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Herrfelder ttreirblatt
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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 126.
Dienstag, den 27. Oktober
1908
Amtlicher teil.
Bekanntmachung.
Die diesjährigen Herbst-Kontrollversammlungen im Kreise HerSseld finden wie folgt statt:
gu Hersseld I
(Turnplatz an d er Hainstraße) Montag, den 2. November 1908,
Vormittags 9 Uhr
für die Mannschaften aus der Stadt Hersfeld, Hof Wehneberg.
gu Hersseld II
(Turnplatz an der Hainstraße) Montag, den r. /November 1908,
Nachmittags 3 Uhr
für die Mannschaften aus den Gemeinden Kathus, Gutsbezirk Oberrode, Petersberg mit Kühnbach, Gutsbezirk Wilhelmshof, Sorga mit Sölzerhöfe, Gutsbezirk Bingartes mit Johannesberg, Meisebach, Kalkobes, Gutsbezirk Eichhof, Eichmühle, Heenes, Hermannshof.
gu Friedlos
(bei Gastwirt Grebe)
Dienstag, den 3. November 1908,
Vormittags 9 Uhr
für die Mannschaften aus den Gemeinden Friedlos, Reilos, Mecklar, Meckbach mit Kneipmühle, Gerterode, Rohrbach, Tann.
gu Obergeis
(bei Gastwirt Ernst)
Dienstag, den 3. November 1908,
Nachmittags 3 Uhr für die Mannschaften aus den Gemeinden Allmershausen mit Hof Hählgans, Aua, Biedebach, Gittersdorf, Obergeis und Untergeis.
gu Heimboldshaufen
(bei Gastwirt Echtermeyer) Montag, den 9. November 1908,
Vormittags 930 Uhr
für die Mannschaften aus den Gemeinden Heimboldshausen, Ausbach, Harnrode, Gethsemane, Philippsthal, Röhrigshof mit Nippe und Unterneurode.
gu Heringen
(S ch u l p l a tz)
Montag, den 9. JSsovember 1908,
Vormittags 11 Uhr
für die Mannschaften aus den Gemeinden Bengendorf, Heringen mit Hof Füllcrode, Leimbach, Lengers, Widdershaufen und Wölsershausen. Die Mannschaften aus Kleinensee erscheinen in Hönebach.
gu Friedewald
(aus dem Schloßplatz) Dienstag, den 10. J^ovember 1908,
Vormittags 10 Uhr
Eulus Glück.
Erzählung von Ernst Clausen. (Schluß.)
„Sie üben Ihr gutes Recht als Vater, Herr Doktor I Ich habe nichts mehr zu sagen."
Hittseld griff nach seinem Hut. Lulu drückte beide Hände gegen die Brust. Es war ihr, als er der Tür zuschritt, als ginge ihr Lebensglück von ihr. Sie handelte ohne Ueber- legung, sie handelte als Egoistin, allen guten Vorsätzen zum Trotz, als sie heftig ausstieß: „Vater, eS ist nicht wahr, daß meine Mutter glücklich war! Ich, ich selbst Habs gelesen. O, mein Gott im Himmel."
Und sie sank auf den nächsten Stuhl, ihr Gesicht mit den Händen bedeckend. Ein Weinkrampf schüttelte ihren Körper.
Hittseld hatte sich, schon an der Tür stehend, umgewendet, er konnte die Bedeutung der Worte nicht verstehen, aber er sah den Doktor bleich werden, sah, wie dieser mit hastigen Schritten an Lulu herantrat, und hörte, wie er flüsterte: „WaS sagst du da? Lulu, du redest irre!"
Sie schüttelte schluchzend den Kopf. Hittseld sah, daß hier ein Dritter zu viel war, daß sich da'etwas begab, das zwischen Vater und Tochter allein abgemacht werden müsse. So ging er ohne Gruß leise hinaus.
„Lulu! Wer gibt dir das Recht, so etwas zu sagen, mir, deinem Vater?"
Da nahm sie die Hände vom Gesicht. „Ich wollte dir nicht wehe tun! Ganz gewiß nicht, Vater! Ich weiß nicht mehr, was ich sagte. Verzeih, Vater"! Ich habe ihn ja so lieb, so furchtbar lieb!"
Doktor Weishaupt ging langsam zum Fenster. Er erinnerte sich einer Tages, wo Lulus Mutter aus demselben Stuhl saß wie jetzt ihr Kind. Es handelte sich damals um me Werbung eines Mannes, der WeishauptS jüngere Schwester heiraten wollte, die nun auch schon draußen im Familien- begräbmS lag.
Er war Vormund der Schwester und wies den Bewerber
für die Mannschaften aus den Gemeinden Friedewald mit Hof Weißenborn, Herfa, Lautenhausen mit Hof Oberneurode und Hillartshausen.
gu Schenklengsseld
(bei Gastwirt Kroneberg) Dienstag, den io. JVovember 1908,
Nachmittags 3 Uhr für die Mannschaften aus den Gemeinden Conrode, Dünkel- rode, Malkomes, Motzfeld, OberlengSseld, Ransbach, Hilmes, Lampertsseld, Landershausen, Schenklengsseld, Schenksolz, Unterweisenborn, Wehrshausen und Wüstfeld.
gu Oberhaun
(bei G a st w ir t Ki el) Sonnabend, den 14. November 1908,
Vormittags 10 Uhr für die Mannschaften aus den Gemeinden Eitra, Hilperhausen, Kohlhausen, Oberhaun, Roßbach, Rotensee, Sieglos, Unterhaun und Wippershain.
gu Niederaula (K i r ch p l a tz)
Montag, den 36. f<ovember 1908,
Mittags 12 Uhr für die Mannschaften aus den Gemeinden Asbach, BeierShausen, Hattenbach, Kerspenhausen, Solms, Stärklos, GutSbezirk Engelbach mit Hof Sternberg, Kruspis, Mengshausen, Niederaula, Niederjosfa und Holzheim.
gu Kirchheim
(bei Gastwirt Nutzn)
Montag, den 16. November 1908,
Nachmittags 330 Uhr
für die Mannschaften aus den Gemeinden Allendorf, Frielingen, Gersdorf, Gershausen, Goßmannsrode mit Hof Siebenmorgen, Heddersdorf, Kemmerode, Kirchheim mit Weich und Eichmühle, Kleba, Reckcrode, Reimboldshausen, Rotterterode mit Hof Beiersgraben und Willingshain mit Hof Löscher.
Zur strengen Nachachtung für die beteiligten Mannschaften fügt das Bezirkskommando folgende Bemerkungen hinzu:
1. Zu den Herbst-Kontrollversammlungen haben zu erscheinen :
a) diejenigen Mannschaften, welche in der Zeit vom 1. April bis 30. September 1896 eingetreten und deshalb zur Landwehr bezw. Scewehr H. Aufgebots übergesührt werden.
b) sämtliche Reservisten und Dispositionsurlauber.
c) die zur Verfügung der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften.
d) sämtliche Invaliden der Reserve mit Ausnahme der dauernd abgefundenen Ganzinvaliden.
2. Die Einberufung zu den Konttollversammlungen findet lediglich durch diese öffentliche Aufforderung und durch Ausrufen in sämtlichen Ortschaften statt.
ab. Jetzt sah er seine selige Frau wieder vor sich, wie sie kämpfte für die Schwägerin, wie sie zuerst bat und flehte, man möchte ihr nicht jede Hoffnung abschneiden wie sie dann heftiger und heftiger wurde, bis sie in die Worte ausbrach: „Du kannst sagen, Eberhard, was du willst, aber was du tust, ist Sünde!"
Er hatte die leidenschaftlichen Worte ihrem Zustand zugute gehalten, es war kurz nach Lulus Geburt gewesen und die junge Mutter sühlte sich noch sehr schwach. Er war ja Arzt und wußte, daß man in solchen Zeiten Nervosität nur mit Ruhe behandeln kann. Später schickte er seine Frau mit dem Kinde zur Kur nach Pyrmont und seitdem waren solche leidenschaftlichen Szenen nicht wieder vorgekommen. Merkwürdig, wie ähnlich Lulu der Mutter war!
Nach kurzem Sinnen sagte er langsam: „Lulu, gib mir die Briese!"
„Nur das nicht!" flehte sie. „Nur das nicht! ES ist nichts darin, ich war schlecht, ich habe gelogen, mir fiel in der Angst nichts anders ein! — Mutter! 0 Mutter!"
Es klang wie ein Hülferuf.
„Ich will die Briese haben! Ich bestehe daraus 1 Komm, Lulu!"
Er ging ihr voran, die Treppe hinauf. Als sie oben vor dem Schubfach kniete, in dem die Briese lagen, sagte sie nochmals: „Vater, erlaß mir daS! Laß mich glücklich werden mit ihm!"
Sie hielt zögernd das Päckchen in der Hand.
„Nein, Lulu, ich will die Wahrheit wissen!"
Da sprang sie auf, an ihm vorbei zum Ofen, riß dessen Tür auf und warf die Briese in die Kohlenglut. Hochaus- atmend stand sie und sah ihren Vater an. Er sagte kein Wort, sondern ging langsam zur Tür hinaus; sie hörte ihn die Treppe hinabschreiten und sich dann in sein Zimmer ein- schließen.
Sie stand und starrte in die Glut, die langsam, Blatt um Blatt verkohlend, ein jedes langsam aufrollte. Dann warf sie sich aus das Sofa, und vergrub den Kops in die Kissen. Sie konnte nicht mehr denken, nicht einmal mehr weinen.
Die Nichtbefolgung der Berufung zu den Kontrollversammlungen hat Arrest zur Folge.
3. Die Mannschasten aus einzelnen, hier nicht genannten Höfen, Mühlen u. s. w. werden zu den Ortschaften gerechnet, zu deren Gemeinden sie gehören.
4. Die Mannschaften haben den Militärpaß und daS Führungsattest mit zur Stelle zu bringen.
5. Gesuche um Besremng von der Kontrollversammlung sind rechtzeitig bei dem Hauptmeldeamt der Königlichen Bezirks-Kommandos in Hersfeld anzubringen und können nur durch das Bezirks-Kommando genehmigt werden.
Wer vor der Kontrollversammlung keinen Bescheid erhält, hat sich dennoch zu gestellen.
6. Etwaige plötzliche Krankheits- oder sonstige Verhinderungsfälle müßen entweder durch ärztliche Atteste oder durch Atteste der Orts- oder Polizeibehörde, welche spätestens auf dem Kontrollplatz abzugeben find, bescheinigt werden. In allen ärztlichen Attesten ist die Krankheit anzugeben.
Atteste, welche nur die Bemerkung enthalten, daß ein Mann am Erscheinen zur Kontrollversammlung gehindert ist, ohne Angabe des Grundes sind ungültig und werden nicht angenommen.
7. Alle Mannschaften gehören während des ganzen TageS, zu welchen sie zu den Konttollversammlungen einberufen sind, zum aktiven Heere und sind demnach den Militär- strafgesetzen unterworfen.
8. Es wird noch ausdrücklich bemerkt, daß diejenigen Mannschasten, welche zur Fahrt nach dem Konttollverfamm- lungSort die Eiftn.ahn benutzen, keinerlei Anspruch aus Verabfolgung einer Militärfahrkarte seitevS der betreffen- den Eisenbahnstation haben.
9. Das Mitbringen von Stöcken pp. sowie von Hunden ist verboten.
Hersseld, den 14. Oktober 1908.
Königliches Bezirks-Kommando.
* *
Hersseld, den 15. Oktober 1908.
Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des hiesigen Kreises ersuche ich, die vorstehende Bekanntmachung in ihren Gemeindebezirken alsbald und wiederholt zur öffentlichen Kenntnis zu bringen, sowie den betreffenden Mannschaften noch besonders mitzuteilen.
Der Gendarm, zu dessen Bezirk der Kontrollort gehört, hat zwecks Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung bei den Konttollversammlungen zugegen zu sein.
I. M. 2404. Der Königliche Landrat.
I. B.:
T h a m e r.
Cassel, am 14. Oktober 1908.
Nach dem Erlasse deS Herrn Ministers des Innern vom
Es mochten Stunden vergangen sein, bis ihr Vater wieder zu ihr kam. Als er eintrat, schien es ihr, als sähe er müde auS, als grübe sich ein scharfer Zug um seine Mundwinkel ein. Er zog schweigend einen Stuhl heran und nahm die kalten Hände seiner Tochter in die seinen.
„Liebes Kind! Ich habe es durchgekämpft! Sei offen mit mir, deinem Vater! Mir ist, als lernte ich jetzt erst deine selige Mutter kennen! jetzt, wo es zu spät ist!"
Er sprach sehr leise und strich dabei über ihre Hände. Sie lehnte den Kops gegen seine Schulter.
„Sieh, Vater, die Briefe waren an Mutter- Freundin gerichtet und es stand etwas zwischen den Zeilen, glaube ich, irgend ein Leid, ein Herzweh, das ich herauSzufühlen meinte. Ich war ja so schrecklich traurig! Und dann, Vater, erzähltest du mir selbst, daß meine Mutter, ehe sie dich gekannt, eine andere Neigung gehabt und doch glücklich wurde, später, mit dir!"
„Nicht, ehe sie mich kannte, Lulu! Gutes Kind, schone mich nicht! Schrieb sie, daß sie unglücklich war, ganz unglücklich mit mir?"
Durch den Ton seiner Stimme klang, vernehmlich für Lulu- Ohr, eine bange, zitternde Hoffnung, daß die Frage verneint werden könnte.
„Nein, Vater, davon stand wohl nichts in den Briefen! Ganz gewiß nicht! Im Gegenteil" — sie nestelte sich noch näher an deS Vaters Brust heran — „das hätte die Mutter ja gar nicht schreiben können! Nein, du seiest so gut gegen sie gewesen, habest ihr alles zuliebe getan! Und dann schrieb sie auch, wie sehr sie die Freundin beneide, ein Kind zu haben?"
„O, tat sie daS wirklich?"
„Ganz gewiß, Vater! Nur im Anfang klingt es auS den Briefen, als ob es ihr schwer geworden, als hätte es ihr Kämpfe gekostet, eine alte Neigung zu vergessen."
Wie ernst und zartfühlend die kleine Lulu sprach, die selbst noch bis vor wenig Tagen ein Kind war, dem eigene- Herzeleid dann daS Verständnis für Fragen öffnete, die so zarte Behandlung erforderten.
„Nannte sie einen Namen?"