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herrselder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 125.

Sonnabend, den 24. Oktober

1908.

Amtlicher teil.

Hersfeld, den 20. Oktober 1908.

Der Landesausschuß hat beschlossen, für das Jahr 1909 die Erhebung einer einfachen Viehseuchenabgabe für Pferde usw. 20 Psg. für jedes Stück und einer dreifachen Abgabe für Rindvieh 15 Psg. für jedes Stück (vergl. §§ 5 bis 7 des Reglements vom 7. Dezember 1881 14. Januar 1882 anzuordnen. Zur Erhebung der Abgabe für Rindvieh ist die nach § 10 dieses Reglements erforderliche Genehmigung des Herrn Oberpräsidenten erteilt worden.

Die Herren Orts- bezw. Gutsvorstände des Kreises ersuche ich, wegen Zählung des Viehbestandes am 2. November d. I. die erforderlichen Anordnungen zu treffen. Das Formular zur Aufstellung des Verzeichnisses wird in den nächsten Tagen über- sandt werden.

Nach bewirkter Aufstellung ist das Verzeichnis nach zu- voriger öffentlicher Bekanntmachung 14 Tage lang (vom 6. bis einschließlich 19. November d. Js.) . offen zu legen und mir hierauf mit der entsprechenden Bescheinigung versehen spätestens bis zum 25. November d. I s. zur Feststellung einzureichen.

I. 10829. Der Königliche Landrat.

I. V.:

T h a m e r.

Bekanntmachung.

Zu einer gründlichen Ausbildung der Studierenden der Medizin für ihren Beruf als praktische Aerzte reichen die für den Unterricht zur Zeit verfügbaren Leichen bei weitem nicht aus. Wir ersuchen daher ergebenst, bei vorkommenden Selbst­morden, Todesfällen von Ortsfremden und Ortsarmen u. s. w. in Gemeinden die Leichen derselben an die Universität Marburg überweisen zu wollen und zwar derart, daß die Anzeige so schnell wie tunlichst hierher gelangt, damit der Transport der Leiche erfolgen kann, ehe sie in den Zustand der Verwesung übergeht. Ein Telegramm an die Adresse:Anatomie Marburg" ist am meisten zu empfehlen. Es erfolgt dann sofort die Abholung der Leiche von hier. Die Beschaffung eines Sarges ist unnötig, da ein Leichentransportkasten mit­gesandt wird. Leichen, die bereits in Verwesung übergegangen sind, müssen natürlich von dem Transport hierher ausgeschlossen bleiben.

Alle für den Transport entstehende Kosten werden von Seiten der beteiligten Institute in Marburg getragen und bereits stattgehabte Auslagen für die genannten Zwecke werden unverzüglich erstattet.

Es sei ausdrücklich hervorgehoben, daß sämtliche Leichen, nachdem sie dem Unterricht gedient haben, aus dem allgemeinen Friedhof der Stadt Marburg beerdigt werden.

Wir weisen noch besonders auf die sehr erhebliche Er- sparung von Gemeindeunkosten hin, welche durch die Ueber- weisung der Leichen hierher erzielt werden.

Marburg, den 9. Oktober 1908.

I. A.: Der Direktor des anatomischen Instituts. * Hersseld, den 20. Oktober 1908. Wird veröffentlicht.

I. 10813. Der Königliche Landrat.

I. V.:

Th am er.

Hersseld, den 21. Oktober 1908.

Die Herren Orts- und Gutsvorstände deS Kreises haben mir bis spätestens zum 5. November d. JS. zu berichten:

1. wieviel Quittungskarten von Formular A (gelb),

2. wieviel Quittungskarten von Formular B (grau),

3. wieviel Quittungssormulare für Invaliden- und Renten­empfänger

für das Jahr 1909 voraussichtlich erforderlich sein werden.

Hierbei wird bemerkt, daß die Quittungskarte B nur für solche freiwillige Versicherte auszustellen ist, für welche früher noch niemals auf Grund versicherungspflichtiger Tätigkeit Beitragsmarken verwendet worden sind, und daß diejenigen Personen, welche einmal dem Versicherungszwange unterlegen haben, Quittungskarten nach Formular A weiter gebrauchen müssen, auch für den Fall, daß sie sich freiwillig weiter ver­sichern wollen.

I. 10745. Der Königliche Landrat.

I. V.:

T h a m e r.

nichtamtlicher teil.

Politischer Wochenbericht.

Die parlamentslose Zeit ist nun vorüber, nachdem die Eröffnung der preußischen Landtags im alten Hohenzollernschlosse zu Berlin mit einer Thronrede durch den Kaiser feierlich vollzogen worden ist. An die Spitze der

Thronrede ist das Versprechen einerorganischen Fortent­wicklung" des Landtagswahlrechts gestellt. Daraus, daß von einerorganischen Fortentwicklung" die Rede ist, geht un­zweideutig hervor, daß die Grundlagen des jetzt bestehenden Landtagswahlrechtes unangetastet bleiben sollen. Damit ist allen radikalen Reformbestrebungen von vornherein die Spitze abgebrochen. In der an die Eröffnung sich anschließenden Sitzung des Abgeordnetenhauses ist sodann der in der Thron­rede angekündigte Gesetzentwurf über die Ausbesserung der Beamtengelder mit einer längeren Rede des Finanzministers v. Rheinbaben eingebracht worden, durch die langgehegte Wünsche der Beamten in Erfüllung gehen. Der finanzielle Mehrbedarf, der sich aus der Beamtenbesoldungsreform ergibt, wird auf 200 Millionen Mark beziffert, die im wesentlichen durch die Erhöhung der Einkommen- und Vermögenssteuer in den höheren Stufen ausgebracht werden sollen. Dem Landtage steht somit eine arbeitsreiche, wichtige Session bevor, die eine außergewöhnliche Arbeitslust und Opsersreudigkeit er­fordert, und jeder Patriot wird sich von Herzen dem landes- väterlichen Wunsch,: des Kaisers anschließen, daß die Arbeiten des neuen preußischen Landtages dem Staate zum Segen ge­reichen mögen.

Zu einer erhebenden Feier gestaltete sich die in der Be- richtSwoche vollzogene Enthüllung der Bismarck- büste in der Walhalla bei Regensburg, jenem mächtigen dorischen Bau, der ein Abbild des Parthenons zu Athen ist. König Ludwig I. von Bayern hat in der hoch­gemuten Stimmung des siegreich durchkämpften Freiheitskrieges gegen Napoleon den Bau als dauerndes Denkmal deutschen Ruhmes und deutscher Größe begründet, an einem Jahres­tage der Schlacht von Leipzig mürbe der Grundstein gelegt, sieben Jahre später, am gleichen Gedenktage, fand die Ein­weihung statt, und wieder zog ein 18. Oktober herauf, um Zeuge des feierlichen Aktes zu werden, der Bismarcks Heim­fahrt gen Walhalla geleitet. Der bayerische Ministerpräsident Frhr. v. Podewils hielt die Gedächtnisrede aus den Heimge­gangenen Fürsten Bismarck und schlug dabei Töne an, die jedem guten Deutschen ans Herz greisen und ihm die historische Reckengestalt des großen Einigers unseres Volkes weihevoll, ja dichterlich verklärt in all ihrer Pracht und Herrlichkeit vor Augen führen. Ergreifend schön war der Hinweis des Ministerpräsidenten aus die Erfüllung desSeherwunsches" des für das deutsche Volk glühend begeisterten Stisters der Walhalla, dem es stolzeste Ersüllung sei, wenn an dem Ge­denktage der glorreichen Leipziger Völkerschlacht Bismarck in den Kreis der Genossen Walhalls als treuer deutscher Diener seines Herrn einziehe, dem großen Heldenkaiser zur Seite im Geiste der Grabschrist, die sein schlichter Sinn sich selbst be­stimmt. Aus der ganzen Rede aber klang die Mahnung her­aus, der großen Vergangenheit und den Grundsätzen des Fürsten Bismarck treu zu bleiben.

In O e st e r r e i ch hat sich die böhmische Krisis zu einer innerpolitischen Krisis erweitert; denn es ist fraglich, ob es dem diplomatischen Geschick des Ministerpräsidenten Freiherrn von Beck gelingen wird, das Hinübergreisen des allgemein ver­schärften deutsch-tschechischen Gegensatzes in das österreichische Parlament zu verhüten. Das unerhörte Verhalten der Tschechen gegen die Deutschböhmen hatte die Deutschen im böhmischen Landtage veranlaßt, der tschechischen Gewaltherrschaft sofort die Obstruktion entgegenzusetzen, so daß der Landtag vertagt werden mußte. Die Folge davon war die Demission der tschechischen Minister Prazeck und Dr. Fiedler. Daß die drei deutschen Parteiminister des Kabinetts Beck sich nicht ent. schloffen haben zurückzutreten, sondern auf ihrem Posten bis aufs äußerste ausharren wollen, ist nur anzuerkennen, und Unterrichtsminister Dr. Merchet hat ganz Recht, wenn er sagte: Es wäre aus politischen und taktischen Gründen unrichtig, gerade jetzt, da sich vielleicht hochwichtige Entscheidungen vor­bereiten, die Flinte ins" Korn zu werfen. Das hieße nur die Geschäfte der Tschechen und anderer deutschfeindlichen Parteien besorgen.

Die Lage auf der Balkanhalbinsel hat sich vorläufig nicht geändert. In Serbien scheinen die ernsten Mahnungen Deutschlands und Oesterreichs die Regierung etwas zur Vernunft gebracht zu haben; denn sie hat dem österreich-ungarischen Geschäftsträger die Erklärung abgegeben, sie werde alle Maßnahmen zur Verhütung einer Wiederholung der Ausschreitungen gegen Oesterreich treffen, in deren Mittel­punkte übrigens der serbische Kronprinz stehen soll. Die Aussichten der Balkankonserenz sind nicht besonders; denn auch in Oesterreich scheint man jetzt, nachdem die Türkei die direkte Verständigung mit Bulgarien versucht, die Einberufung einer Konferenz für unnütz zu halten und deren Beschickung ablehnen zu wollen. Da aber Deutschland nur für den Fall die Konferenz akzeptiert, wenn diese auch von der Türkei ange­nommen wird, so gelten jetzt die Chancen deS Zustande­kommens der Konferenz für weniger günstig, als dies noch vor kurzem der Fall war.

Festtage im Kaiserhause.

Heute morgen um 9 Uhr fand bei Ihren Majestäten ein Familienfrühstück mit den hier weilenden hohen Verwandten statt. Um 10 Uhr nahm Ihre Majestät die Kaiserin im kleinen Speisesaal die Geburtstagsgratulationen der Palast­damen Ihrer Majestät und des engeren Hofes entgegen, ebenso diejenigen der Kommandeure der beiden Leibregimenter Ihrer Majestät, um 10V2 Uhr im Pseilersaal diejenigen der Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses und der anwesenden Fürstlichkeiten. Später unternahmen Ihre Majestäten eine Ausfahrt.

Heute mittag speisten die Majestäten mit ihren im König­lichen Schlosse wohnenden Kindern. Die hohe Braut speiste mit ihrer Mutter, der Herzogin Friedrich Ferdinand, allein. Die hier weilenden Fürstlichkeiten waren tyls bei den fron- prinzlichen, teils bei den Prinz Eitel-Friedrichschen Herrschaften zur Familientasel geladen.

Ihre Majestäten und die übrigen Fürstlichkeiten begaben sich nach der Frühstückstasel in Schloß Bellevue wieder nach dem Königlichen Schlosse zurück, von den Tausenden, die den langen Straßenzug bis dahin umsäumten, mit lautem Jubel begrüßt. Von Minute zu Minute verdichtete sich dieses Spalier; denn freundlich lachte die Sonne herab und die Luft hatte ihre scharfe Frische verloren. Es war Hohenzollernwetter. In den der Einzugsstraße zusührcnden Straßen der Stadt ging es sehr lebendig zu; denn von allen Seiten marschierten die Mitglieder der Innungen und des Schützenbundes in statt­lichem Zuge den ihnen zugewiesenen Stellungen zu.

Die Frau Kronprinzessin war im Schloß Bellevue zurück­geblieben, um die hohe Br^ auf ihrem feierlichen Einzug in Berlin zu begleiten. Gegen 3 Uhr setzte sich die Spitze des festlichen Zuges, der sich inzwischen geordnet hatte, in Be­wegung.

Als die Prinzessin-Braut unter den Klängen deS von den Postillionen gespieltenWir winden Dir den Jungfernkranz" in das Brandenburger Tor hineinfuhr, wurden im Lustgarten von der daselbst aufgestellten Leibbatterie des 1. Garde-Feld­artillerieregiments dreimal 24 Kanonenschüsse abgegeben. Dazu läuteten die Glocken des Domes. Zwischen den Reihen der Ehrenjungfrauen hält der königliche StaatSwagen mit den er­lauchten Insassinnen und aus der Gruppe der Vertreter der Stadt, die sich hier eingefunden haben, tritt der Oberbürger­meister Kirschner an die geöffnete Wagentür heran und be­grüßt die sich verbeugende hohe Braut, die eine rosaseidene Toilette trug, mit einer Rede.

Nachdem die Prinzessin-Braut hieraus gedankt hatte, setzte sich der prächtige Zug wieder in Bewegung von neuem setzten die Hoch- und Hurraruse der nach Tausenden zählenden Zuschauer ein, die aus Tribünen, Bürgersteigen, Balkönen, an den Fenstern der öffentlichen Gebäude und Wohnhäuser, ja selbst auf den Dächern Plätze gesunden hatten und zog innerhalb der mit Fahnen und Girlanden geschmückten Pro­menade Unter den Linden auf das Portal V des Königlichen Schlosses zu.

Gegenüber der Wendeltreppe des inneren Schloßhofes stand die Leibkompagnie mit Fahne und Musik als Ehrenwache. Prinz Eitel-Friedrich kommandierte, die Prinzen Oskar und Joachim waren eingetreten.Wir winden dir den Jungfern- kranz" bliesen die 40 Postillione, in das Portal V einreitend. Diese und die militärischen Ehreneskorten des Zuges ritten durch den Schloßhof und durch Portal 1 nach dem Schloß­platz ab. Der Staatswagen hielt vor der Wendeltreppe. Die Leibkompagnie präsentierte. Die hohe Braut und die Kron­prinzessin entstiegen dem Wagen, der Kronprinz und die Prinzen des Hauses empfingen die hohen Damen und geleiteten sie, nachdem die Ehrenkompagnie einen Vorbeimarsch ausgeführt hatte, in das Vestibül. Hier paradierte eine Ehrenwache deS Regiments Kaiser Alexander. Der Kronprinz bot der hohen Braut, Prinz August Wilhelm der Kronprinzessin den Arm und geleiteten sie unter Vortritt der Hoschargen die von einem Spalier der Schloßgardekompagnie besetzte Wendeltreppe hinauf bis zur Tür des Schweizerfaales, in welchem eine Galawache des Regiments Gardes du Corps mit dem Trompeterkorps und der 2. Zug der Leibgendarmerie (die sogenannte Leib­wache der Kaiserin) ausgestellt waren.

Hier wurde die Prinzessin-Braut von Sr. Majestät dem Kaiser und den Prinzessinnen des königlichen Hauses em­pfangen und nunmehr durch die anschließenden Prunkräume geleitet.

Im Rittersaal wurde daraus die Prinzessin-Braut von der Kaiserin und den höchsten Gästen begrüßt.

Bald daraus begaben sich zur Vollziehung der Ehepakten die Majestäten, die Eltern der Braut, der Großherzog von Oldenburg als Chef des Hauses Glücksburg und das Braut­paar nach dem Kurfürstenzimmer.

Aus In- und Ausland.

Das preußische Herrenhaus hielt am Mittwoch nur eine kurze Sitzung ab, in der geschäftliche Angelegenheiten erledigt wurden. Graf v. Mirbach - Sorquitten hat einen Antrag eingebracht, die StaatSregierung zu ersuchen, gegen