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hersselder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 134.
Donnerstag, den SS. Oktober
1908
Amtlicher feil.
Berlin C 2, den 22. September 1908.
Die im laufenden Etatsjahr aus Kap. 63 Tit. 6 der dauernden Ausgaben des Etats des Finanzministeriums für 1908 den Beamten und Volksschullehrern gewährten Zulagen haben den Charakter vorweggenommener Gehaltsaufbesserungen. Sie sind dem steuerpflichtigen Einkommen der Beteiligten mithin hinzuzunehmen. (I. 11. 10377.) (I. 16949.)
Der Finanz-Minister. I. A.: gez. Wallach.
* * *
Hersseld, den 15. Oktober 1908.
Wird veröffentlicht.
Der Vorsitzende der Tinkommensteuer- Veranlagungs-Kommission.
St. 2400. von Grunelius.
Hersfeld, den 17. Oktober 1908.
Zur Steuer-Veranlagung für 1909 gehen den Ortsvorständen die Staatssteuerlisten für 1908 in diesen Tagen zu.
Mit den Vorarbeiten ist rechtzeitig zu beginnen.
Die Schulden-Nachweisungen sind sorgfältig fortzusühren. Formulare hierzu hält die Funk'sche Buchdruckerei vorrätig. Die übrigen Steuerlisten-Formulare sind vom Büro der Ver- anlagungs-Kommission zu beziehen.
Der Vorsitzende der (Einkommensteuer« Veranlagungs-Kommission.
Nr. 2447. von Grunelius.
Hersseld, bey 16. Oktober 1908.
Ich mache die Ortspolizeibehörden des Kreises auf die in einer der nächsten Nummern des Amtsblatts zum Abdruck kommende Polizei-Verordnung, betreffend die Bekämpfung gemeingesährlicher Krankheiten ausdrücklich aufmerksam und weise sie zugleich an, aus ihre Handhabung streng zu sehen. I. 10632. Der Königliche Landrat.
I. V.:
T h a m er.
Gefundene GegenSande:
Ein goldener Trauring. Meldung des Eigentümers bei dem Ortsvorstand in Philippsthal.
nichtamtlicher teil.
Zur IoWelscier im Kutschen Aiserhuuse.
An diesem Donnerstag, dem 22. Oktober, findet im deutschen Kaiserhause eine Familienfestlichkeit besonderer Art
Eiilus Glück.
Erzählung von Ernst Clausen.
(Fortsetzung.)
Das Tauwetter hatte angehalten. In der Lust lag es wie Vorfrühling, wenigstens für junge Menschen in Hittselds Stimmung.
Die Spatzen spektakelten und einige junge Amselchen saßen protzig aus den obersten Zweigen der Obstbäume und übten in dem kahlen Geäste die ersten Anschläge zur Frühlingsouvertüre.
Die Straßen waren grundlos und die Gräben voll von Schneewasser. Ueberall schmutzige Pfützen und doch in jeder ein Spiegelbild vom Himmelsblau, das sich zwischen grauen Wolken herausarbeitete.
Hittfeld wollte ins Freie am Krottenberge vorbei, und als er vor des Doktors Hause über die Wegpjützen voltigierte, stand Lulu im Erkerfenster des Balkons und setzte Hyazinthen aus Licht.
Sie hatte eine große, blau- und weißgestreifte Schürze vorgebunden, und ihre Finger waren schwarz von der feuchten Blumenerde.
Viktor schwenkte bei ihrem Anblick und Ausblick den Filzhut, und wie es eigentlich zuging, weiß Lulu bis aus den heutigen Tag nicht genau, kurz und gut, sie riß die Balkontür auf, flog die Holzstusen hinunter zum Garten und über den Rasenplatz an das eiserne Staket.
„Ich baue daS Kurhaus I" rief Viktor und durch die Eisen- er d ück^s' ^m ^ crbfar&ene ^^dchenhände entgegen und
Und erst als der Tollkops Anstalten machte, die Hände zu küssen, bekam Lulu einen Schreck und einen roten Kopf.
^Um Gottes willen, meine Hände."
$a. lachte er hell auf und hielt ihr die seinigen trium- erdc^ei^ntgegeN' ^c deutliche Vielliebchenspuren von Garten-
und doch glücklich zog sich Lulu an die Treppe 5 unb schaute nicht eher zum Gartenzaun hinüber, als
statt, eine Feier, an welcher das preußische und deutsche Volk in weiten Kreisen den herzlichsten und innigsten Anteil nimmt. Am genannten Tage vollendet die Kaiserin Auguste Viktoria ihr fünfzigstes Lebensjahr, und erfolgt zugleich die Vermählung des Prinzen August Wilhelm, des vierten Sohnes des Kaiserpaares, mit der Prinzessin Viktoria Alexandra von Schleswig- Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Längst hat sich die edle Gemahlin Kaiser Wilhelm des Zweiten die Herzen ihres Volkes erobert, durch ihre unermüdliche Tätigkeit auf dem Gebiete der christlichen Nächstenliebe und der sozialen Fürsorge für alle diejenigen, denen oas Schicksal härtere Lasten auferlegte, als der Mehrzahl der Menschen. Volle zwanzig Jahre ziert sie bereits neben ihrem hohen Gemahl den deutschen Kaiser- und den preußischen Königsthron, aber niemals hat Auguste Viktoria auch nur versucht, diese ihre hervorragende Stellung dazu auszunutzen, in den Fragen der Politik irgend eine Rolle zu spielen, wie dies andere Frauen aus dem Throne vor ihr so oft getan haben. In ihrem gesunden Sinne wählte sie sich vielmehr das Arbeitsfeld, auf welchem sich die Frau und zumal die Fürstin die meisten Lorbeern zu erringen vermag, eben das der christlichen Mildtätigkeit und der nie rastenden Sorgfalt für alle jene, die in besonderem Maße mühselig und beladen die irdische Pilgerbahn durchwandeln müssen. Nach dieser Richtung hin hat die Kaiserin und Königin Auguste Viktoria stets und immerdar eine bewundernswerde Tätigkeit und Arbeitssreudigkeit entfaltet, sie stellte sowohl namhafte Mittel für die mannigfachsten humanen Zwecke zur Versügung und griff außerdem auch jederzeit persönlich ein, um diese ihre hochherzigen Gesinnungen zur Geltung zu bringen, wie taufende von Fällen beweisen. Dieses gesegnete Wirken der hohen Frau hat denn auch die verdiente Würdigung in weiten Schichten der Nation gefunden und ihr deren unbegrenzte Liebe und Hochachtung erworben. Zudem ist ja die Kaiserin das Muster einer sorglichen Hausfrau in jeder Beziehung, ebenso einer ausgezeichneten Gattin und Mutter, und auch darum begleitet das deutsche und preußische Volk den Ehrentag seiner Kaiserin und Königin mit den lebhaftesten Sympathien.
Auch der Vermählung deö Prinzen August Wilhelm trägt man in Deutschland allenthalben herzliches Interesse entgegen. Der Prinz führt jetzt durch seine Verheiratung seinen kaiserlichen Eltern die dritte Schwiegertochter zu, die, wie die Kaiserin selber, ebenfalls dem ehemaligen schleswig-hollsteinischen Herrscherhause entstammt und eine Kusine ihres künstigen hohen Gatten ist. Ausgezeichnet durch persönlichen Liebreiz, ein frisches Wesen, ein frohes Naturell und gediegenen Charakter und Herzenseigenschasten, wird es der jungen Prinzessin ebenfalls sehr bald gelingen, sich die Zuneigung weiter Volkskreise zu gewinnen, wie diese schon bei der Kronprinzessin und der Prinzessin Eitel Friedrich der Fall ist. Ihr künftiger Gemahl aber hat sich vor allem durch seine energische wissen- schastliche Betätigung bei der deutschen Nation in Respekt gesetzt, indem er sich nach fleißigen Studien den Doktorhut
bis sie ziemlich sicher sein konnte, daß er nicht mehr dort stehe.
Statt dessen stand hinter ihr in der Eßzimmertür Tante Franziska drohend, hoch ausgerichtet, wie ein Schutzgeist der guten Sitten.
„Unglaublich, Lulu!"
Da hatte sie nun die Bescherung! Aber sie warf den Kopf zurück, hob, äußerlich ruhig, eine Hyazinthe vom Boden auf und sagte: „Was ist unglaublich, Tante?"
„Welche Frage! Lulu, besinne dich! In dem Aufzuge, öffentlich im Garten! Gegenüber von Frau Liebling und — und — es spottet jeder Beschreibung!"
„Ach, Tante, ist das schön!"
Und ehe die würdige Dame eS sich versah, flog Lulu ihr an den HalS.
„Um Gottes willen, Lulu, deine Hände!" schrie Tante Franziska, zurückweichend.
„Ach so, — ja, die Hände! An so was denkt man nicht!"
Lulu schlich still wieder zu ihren Blumen zurück.
„Und waS soll ich deinem Vater sagen?"
„Was du willst, Tante!"
„Ja, sag mal, Lulu, bist du denn mit diesem — diesem Baumeister verlobt?"
„Ich glaube, so richtig noch nicht, meinte Lulu trocken, nahm in jede Hand einen Blumentops und ging an der sprachlosen Tante vorbei ins Zimmer.
Lulu war verzogen worden, kein Zweifel! Tante Franziska hatte ihren Bruder oft gewarnt. Nun mochte er selbst sehen, wie er mit dem Kinde fertig wurde.
Aber es hatte doch hübsch ausgesehen, wie die beiden so am Eisengitter standen, obgleich eS unerhört war. —
„Lulu!" rief der Vater, der inzwischen, ohne Ahnung von dem soeben Vorgefallenen, zu einem festen Entschluß gekommen war.
„Ich komme gleich, Vater! Ich muß nur erst die Hände waschen."
Während der Zeit legte sich der Doktor noch einmal jedes Wort zurecht, das er ihr sagen wollte; und als Lulu eintrat,
der Rechte an der Universität Straßburg mit Ehren erwarb. Auch Prinz August Wilhelm ist eine frische liebenswürdige Erscheinung und kann ebenfalls schon eine immer wachsende Popularität verzeichnen, wie sie von seinen älteren Brüdern namentlich Kronprinz Wilhelm schon längst besitzt. Man blickt in unserem Volke auch deshalb freudig auf die Verbindung dieses Kaisersohnes mit der anmutigen Prinzessin alldem Hause Schleswig-Holstein, weil beide ihre Ehe aus reiner gegenseitiger Herzensneigung schließen, waS bekanntlich bei Ehebündnissen in fürstlichen Kreisen durchaus nicht immer der Fall ist. Jedenfalls spricht das deutsche und preußische Voll anläßlich der Doppelfeier deS 22. Oktober der Kaiserin Auguste Viktoria wie dem jungen hochfürstlichen Brautpaare im Geiste seine tiefgefühltesten, aufrichtigsten Glückwünsche auS — möge auch das neubeginnende Lebensjahr der edlen Frau aus Deutschlands Kaiserthrone ein gesegnetes sein, möge dem Prinzen und der Prinzessin August Wilhelm nur immer ein glücklicher Stern in ihrer Ehe leuchten.
Ae Kriissilliiig M »reißischeil Landtages.
Zum erstenmal nach den Neuwahlen ist der preußische Landtag am 20. Oktober diese- JahreS zusammengetreten und mit einer bedeutsamen Thronrede eröffnet worden. Der Inhalt der Thronrede bringt keinerlei Ueberraschungen, bestätigt aber die Ueberzeugung, daß wir mit der neuen Legislaturperiode in Preußen in ein Stadium weitreichender und tiefgreifender politischer Entwickelungen für unser Vaterland getreten sind.
Wie ernst es die Regierung mit ihrem Versprechen einer Reform deS preußischen Landtagswahlrechts nimmt, beweist die erneute Ankündigung dieser Refvrm gleich im Eingänge der Thronrede. ES heißt daselbst nach einer Erwähnung de- hundertjährigen Gedenktages der Städteordnung und einem Rückblicke auf die segensreiche Entwicklung der Selbstverwaltung : „Mit dem Erlaß der Verfassung ist die Nation in die Mitarbeit auch an den Geschäften des StaateS eingetreten. Es ist Mein Wille, daß die aus ihrer Grundlage erlassenen Vorschriften über daS Wahlrecht zum Hause der Abgeordneten eine organische Fortentwickelung erfahren, welche der wirtschaftlichen Entwickelung, der Ausbreitung der Bildung und des politischen Verständnisses sowie der Erstarkung staatlichen Verantwortlichkeitsgesühls entspricht. Ich erblicke darin eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart. Ihre Bedeutung für das gesamte StaatSleben erfordert umfassende Vorarbeiten, die von Meiner Regierung mit allem Nachdruck betrieben werden." Aus dem Inhalte dieser Sätze verdient bcwnders der von einer „organischen Fortentwickelung" des bestehenden Wahlrechte- handelnde Paffu- hervorgehoben und unterstrichen zu werden. Damit sind die Bestrebungen aller derjenigen, die das jetzige Wahlrecht durch etwas absolut Neues ersetzen, also etwa daS Reichstagswahlrecht an seine Stelle treten lassen wollen, kurz alle radikalen
seine hübsche schlanke Lulu, da faßte er ihre beiden Hände und drückte sie sanft in den Lehnstuhl nieder.
„So, mein liebes Kind, ich habe etwas Ernstes mit dir zu sprechen!"
Lulu saß mäuschenstill, während ihr der Vater die Werbung deS nunmehrigen Bürgermeisters Tietenhofen vor- trug. Er schloß mit dem Satz: „Ich meinc-teils könnte durch nichts glücklicher gemacht werden, als durch diese Verbindung, liebes Kind, in der ich mit gutem Recht nach allen Umständen eine sichere Gewähr für deine Zukunft erblicken muß! Also, kann ich Tielenhosen bitten, zu kommen?"
„Nein, Vater", sagte sie mit gesenktem Kopf.
„Kind, überlege dir das in Ruhe I Ich will dich nicht drängen! Es ist ein durch und durch ehrenwerter Antrag eines ehrenhaften Mannes in bevorzugter Stellung."
„Was habe ich von der Stellung?" meinte Lulu. Als aber der Vater nichts erwiderte, blickte sie auf und sah nun, wie schmerzlich ihn ihre Antwort enttäuschte. „Lieber, lieber Vater! Ich habe ihn doch nicht lieb!"
Der Doktor senkte den Kopf. „Ganz recht — ja, gewiß, Lulu!"
Er strich langsam mit der Hand über das grüne Tuch der Schreibtischplatte. „Lulu, vielleicht kommt dir der Antrag überraschend."
„Nein, Vater, ich war darauf vorbereitet", sagte sie freimütig, und so schwer ihn ihre Ablehnung bekümmerte, fühlte er doch, wie offen und vertrauensvoll sein Kind zu ihm sprach. Das war wohltuend und bewies ihm, daß er trotz alledem seines einzigen Kindes Herz ganz besaß.
„So — so! Nun ja, ich werde dich nie zu einer Heirat zwingen, schon um deiner Mutter willen nicht", sagte der Vater, mit einem Blick auf daS Porträt über dem Schreibtisch deutend.
LuluS Augen richteten sich auch auf das Bild mit einem so herzlich dankbaren Ausdruck, daß der Doktor, gerührt von der Weihe des Augenblicks, wo zwei junge Menschenaugen der toten Mutter dankten, sich abwenden mußte, um seine Rührung zu verbergen.