Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. *a
Der Anzeigenpreis beträgt für den Baum einer ein« gespaltenen Zeile 10 pfg., im amtlichen Teile 20 pfg. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.vsv»«n^
herrselder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 100
Donnerstag, den 27. August
1908.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 21. August 1908.
Die Ortspolizeibehörden des Kreises mache ich darauf aufmerksam, daß einzelne Katasterblätter, die s. Zt. auf Grund meiner Verfügung vorn 14. November 1901, I Nr. 6349 — Kreisblatt Nr. 136 — beschafft worden sind, nur Rubriken zur Eintragung der Arbeitszahlen bis zum Winter 1907/08 enthalten.
Dieser Umstand darf nicht zu der Annahme führen, als ob künftig die Ausfüllung und die Vorlegung der Katasterblätter nicht mehr erforderlich sei. Dies ist vielmehr nach wie vor geboten.
Die ausgesüllten Katasterblätter sind auch künftig bis spätestens zum 1. Dezember j. Js. dem Herrn Gewerbeinspektor in Eschwege vorzulegen.
Ich ersuche die Ortspolizeibehörden des Kreises, die Neubeschaffung abgelaufener Katasterblätter rechtzeitig zu bewirken.
Sie sind in der Formularverlagshandlung „Carl Heymanns Verlag in Berlin W. 8, Mauerstraße 43/44" erhältlich.
I. 8635. Der Königliche Landrat.
I. V.: Fellinger, Regierungs-Referendar.
Hersfeld, den 22. August 1908.
Die Herren Bürgermeister der Schulorte des Kreises haben mir bestimmt bis zum 1. September d. Js. anzuzeigen, wieviel die gesamten laufenden Schulunterhaltungskosten vom Rechnungsjahre 1907/08 betragen haben. Es sind dieses alle Ausgaben, welche für die Schule ohne Abzug der vom Staate geleisteten gesetzlichen Beiträge und widerruflichen Beihülfen aufgewendet worden sind. Kosten für Neu- und Erweiterungsbauten kommen dagegen nicht in Betracht.
I. 8687. Der Königliche Landrat.
I. V.: Fellinger, Regierungs-Referendar.
Hersfeld, den 21. August 1908.
Die auf Donnerstag, den 3. und 24. September d. Js. in der Stadt Fulda angesetzten Viehmärkte werden unter den seither bekannt gegebenen Bestimmungen abgehalten. Mit dem Auftrieb darf am 3/9. um 6 Uhr und 24/9. um 671 Uhr morgens begonnen werden.
I. 8660. Der Königliche Landrat.
I. V.: Fellinger. Regierungs-Referendar.
Gefundene Gegenstände:
Ein Regenschirm. Meldung des Eigentümers beim Ortsvorstand in Hillartshausen. Ein grauer Ueberzieher. Meldung des Eigentümers beim Ortsvorstand in Oberhaun.
Der Saatenstand Mitte August 1908. Regierungsbezirk Cassel, Kreis Hersfeld.
Begutachtungsziffern (Noten): 1 = sehr gut, 2 = gut, 3 = mittet, 4 — gering, 5 — sehr gering Vergleiche den Runderlaß der Herren Minister für Landwirtschaft rc. sowie des Innern vom 16. November 1901.
— I B c 9476 M. f. L. — I b 3646 M. d. I. —)
Fruchtarten usw.
Durchschnittsnoten für den Staat Reg'-Bez. Cassel
Anzahl der von den Vertrauensmännern ab gegebenen Noten
Sommerweizen . Winterspelz (Dinkel) . Winterroggen . Sommerroggen. Sommergerste .
Hafer . Erbsen Ackerbohnen Wicken Kartoffeln . Zuckerrüben Winterraps u. -Rübsen
Luzerne
Wiesen mit künstlicher Be-(Ent-)wässerung
Andere Wiesen .
2,5
2,7
2,4
2,5
2,9
2,8
2,8
2,9
2,8
2,8
2,6
2,6
2,8
2,8
2,6
2,5 3,0
2,9
2,5
2,8 3,0
3,1
3,2
2,9
2,8
2,8
2,9
2,6
3,1
3,1
2,6
3,2
Königlich Preußisches Statistisches
Dr. Blenk, Präsident.
2
2
1
1
2
m
2
1
21
2
1
2
2
3
2
4
4
4
1
2
4
1
1
1
1
Landesamt.
1
3
2
1
1
1
3
1
2
1
1
. nichtamtlicher Leil
kille neue Mt für Brüfto.
Die Niederlage des Sultans Abdul Asis vor Marrakesch im Kampfe mit seinem Gegensultan Mulay Hafid hat für Marokko eine ganz neue Lage geschaffen und kann dazu führen, dieses große Land einer Epoche des politischen und wirtschaftlichen Aufschwunges entgegenzuführen. Um die neue Lage gegenüber der alten richtig zu verstehen, muß man in Betracht ziehen, daß nicht nur Frankreich, sondern überhaupt alle Vertragsmächte den Sultan Abdul Asis für den rechtmäßigen Sultan bisher anerkannt und moralisch gestützt haben, auch stützen mußten, da ja der Algecirasvertrag mit dem Sultan Abdul Asis abgeschlossen war und ihm die Verpflichtung auferlegt worden war, Ordnung und Ruhe in Marokko herzustellen, Handel und Verkehr zu sichern und die Fremden zu schützen. Die Revolution in Marokko und der Kampf der beiden Sultane waren nun offenbar eine innere Angelegenheit Marokkos, in welche sich die Großmächte nicht einmifchen durften. Sie mußten ruhig abwarten, welche der streitenden Parteien mit ihrem Oberhaupte in Marokko Sieger sein würde.
Die Entscheidung ist nun gefallen, Mulay Hafid ist durch die Besiegung des schwachen und in Marokko verhaßten Sultans Abdul Asis der Beherrscher in Marokko geworden. ES hat jetzt gar keine Bedeutung, darüber zu rechten, daß die Franzosen einen Fehler gemacht haben, indem sie bis zum letzten Augenblicke dem alten Sultan Abdul Asis eine gewisse Stütze gewährten. Es war dies von Frankreich auch kein Fehler, denn Abdul Asis war der alte legitime Sultan Marokkos, der erst durch das Auftreten einer mächtigen Gegenpartei unter Mulay Hafid vom Throne gestürzt worden ist. Nun drängen aber die Verhältnisse dazu, daß Mulay Hafid als der Sieger von allen Großmächten als der rechtmäßige Sultan von Marokko anerkannt wird, denn nur dadurch kann daS unglückliche Land zur Ruhe kommen. Selbstverständlich muß der Sultan Mulay Hafid die Algecirasakte anerkennen. Und in dieser Frage liegt zugleich der springende Punkt für die neue Epoche in Marokko. Mulay Hafid gilt als ein kluger und energischer Mann und man traut ihm die Eigenschaften zu, welche ein Sultan in Marokko haben muß, um in dem von halbwilden Stämmen bewohnten Lande Ruhe und Ordnung zu schaffen. Es ist dann auch anzunehmen, daß die Persönlichkeit deS Sultans Mulay Hafid und dann auch seine Waffenerfolge die Bürgschaft dafür gewähren, daß Ruhe und Ordnung in Marokko wieder hergestellt werden können, und daß die Vertragsverpflichtungen der Algecirasakte ohne Umstände aus den neuen Sultan übertragen werden können. Es muß ferner angenommen werden, daß der neuen Lage entsprechend die Franzosen ihre Truppen aus Marokko zurückziehen und nur in einigen Hafenplätzen noch einige Zeit bleiben, um die Gnt« Wicklung der Dinge zu beobachten und die Fremden zu schützen. Man wird dann den Marokkanern die Ordnung ihrer Angelegenheiten und die Vermaln ng des Landes unter dem neuen Sultan überlassen können, und dann wäre die Grundlage für eine ganz neue Epoche in Marokko gegeben. Diese günstige Entwickelung kann aber durch zwei gefährliche Momente unterbrochen werden, erstens dadurch, daß der neue Sultan Mulay Hafid die Algecirasakte nicht anerkennen und ganz nach eigenem Gutdünken in Marokko schalten und walten will, und zweitens dadurch, daß es den Franzosen nicht ernst ist, aus Marokko ihre Truppen ganz herauszuziehen und bei Frankreich die Neigung bestehen bleibt, Marokko unter französisches Protektorat zu nehmen. Ob solche bedenklichen Zwischenfälle in der marokkanischen Frage eintreten, muß aber noch abgewartet werden.
Aus In- und Ausland.
Berlin, den 25. August 1908.
Se. Majestät der Kaiser unternahm gestern nachmittag, wie aus Wilhelmshöhe gemeldet wird, einen Spazier- gang in Begleitung des Botschafters Grafen Wolff-Metternich und heute morgen einen Austritt in den Habichtswald. Heute
Wem die Berge wanbern.
Eine Geschichte von Haß und Liebe von Karl Bienenstein.
(Schluß.)
Währenddessen war über dem Oedstein ein etwa teller- großes Wölklein erschienen, das aber von Minute zu Minute wuchs, nun schon den ganzen Gipfel einhüllte und als die beiden jungen Leute gegen den Hochwald hinkamen, da legte sich ein feiner Schleier vor die Sonne, der mit einem Mal ihr grelles Licht dämpfte.
Das machte sie aufmerksam.
„Wird uns doch kein Wetter erwischen?" rief die Roserl erschrocken.
Der Toni drehte sich um, und als er den finsteren Stock sah, der sich gegen Westen höher und höher emporschob, da wußte er, daß sie vor dem Gewitter Rotwald nicht mehr erreichen würden.
„Wenn wir nur die verfallene Mühl' im Oedgraben noch vorher erreichen", meinte er, „so viel Dach hat sie noch, daß sie uns vorm Naßwerden schützt. Lang dauert ja so ein Wetter nit. Gehn wir ein bisserl schneller."
Aber das war leichter gesagt wie getan, denn das raschere Schreiten erschütterte den Körper des Toni zu sehr und machte ihm zu große Schmerzen. Deshalb mußten sie den Schritt wieder mäßigen, obwohl ein dumpfes Murren das näherkommende Gewitter verriet. Finsterer und finsterer wurde es im Walde. Durch die Aeste hindurch sahen die beiden graue Wolkenballen in stürmischer Eile über den Himmel jagen. Immer näher und tiefer kam das Grollen des Wetters, und jetzt begann in der Ferne ein Rauschen, der Sturm war erwacht.
Erst war nur ein leichtes Schwanken in den Wipfeln der Bäume, dann aber brauste es auf einmal mit gellendem Pfeifen heran. Knarrend und ächzend bogen sich die Bäume unter der Riesenfaust des Sturmes, die sie ersaßt hatte, krachend schlug Wipfel gegen Wipfel, daß die dürren Aeste splitterten
und zu Boden stürzten, eine feurige Schlange fuhr durch den Wald, der ein betäubendes Schmettern folgte, und nun öffneten sich die Wolken, und sturmgepeitschte Regenschauer stürzten hernieder.
Und immer wilder und grausiger entwickelte sich das Wetter. Blitz auf Blitz zuckte hernieder, daß oft der ganze Hochwald in flammender Lohe stand, knatternd und brüllend schlugen die Donner, vom Gewände hundertfach verstärkt und zurückgeworfen, Gießbäche stürzten aus den Wolken und dazu heulte, pfiff und winselte der Sturm und riß die Aeste aus den Wipfeln, daß die beiden Wanderer keinen sicheren Schritt mehr tun konnten.
Aber kein Unterschlupf war im Hochwalde zu finden, die einzige Zufluchtsstätte war die verfallene Mühle im Oedgraben.
Trotz des wütenden Schmerzes, den der Toni empfand, schritten die beiden schneller aus, und endlich war der Oedgraben erreicht.
Schmutziggelb schössen die Wasser des Wildbaches mit brausendem Gestrudel daher und jetzt — ein ohrenbetäubendes Krachen, so wild, so schrecklich, daß das Heulen des Sturmes, das Brüllen der Donner darin untergeht.
Totenblaß drängten sich die Roserl und der Toni aneinander.
„Heiliger Gott, Toni!" schreit die Roserl entsetzt auf.
Und er stottert nur: „Der Oedstein!"
Und wieder setzt die Höllcnmusik des Gewitters ein.
Da, was ist das? Der Wildbach hebt sich, seine braunen Wasser fluten über den Steig und steigen mit jeder Minute höher.
Die beiden können nicht aus. Links der tosende Wildbach, rechts lotrechte, haushohe Felswände.
Schon waten sie bis zu den Knien.
„Vorwärts!" schreit der Toni, „bis zum Hirschen- sprung!"
Der Hirschensprung ist ein mächtiger Felsblock, der zwischen Steig und Wildbach liegt.
Aus den wollen sie sich retten.
Als sie ihn erreichen, waten sie fast schon bis zur Leibes- mitte in den kaffeebraunen Fluten.
Und nun gilt es, den Felsen zu erklimmen. Ein paar Fichtensprößlinge wachsen auf ihm. An die hält sich die Roserl an, mit den Fußspitzen sucht sie eine Kante zum An- stcmmen und nun schwingt sie sich hinauf. An einer abschüssigen Platte hängt sie, aber sie hält sich mit der Kraft der Verzweiflung und reicht Toni v.e Linke hinab.
Stöhnend vor Schmerz stemmt er sich mit dem verletzten Arm an den Felsen, der andere faßt nach der dargebotenen Hand Roserls und so kommen sie Stück für Stück auf den Hirschensprung.
Unter einem Tännling, der oben steht, liegt der Toni ohnmächtig, und die Roserl zieht schnell ihren Oberrock aus und schiebt ihm diesen unter die verwundete Achsel.
Und höher und höher schwillt der Wildbach. Das sanfte Wässerlein ist zum reißenden Strome geworden. Baumstämme schießen auf seinen kochenden Fluten einher, tischgroße FelS- blöcke wälzt er spielend daher, der Hirschensprung erbebt unter ihrem Anprall, aber er weicht nicht. Und jetzt kommt sogar ein ganzes Stück Waldland daher, auf dem noch aufrecht die jungen Bergtannen stehen. Es nimmt den Weg gegen den Hirschensprung und wird gegen ihn geschleudert, daß der Gischt bis zur Roserl emporspritzt.
Und immer neue Felsmassen kommen daher im brausenden Strome. Es ist, als wolle der ganze Oedstein zu Tale fahren.
Der Roserl fällt es ein: sollte der Tag gekommen sein, von dem der fremde Mann geweissagt hat, der Tag, da die Berge wandern und den Haß begraben! Wenn er nur nicht auch die Liebe begräbt!
Aber es ist keine Zeit zum Grübeln. Nur mehr ein paar Schuh steht die Flut unter dem Gipfel des HirschsprungS. Eine junge Fichte schießt heran und hängt sich mit der Krone an den Felsen.
Wenn die hier bleibt, so hängen sich an sie nachfolgende Stämme, sie werden herauswachsen, das Wasser wird sie über den Hirschensprung heben, und sie werden sie und den Toni himvegfegen.