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herrsel-er Kreisblatt
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Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 95.
Sonnabend, den 15. August
1908.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Den zahlreichen Fürstenbesuchen dieses Sommers ist in der abgelaufenen Woche die Zusammenkunft unsers Kaisers mit dem Könige von England, seinem Oheim, auf dem Lieblingssitze der verewigten Kaiserin Friedrich, Schloß Friedrichshof im Taunus, gefolgt. In den gewohnten herzlichen Formen ist König Eduard von Kaiser Wilhelm empfangen worden. Die Zusammenkunft hat sicherlich eine beiden Monarchen gleich erwünschte Gelegenheit für eine freund- fchastliche Aussprache geboten. Ein ungetrübtes Verhältnis zwischen den Oberhäuptern zweier so mächtiger Nationen wie Deutschland und Großbritannien wird auch von ihren Völkern gewünscht, die trotz aller Hetzversuche ihre Aufgabe für die Weltkultur in Frieden und Eintracht nebeneinander erfüllen wollen. Das geht auch aus den Stimmen der englischen Presse hervor. So erklärte die „Daily Graphie" in einem sehr sympathisch gehaltenen Leitartikel, die Zusammenkunft werde die Befestigung der Detente-Stimmung in den deutsch-englischen Beziehungen fördern, welche die jüngsten Erklärungen Greys im Unterhause hervorgerufen hätten. Und ein anderes englisches tonangebendes Blatt, die „Daily News", setzte die Möglichkeit eines deutsch-englischen Freundschaftsbündnisses auseinander, indem es schrieb: „Es gibt keinen Grund, warum wir nicht heute ebenso gute Freunde mit Deutschland wie mit Frankreich sein könnten. . . . Wir hoffen, den Tag zu sehen, an dem eine englisch-deutsche Ausstellung den Deutschen in unsern Straßen ebenso beliebt macht, wie in dem Sommer den Franzosen." Man darf-, daher die Zuversicht hegen, daß die Zusammenkunft der beiden Herrscher §ü einer weiteren Befestigung der friedlichen Lage führen wird, an deren Aufrechterhaltung alle Völker gleichmäßig interessiert sind.
Wenn man weiter den Ereignissen der letzten Woche nach- sinnt, so kann man unmöglich die erhebende opferfreudige Bewegung im ganzen deutschen Vaterlande aus dem Kreise der Gedanken bannen, welche die erschütternde Katastrophe des Zeppelinschen Luftschiffes hervorgerufen hat, und der überwältigende Vertrauensbeweis, den das deutsche Volk in einmütiger Hülfsbereitschast dem wagemutigen Grasen dargebracht hat, gibt ,-er Woche, in der eine kühne Hoffnung kurz vor ihrer Erfüllung vernichtet wurde, einen versöhnenden Ausklang. Die unzähligen Beileids- und Sympathiekundgebungen, vor allem aber die Gaben zu der Nationalspende für den Grafen Zeppelin zum Neubau seines Luftschiffes, die aus allen Kreisen der Bevölkerung, hoch und niedrig, so schnell und überaus reichlich eingegangen sind, beweisen, daß das deutsche Volk entschlossen ist, die kerndeutsche Treue, mit der Graf Zeppelin, um seine Erfindung dem Vaterlande zu erhalten, ein amerikanisches Angebot von 20 Millionen ausschlug, mit einer ebenso festen Gegentreue zu belohnen. Das wird auch von der ausländischen Presse anerkannt. So schrieb der Pariser „Figaro: „Das deutsche Volk hat innerhalb achtundvierzig Stunden mit einer seltenen Eindringlichkeit einen Beweis seines bewunderungswürdigen Patriotismus geliefert." Und wir fügen hinzu: Das deutsche Volk hat sich selbst geehrt, indem es seinem großen Sohne Ehre erwies. Dem tapferen Bezwinger der Lüfte aber rufen wir mit dem Reichstagspräsidenten Grafen Stolberg zu: Tu ne cede malis, sed contra audentior ito! (Weiche nicht dem Unglück, sondern geh ihm umso kühner entgegen!)
In England ist das Parlament in die Sommerferien gegangen und wird erst wieder am 12. Oktober zusammcn- treten. Seine wichtigste Leistung ist daS AltersversorgungS- gesetz, dem gegenüber das Oberhaus seinen Widerstand schließlich ausgab. Auch die irische Universitätsvorlage ist unter Dach und Fach gebracht. Daneben haben etwa zwei Dutzend kleinerer Bills die königliche Bestätigung erhalten, dazu noch 121 „private Bills." Denn wenn eine Stadt oder eine Gesellschaft eine Straßenbahn anlegen oder Gaswerke begründen will, fo bedarf es dazu der Sanktion der Parlamente. Solche Angelegenheiten, die in Deutschland kurz, sachgemäß und billig auf dem Verwaltungswege erledigt werden, kommen in England noch immer vor das Parlament. Das Verfahren kostet 8uuz unglaubliche Summen, vor allem an Anwaltsgebühren, und^das Parlament verliert viel kostbare Zeit.
^Rußland ist es, seit die Duma in die Ferien ge° gangen ist, politisch still geworden. Die Zeitungen beschäftigen sich viel mit dem Präger Slavenkongreß und kehren, je länger je mehr, eine antipolnische und auch eine antitschechische Richtung hervor. Auch die Frage der Armeereform wird lebhaft dis- kutiert Namentlich die Flucht der Offiziere in den Zivildienst macht Sorgen. Man hat berechnet, daß zurzeit 3000 Offiziers- Itellen zu besetzen sind, und weist darauf hin, daß eine Besserung der pekuniären und gesellschaftlichen Stellung, namentlich der unteren Offizierschargen, unerläßlich sei. Und das ist ohne Zweifel richtig. '
Die Entwickelung der Dinge in der T ü r k e i hat bisher einen Verlauf genommen, der jede Anerkennung verdient. Von vereinzelten Ausschreitungen abgesehen, ist aus die ottomanische -oewegung bis zur Stunde kein Makel gefallen, eine Tatsache,
die wesentlich dazu beittägt, die Erwartung zu nähren, daß es dem Sultan, seinen unmittelbaren Beratern und den Führern der Bewegung gelingen werde, in einträchtigem Zusammenwirken das Staatsschiff aus den bewegten Fluten der ersten Erregung in ein ruhiges Fahrwasser zu steuern, das nicht rückwärts, sondern vorwärts führt einer Zukunft entgegen, in der des türkischen Volkes Gedeihen und Wohlfahrt wartet.
$i§ 2. Manische Mant.-Regmiit Nr. 88.
Zu seinem 100jährigen Stistungsfeste am 13. August.
Das in Mainz in Garnifon stehende 2. Nassauische Infanterie-Regiment Nr. 88, desfen Vergangenheit auch mit unserer Stadt Hersseld eng verknüpft ist, da vom Jahre 1868—1870 ein Bataillon hier garnisonierte, kann am 13. August aus eine Geschichte von hundert Jahren zurückblicken. Im Auftrage der städtischen Behörden nimmt Herr Bürgermeister Strauß an der Jahrhundertfeier des Regiments teil und überreicht im Namen der Bürgerschaft ein prachtvolles Bild mit der Ge- famtansicht der Stadt Hersfeld. Auch eine ganze Anzahl hiesige ehemalige Angehörige des Regiments sind am Mittwoch morgen nach Mainz abgereist.
In einer Zeit, wo unser deutsches Vaterland unter dem Drucke der französischen Gewaltherrschast schmachtete, wurde das Regiment von dem Herzoge Friedrich von Nassau am 13. August 1808 zu zwei Bataillonen formiert; jedes Bataillon bestand aus fcchs Kompagnien. DaS 1. Bataillon wurde mit alten hannoverschen Dragonergewehren ausgerüstet, das 2. mit französischen. Die Uniform des Regiments bestand aus dunkelgrünem Waffenrock mit schwarzem Kragen und Ausschlag, gelber Biese, grauer Hose, Sachen und Gamaschen. Die Grenadiere trugen Helm mit Raupe, die übrigen Kompanien Tschakos mit dem nassauischen Wappen ; das Lederzeug war gelb.
Seine Feuertaufe erhielt das Regiment in den Feldzügen in Spanien, wohin es bereits am 19. August 1808 unter seinem ersten Kommandeur, dem Oberstleutnant von Kruse, in einer Stärke von 43 Offizieren, 85 Unteroffizieren, 96 Korporalen, 29 Spielleuten und 1436 Mann abrückte. Hier mußte es, wie die Truppen der übrigen Rheinbundssürsten, im Dienste Napoleons für eine ihm ganz fremde Sache kämpfen; aber mit Blut und Tod hat das Regiment in jahrelangem Ringen bewiesen, daß in seinen Reihen als erstes herrschte — die treue Pflichterfüllung 1 35 Offiziere und gegen 1000 Mann hatten auf Spaniens Feldern für den korsischen Eroberer geblutet, davon 8 Offiziere und gegen 200 Mann ibr Leben gelassen 1 Im Dezember des Jahres 1813 trat das Regiment zu den Truppen des englischen Generals Wellington über und wurde gleich darauf auf vier Transportschiffen nach England eingeschifft, wo es im Januar 1814 eintraf. Hier wurde ihm der Auftrag, nach den Niederlanden zu gehen, um dort bei der Belagerung der von den Franzosen zu dieser Zeit noch besetzten Festungen Verwendung zu finden. Bei der Ueberfahrt dorthin ereignete sich ein schreckliches Unglück. Ein Transportschiff kenterte auf der Haaksbank unweit der niederländischen Küste, wobei 11 Offiziere und 218 Mann in den Fluten der Nordsee ihren Tod fanden. Keine der Schlachten auf Spaniens blutgetränkten Feldern hatte dem Regiment einen gleichen Verlust an Toten gekostet; welch tragisches Geschick für die braven Truppen, welche bald die langersehnte Heimat zu erreichen hofften! Kriegerische Lorbeeren waren in den Niederlanden nicht mehr zu pflücken; die bald eintretende Kapitulation der Festung Rosendal führte das Regiment nach Herzogenbusch, wo es dann von Ende März mit einem niederländischen Jäger-Bataillon und dem zu den preußischen Okkupationstruppen in den Niederlanden gehörenden 1. westfälischen Landwehr-Regiment garnisonierte. Am 19. März 1815 leistete das Regiment dem inzwischen zum Könige der Niederlande ausgerufenm Fürsten Wilhelm von Oranien den Eid der Treue.
Als dann bald darauf der Krieg gegen Napoleon von neuem ausbrach, wurden auch die niederländischen, zur Vereinigung mit der Armee Wellingtons bestimmten Truppen sofort kriegsbereit. Das 2. Regiment wurde der 2. Brigade der 2. niederländischen Division, welche zu dem vom Prinzen von Oranien kommandierten I. Korps der Wellingtonschen Armee gehörte, zugeteilt. Am 16. Juni 1815 focht das Regiment bei Quatre BraS, wo es 4 Offiziere und 105 Mann an Toten und Verwundeten einbüßte. Zwei Tage später rang es in der blutigen Entscheidungsschlacht beiBelle- Alliance und verrichtete an der Seite der Engländer und Hannoveraner Wunder der Tapferkeit. 4 Offiziere und 80 Mann blieben auf dem Felde der Ehre, während 19 Offiziere und 157 Mann verwundet wurden. Im Juli stand das Regiment vor Paris, wo es an der auf den Champs ElysoeS vor den verbündeten Monarchen stattfindenden Parade in voller Stärke teilnahm. Nach dem zweiten Pariser Frieden marschierte daS Regiment nach den Niederlanden zurück; hier blieb es bis zum Jahre 1820 und kehrte dann nach 12jähriger Abwesenheit in die Heimat zurück. Sein Scheiden wurde in den Niederlanden warm empfunden; ihm widmeten die Zeitungen ehrenvolle Nachrufe; sie nannten daS Regiment den „Kern und die Zierde der Armee."
Es kam das Jahr 1866. Hundert Jahre waren vergangen, seit Friedrich der Große der Kaiserin Maria Theresia von Oesterreich die Hand zum Frieden gereicht hatte! Noch immer hatte das Schicksal nicht entschieden, welcher von den beiden Staaten im alten Deutschen Reiche die Oberherrschaft haben sollte. Schleswig-Holstein, die im Jahre 1864 in gemeinsamem Kämpfe errungene Nordmark, sollte neben sonstigen politischen Verhältnissen der Anstoß zur endgültigen Entscheidung, zum Kriege werden.
Auch die deutschen Mittel- und Kleinstaaten trafen angesichts des drohenden Zusammenstoßes vorbereitende Maßregeln. Die Süddeutschen hielten in München mit Sachsen, Kurhessen und Nassau Beratungen; die Einberufung der Urlauber wurde frühzeitig beschlossen; in Nassau erging der Befehl am 22. Mai. Letzteres hatte seine Truppen zum 8. BundeskorpS zu stellen, um mit der aus Oesterreich erwarteten Brigade Hahn die 4. Division jenes Korps zu bilden. Das 7. (bayerische) Korps und das 8. Korps waren dem Oberbefehl des Prinzen Karl von Bayern unterstellt. Der Ausgang dieses Krieges, in welchem das Regiment am 24. und 25. Juli bei Tauber- bischofsheim und Gerchsheim inS Feuer kam, war auch für das Herzogtum Nassau verhängnisvoll. Es wurde mit Hannover, Kurhessen und der freien Stadt Frankfurt dem preußischen Staate einverleibt. Wehmutsvoll, aber mit stolzer Zuversicht, einer ruhmvollen Vergangenheit gedenkend, lösten sich die Glieder, lösten sich die Reihen des Regiments. Durch Allerhöchste Kabinettsorder vom 2. Oktober 1866 erhielt das aus den Regimentern der 16. Division zu bildende Regiment die Bezeichnung „Infanterieregiment Nr. 88". DaS Regiment erhielt Limburg a. Lahn zur Garnison, durfte also in feinem Heimatlande bleiben. Nachdem Herzog Adolf von Nassau die Offiziere ihres Eides feierlich entbunden hatte, erklärten sich auf diesbezügliche Anfrage die meisten zum Uebertritt in preußische Dienste bereit. Zum Kommandeur des Regiments wurde Oberst Beyer von Karger ernannt. Im Jahre 1867 erhielt das Regiment die Bezeichnung „2. Nassauisches Infanterieregiment Nr. 88".
Der Ruhm, den die preußische Armee sich durch ihren siegreichen Feldzug gegen Oesterreich errungen, die Machtstellung, die König Wilhelm I. seinem Lande in Deutschland verschafft hatte, ließen dem Ehrgeize der Franzosen keine Ruhe. Sie allein wollten das erste Volk in Europa sein, deshalb mußte Preußen in den Staub geworfen werden. Es kam zum Kriege. Am 16. Juli 1870 morgens traf beim Regiment der mitAubel begrüßte Mobilmachungsbefehl ein und dieser Tag war als erster Mobilmachungstag bestimmt. Das Regiment, welches mit dem Regiment 82 die 42. Brigade unter Generalmajor von Thile bildete, überschritt in der Frühe des 4. August die Grenze und kam an diesem Tage bei Weißenburg inS Feuer; Teile des 1. Bataillons unter Major Heye nahmen im Verein mit den 11. Jägern das Dorf Riedselz. Zwei Tage später focht das Regiment mit großer Tapferkeit in der blutigen Schlacht bei Wörth. Hier verlor es beim Kampfe um daS Dorf Elsaßhausen und den Niederwald 24 Offiziere und 322 Mann an Toten und Verwundeten. Der Kommandeur des Regiments, Oberst Köhn von Jaski, starb hier den Heldentod, von einer vollen Granate auf die Walstatt gestreckt. Fast gleichzeitig sank der tapsere Chef der 10. Kompagnie, Hauptmann v. Elpons, schwer verwundet nieder. An der Spitze der 9. Kompanie fand Hauptmann von Grävenitz den Heldentod ; es fielen die Oberleutnants von Heineccius und Pelet und die Leutnants Wilm, Pluschke, Blumhof und von Biederstem. Am 1. September beteiligte sich das Regiment in der Schlacht bei Sedan an dem Kampfe um die Höhen von Floing; hier starb der Chef der 1. Kompanie, Hauptmann von Wedell, den Heldentod. Der Gesamtverlust des Regiments betrug bei Sedan an Toten und Verwundeten 7 Offiziere, 12 Unteroffiziere und 90 Mann. Nachdem das Regiment dann noch an verschiedenen Gefechten vor Paris teilgenommen hatte, war eS seinem 1. Bataillon vergönnt, als erstes der deutschen Armee in die feindliche Hauptstadt einziehen zu dürfen. Nach dem Friedensschlüsse kehrte das Regiment, mit neuen Lorbeeren geschmückt, in feine Garnison Mainz zurück.
Aenderungen in der Heeresorganisation führten im Jahre 1897 zu einer Verstärkung der Armee; es entstanden 42 neue Regimenter und 19 Brigaden. Infolge dieser bedeutsamen Reorganisation gab das Regiment 11 Offiziere sowie sämtliche Unteroffiziere und Mannschaften des 4. und 20 Mann der drei andern Bataillone an das in Hanau zusammentretende Infanterieregiment „Hessen Homburg Nr. 166" ab. Die Allerhöchste Kabinettsorder vom 27. Januar 1899 verlieh dem 2. nassauischen Infanterieregiment Nr. 88 Helmbänder mit den Inschriften „Mesa de Jbor", „La Belle-Alliance", „Mc- dellin".
Als im Juni 1900 die weitverzweigte Partei der Boxer im geheimen Einverständnis mit der chinesischen Regierung einen Aufstand erregte und viele Ausländer, unter ihnen auch den deutschen Gesandten in Peking ermordete, befahl unser Kaiser die sofortige Entsendung eines Panzergeschwaders und Mobilisierung eines Expeditionskorps aus Freiwilligen der ganzen deutschen Armee. Von dem Regiment nahmen 2 Unteroffiziere und 25 Mann an der Expedition teil.