„Ich habe ja gar nichts gesagt! Was wollen Sie nur, Herr Doktor? Aber natürlich, Sie kümmert das Gemeinwohl nicht, Sie wollen nur Ihren Herrn Schwiegersohn —"
„Unverschämter!" brüllte Weishaupt.
„Ich gehe, aber ich werde dafür sorgen —"
„Hinaus!"
Und Trinius ging mit dem stolzen Gefühl, nicht nur als Staatsbürger, sondern auch als Familienvater seine Pflicht getan zu haben.
„Ekelhafter, kleinstädtischer Philister und Querkops," schalt Weishaupt hinter jenem her und ging in sein Sprechzimmer, wo der Führer der Opposition im Gemeinderat, Herr Schneidermeister Kettenhauer, ihn mit einer geschwollenen Backe und wütenden Zahnschmerzen erwartete.
„Der Abzeß muß geschnitten werden; setzen Sie sich dort aus den Stuhl!"
Ehe aber der Doktor die Operation begann, fragte er, das scharfe Messer kamfbereit in der Hand: „Ich hoffe, mein lieber Herr Kettenhauer, Sie sind als verständiger Mann für die Wahl des Assessors Tietenhofen!"
Kettenhauer sah den Doktor mit dem nicht verschwollenen Auge ganz entsetzt an. Unter anderen Umständen würde er, getreu seinem Oppositionsstandpunkte, „Nein" gerufen haben.
„Na, natürlich", sagte er jetzt. „Der Herr Assessor ist doch ein Kunde von mir. Pünktlicher Zahler! Alles, was recht ist! Machen Sie fix, Herr Doktor! Es ist mir ja absolut schnuppe, wer Bürgermeister wird; ich bleibe doch in der Opposition; wenn ich nur die Schmerzen los werde!"
Und der Doktor befreite ihn mit einem besonders gründlichen Schnitt von der Geschwulst.
Da die Köchin auf dem Markte war, hatte Tante Fran- ziska die Nichte gebeten, im Wartezimmer nach dem Ofen zu sehen, es sei niemand mehr üp Zimmer.
Aber es war trotzdem jemand da und zwar der Architekt Hittfeld, der sich bei Lulus Eintritt erhob und „Guten Morgen? sagte.
Sie starrte ihn an, als sei er ein Gespenst und wurde glühendrot, so daß er beim Anblick des Feuers, das ihr in die Wangen schlug, nicht umhin konnte, zu lächeln, was sie noch mehr in Verlegenheit brächte.
„Sie sind doch nicht krank, Herr Hittfeld?"
„Ich? Im Gegenteil! Ich wollte Ihrem Herrn Vater nur meine Pläne zeigen."
„Ich wollte nur mal nach dem Feuer sehen!" Sie beugte sich herab und fuhr energisch mit dem Ofenhaken in die glühenden Kohlen des Füllofens.
„Geben Sie mal her!"
Er hockte neben ihr nieder, während sie sich vergeblich mühte, den Feuerhaken zwischen den Stäben des Eisenrostes herauszuziehen.
„Ein widerspenstiger Haken!" meinte sie.
„Wir müssen doch aussehen, wie zwei Feueranbeter aus Ninive 1“
Lnlu lachte über das ganze Gesicht. „Links herum den Haken! Warten Sie!"
Es war merkwürdig, wie oft ihre Hände einander berührten beim Kampf mit dem widerspenstigen Haken, der durchaus nicht nachgeben wollte.
„Na nu!" sagte plötzlich der Doktor, der den Kopf ins Wartezimmer steckte.
„Guten Morgen, Herr Doktor! Ein verflixter Haken!" begrüßte ihn der Architekt.
„Ich vermute, Herr Hittfeld, Sie wollten zu mir!" fragte der Doktor fehr reserviert.
„Jawohl, Herr Doktor. Das heißt, in einer Privatan- gelegenheit, nicht als Patient! Wenn Sie jetzt dafür Zeit haben?"
„Bitte treten Sie näher."
„Darf ich nicht erst Ihrem Fräulein Tochter behilflich sein?"
„Danke schön! Endlich!" erwiderte Lulu und zog triumphierend den rotglühenden Eisenstab heraus.
„Also bitte, HerrHittfeld!"
Der Doktor ließ, den Türgriff in der Hand haltend, den Architekten vor sich eintreten und sagte ziemlich scharf zu seiner Tochter: „Sag der Tante, daß derartige Arbeiten in meinem Wartezimmer nur vom Mädchen vorzunehmen seien!" Dann folgte er seinem Besuch ins Sprechzimmer.
„Bitte, nehmen Sie Platz! Ich stehe zu Ihrer Verfügung!"
„Mich führt ein doppelter Zweck zu Ihnen, Herr Doktor", begann der junge Mann, indem er der Aufforderung nachkam, während er eine starke Rolle von Bauplänen quer über die Knie legte. „Zunächst bitte ich Sie höflichst, mir das schuldige Honorar für Ihre freundliche ärztliche Behandlung noch etwas zu stunden. Ich" — er lachte gezwungen — „ich habe nämlich kein Geld! Abgebrannt, total abgebrannt!"
„Bitte recht sehr, mein Verehrtester", erwiderte Weishaupt jovial, „bin ja selbst jung gewesen! Verlieren wir kein Wort darüber."
„Das ist sehr freundlich von Ihnen! Leider bin ich seit Jahren in der Lage, sehr wenig Geld zu haben. Ich will mich nicht selbst loben, aber meine letzten fünfzig Mark habe ich meinem Alten geschickt, damit er endlich nach Leipzig reist und dort eine Kapazität konsultiert. Uebrigens bekomme ich am ersten März wieder Geld; ich arbeite nämlich an Entwürfen für eine große Möbeltischlerei in München!"
„Aber bitte, Herr Hittfeld, lassen wir das! Ihr zweites Anliegen?"
„Betrifft den Plan zum neuen Kurhaus. Ich möchte für die Anlage der Badestuben und einiger anderen Dinge Sie um Ihren Rat bitten, ob es vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht besser wäre, die Räume dafür in einem Neben- Hause zu wählen. Darf ich Ihnen den Plan zeigen?"
„Bitte! Es interessiert mich selbstverständlich! Dort ist ein leerer Tisch, wenn Sie den Plan ausrollen wollen."
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
— (Der näch ste Aufstieg des P a rs e v a l.) Der Parsevalballon ist wieder völlig in Stand gesetzt. Die Deim- lermotoren sind wieder in die Gondel eingebaut worden und funktionieren zu voller Zufriedenheit. Anfang der nächsten Woche wird mit der Füllung des Ballons begonnen werden, und am 15. oder 16. Oktober gedenkt Hauptmann v. Köhler mit dem reparierten Ballon die ersten Ausstiege zu machen. Sobald diese Probeflüge zusriedenstellend aussallen, werden die Abnahmefahrten für die Militärbehörde stattfinden.
— (Die fehlende Deputation.) Ein ergötzliches Geschichtchen ist bei Gelegenheit der Durchfahrt des Großherzogs von Baden in einem Dorfe am sogenannten Jsteiner Klotz (Oberrhein) vorgekommen. Auf dem Weg zur Beste Jstein fuhr der Landesherr auch durch die bewußte Ortschaft. Selbverständlich hatte der amtliche Berständigungs- aparat tadellos funktioniert: Ankunft gegen 10 Uhr, Rückkehr gegen Mittag. Pünktlich erfolgte auch die Abfahrt im Automobil. Aber man schaute hin, man schaute her, das Wichtigste, das bei solchen hohen Besuchen nicht fehlen sollte, fehlte: Eine Empsangsdeputation! So viel man auch ausschaute — die ersehnte Deputation kam nicht, und, etwas seltsam berührt von diesem stummen Empfang, fuhr man weiter. Nach Besichtigung der Festung gings zurück. Wenn man gehofft hatte, daß wenigstens jetzt die Deputation sich zeigen würde, sollte man sich getäuscht haben. Nur ein Landwirt mit Hofe und grobem Hemd bekleidet stand unter der Tür seines Hauses. Den winkte man an das Auto heran. Ob er der Polizeidiener sei, fragte ihn der Großherzog. Er bejahte. „Denn sehen Sie einmal zu, wo der Bürgermeister ist und holen Sie ihn her!" Der Polizist in Hemdsärmeln macht sich auf und bringt nach etwa zehn Minuten die Kunde zurück: „'r isch im Weert in d' Schtreu!" — Was sagte er? Der Großherzog begreift nicht recht, bis schließlich ein Herr des Gefolges es übersetzt: „Er ist im Wörth, d. h. im Rheinvorland um Streu zu machen." Jetzt möchte der Großherzog wissen, wo der Gemeinderat sei. Antwort: ,/r isch fort, goh Klee hole!" Resigniert trug daraus der Großherzog dem Hüter des Gesetzes einen Gruß an den Herrn Bürgermeister auf, er lasse danken für die reiche Beflaggung und den schönen Empfang! Und weiter töffte das Auto, dem der Polizeidiener noch lange nachschaute, in stilles Sinnen versunken über die Bedeutung der Abschiedsworte seines Landesherrn.
— Zwei schwere Grubenun fälle, bei denen mehrere Bergleute getötet wurden, haben sich gestern im Ruhrkohlengebiet ereignet. Auf der Zeche „Schürbank" bei Hörde sind vier Bergleute durch hereinbrechende Kohlenmassen verschüttet worden. Einer konnte schwer verletzt geborgen werden, die drei übrigen sind tot. Ein weiterer Unfall hat sich aus der Zeche „Shamrock" bei Herne ereignet. Dort wurden zwei Bergleute durch hereinbrechende Gebirgsmassen verschüttet und getötet.
Druck und Verlag von Ludwig Funk's Buchdruckerei, Hersfeld. Verantwortlicher Redakteur Friedrich Funk in Hersseld.