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gersfelter Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage1'

Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 119. Sonnabend, den 10. Oktober 1908.

Amtlicher teil.

Cassel, den 16. September 1908.

Auf Grund des Artikels 40 der Anweisung vom 25. Juli 1906 zur Ausführung des Einkommensteuergesetzes und des Ergänzungssteuergesetzes bestimmen wir hiermit, daß die zur namentlichen Feststellung der Steuerpflichtigen erforderliche Ausnahme deS Personenstandes für das Steuerjahr 1909 in sämtlichen Orten unseres Bezirks am Montag den 26. Oktober 1908 stattzufinden hat. Kann sie an diesem Tage nicht zu Ende geführt werden, dann ist sie an den nächst­folgenden Werktagen ununterbrochen fortzusetzen und in möglichst kurzer Frist, auch in den großen Städten spätestens mit dem 17. November d. Js. zum Abschluß zu bringen.

C. E. 1580. Königliche Regierung.

Abteilung für direkte Steuern, Domänen und Forsten. R u d o l p h.

*

Hersfeld, den 2. Oktober 1908.

Wird veröffentlicht.

Nähere Anweisung geht den Gemeinden- und Gutsvor­stehern noch zu.

Der Vorsitzende der Einkommensteuer- Deranlagungs-Kommission.

St. 2253. I. V.: Fellinger,

Regierungs-Reserendar.

HerSseld, den 6. Oktober 1908.

Unter den Pferden deS Landwirts B e ch t e l in Obergeis ist die Influenza (Brustseuche) auSgebrochen.

Ich weise die Herren Bürgermeister der Nachbargemeinden ausdrücklich auf die landeSpolizeiliche Anordnung vom 21. v. MtS. (veröffentlicht im Kreisblatt Nr. 116) hin.

I. 10292a. Der Königliche Landrat.

I. V.: Fellinger, Regierungs-Reserendar.

Hersseld, den 5. Oktober 1908.

Unter dem Schweinebestande deS Bürgermeisters Bohlender in Roßbach ist die Rotlausseuche ausgebrochen. I. I. 10258. Der Königliche Landrat.

I. V.: Fellinger,

Regierungs-Reserendar.

Hersseld, den 5. Oktober 1908.

Unter den beiden Schafherden zu Grossenbach, Kreis Hünfeld, ist die Räude ausgebrochen.

J. I. 10272. Der Königliche Landrat.

I. V.: Fellinger, Regierungs-Reserendar.

Hersseld, den 5. Oktober 1908.

Unter den Schweinen des Bürgermeisters Rosenstock und des Landwirts Deiseroth III. in Hilmes, ist die Rotlaufseuche ausgebrochen.

I. I. 10291. Der Königliche Landrat.

J. V.: Fellinger, Regierungs-Reserendar.

nichtamtlicher teil.

Politische/Wochenbericht.

Welchen erzieherischen Einfluß die Blockpolitik auf die an ihr beteiligten Parteien ausübt, kann man recht deutlich an den soeben stattgehabten Verhandlungen des Parteitag es der Deutschen Volkspartei wahrnehmen. Der demokratische Radikalismus dieser Parteigruppe beginnt augen- s e'"n maßvollern und staatsmännischern Auffassung Dinge zu weichen. Reden wie diejenigen des volkspartei- uchen Führers v. Payer auf dem letzten Parteitage hätte man vor wenigen Jahren noch nicht zu hören bekommen. Herr v. Payer hat sich energisch loSgesagt von der verkehrten Sentimentalität, mit der das Polentum bisher von unserer Demokratie beurteilt wurde, und die Notwendigkeit der preußischen Polenpolitik anerkannt. Er hat ferner die libe- ralen Errungenschaften des neuen Vereinsgesetzes mit voll­tonenden Worten gefeiert und hinsichtlich der Reichsfinanz- resorm das Bedürfnis einer erhöhten Besteuerung des Massen- rauches unumwunden zugestanden. Das sind eigentlich alles Ketzereien tm Munde eines waschechten Demokraten.

" ^atr*Dt ab« wird sich solche Ketzereien gern gefallen lassen, da sie zweifelsohne eine gewisse Abkehr von dem un- sruchtbaren DoktrinariSmuS demokratischer Weltanschauung und eine Hinwendung zu gesunder Realpolitik bedeuten. ES sit daher von Herzen zu wünschen, daß dieser Entwicklungs­prozeß weitere Fortschritte machen möchte

m Hauptinteresse des politischen Beobachters während d m °ber gehörte nicht dem Inland-, sondern dem Auslande an. Während der letzten Tage haben sich

nämlich in der europäischen Staatenwelt bedeutsame Ver­änderungen vollzogen, deren volle Tragweite und Wirkung sich zurzeit noch nicht absehen läßt, und zwar ist wieder ein­mal der gefährliche Wetterwinkel Europas, die Balkan- h a l b i n s e l, der Schauplatz jener Veränderungen gewesen. Hier hat erstens Für st Ferdinand von Bulgarien sein Land zum Königreich proklamiert und sich aus eigener Machtvollkommenheit von der Oberlehnsherrschaft des Sultans losgesagt. An den tatsächlichen Verhältnissen wird hierdurch kaum etwas geändert; denn Bulgarien erfreute sich auch bis­her bereits vollkommener Autonomie. Umso bedeutsamer aber erscheint der formelle Eingriff in das Bestehende, da das bulgarische Vorgehen eine eigenmächtige Durchlöcherung und Durchbrechung des Berliner Vertrages vom Jahre 1878 dar- stellt. Es kommt also daraus an, wie sich die Signatar­mächte jenes Vertrages zu dem Geschehenen stellen werden. Hoffen wir, daß eS ihrer Friedensliebe gelingen möge, kriegerische Verwicklungen fernzuhalten.

Die zweite Aenderung der geltenden Zustände auf dem Balkan besteht in der völligen Einverleibung Bos­niens und der Herzegowina in das österreichische Staatsgebiet. Auch hiermit ist eigentlich nur das formelle Schlußfazit der tatsächlichen Entwicklung gezogen worden. BoSnien und die Herzegowina stehen seit drei Jahr­zehnten unter österreichischer Verwaltung, und man muß es dem österreichischen Regime nachsagen, daß es während dieser Zeit das Menschenmögliche geleistet hat, um die okkupirten Länder aus dem Zustande ihrer früheren Verwahrlosung emporzuheben und an den Segnungen einer höheren Kultur tcilnehmen zu lassen. Man kann es daher wohl verstehen, daß Kaiser Franz Josef auch ernten will, was er gesät hat. Die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Oester­reich erscheint sonach materiell durchaus gerechtfertigt, zumal ja Oesterreich dafür der Türkei das Sandschak Novibazar überläßt, wobei der Sultan keinen schlechten Tausch macht, der heikle Punkt aber liegt auch hier wieder in der einseitigen Lossagung von den formellen Bestimmungen des Berliner Vertrages. Was Deutschland betrifft, so darf man gewiß erwarten, daß es alles tun wird, was in seinen Kräften steht, um einen befriedigenden Ausgleich zwischen seiner Stellung als Signatarmacht und seinen Dreibundspflichten gegenüber Oesterreich zu finden.

Was sich sonst noch an politischen Begebenh iten zuge­tragen hat, ist mehr oder minder als Reflex der eben er­wähnten Ereignisse. Die Serben lärmen und toben, als seien sie durch die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens und die Annexion Bosniens im tiefsten Innern verletzt, und die Kreter gar sind brevi manu dem bulgarischen Beispiel gefolgt und hoben ihre völlige Lostrennung von der Türkei sowie den Anschluß an Griechenland ausgesprochen. So er­scheint die politische Lage beim Schreiben dieser Zeilen über und über mit gefährlichem Zündstoff erfüllt. Hoffen und wünschen wir, daß unser nächster Bericht wieder eine Auf­hellung des Horizonts zu melden vermag.

Nolton III. auf Wilhtlnshöhe.

Die Erinnerung an daS welterschütternde Ereignis des 2. Septembers, an den Zusammenbruch des napoleonischen Kaiser­reiches, erwacht in ungeschwächter Lebendigkeit aus dem Nach­laß des Generals der Infanterie Grasen Monts, der als Gouverneur von Cassel die Aufgabe hatte, den gefangenen Kaiser Napoleon auf Schloß Wilhelmshöhe in seine Obhut zu nehmen. In tagebuchartigen Auszeichnungen hat der General seine Erlebnisse und Eindrücke aus jener Zeit niedergelegt und seine Großnichte Tony v. Held gibt nun diese wertvollen Blätter in dem BucheNapoleon in. auf Wilhelmshöhe 1870/71" der Oeffentlichkeit bekannt. Das Werk wird in den nächsten Tagen im Verlage von E. S. Mittler u. Sohn in Berlin erscheinen. DieKölnische Zeitung" kann heute schon einiges aus seinem Inhalte mitteilen. Am 4. September 1870 traf aus dem Hauptquartier des Königs in Varennes ein Telegramm an den Oberpräsidenten von Moeller in Cassel ein, in dem ihm die bevorstehende Ankunft Napoleons in Cassel angezeigt und zugleich mitgeteilt wurde, daß das Schloß Wilhelmshöhe dem gefangenen Kaiser als Wohnort dienen werde. Der König hatte militärischen Empfang be­fohlen, und so wurde Napoleon mit einer Ehrenkompagnie des 80. Infanterie-Regiments bei strömendem Regen am Bahnhof zu Cassel empfangen. Im langsamen Schritt ging der Kaiser die Kompagnie entlang, die Hand an der Mütze haltend. Dann setzte sich alles in die bereitstehenden Wagen, um hinauf nach Wilhelmshöhe zu fahren. Oben auf dem Schlosse blieben ein Offizier und 40 Mann, acht Posten wurden um das Schloß ausgestellt. Mit 15 Personen feines engeren Gefolges hatte Napoleon die Gefangenschaft bezogen. Der Befehl deS Königs Wilhelm lautete dahin, dem Kaiser und feinem Gefolge die möglichste Bewegungsfreiheit zu lassen. Aus Anordnung des Grasen Bismarck wurde im Schloß Wilhelmshöhe selbst eine Post- und Telegraphenstation errichtet, die den Gefangenen auch für chiffrierte Telegramme zur Ver­fügung gestellt blieb. Die Herren waren selber höchst erstaunt

über das in sie gesetzte Vertrauen betreffs ihrer Korrespondenz, hegten aber Argwohn gegen die hochherzige Maßnahme. Um festzustellen, ob ihre Mutmaßungen berechtigt waren, ließen sie sich mehrfach Briefe, die sie zur Beförderung abgeliefert hatten, kurz vor Abgang des Zuges zurückgeben. Sie schützten dann vor, daß an der Adresse noch etwas zu ändern oder dem In­halte etwas beizufügen sei. Jedesmal händigte der Postbeamte das Gewünschte unbeschädigt aus. 'Die Herren konnten sich aus diese Weise überzeugen, daß ihre Briefe nicht geöffnet und gelesen wurden, wie sie vermutet hatten. Der Park von Wilhelmshöhe sollte dem Kaiser unter Absperrung des Pub­likums ganz und gar zur Verfügung gestellt werden. Napoleon aber lehnte eine solche Vergünstigung entschieden ab und sprach den Wunsch aus, um seinetwillen das Publikum so wenig als möglich zu beschränken. Daher wurde nur innerhalb der An­lagen die Grenzen genau mit Schnüren bezeichnet und diese durch vier Doppelposten überwacht. Die Wache von einem Offizier, einem Spielmann und 30 Mann waren unter ge­wöhnlichen Verhältnissen vollkommend ausreichend. Der Gouverneur aber hielt es doch für angemessen, aus Berlin zwei gewiegte Schutzleute von der Geheimpolizei kommen zu lassen. Eine der Pflichten dieser Männer war es, den Kaiser in ge­messener Entfernung zu begleiten, wenn er ausging, fuhr oder ritt.

Einmal in der Woche begab sich der Gouverneur aus Cassel nach dem Schlosse, um nachdem Rechten" zu sehen. Sonst konnte er die Erledigung der laufenden Angelegenheiten dem Rittmeister v. Grüter überlassen, dem er das Kommando des Schlosses anvertraut hatte. Napoleons Austreten in der Gefangenschaft war von Anfang an ruhig, gemessen und würdig. Keine Ausbrüche vo't A -.ger, Klagen oder Ver­zweiflung über das, was über ihn gekommen, machten sich bemerkbar. Er war ununterbrochen tätig und kannte im Gegensatz zu seiner Umgebung auf Wilhelmshöhe keinen Müßiggang. Vornähmlich beschäftigte er sich mit literarischen Arbeiten. In seinem Kabinett herrschte in der Regel eine entsetzliche Hitze, die jeder, mit Ausnahme Napoleons, als sehr unangenehm zu empfinden schien. Hinter dem Arbeitskabinett waren sein geräumiges Schlafzimmer und ein Ankleidezimmer gelegen. Die Verpflegung des Kaisers und seines Gefolges war ausgezeichnet. Er verglich mehrfach die Tafel seines königlichen Gastgebers in Wilhelmshöhe mit der seinen in Paris und Compisgne, und sagte dem Gouverneur oft, man habe bei ihm nur an Festen so gut gespeist wie in Wilhelms­höhe täglich. Ganz besonders interessierte sich der Kaiser für die Einrichtungen der deutschen Heere. Napoleon hatte den Gouverneur eines Tages gefragt, ob er sich wohl ein neues preußisches Geschütz ansehen dürfe, und am nächsten Tage wurde ihm eine Batterie vorgeführt, die er genau in Augen­schein nahm, da er gezogene Geschütze nicht gekannt hatte. Nach und nach kamen alle die geschlagenen Heerführer des Kaisers zum Besuche ihres Herrn nach Wilhelmshöhe: die Marschälle Canrobert, Mac Mahon, Bazaine, Le Bocus, die Männer, an deren Fersen sich das Mißgeschick im Kriege geheftet hatte und die gleich ihrem Kriegsherrn von der Höhe in schwindelndem Fall herabgesunken waren. Einige Tage nach der Ankunft Bazaines in Cassel traf auch seine Frau ein, die zwei Kinder mitbrachte, denen sich bald noch ein drittes zugesellte. Um diesem neuen Sprößling der Familie selbst in der Gefangenschaft den Vorzug, auf französischem Boden geboren zu werden, nicht zu entziehen, ließ der Marschall mehrere Säcke Erde aus Frankreich nach Cassel kommen. Diese wurde unter das Bett der Frau Bazaine gestreut, als die Stunde der Entbindung herannahte, ebenso stand das kleine Bettchen des Kindes auf solcher importierten Erde. Bei den häufigen Besuchen des Gouverneurs auf Schloß Wilhelmshöhe wurden natürlich die Zeitereignisse zwischen ihm und dem Kaiser eingehend besprochen. Dabei beschäftigten ihn auch die Fragen technischer Natur im Kriegs­wesen in lebhafter Weise. Einmal, als er in der Zeitung gelesen hatte, daß bei Wetzlar ein Ballon gelandet sei, sprach er von der Luftschiffahrt und ihrer militärischen Bedeutung. Am 19. März 1871, an einem Sonntag, reiste Napoleon von Wilhelmshöhe ab, nachdem er aus der Gefangenschaft ent­lassen worden war. Graf Monts begleitete ihn bis zur belgischen Grenze.

Die Loslösung Kretas und seine langgestrebte Angliederung an Griechenland ist eine weitere Folge der Orientbewegung geworden. Wo der Sturm durch die Aeste fährt, kann es nicht wundernehmen, daß er auch diese nur noch sehr locker hängende Frucht vom türkischen Baume schüttelt.

Zunächst ist es die kretische Bevölkerung, welche die An­gliederung an Griechenland zu proklamieren beschloß. Gestern ist dieser Beschluß ausgeführt worden. Auf der ganzen Insel sind in öffentlichen und kommunalen Anstalten hellenische Be­hörden installiert worden. Die Bevölkerung strömt zu Tausenden in Kanea zusammen, um dort ihrer Begeisterung für Griechen­land Ausdruck zu verleihen.

Eine offizielle Erklärung aus Athen zu diesem Akte, ob