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Herrsel-er Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 118.
Donnerstag, den 8. Oktober
1908.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 2. Oktober 1908.
Die unter dem Schweinebestande des Conrad Groß in Obergeis ausgebrochene Rotlaufseuche ist erloschen.
I. 10124. Der Königliche Landrat.
I. V.: Fe kling er,
Regierungs-Referendar.
nichtamtlicher teil.
Sie IlnMiinWkeitsttklmW VulMiens.
Am 5. Oktober ist die politische Welt durch die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens und die Ausrufung des Fürsten Ferdinand zum Zaren der Bulgaren in der alten bulgarischen Krönungsstadt Tirnovo förmlich überrascht worden. Aber wenn man jetzt den Gang der charakteristischen Ereignisse im Orient und besonders in Bulgarien überblickt, so sieht man daraus, daß durch die wackliche Herrschaft der Türken, verbunden mit dem alttürkischen Hochmute, im Orient ein Stein ins Rollen gebracht worden ist, der mindestens durch sein weiteres Rollen eine ganze große Umwandlung auf der Balkanhalbinsel herbei- sühren dürste. Die nationale Empörung der Bulgaren gegenüber der Türkei ist dadurch entstanden, daß der diplomatische Agent Bulgariens in Konstantinopel, Herr Geschow, von dem Sultane und seinen Ministern verächtlich behandelt und nicht zu den großen offiziellen Empfängen und Festlichkeiten hinzugezogen wurde. Dieser moralischen Mißhandlung gegenüber kann man die Empörung der Bulgaren über die Türkei verstehen und man kann es auch begreifen, daß die persönliche Entrüstung des politisch hochbegabten Fürsten Ferdinand von Bulgarien so weit ging, daß er beschloß, diesem Zustande zwischen dem jungausstrebenden Bulgarien und der anmaßenden, aber altersschwachen Türkei ein Ende zu machen. Völkerrechtlich muß nun zugegeben werden, daß sich Bulgarien sowohl mit der Annektierung der Orientbahnen als auch mit der Unabhängigkeitserklärung im Unrecht befindet, denn beide Handlungen sind eine Verletzung des Berliner Vertrages und und auch eine Zerreißung der Verträge der Großmächte mit der Orientbahngesellschaft. Aber Bulgarien wollte sich nicht mehr von der Türkei als Vasallenstaat kränken und verächtlich behandeln lassen und so kam es zu den bedeutsamen Schritten, welche Bulgarien zur vollständigen Unabhängigkeit verhelfen sollen. Offenbar hat der Fürst Ferdinand, der sich nun Zar von Bulgarien nennt, ein sehr geschicktes diplomatisches Schachspiel in Szene gesetzt. Da er in Rußland keine Stütze für seine ehrgeizigen Bestrebungen fand, ist er offenbar in nähere Fühlung mit Oesterreich-Ungarn getreten, denn kurz vor seiner Proklamierung zum Zar der Bulgaren ist Fürst Ferdinand in Wien und Budapest gewesen, auch wird berichtet, daß Oester-
Culus Glück.
Erzählung von Ernst Clausen.
Früher, wenn ihm eine ältere Patientin oder ein guter Freund den Rat gab: „Sie sollten wieder heiraten, Herr Doktor, und der kleinen Lulu eine Mutter geben", pflegte er zu sagen: „Meine Gnädige", oder „mein lieber Freund, wer so glücklich gewesen wie ich in einer leider so kurzen Ehe, der heiratet nicht wieder. Ich weiß auch, daß ich meine selige Frau glücklich gemacht habe, sehr glücklich! Ich kann das wohl sagen, ohne eitel zu erscheinen. Sie war die beste der Frauen; man soll auch den Toten die Treue bewahren."
Er meinte ehrlich, was er sagte, und man fand es rührend und jede ältere Dame, der er während dieser Worte den Puls gesühlt hatte, empfahl den Doktor Weishaupt weiter mit dem Zusätze: „Er ist nicht nur ein außerordentlich gescheiter und gewissenhafter Arzt, sondern auch ein durch und durch gemütvoller Mensch." .
^us jeden Fall litt seine Praxis nicht unter seinem beharrlich festgehaltenen Witwerstand und da er ein gemeinnütziger Mann war, mit großem Interesse für das Gemeinwesen Krotten- dorss mit seinen achttausend Einwohnern, wurde er Gemeinderat, Vorstand von einem halben Dutzend Vereinen und Ehrenmitglied eines weiteren halben Dutzends.
,_®° l^e er schlicht und recht als ehrsamer Bürgerin seinem Loschen Hause am Krottenberge, der so stolze Thüringer Buchen und Fichten trug, daß man im Sommer ihr Rauschen und im Winter ihr Raunen und Flüstern im Hause hören St Unb ^ der Fichtennadeldust zur Haustür hincin-
Die kleine Lulu sagte als kleines Mädchen wohl: „Horch, Vater, der Wald zankt!" wenn der Herbststurm brauste, oder
j^t erzählt der Wald etwas!" wenn in windstillen Srofinä^ten die Wipfel nur leise hin und her schaukelten und vom Krottenselsen die Eulen schrien.
^,P°p° Weishaupt pflegte dann zu antworten: „Kind, Kind, was denkst du dir zusammen! Der Wald kann nicht zanken
reich-Ungarn die vollständige Besitzergreifung Bosniens und der Herzogowina, die es bekanntlich schon lange in Verwaltung hat, erklären und nur das Sandschak Novibazar an die Türkei zurückgeben werde. Oesterreich-Ungarn und Bulgarien hätten sich also inbezug auf ihre Auseinandersetzung mit der Türkei zu einer gemeinsamen Aktion verständigt. In der kritischen Frage kommt nun alles daraus an, wie sich die Türkei zu der Unabhängigkeitserklärung Bulgariens stellt, und welche Haltung die Großmächte dazu einnehmen.
Die offiziösen englischen und russischen Zeitungen erklären die Handlung Bulgariens als -einen Bruch des Völkerrechtes und wollen nichts anerkennen, was außerhalb des Völkerrechtes in Sofia und Tirnovo geschehen ist. Die Zeitungen in Petersburg und London fügen aber zu diesen Erklärungen hinzu, daß Rußland und England für ihre fernere Haltung erst wissen müßten, wie sich die Türkei und die übrigen Großmächte zu den Ereignissen in Bulgarien stellten. Ueber diese Haltung der Türkei wie der Großmächte fehlt es aber bis jetzt an jeder sicheren Erklärung, aber es scheint soviel sestzustehen, daß die Türkei aus Rücksicht aus die revolutionäre Neigung ihrer christlichen Untertanen und wo st auch im Hinblick auf die Ansprüche des Jangtürkentums nicht gerade es auf einen Krieg mit Bulgarien ankommen lassen will. Aber auch die Bulgaren werden sich hüten, einen Krieg mit der Türkei vom Zaune zu brechen, da die Türkei noch über ein Heer von etwa 400 000 Mann verfügt, dem Bulgarien »wohl nur ein Heer von etwa 150 000 Mann gcgenüberstellen könnte. Das Zünglein in der politischen Wage im Drien scheint aber jetzt Oesterreich- Ungarn in den Händen zu haben, denn wenn nicht alles trügt, steht hinter Bulgarien Oesterreich-Ungarn und scheint bis zu einem gewissen Grade die Ansprüche Bulgariens aus Unab- häAtzigkeit zu unterstützen, es isi^-ö ja auch ein großer politischer Schachzug der österreichischen Diplomaten, denn Oesterreich bekommt dadurch in dem orientalischen Hexenkessel einen Freund in Bulgarien, und es kann dadurch den russischen wie englischen Umtrieben leichter ein Paroli bieten. Auch dürfte keine Großmacht geneigt sein, sich dieserhalb mit Oesterreich ernstlich zu Überwerfen, da Oesterreich immerhin von dem Dreibünde gedeckt wird.
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Die ganze Welt erwartete nach den alarmierenden Ereignissen aus Konstantinopel das entscheidende Wort über Krieg und Frieden zu vernehmen. Noch ist es nicht gefallen, aber so viel läßt sich jetzt schon sagen, daß die verantwortlichen Berater des Sultans gewillt sind, den Krieg zu vermeiden. Wenn nicht weiter unvorhergesehene Zwischenfälle ein treten oder die Regierenden in Konstantinopel die Herrschaft über die Volksstimmung ganz und gar verlieren sollten, wird Europa hoffentlich der Friede auch fernerhin erhalten bleiben. Der Bericht über den Verlaus der Beratungen des türkischen Ministerrats atmet Ruhe und Besonnenheit.
Auch die Regierung des neuen Königreichs ist ängstlich daraus bedacht, den Konfliktstoff nicht zu vermehren, sondern
oder Geschichten erzählen! Das kann nur der Vater, wcnn's Kindchen recht brav und artig ift„
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„Verehrter Herr Assessor", sagte er heute zu diesem, der in tadellosem schwarzem Gehrock und in bescheidener Haltung dem Doktor gegenübersaß. „Ihr Antrag kommt mir, offen gestanden, nicht überraschend. Ich weiß, daß Sie sich um meine Lulu bewerben. Meine Achtung vor der Ehrenhaftigkeit Ihres Charakters ist fest begründet, und da alle anderen Verhältnisse günstig liegen, haben Sie von meiner Seite nur Unterstützung Ihrer Wünsche zu gewärtigen."
Assessor Tietenhofen machte eine leichte Verbeugung und senkte den Blick, wie dies einem Freier zukommt, dem der Zukunftsschwiegervater seine Achtung versichert und die Bestätigung zugibt, daß alle anderen Verhältnisse günstig liegen, obgleich das kein Verdienst des Assessors war, sondern mehr dasjenige seines verstorbenen Vaters, welcher der „Schwanen- apotbeke" verdienstvoll als Besitzer vorgestanden hatte.
Der Doktor betrachtete wohlwollend lächelnd, wie es sich bei einem alten praktischen Arzt von selbst versteht, fein Gegenüber.
„Nun, mein junger Freund", meinte er dann, indem er ihm, sich selbst vorbeugend, die Rechte jovial auss Knie legte, „nun mal mit der Sprache heraus I Ich vermute, daß Sie mit meiner Lulu bereits mehr oder weniger klare Aussprüche gehabt haben, he?"
„Aber Herr Doktor!"
„Na, na, man ist auch einmal jung gewesen! Donnerwetter, noch mal. Immer heraus mit der Sprache!"
„Auf Ehre, Herr Doktor, ich hielt es weder für opportun, noch für streng ehrenhaft, mir ein Jawort von Ihrer Tochter zu erbitten, ehe ich nicht Ihre Zustimmug zu diesem ernsten Schritt eingeholt hatte."
„Hm, allerdings", meinte der Doktor und knöpfte seinen Rock langsam zu: „Offen gestanden, kann ich Ihr Verhalten nur billigen. Sie sind ein Ehrenmann, und Sie halten an guten alten Sitten fest, worin ich nur eine Gewähr für das Glück meines Kindes erblicken kann. Das gefällt' mir ganz
durch Bewahrung einer ruhigen Haltung die augenblickliche Erregung so bald wie möglich wieder zu beschwichtigen. Die Agence Bulgare erklärt die Meldung, daß Bulgarien mobilisiere, für gänzlich unbegründet. Bisher seien keine derartigen Maßregeln getroffen.
Aus Jn- und Ausland.
Die Abreise der Kaiserpaares aus Ro- m i n t e n, die auf Dienstag festgesetzt war, ist im letzten Augenblick verschoben worden. Nach einem gestern vom Hofmarschallamt bei der Kaoiner Gutsverwaltung eingetroffenen Telegramm treffen die Majestäten mit der Prinzessin Viktoria Luise erst Mittwoch gegen 6 Uhr abends ein. Die Abfahrt von Rominten erfolgt demgemäß am Mittwoch 8 Uhr vormittags. In den Dispositionen des Aufenthalts des Kaiserpaares in Königsberg i. Pr. wird, dem Vernehmen nach, nichts geändert werden. Während der Kaiser nach abgenommener Parade das Frühstück bei seinem 3. Grenadier- Regiment einnimmt, trifft die Kaiserin mit der Prinzessin- Tochter von einem kurzen Besuche bei der Gräflich v. Dön- hoffschen Familie auf Schloß Friedrichstein gleichfalls in Königsberg ein und wird gemeinsam mit dem Kaiser außer den Peilanlagen am dortigen königlichen Schlosse auch den Dom besichtigen. Bei der im Vorjahre erfolgten Einweihung des Dorpes hatte der Kaiser in Aussicht gestellt, mit der Kaiserin wiederzukommex. um das Gotteshaus eingehend in Augenschein zu nehmen. Das soll nun am Mittwoch geschehen. — Für den Speisesaal deS neuen Gendarmenhauses in Rominten hat der Kaiser als Wandschmuck die Bilder der zehn preußischen Herrsche- vom Großen Kurfürsten ab bis auf Wilhelm II. in prächtigen Rahmen gestiftet.
Was den vorgesehenen Studienplan des Kronprinzen in diesem Winter anbetrifft, so wird Kronprinz Wilhelm am 15. Oktober zurückerwartet. Nach diesem Termin ist zunächst ein Studium im Finanzministerium vorgesehen. Die gleichzeitige Beschäftigung in diesem Ministerium und im Reichsmarineamt hat man fallen gelassen. Im Finanzministerium ist bereits ein Zimmer, das der Finanzminister von Rheinbaben abgetreten hat, für den Aufenthalt des Thronfolgers während der Vorträge und Arbeiten vorgesehen. Die Beschäftigung und Unterweisung in diesem Ministerium soll bis Mitte Januar dauern. Von diesem Zeitpunkt ab wird der Kronprinz im Reichsmarineamt bis zum Frühjahr tätig sein.
Gegenüber unzutreffenden Meldungen über die Steuererhöhungen in Preußen, mit denen der kommende Landtag sich zu befassen haben wird, kann die „Tägl. Rdsch." folgendes als authentisch mitteilen: Eine Erhöhung der Einkommensteuer wird nur für die höheren Zensiten, und zwar für die mit einem Jahreseinkommen von 7000 Mk. ab ein« treten, die Erhöhung wird eine progressive sein, sie wird in=
außerordentlich; immerhin werden Sie ja aus Lulus Verhalten so ungefähr wissen, wie Sie daran sind."
„Ich weiß nicht — ich glaube — ich hoffe — aber wie gesagt —"
„Nun ja, wir werden sehen."
Doktor Weishaupt stand auf und machte einige Schritte nach der Tür zu, zögerte dann aber und kehrte langsam an seinen Platz zurück.
„Richtig! Lulu ist zum Schlittschuhlausen, laufen Sie nicht auch?"
„Früher, Herr Doktor. Es macht mir keinen Spaß mehr."
„Darin ist Lulu allerdings noch vollständig Kind; sie ist ganz zappelig darauf. Die Kleine ist noch sehr jung, Herr Assessor, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn, ja, wenn Sie vielleicht noch etwas Geduld haben müßten. Immerhin halte ich es für besser, wenn ich erst einmal in Ihrem Interesse aus den Busch klopfe. Auf jeden Fall wissen Sie, daß Sie meine Billigung haben!"
„Ich danke Ihnen, Herr Doktor, für Ihr Wohlwollen!" Der Assessor ergriff seinen Zylinder und stand auf.
„Na, also abgemacht I Und nun frisch draus und dran zum Sturm auf die Festung, lieber Herr Assessor! Uebrigens ich glaube, Ihnen als sicher verraten zu können, daß die Aussichten Ihrer 'Wahl zum Bürgermeister ziemlich gut stehen. Ich tue natürlich, was ich kann; nicht aus persönlichem Wohlwollen, denn bei solchen Fragen des Gemeinwohls muß das Persönliche zurücktreten, sondern weil ich überzeugt bin, daß Sie der richtige Mann für uns sind. Sagen Sie mal, Sie halten doch auch die Anlage eines Kurhauses bei unserer von Jahr zu Jahr zunehmenden Sommerfrischlerzahl für wünschenswert? Ein alter Lieblingsplan von mir."
„Unbedingt, Herr Doktor! Nicht nur für wünschenswert, es ist eine Lebensfrage für Krottendorf!"
„Freut mich, daß wir da an demselben Strang ziehen. Also, Sie sollen in den nächsten Tagen von mir hören!"
Ein kurzer Händedruck und der Doktor Weishaupt war allein. Mit den Händen aus dem Rücken schritt er einige Male auf und nieder.