigkeit des Ablesens von Reden aufmerksam zu machen. Und ein zweites Mal unterbrach ihn der Präsident, als er sich allzu eingehend mit der Selbstverwaltung befaßte. Der Abgeordnete Hoff von der Freisinnigen Vereinigung führte die Debatte wieder mehr auf den eigentlichen Gegenstand der Tagesordnung zurück. Er ist mit der Vorlage ganz und gar nicht zufrieden und meint, sie bringe nur einem Teile der Lehrerschaft Vorteile, und diesem nur deshalb, weil die Gehälter bisher völlig ungenügend waren. Er erklärt es für ungerechtfertigt, das Mindestgehalt für die ganze Monarchie auf 1350 Mk. festzufetzen, da es jetzt schon in manchen Gegenden höher sei. Er bringt den Stellen- mangel in Zusammenhang mit den Besoldungsverhältnissen und tadelt die Art der Rekrutierung der Lehrerschaft, das Stipendien- und Unterstützungswesen. Der Ministerialdirektor Schwartzkopff erwidert ihm, daß von einem Stellenmangel keine Rede sein könne, da genügend Anwärter vorhanden seien, und wies unter wiederholten, sehr lebhastem Beisall die Ausführungen des Abgeordneten Hoff über die Rekrutierung der Lehrerschaft zurück, in denen er, da sie das Lehrermaterial verurteilen, eine Beleidigung der Lehrerschaft erblickt. Gegenüber dem Abgeordneten Borgmann bemerkte er, daß auch die Regierung die Schulzustände in Preußen keineswegs als nicht verbcsserungssähig ansehe, daß man aber im allgemeinen doch damit zufrieden sein könne. Der konservative Abgeordnete von Richthofen erweckte allgemeine Heiterkeit und auf der Rechten laute Zustimmung mit einer Polemik gegen den Abgeordneten Borgmann, dem er in einzelnen Punkten Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse nachwies. Der nationalliberale Abgeordnete Dr. Hackenschmidt sprach über die Lehrerverhält- niffe in Stadt und Land. Auch eine völlige materielle Gleichstellung werde den Zug nach der Stadt nicht beseitigen, es gebe andere Dinge, die den Lehrern den Ausenthalt auf dem Lande unangenehm machen. Wenn man die alleinstehenden und Ersten Lehrer Heraushebe, nicht diese Stellen mit ganz jungen Leuten besetzte, dann werde man einen seßhaften und zufriedenen Lehrerstand aus dem Lande schaffen. Der freisinnige Abgeordnete Cassel (Berlin) verteidigte sich gegen die Angriffe der Herren von Richthofen, Jderhoff und Schwartzkopff, und wiederholte, daß seine Freunde zwar die Gleichstellung der Lehrer mit den Regierungsfekretären wollen, aber zugeben, daß dies Ziel zurzeit nicht zu erreichen sei; man müsse daher suchen, ihm schrittweise näher zu kommen. Der Vorwurf, daß seine Freunde kein Interesse für die Landlehrer hätten, sei völlig unbegründet; man sollte ihn nicht aussprechen, denn