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herrsel-er Kreisblatt
Gratisbeilagen: Illustriertes Sonntagsblatt" und Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 87.
Dienstag, den 38. Juli
1908.
Amtlicher teil.
Hersseld, den 26. Juli 1908.
Der Herr Regierungs-Präsident hat mich vom 30. d. Mts. ab für die Dauer einer 56tägigen militärischen Dienstleistung beurlaubt und für diese Zeit den Regierungs-Reserendar Fellinger mit meiner Vertretung beauftragt.
I. 7775. Der Königliche Landrat
von Grün elius.
Hersseld, den 21. Juli 1908.
Die Herren Bürgermeister des Kreises, welche meine Verfügung vom 4. Juli d. JS. I. 6954, Kreisblatt Nr. 80, betr. Bericht darüber, daß die Ermittelungslisten über die in den einzelnen Gemeinden vorhandenen Handwerksbetriebe, in denen Lehrlinge beschäftigt werden, an die Handwerkskammer in Cassel ausgesüllt zurückgesandt worden sind, noch nicht erledigt hoben, werden mit 8t ä g i g e r Frist hieran erinnert. I. I. 6954. Der Königliche Landrat.
I. A.: Fellinger, Regierungs-Reserendar.
Hersfeld, den 20. Juli 1908.
Unter dem Schweinebestande des Bäckermeisters Wilhelm Hettler zu Hersseld ist die Rotlausscuche ausgebrochen. I. 7547. Der Königliche Landrat.
I. A.: F e l l i n g e r, Regierungs-Reserendar.
Hersfeld, den 22. Juli 1908.
Unter dem Schweinebestande des Landwirts Rössing in Gittersdorf ist die Rotlausseuche ausgebrochen. I. 7605. Der Königliche Landrat.
I. A.: Fellinger, Regierungs-Reserendar.
Hersseld, den 20. Juli 1908.
Unter dem Schweinebestande des Lohgerbers Adam Schönewolf zu Hersseld ist die Rotlausseuche ausgebrochen. I. 7546. Der Königliche Landrat.
I. A.: Fellinger, Regierungs-Reserendar.
Warnung.
In hiesigen Zeitungen wird von der Firma Dr. med. Rumler in Genf, deren Inhaber jetzt ein Dr. med. Ringelmann ist, ein Buch als Wegweiser und Ratgeber zur Verhütung und Heilung von Gehirn-, Rückenmarks, und Geschlechtskrankheiten angepriesen. In dem „Neurasthenie" betitelten Buche werden eine Reihe der schwersten Krankheiten als Folgen geheimer Leiden in übertreibenster Weise dargestellt, um die Kranken in Angst zu versetzen und sie zu veranlassen, einem
Wem die Berge m-m.
Eine Geschichte von Hab und Liebe von Karl Bienenstein.
(Fortsetzung.)
Dann ist der fremde Mann wieder weiter gegangen, und der Pfarrer war so weg, daß er ganz vergessen hat, zu fragen, wer er denn is. Kein Mensch hat ihn wieder g'sehn, und niemand weiß, wer er g'west is. Der Haß aber is noch alleweil da. Aus dem einen Haus wird er vertrieben, und ins andere zieht er ein, und unser Herrgott weiß, wann die Berg wandern werden!"
Roserl saß gedankenvoll und sah zu dem Oedstein auf, von desfen Gipselmauer sich eben ein weißes Wölklein löste, das durch den Staub eines losgebrochenen Felsenstückes verursacht worden war. „Grad is wieder a Stückerl Berg auf ™ Wanderschaft gangen!" sagte sie.
Die Alte nickte: „Ja, ja, i mein, die Zeit wird kommen, von der der fremde Mann erzählt hat. Ost hör ich's in der ^ocht, wie's vom Oedstein herabdonnert, und da bet ich allemal zu unserm Herrgott: „Laß die Zeit bald kommen, wo s nur mehr Lieb und Güte gibt. Tät's auch deinem Vater wünschen und dem Brandebner, daß einmal Ruh zwischen ihnen würde."
„Du meinst also wirklich, daß nur der Haß gegen den Brandebner den Vater so finster macht?" fragte die Roserl.
Die Alte stierte eine Weile mit ihren erloschenen Augen geradeaus, dann fragte sie plötzlich: „Wie alt bist denn, Roserl?"
»Wie alt?" gab diese erstaunt zurück. „Zweiundzwanzig Jahre bin ich zu Pfingsten alt gewesen!"
„So alt schon?" meinte Agerl und schüttelte den Kops, als könnte sie es nicht glauben. „Hätt ich mir nit denkt. Mir is's, ich hätt dich erst in der vorigen Wochen mit dein Schulranzerl vorbeitrebbeln g'sehen. Ja, ja. die Zeit vergeht. Aber weißt, warum i g'fragt hab?"
dem Buche beigegebenen Fragebogen auszufüllen und sich danach in briefliche Behandlung durch die Firma zu begeben. Vor diesem, aus Ausbeutung leichtgläubiger und ängstlicher Personen berechneten Schwindel wird hiermit gewarnt.
Berlin, den 20. Juni 1908.
Der Polizei-Präsident. I. A.: gez. L e w a l d.
* *
Hersseld, den 23. Juli 1908. Wird veröffentlicht.
Der Königliche Landrat.
I. A.: Fellinger,
Regierungs-Reserendar.
Die Pläne über die Errichtung oberirdischer Telegraphenlinien an der Vachaer Straße zu Philippsthal, an dem Wege von PhilippLthal zum Burgholz bis zum Kaisergraben und an dem von der Straße Heringen-Heimboldshausen beim Dorfe Lengers (km 3,4) abzweigenden Vachaer Hohlweg liegen bei dem Postamt in Heringen (Werra) vom 24. Juli ab vier Wochen aus.
Cassel, 20. Juli 1908.
Kaiserliche Ober-Postdirektion.
nichtamtlicher teil.
% türkische llederraschmig.
In der Türkei vollzieht sich eine Umwälzung. Man liest jetzt in der europäischen Preffe häufig die Bemerkung, daß der Orient das Land der Überraschungen sei. Gewiß, in der orientalischen Geschichte fehlt cI nicht an großen Wendungen, an scheinbaren Plötzlichkeiten, die aus fanatischen Leidenschaften entstanden sind und von einzelnen Gewaltmenschen hervor- gerufen wurden. Aber wenn die gegenwärtige Bewegung unter den Türken überraschend wirkt, so erklärt sich das zum Teil daraus, daß die Kenntnis und richtige Beurteilung der Orientalen noch immer mangelhaft im Abendlande ist. In manchen Kanzleien hat man geglaubt, daß die sprichwörtliche Geduld der Türken unerschöpflich sei, man wollte von außen her die Zustände in Mazedonien reformieren, man verschrieb dem kranken Mann Rezepte und mutete ihm Arzneien zu, die seiner innersten Natur zuwider waren. Da auf einmal erhebt er sich und zeigt eine Lebenskraft, die ihm nur wenige bessere Kenner zugetraut hatten.
Im Jahre 1876 gab der gegenwärtige Sultan bald nach seiner Thronbesteigung eine Verfassung. Sie sollte die fremden Versuche der Einmischung in die inneren Verhältnisse des osmanischen Reiches, insbesondere zugunsten der christlichen Völkerschaften, abwehren helfen. Das Drängen der russischen Protektoren der Bulgaren zum Kriege ließ sich dadurch nicht aushalten. Nach einem kurzen Scheinleben blieb die Verfassung aus dem Papier stehen. Wo sich später Anhänger einer ver
. Roserl sah die Alte erwartungsvoll an und erwiderte: „Kann mir's nit denken."
„Weil ich's wissen hab wollen, ob du's auch schon verstehen könntest, wann ich dir erzähl', warum dein Vater den Haß auf den Brandebner hat."
„Weißt du's?" stieß Roßerl gespannt hervor.
„Ja, ich weiß's, und ich will dir's erzählen, vielleicht verstehst dann manches, was bei euch war, und vielleicht is dir dann selber auch leichter ums Herz. Also paß auf: Dein Vater und der Brandebner sind Schulkameraden und sind als Buben die besten Freunde gewesen. Auch wie's schon Burschen waren, haben sie noch immer zusammengehalten wie die Schrauben, und wer mit einem von ihnen was ang'fangt hat, der hat von alle zwei Schläg' gekriegt. Da kommt zum damaligen Förster eine Verwandte, ein bildsauberes Mädl, und auf ja und nein sind dein Vater und der Brandebner jeder bis über die Ohren in das saubere Dirndl verliebt. Und von der Stund an war's mit der Freundschaft aus. Einer hat dem andern alles angetan, was er nur hat können, einer hat den andern lächerlich g'macht, und mehr als einmal is g'raust worden, bis eS Fetzen geben hat. Dein Vater war aber nit nur der Stärkere, er war auch viel sauberer und lustiger und witziger als der Brandebner, und so hat's mit der Zeit ausgeschaut, als ob er der Hahn im Korb werden sollt'. Das hat der Brandebner nit anschau'n können, und so hat ihn die Eifersucht und der Haß zum Aergsten getrieben, und er hat seinen frühern besten Freund verraten wie der Judas unsern Herrgott. Dein Vater ist nämlich dann und wann gern mit dem Büchserl den Gamserln nachg'stiegen, und das hat der Brandebner dem Förster g'steckt, damit er deinen Vater vom Förstermadel wegbringt. Der Förster aber, nit faul macht die Anzeige, der Brandebner hat als Zeuge hermüssen, und dein Vater is auf vier Monat ins Zuchthaus kommen, Hat's ihm kein Mensch als Schand ang'rechnet, und er hätt sich auch gewiß nix d'rauSg'macht, wenn ihn der Förster erwischt hätt', aber daß ihn der Brandebner verraten hat, das hat ihn aus dem Häuft gebracht. Den Tod hat er ihm g'schworen, und wie er aus dem Arrest zurückkommen ist, da hat ein jeder Mensch im Dörfl geglaubt, daß man bald waS
fassungsmäßigen Erneuerung des türkischen Reiches zeigten, wurden sie mit Gefängnis oder Verbannung bestraft.
Trotzdem hat die jungtürkische Bewegung im Stillen weiter gearbeitet und sich namentlich in der Armee Eingang zu verschaffen gewußt. Ihre Erfolge im Heer dankt sie mit den sog. Reformen, die von den fremden Mächten in Mazedonien eingeführt worden sind und noch eingeführt werden sollen. Ganz begreiflich; denn die Umtriebe und Bluttaten der christlichen Banden dauerten fort, ohne daß die türkischen Armeekorps dagegen von ihrer Uebermacht Gebrauch machen durften. So fand der jungtürkische Gedanke, daß eine am Haupte reformierte Türkei, eine Beschränkung der Autokratie mit ihren Nebenerscheinungen, der Palastränke und des Spionentums, imstande sei, selbst Ordnung zu stiften, leicht Eingang bei den Offizieren und Soldaten.
Eine Unterdrückung dieser Bewegung, die zunächst daS zweite Armeekorps in Monastir ersaßt hatte, wäre nur möglich gewesen durch Heranziehung neuer Regimenter aus Kleinasien. Einer solchen Maßregel aber stellte sich, abgesehen von der Abneigung der Kleinasiaten vor der Hergabe ihrer Söhne zu oft lang dauernden, schlecht besoldeten Kriegsdiensten in Europa, der das ganze Leben der Moslim erfüllende Glaube entgegen, der den Kampf unter Mohammedanern verbietet. Wahrscheinlich hat ein Gutachten des Scheich ul Islam gegen die gewaltsame Unterdrückung des Armeeaufstandes in Mazedonien den Ausschlag dafür gegeben, daß sich der Sultan fo schnell zur Einberufung des Parlaments aus Grund der Verfassung von 1876 entschloß.
Die Erscheinung, daß eine bisher unblutig verlaufene, die • Gleichberechtigung aller Konfessionen verfechtende türkische Bewegung aus eigener Kraft die offenbaren Schäden der Ver- waltung abstellen will, kann nicht ohne Einfluß auf die Reformvorschläge der Großmächte und ihre weitere Behandlung bleiben.
Aus In- und Ausland.
Von der Nordlandreise Sr. Majestät deS Kaisers wird gemeldet: Molde, 24. Juli. Die Hohen- zollern mit Sr. Majestät dem Kaiser an Bord ist heute früh 9 Uhr von hier weitergegangen. — Das Wetter ist schön. A a l e s u n d, 24. Juli. Die kaiserlichen Schiffe gingen aus der hiesigen Rhede um 12 Uhr vor Anker. Se. Majestät der Kaiser fuhr sofort mit Gefolge zur Borgundskirche. — ES herrscht drückende Hitze. M e r o k, 24. Juli. Se. Majestät der Kaiser ist um 5 Uhr Nachmittags hier eingetroffen. — Es herrscht schönstes Wetter. — An Bord alles wohl. Ueber den Aufenthalt in Aalesund wird noch aus Mcrok berichtet: Auf der Fahrt von Molde nach Merok nahm Se. Majestät einen etwa einstündigen Aufenthalt in Aalesund, welcher zu einer Wagenfahrt durch die aus der Asche neuerstandene Stadt benutzt wurde. Bei dieser Gelegenheit versprach Se. Majestät
Schreckliches hören wird; aber es is doch nix g'schchn, wahrscheinlich deswegen, weil das Försterdirndl einstweilen Brand- ebnerin worden ist, und weil dein Vater derer, die er so gern g'habt hat, daß er sich wegen ihr mit seinem besten Freunde zerkriegt hat, kein so furchtbares Leid antun hat wollen. Vielleicht hat er auch alle zwei zuviel veracht'. Aber lustig sein, das hat dein Vater von der Zeit an kein Mensch mehr g'sehen, nit amal bei seiner Hochzeit mit deiner Mutter. So, siehst Roserl, jetzt weißt es, woher der Haß zwischen deinem Vater und dem Brandebner stammt."
Mit gesenktem Haupte saß Roserl neben der Alten. WaS sie da gehört hatte, erklärte ihr, warum zu Hause ein so freundloser Geist herrschte. Ohne Liebe hatte der Vater die Mutter zum Altar geführt, vielleicht gar noch mit der anderen im Herzen, und als sie dann krank wurde, fühlte er sie nur mehr als Last. Und die Mutter hatte das empfunden und war darüber zu dem ewig klagenden Weibe geworden, das selbst seinem Kinde keinen Sonnenstrahl von Liebe mehr zu geben wußte.
Roserl seufzte tief auf.
„Gelt, is nit schön g'west, meine G'schicht", meinte die Alte. „Aber i mein', eS is gut, wenn du sie weißt. Aber jetzt geh' ich hinein. Das Winderl, das vom Oedstein herab- blast is für ein so altes Leut, wie ich bin, nit gut."
Roserl faßte der Alten Hand: „B'hüt dich Gott, Agerl. Und ich dank dir halt recht schön. Wenn's auch nit lustig g'west ist, deine G'schicht, jetzt weiß i wenigstens, was meine Eltern drückt, und vielleicht kann ich jetzt ein bißl dazuhelfen, daß es wieder anders wird bei uns."
„Wirst wohl nix machen, Roserl", erwiderte die Agerl. „Der Oedstein steht noch gar fest, und eh' der nit wandert, muß der Haß in unserm Tal bleiben. Der fremde Mann hat recht gehabt. Also, gute Nacht, Roserl."
An der Wand entlang tastend, schlürfte die Alte der Haustüre zu, und Roserl machte sich gedankenvoll auf den Heimweg. Die Sonne war bereits hinter dem Riesenturme des BergeS verschwunden, aber noch glühten die Höhen ringsum in ihrem Lichte. Nur das Tal lag im Schatten, und von dort herauf begann eine kühle Luft zu hauchen, in