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herrsel-er Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage”
Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 112. Donnerstag, den 34. September 1908.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 17. September 1908.
In einem Spezialfalle hat ein entlassener Strafgefangener, der in Fürsorgeerziehung untergebracht werden sollte, sich sofort nach seiner Entlassung auS dem Gefängnisse zu einem aus einem Kreise des hiesigen Regierungsbezirks stammenden Karussel- besitzer begeben, der ihn, ohne daß er im Wandergewerbeschein eingetragen war, mit sich führte. Trotz eifriger Nachforschungen ist der Fürsorgezögling erst nach 2 Monaten wieder ergriffen worden, obgleich der betreffende Karusselbesitzer die Grenzen des Regierungsbezirks nicht überschritten hatte.
Die Ortspolizeibehörden und die Gendarmerie des Kreises ersuche ich, derartige Gewerbetreibende streng zu überwachen und bei jeder Verletzung der aus den Gewerbebetrieb im Umherziehen bezüglichen Vorschriften die Bestrafung der Schuldigen herbeizuführen.
I. 9659. Der Königliche Landrat.
I. V.: Fellinger, Regierungs-Reserendar.
Hersseld, den 16. September 1908.
Der Obst- und Gartenbau-Verein Hersfeld hat beschlossen zur Förderung des Obstbaues am 7. Oktober d. Js., vormittags von 9 Uhr ab, auf dem hiesigen Marktplatze einen öffentlichen Obstmarkt abzuhalten. Hierdurch wird den Landbewohnern die Gelegenheit gegeben, für gutes Obst entsprechende Preise zu erzielen.
Die Herren Bürgermeister deS Kreises ersuche ich, dies aus ortsübliche Weise in ihren Gemeinden bekannt und die Ortsbewohner aus den gemeinnützlichen Wert des Unternehmens aufmerksam zu machen. Unkosten entstehen den Teilnehmern an dem Obstmarkt nicht.
I. 9598. Der Königliche Landrat.
I. V.: Fellinger,
Regierungs-Reserendar.
Das Proviantamt F u l d a hat den Ankauf von Hafer aus der neuen Ernte ausgenommen. Der Hafer muß gut gereinigt, trocken, nicht mit Geruch behaftet und frei von ausgewachsenen Körnern sein. Bei größeren Lieferungen (200 Ztr.) kann die Abnahme auf der nächsten Bahnstation erfolgen. Auf Wunsch werden an Produzenten Füllsäcke unentgeltlich leihweise zur Verfügung gestellt.
Vor Anlieferung empfiehlt es sich, beim Proviantamt unter Vorlage einer Probe von ungefähr Vs Liter anzufragen.
Hersfeld, den 17. September 1908.
Aus die im Verlage von Richard Schoetz in Berlin S. W. 48, Wilhelmstraße 10 erschienene Schrift „Werkbuch für Ziegenhalter. Im Austrage der Kommission zur
(Uekbe von beiden ?
Novelle von Adolf Stern.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Als die Gesellschaft sich vor wenigen Minuten erhoben hatte, war Friedrich Gerland zurückgeblieben und seine traum- glänzenden Augen waren noch einmal zwischen der ernsten Freundin und dem jugendlich schönen Mädchen hin- und hergeirrt.
Dann war's, als ob er erwache, ein tiefes Schamgefühl über geheime Regungen, die er bis heute für unwirklich gehalten hatte, wandelten ihn an — er trat plötzlich und als ob er nur die entschlossenen Schritte nötig habe zu Klara M>denhoven und hielt sich an deren Seite, als diese die Wagenreihe wie etwas, daS sie nichts angehe, an sich vorüber- rollen ließ.
h Den ernst verwunderten Blick auS den braunen Augen, oer still an ihm niederglitt, bemerkte er nicht, ihm war zu
einem Sinkenden, der mit ungestümer Hand die rettende Erdscholle faßt und nur empfindet, wie fest und sicher !»r » r etnen rettenden Boden sah er den inneren Entschluß an, seiner ersten Regung und seinem Wort treu zu ' konnte ihm nichts Glücklicheres widerfahren, als daß er mit Fräulein Addenhoven allein weiter ging, während die anderen in die glänzenden Wagen hineinblicken und Staubwolken verschwindenden Wagenzuge nach- schauten.
Der seltsam bewegte Mann kümmerte sich, als sie vor der 7anlangten, um die dienstfertig zudringlichen, aus ihn losftrechmden Führer und Bilderhändler nicht, er deutete weisend - ^ ^ nachkommende Gesellschaft und rief ab- Klara^mch^sagte na^^r *“ ®ann a&w wandte er sich zuFräulein
einen Brief von Peter - in dem er mich noch munal beschwört, alles zu.tun und Sie vom Eintritt beiden Schwestern vom Kreuz zurückzuhalten. Mich dünkt, ich sei
Förderung der Ziegenzucht im Landkreise Köln herausgegeben von G. Franke, Königlicher Kreistierarzt," die nach dem Gutachten der Landwirtschaftskammer in Cassel geeignet erscheint, die Bestrebungen zur Förderung der Ziegenzucht zu unterstützen, mache ich aufmerksam und verfehle nicht, ihre Anschaffung Interessenten zu empfehlen.
Der Preis des Buches ist aus 50 Pfennig festgesetzt.
Bei Bezug einer größeren Anzahl ermäßigt sich der Preis und zwar von 50 Exemplaren ab auf 40 Pfennig, von 100 Exemplaren ab auf 35 Pfennig, von 200 Exemplaren auf 30 Pfennig.
I. 9658. Der Königliche Landrat.
I. V.: Fellinger, Regierungs-Reserendar.
nichtamtlicher teil.
Kin klares Programm.
Die Worte des Reichsschatzsekretärs, die uns die „Nordd. Allg. Ztg." übermittelt, werden einen starken Widerhall im deutschen Volke finden. Schon formell ist es bei uns ungewöhnlich, daß ein praktischer Staatsmann den Weg einer wissenschaftlich-theoretischen Auseinandersetzung wählt, um sich über seine und seiner Regierung Pläne auszulassen. Herr Sydow muß uns noch sehr $el zu sagen haben, wenn er sich kurz vor Beginn der Reichstagsverhandlungen so ausführlich über seine Absichten verbreiten kann. Aber auch inhaltlich verdient diese Veröffentlichung eine besondere Beachtung. Hatte das jüngste Kommunique der „Nordd. Allg. Ztg." vielfach in Andeutungen gesprochen, die wie gtgtlel^ngen, so wird jetzt im weiter vorgeschrittenen Stadium der Beratungen im Schoße der Regierungen das Dunkel gelichtet, eine zusammenhängende und einleuchtende Darstellung über die grundsätzlichen Fragen der Reichsfinanzresorm gegeben und das Programm einer organischen Reform unseres Finanz- und Steuerwesens erfüllt, das bisher in wichtigen Punkten noch bloße Verheißung gewesen war. Klar erheben sich nun vor unserem Auge die einzelnen Stockwerke des geplanten Neubaues unseres Reichsfinanzwesens, große allgemeine Gesichtspunkte, die sich gegenseitig tragen und ergänzen, beherrschen das ganze Reformwerk, das in seiner klaren logischen Gliederung und durchsichtigen Einteilung einen wohldurchdachten wissenschaftlich fest fundierten Eindruck macht.
Während das Meiste, von dem, was der Staatssekretär ausführt, z. B. über die Notwendigkeit der Eindämmung der Schuldenwirtschaft und der Einführung größerer Sparsamkeit, über die Schädlichkeit der Belastung des Anleihemarktes mit kurzfristigen Schatzanweisungen und anderes der unbedingten einmütigen Zustimmung aller Kreise sicher sein darf, werden sich an andere Punkte, die vielleicht noch wertvoller sind, eingehende politische Diskussionen anknüpfen. Die Berechnung
ihm zuvor gekommen — ich habe alles getan! Sie aber tun nicht Recht, daß Sie mich so lange auf eine Antwort warten lassen. Sie versprachen mir schweigend, meinen Antrag in Ueberlegung zu ziehen und ich habe alle die Wochen dabei vergebens aus eine Viertelstunde gewartet, in der Sie mich Ihres Vertrauens würdigen sollten!"
Klara Addenhoven blickte dem Freunde, dessen ehrliche Augen fest und bittend aus sie gerichtet waren und um dessen Lippen es dabei von einem verhaltenen und nur eben besiegten Unmut zuckte, voll ins Gesicht. Der Ausdruck des ihren war noch ernster, als gewöhnlich, sie entgegnete leise und doch nicht ohne einen Nachhall von innerer Festigkeit in ihrer Stimme:
„Sie hätten meine Antwort längst, mein Freund, wenn Sie besser in mir und ein wenig auch in sich selbst zu lesen vermocht hätten. Fast konnte ich vor dem männlichen Trotz erschrecken, der sein eigenes schon halb erschlossenes Gefühl unter die Füße treten will, nur um in einer Frage zu siegen, an die sich einmal Stolz und Selbstgefühl und weltlicher Eigensinn der Herren der Schöpfung geheftet haben. Doch ich will Ihnen nicht das leiseste Unrecht tun, lieber Doktor I Ich weiß, wie Sie geartet sind, weiß, daß, wenn ich in dieser Stunde Ja sagen und Ihre Frau werden würde, Sie die Kraft hätten, alles zu überwinden, was jetzt in Ihnen selbst dagegen spricht. Sie würden es bereuen, aber mich niemals entgelten lassen, daß Sie mir die Hoffnung und das Verlangen nach einem volleren und besseren Glück geopfert hätten. Und weil ich das weiß, will ich Ihnen denn auch eingestehen, daß ich wirklich einige Tage lang geschwankt und erwogen habe, ob eS nicht besser für mich sei, an Ihrer Seite in die deutsche Heimat zurückzukehren. Doch das ist nun längst entschieden. Ich muß dem Dränge, der mich nach Rom und in das Haus der Schwestern geführt hat, nachgeben, denn er ist in den inneren Kämpfen, die mir Ihre Frage erweckt hat, nur gestärkt und befestigt worden. Und nun lassen Sie eS das letzte Wort sein, das wir hierüber wechseln. Ich danke Ihnen noch einmal und bitte Sie, soweit Sie ej nach Ihren Ueberzeugungen vermögen, nur mit freundlichem Auge auf dem Wege nachzuschauen, den ich fortan einschlage. Sie selbst aber
eines jährlichen Mehrbedarfs von mindestens 500 Millionen Mark seitens des Staatssekretärs wird vielleicht für manche noch etwas Ueberraschendes haben, obwohl auch von sachver- ständiger parlamentarischer Seite derselbe Betrag herausgerechnet wurde und die Oeffentlichkeit Zeit genug hatte, sich allmählich mit dieser freilich ungewöhnlich hohen Summe unseres Defizits zu befreunden. Daß in diesem Punkte seitens des Reichstags keine künstlichen Zahlenschiebungen vorgenommen, sondern die vorliegenden Notwendigkeiten klar und offen anerkannt werden, ist eine der Grundbedingungen der erfolgreichen Durchführung der Reichsfinanzresorm. Besondere Aufmerksamkeit aber werden die im Zentrum des Sydowschen Programms stehenden jetzt erst verständlich gewordenen Pläne über die Neuregelung der finanziellen Beziehungen deS Reiches zu den Einzelstaaten erwecken. Der organische Charakter der Reform kommt nirgends deutlicher zum Ausdruck als an diesem Punkt. Auch hier heißt es, wie Goethe von der Gedankenfabrik und dem Webermeisterstück sagt, daß ein Tritt tausend Fäden regt, ein Schlag tausend Verbindungen schlägt. So auch werden hier verschiedene wünschenswerte Ziele, — Ordnung im Finanzhaushalt der Einzelstaaten, größere Heranziehung des Besitzes durch Steigerung der Matrikularbeittäge, Schaffung eines periodischen Finanzplanes und vor allem Erzielung größerer Sparsamkeit sowie Stärkung der Stellung des ReichsschatzsekretärS durch die Ermöglichung eines wirklichen Defizits in der Reichskasse — mit einem Zugo erreicht.
Rationell wie diese Regelung — die nebenbei bemerkt daS Budgetrecht des Reichstags in keiner Weise beeinträchtigt — ist auch die von dem Staatssekretär vertretene Verteilung der Steuerlasten auf die einzelnen Stände und Berufe. Die Finanzreform verfolgt keine parteipolitischen Ziele, und darum ist dafür in erster ^me Sorge zu tragen, daß durch sie nicht etwa eine wesentliche Verschiebung in den Besitz- und Vermögensverhältnissen von rechts nach links, von oben nach unten oder umgekehrt eintritt. Eben deshalb tritt der Staatssekretär mit besonderem Nachdruck für die Erweiterung der Reichserb- schaststeuer als unentbehrlichen sozialen Ausgleich für die stärkere Heranziehung des Massenverbrauchs ein.
Wenn auch die Opposition gegen die Steuerpläne im einzelnen nicht ausbleiben kann, so wird der Wille zur Einigung, der zweifellos in aßen nationalen Kreisen schon vorhanden ist, durch den Aussatz Sydows zweifellos noch verstärkt werden. Der eindringliche Hinweis des Staatssekretärs auf die verhängnisvollen Folgen eines Scheiterns der Reform wird den weitesten Kreisen zum Bewußtsein bringen, daß es sich hier in der Tat um nichts weniger als eine Existenzsrage des Reiches handelt.
Aus Jn* und Ausland.
Berlin, den 22. September 1908
Mit dem Kaiserpaare wird morgen vormittag
werden, wenn ich nicht völlig irre, bald, recht bald erkennen, daß ich mich als Ihre wahre Freundin bewährt habe und nicht hindernd zwischen Sie und eine Zukunft getreten bin, die schon in Ihrer Seele dämmert."
Der Gelehrte sah düster vor sich nieder und empfand eS fast als eine Demütigung, daß Klara, wie sie heiter resigniert vor ihm stand, Regungen erriet und nachsühle, die er sich eben nur vergeben hatte, weil er sie zum letzten Male gefühlt haben wollte.
Er hob langsam seine Augen wieder zu denen Klaras auf und sagte hastiger als er seither gesprochen hatte, denn die Gesellschaft kam heran:
„Ich habe mich Ihrem Entschluß zu fügen, Fräulein, den Sie selbst als den letzten, wohlerwogenen betrachten. Ich kann Ihnen nur wünschen, daß Sie all den Frieden und wenigstens einen Teil der Befriedigung finden, die Sie in der geistlichen Schwesterschaft im Opfer Ihres eigenen Lebens für die Zwecke der Kirche hoffen. Ich danke Ihnen noch besonders, daß Sie mich eben empfinden ließen, Ihre Erkenntnis einer jener Frühlingswallungen, die von Reiseleben einmal unzertrennlich scheinen, habe keinen Einfluß aus Ihre Entscheidung gehabt. Als ich Ihnen meine Hand antrug, war es nicht meine Meinung, daß ich um jeden Preis verheiratet aus Rom heimkehren müsse. An Ihre junge Freundin ernstlich zu denken verbietet mir neben der Gewißheit, daß ich ihr nicht sein und werden könnte, was solch liebliches Weltkind von einem Manne fordert, der einfache Umstand, daß ich nie und nirgends Gelegenheit haben würde, in Ihre Seele hineinzusehen und daß man sich mit fünfunddreißig Jahren nicht mehr auf eine unbesiegbare Leidenschaft berufen darf."
Klara Addenhoven wollte ihm offenbar noch etwas erwidern, aber schon betraten Frau v. Erpel und Frau v. Herbert die Stufen unter ihr und die Stimme des Generals tönte von fernher: „Nun die Lust rein ist, soll uns der Herr Doktor die Herrlichkeit hier gründlich zeigen und erläutern !"
Friedrich Gerland fühlte, daß er sein leidenschaftliches Verlangen, mit sich allein zu sein, überwinden müsse und zwang sich zu einer leichten Verbeugung und den Worten: „Ich