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herrselder Armblatt
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Sernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 108. Dienstag, den 15. September 1908.
Amtlicher teil.
Aufnahme von Waisen!
In der L e n o i r' s ch e n W a i s e n a n st a l t auf dem Teichhofe bei Hessisch-Lichtenau, die dazu bestimmt ist, Waisenkinder ohne Rücksicht aus das religiöse Bekenntnis und die Orts- oder Landesangehörigkeit der Eltern zu erziehen, können noch 12 Mädchen Aufnahme finden. Voraussetzung für die Ausnahme sind:
1. Gänzliche Mittellosigkeit des Zöglings.
2. Bei Halbwaisen muß nachgewiesen werden, daß Vater oder Mutter nicht imstande sind, durch eigene Erwerbstätigkeit die Mittel für Unterhalt und Erziehung des Kindes auszu- bringen.
3. Geistige und physische Gesundheit des aufzunehmenden Kindes, die durch Beibringung einer Bescheinigung des Kreis- physikus nachzuweisen ist.
4. Ein Alter von 6 oder 7 und nur im äußersten Be- dürfnissalle ein solches bis 8 Jahren.
Die Kinder verbleiben bis zum vollendeten 16. Lebensjahre in der Anstalt und werden dort der natürlichen Familie entsprechend in Familienkreisen erzogen, auch für einen späteren Lebenslaus unter möglichster Berücksichtigung ihrer Fähigkeiten und Neigungen vorbereitet. Ordnungsmäßig entlassenen Zöglingen können auch in ihrem späteren Leben noch Unterstützung (z. B. Ausstattung, Beihilfe in Unglücksfällen) zugewendet werden.
Ausnahmegesuche sind unter Darlegung der persönlichen Verhältnisse innerhalb 4 Wochen, vom Tage der Ausschreibung an, an den unterzeichneten Schriftführer der Stiftung zu richten.
Cassel, den 31. August 1908.
Stiftung der Brüder George und Konrad Lenoir zur Erziehung von Waisen in Cassel. B r u n n e r.
* *
Hersfeld, den 11. September 1908. Wird veröffentlicht.
Der Königliche Landrat.
I. V.: Fell in g e r,
Regierungs-Referendar.
nichtamtlicher teil.
Air RtWmzrefM.
Die nunmehr veröffentlichten Grundzüge der geplanten Finanzreform lassen erkennen, daß die Reichsregierung gewillt ist, ganze Arbeit zu machen. In der halbamtlichen Kundgebung heißt es: „Die unbedingte Notwendigkeit, das Finanzwesen des Deutschen Reiches einer entscheidenden auf lange Jahre wirksamen Reform zu unterziehen, ist seit Monaten Gegenstand
lUekbe von beiden?
Novelle von Adolf Stern.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Wieder überkam es den ernsten Mann, daß ihm wohler sein würde, wenn er hier in Rom an nichts, als seine ursprünglichen Arbeitsvorsätze gedacht hätte. Und gleichsam ohne Besinnen flüchtete er, als er den römischen Bekannten endlich wieder erreicht hatte, im Gespräch mit diesem aus der Gegenwart ins 14. Jahrhundert zurück.
Zu seinem Glück hatte Doktor Gerland während der Unterredung mit dem trotzig fordernden Maler weder gesehen, daß der Wagen, in dem Frau und Fräulein v. Herbert saßen, zweimal langsam an der großen Terasfe vorübergefahren und daß er mit Frank Holters aus dem Wagen wohl bemerkt worden sei, noch konnte er ahnen, welcher Zwist zwischen Tante und Nichte in den Kissen eben dieses Wagens während der heiteren Korsosahrt nachklang.
... orau v. Herbert hatte sich nicht versagt, eine Bemerkung.
Hausgenossen zu machen, der ihr nach Wochen so störend war als am Abend der ersten Begegnung: „Sieh dort, ^rua — Dein Doktor Gerland mit dem verkommenen Künstler, ™l “ r"« H""s gebracht hat. Der gelehrte Herr muß doch Wohlgefallen an dem Strolch finden und eine Seelensympathie zvlfchen dem edlen Paare obwalten. Jetzt hat er sogar die ehrwürdige Oberm der Schwestern für diesen Herrn Holters intereffiert, sie laßt sich ein paar verfallene Wallfahrtskirchen in ™ . ^^S0® öön ihm malen. Sie wird so unerquickliches
erhalten als die Blätter, die Du an Deinen Vater geschickt hast."
„Sie wissen recht gut, Tante Hedwig, daß Doktor Gerland nur dem kranken Künstler und seiner armen Frau zu Hilfe gekommen ist. Papa hat mir übrigens bereits geschrieben, daß
. Aquarellen recht gut gefallen, es sei etwas apart Wildes in ihnen, wie man gerade aus Rom selten erhalte",
Fräulein Erika und mühte sich, so gefaßt als möglich drein zu blicken und zu sprechen, obschon "der Wechsel der
der öffentlichen Besprechung. Sie wird von Vertretern der Wissenschaft und der verschiedensten Erwerbskreise sowie von Männern und Organen aller politischen Parteien mit seltener Einmütigkeit anerkannt. Die eingehende, immer erneute Erörterung der gegenwärtigen Schäden unseres Finanzwesens hat, so sehr sie auch über die möglichen Abhilssmittel im einzelnen auseinandergehen mochte, erkennen lassen, daß es sich hier um eine Forderung des gesamten deutschen Volkes handelt. . . . Doch hieße es die Gesamtlage unseres Finanzwesens durchaus verkennen, wollte man in der Einführung einiger neuer Abgaben die einzige oder auch nur die beherrschende Aufgabe des kommenden Winters suchen. Gewiß, würde dieser Teil der Reform nicht befriedigend gelöst, so müßte alle übrige Arbeit unzureichendes Stückwerk bleiben. Weit darüber hinaus bedarf es aber einer großen und umfassenden Reorganisation der gesamten Finanzgebahrung."
Der Plan umfaßt neben dem Steuerbudget die Neuordnung des Reichsschuldenwesens mit dem Ziele, die jetzige Pumpwirtschaft zu beseitigen und die Heranziehung des Reichskredits für nicht unmittelbar produktive Zwecke fachgemäß ein- zuschränken. Es wird beabsichtigt, eine planmäßige Schuldentilgung einzuführen und mehr als bishe^aus die bewährten Grundsätze altpreußischer Sparsamkeit zurückWgehen. Insbesondere ist bei der Ausführung von Bauten und anderen Neuanlagen eine Einschränkung der Ausgaben sowie eine Verringerung des kostspieligen Beamtenapparates vorgesehen, auch sollen die Formen des Geschäftsverkehrs vereinfacht und mehr denen des modernen Verkehrs angepaßt werden.
Aber auch bei Anwendung äußerster Sparsamkeit ist eine Verstärkung der Einnahmen durch sehr erhebliche Steuererhöhungen durchaus notwendig, da die zuverlässige Erfüllung der Staatszwecke hinsichtlich der militärischen Sicherheit und des kulturellen und sozialen Fortschritts unter keinen Umständen in Frage gestellt werden darf. Dazu muß jeder einzelne Staatsbürger Opfer bringen. Es sollen daher der Massenkonsum gewisser Genußmittel wie in andern Ländern mit starken Abgaben herangezogen und nach der Leistungsfähigkeit der verschiedenen Kreise der Bevölkerung abgestuste Konsumsteuern eingeführt werden, was durchaus sachgemäß erscheint. Aber es sollen auch die Anforderungen ausgleichender sozialer Gerechtigkeit nicht außer Acht gelassen, sondern durch geringere Belastung des Konsums der Minderbemittelten und durch höhere Besteuerung des kostspieligen Luxuskonsums zur Geltung gebracht werden. Aus diesem Grunde soll auch der Besitz zu den vermehrten Reichseinnahmen sein besonderes Scherflein beitragen. Dagegen ist die Einführung einer direkten Einkommen- und Vermögenssteuer für das Reich in dem Reformplane nicht in Aussicht genommen, wohl aber soll die Erbschaftssteuer weiter ausgedehnt werden. Schließlich sollen einzelne charakteristische Erscheinungen des modernen Aufwandes, die eine Steucrbelastnng vertragen können, ohne daß damit nach dem Urteil der berufensten Sachkenner eine Gefahr für Handel und Wandel verbunden ist, zur Steuer herangezogen
Farben auf dem jugendlich schönen Gesicht die innere Erregung verriet.
„Davon verstehe ich nichts und Du verstehst noch weniger, Kind", versetzte Frau v. Herbert verdrießlich. „Ich weiß aber, daß in diesem ganzen Verkehr, zu dem Dein törichtes Mitleid mit aller Welt leider den ersten Anstoß gegeben hat, etwas Ungehöriges liegt. Es beweist mir, was ich freilich schon vorher wußte, daß Doktor Gerland kein Gentleman ist."
„Kein Gentleman", rief Fräulein Erika so laut und im Tone ehrlichster Entrüstung, wie er nur der Jugend zu eigen ist, so daß die Tante auf ihrem Sitz zusammenzuckte und die Lippen sofort zu einem Verweis öffnete.
Aber das junge Mädchen ließ sie jetzt nicht zu Worte kommen, sondern fuhr beinahe zitternd fort: „Ich weiß nicht, Tante, was und wen Sie einen Gentleman nennen, aber ich habe in unsern Kreisen keinen Mann gesehen, der mir so ehrenhaft, so vertrauenerweckend vorgekommen wäre, als Doktor Gerland. Sie lassen ihn entgelten, daß der Onkel einmal seine Mutter gern geheiratet hätte und ich finde doch, daß ihn dies eigentlich nichts angeht. Alle unsere Tischnachbarn verwundern sich über Ihre Feindseligkeit, denn alle haben sie wahrgenommen und niemand begreift sie, da Doktor Gerland allen gefällt."
„Man sollte denken, der Herr Doktor mache Dir den Hof und Du wärst kindisch genug, Dich für einen Mann zu interessieren, der, glaub ich, noch einmal so alt ist als Du" — gab Frau von Herbert zurück. „Ich wenigstens würde an Deiner Stelle zu stolz sein, einen Mann zu loben, der Dich manchmal tagelang kaum bemerkt und Dich wahrscheinlich für ein noch unreiferes Kind hält, als Du wirklich bist, Erika."
„Ich verlange gar nicht, daß Doktor Gerland sich um mich bekümmere", sagte daS junge Mädchen und blickte aus dem Wagen hinaus, auf die Rasenflächen und Laubgänge der borghessischen Gärten hinunter, um sich eine Miene völliger Gleichgültigkeit zu geben. „Ich — ich frage auch nichts nach dem gelehrten Herrn und lasse ihn Fräulein Addenhoven mit Freuden, Allein ich kann nicht hören, daß Sie ihm alle
werden. Das gilt aber nicht von Umsatz- oder eigentlichen Verkehrssteuern, die in dem gegenwärtigen Zeitpunkte den glatten Lauf der volkswirtschaftlichen Maschinerie hemmen und beeinträchtigen würden.
Es dürfte keinem Zweifel unterliegen, daß man sich mit allen Punkten der offiziösen Darlegung rückhaltlos einverstanden erklären kann. Vor allen Dingen erfreulich ist es, daß in Zukunft auch für das Reich der altpreußifche Grundsatz der Sparsamkeit gelten und einem weiteren Anwachsen des Beamtenheeres vorgebeugt werden soll. Der neue Reichsfinanzreformplan trägt einen großzügigen Charakter und ist geeignet, dem Uebel der zur schweren nationalen Gefahr gewordenen Finanznot des Reiches an die Wurzel zu gehen. Deshalb aber müssen alle kleinlichen Parteirücksichten beiseite gelassen werden; denn die neue Reichsfinanzreform, die gleichsam eine Notstandsfrage geworden ist, muß zum Heile der Gesamtheit des deutschen Volkes gelöst werden und erfordert daher die Mitarbeit sämtlicher bürgerlichen Parteien.
Sie Wirren in Mnrnkko.
Paris, 12. September. Dem Matin zufolge sind in Tanger Briefe von Mulay Hafid eingetroffen, durch die Minister Menebhi bevollmächtigt wird, mit den Vertretern der Mächte zu unterhandeln. Hafid erkenne grundsätzlich die Akte von Algeciras an, rechne aber daraus, durch das Entgegenkommen der Mächte einige Aenderungen, insbesondere hinsichtlich der Organisation der Polizei, zu erlangen. Er suche ferner über besondere Entschädigungssorderungen Frankreichs, namentlich mit Bezug auf die Kriegskosten, eine Verständigung herbeizuführen. — Wie das Blatt weiter meldet, bemüht sich Hafid, eine neue, starke Mahalla zusammenzubringen, deren Oberbefehl er persönlich übernehmen will.
Für die Reservisten!
Jeder Soldat wird bei seinem Truppenteil in einer Liste, der sogenannten Stammrolle, geführt, die alles enthält, was sich auf seine Person bezieht; Geburtstag, Geburtsort, Aufenthalt der Eltern, Beruf, Einstellung, Vereidigung, Erkrankungen und Entlassung. Diese Liste muß jeder, der in die Heimat zurückkehrt, unterschreiben zum Zeichen, daß alles, was dort vermerkt ist, der Wahrheit entspricht.'' Man sagt, er muß seine Stammrolle anerkennen. Gleichzeitig erhält jeder Mann einen Militärpaß nebst Führungszeugnis, den er als Ausweis für sich dauernd behält. Ein Ueberweisungsnationale wird an das Bezirkskommando seines Wohnortes geschickt, unter dessen Befehl oder Kontrolle er nunmehr tritt. Dieses Nationale (Personenbeschreibung) ist ähnlich eingerichtet und enthält ähnliche Angaben wie der Paß.
Die Reservisten haben nämlich keineswegs ausgedient, wenn sie in die Heimat zurückkehren, sondern sie werden nur zur Reserve beurlaubt, in welchem Verhältnis sie einschließlich der
Achtung verjagen, auf die er doch ein Recht hat, wie wenige!"
„Es bleibt immer ein Glück, daß er sich nicht um Dich bekümmert. Du wärst aus Trotz imstande, Dir den eckigen unschönen Mann ins Schöne zu malen", entgegnete die Tante phlegmatisch. „Seit wir in Italien sind, bist Du der lebendige Widerspruch; es vergeht kein Tag, an dem Du Dich nicht gegen mich auflehnst. Dein Vater wird erstaunen, wie wenig" Erfreuliches Du in Rom gefunden hast und wie wenig erfreulich Du selbst heimkommst."
Bei dieser strafenden Rede hielt Erika sich nicht mehr; ein Schauer von Tränen brach hervor und schluchzend rief sie:
„Warum bin ich hier — warum haben Sie mich mitgenommen, Tante Hedwig! Ich gehöre nicht hierher, ich passe nicht in die Stadt, nicht in das Haus, in dem wir wohnen, nicht zu den Menschen, mit denen wir leben müssen! Niemand nimmt Anteil an mir, niemand fragt, wie mir zu Mute ist, auch Sie nicht, Tante Hedwig, sonst würden Sie mich mehr schonen!"
Frau v. Herbert saß dem für sie völlig unverständlichen Schmerzensausbruch der jungen Nichte gegenüber ratlos, und hielt es für das Beste, ein Gespräch, das so schmerzlich aus- klang, abzubrechen. Sie erinnerte sich plötzlich, daß sie mit dem General v. Erpel und seiner Gattin verabredet hatte, noch vor Abend die Kirche San Prassede zu besuchen und daß es höchste Zeit sei, dorthin zu fahren. Aber Fräulein Erika, die die hervorquellenden Tränen eben erst getrocknet hatte, flüsterte:
„Bitte, lassen Sie mich lieber nach Haus, Tante. Die ewigen Kirchen ermüden mich und machen mich, wie Sie sagen, trotzig — ich verstehe eben viel zu wenig von dem, was schön in ihnen sein mag. Ich möchte allein sein und werde bis zum Mittagessen auf unserem Zimmer bleiben."
Frau v. Herbert nahm schon die Miene an, auch hierüber zu schelten, fand aber, nach einem prüfenden Blick auf das junge Mädchen, für besser, diesmal nachzugeben. Sie befahl dem Kutscher, durch die Via di San Basilio zurückzufahren.
Es dauerte auch in der Tat nur wenige Minuten, daß