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Kerrselder Kreisblatt

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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 85

Donnerstag, den 23. Juli

1908.

Amtlicher teil.

Hersseld, den 18. Juli 1908.

Unter dem Schweinebestand des Maurers Heinrich Pfaff I.

* zu Ransbach ist die Rotlaufseuche erloschen.

I. 7470. Der Königliche Landrat.

I. A.: Fellinger,

Regierungs-Referendar.

nichtamtlicher teil.

Die Strafprszetzrefsrin.

Nach einer offiziösen Auslassung sind' die Vorarbeiten für die Strasprozeßreform, soweit sie die Reichsjustizverwaltung und die preußische Regierung beschäftigen, nunmehr zum Ab­schluß gekommen. Da für weitere Kreife vor allem die neue strasgerichtliche Organisation von Interesse fein wird, sei fol­gendes darüber mitgeteilt.

Zuständig für die leichtesten Straftaten, die Uebertretungen, soll in Zukunft der Amtsrichter sein, ohne Zuziehung von Schöffen. Gegen seine Entscheidung ist die Berufung gegeben an die Strafkammer des Landgerichts, die in der Besetzung von drei Richtern urteilt. Gegen ihr Urteil ist die Revision an einen mit fünf Richtern besetzten Senat des Oberlandes­gerichts zulässig. Neben dem Amtsrichter als Einzelrichter steht das Amtsgericht als kollegialer Gerichtshof, der in der Be­setzung von einem Richter und zwei Schöffen urteilt. Ihm werden in der Hauptsache die nächst, leichtern Straftaten, die Vergehen, zugewiesen. Gegen die Entscheidungen dieses Gerichts­hofes ist in gleicher Weise und an die nämlichen Instanzen wie gegen die Entscheidungen des Einzelrichters Berufung und Revision gegeben. Für schwere Straftaten, die nicht vor das Schwurgericht gelangen, soll wie bisher die Strafkammer bei den Landgerichten zuständig sein, aber mit der bedeutsamen Aenderung, daß sie in der Besetzung von zwei Richtern und drei Schöffen entscheidet. Gegen ihre Entscheidungen geht die Berufung an einen aus fünf Richtern gebildeten Strafsenat, der, je nach den örtlichen Verhältnissen, an das Landgericht, an dessen Sitz er eingerichtet ist, oder an das Oberlandesgericht angegliedert werden kann; an das Landgericht als Regel, an das Oberlandesgericht als Ausnahme. Gegen das Berusungs- urteil geht die Revision an das Reichsgericht. Die Schwur­gerichte bleiben im wesentlichen unverändert. Den Schöffen und Geschworenen wird ein gesetzlicher Anspruch auf Tage­gelder neben den Reisekosten zugebilligt.

Eine besondere Behandlung wird den Straftaten der im Alter von 12 bis 18 Jahren stehenden Jugendlichen zuteil. Diese Straftaten, werden sämtlich an die Amtsgerichte verwiesen; für ihre Aburteilung sollen eigene, nach ihrem Interesse für die Jugenderziehung und ihren Berufserfahrungen besonders für

Die Dordpolfahrt.

Novelle von Theodor Werner.

(Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Beim Klänge ihrer Stimme erneute der Ausgestoßene seine Bemühungen, sich zu befreien und dieser plötzlichen Kraft des Wahnsinns vermochte nun Crayford nicht zu widerstehen. Noch bevor die Matrosen ihrem Offizier zu Hülfe eilen konnten, hatte er sich losgerissen. Auf halbem Wege traf er auf Klara, und beide standen sich Auge in Auge gegenüber. Ein neues Licht flammte im Blicke des armen Teufels auf, ein Ruf des Erkennens entrang sich seinen Lippen. Er streckte eine Hand wild in die Höhe und schrie:Gefunden!" Dann stürzte er hinaus ins Freie, bevor einer der Anwesenden ihn aushalten konnte. Frau Crayford schlang den Arm um Klara, um sie aufrecht zu erhalten. Diese hatte sich nicht gerührt, keinen 50n v°" sich gegeben. Wardours Anblick hatte sie zu Stein verwandelt.

^inu^ verstrichen. Plötzlich ertönte ein freudiger Ruf X.0!* oen Matrosen am Strande dicht von der Stelle, wo die »ucherboote herausgezogen wurden. Alle schwenkten die Mützen. Auch die umstehenden Passagiere ließen sich von der Be- geyterung anstecken und stimmten in den allgemeinen Ruf mit ein. Einen Augenblick darauf erschien Richard Wardour or! r m ^ür, einen Mann in den Armen haltend. Atemlos vor Anstrengung wankte er zu der Stelle, aus welcher Klara, von Frau Crayfords Armen gestützt, stand.

Gerettet, Klara, gerettet für Dich."

keß er den Mann los und legte ihn in Klaras Arme. Franz, schwach und fußkrank aber lebend gerettet für sie.

"tf, 8rau Crayford,wer von uns hatte Recht? Ich, die an ein gütiges Geschick, oder Du, die an einen Traum glaubte?"

""twEA nicht; in sprachloser Seligkeit umklammerte Franz. Sie schaute nicht aus den Mann der ihn gehütet »» der ersten unsagbaren Freude, daß sie F j lebend aus Herz drückte. Schritt für Schritt, langsamer

eine solche Aufgabe befähigte Schöffen herangezogen werden, und zwar, wo die Verhältnisse es irgend gestatten, unter dem Vorsitz eines in den Geschäften des Vormundschaftsgerichts bewanderten und mit den vormundschaftlichen Ausgaben be­faßten Richters. Außerdem soll das Gericht die Befugnis er­halten, von einer strafgerichtlichen Verfolgung trotz der erhobenen Anklage gänzlich abzusehen und die Ahndung der zur Ab­urteilung gestellten Tat dem Vormundschaftsgericht zu über­lassen.

Die neue Strafprozeßordnung nimmt zwar vorwiegend das Prozeßtechnische Interesse in Anspruch, bringt aber auch größere Neuerungen von politischer Bedeutung. So wird der Grundsatz, daß alle strafrechtlichen Gesetzesverletzungen der Regel nach verfolgt werden müssen, bei allen Straftaten jugendlicher Per­sonen und bei gewissen Straftaten Erwachsener fallen gelassen. Bei Jugendlichen kann schon von dem Staatsanwalt die Ueber- weisung an die Vormundschaftsbehörde behufs geeigneter Ahndung verfügt werden. Die Untersuchungshaft wird ein­geschränkt, der Zeugniszwang gegenüber der Presse in der Hauptsache beseitigt. Die Verpflichtung zur Zeugnisablegung wird allgemein gemildert, die Notwendigkeit eidlicher Ver­nehmungen beschränkt. Die Voruntersuchung wird beibehaltcn. Dem Interesse, das die Verteidigung an dem Vorverfahren zu nehmen hat, wird mehr als bisher Rechnung getragen. Das Strafbefehlsverfahren wird ausgedehnt, ein beschleunigtes Ver­fahren in größerem Umfange zugelassen. Das sind in der Hauptsache die Grundzüge für die geplante strafgerichtliche Organisation, die ohne Zweifel einen erheblichen Fortschritt auf dem Gebiete der Strafrechtspflege bedeuten.

Klstes WfiM Tmsch.

Den Feierlichkeiten ist nunmehr die ernste Seite gefolgt. Seit Montag finden in Frankfurt a. M. die turnerischen Wettkämpfe statt, die Tausende in die Schranken gerufen haben. Es handelt sich diesmal vornehmlich um den Fünfkampf, der die Uebungen umfaßt: Weithochsprung, Steinstoßen, 100 Meter- Lauf, Dreisprung, Schleuderballweitwerfen nebst einer Freiübung. Wie bei allen Wettkämpfen der deutschen Turnerschaft werden zwei Drittel der Höchstpunktzahl als Berechtigung des Sieges verlangt. Von den Feierlichkeiten, die mit dem glänzend ver­laufenen Festzug ihren Höhepunkt erreichten, ist noch manches nachzutragen. Vor allem die Rede des Oberbürgermeisters Dr. Adickes. Zu Zahns Zeiten habe sich das Band um Volk und Turner geschlungen, und die innige Verbindung bestehe seitdem fort. Wörtlich sagte der Redner:Es ist ein heiliges Vermächtnis an die deutsche Turnerei, Gestalten wie die von Iahn, Arndt und Lützow nicht aus ihrem Gedächtnis verschwinden zu lassen. Neben der Pflege des Ideals: ein gesunder Geist in einem gesunden Körper haben die Turnfeste auch eine politische Aufgabe. Wir sind politisch ein geeintes Volk; aber zwischen dem Norden und Süden, dem Osten und Westen bestehen noch so viele Mißverständnisse, die oft noch

und langsamer zog sich Richard Wardour, die zwei sich selbst überlassend, zurück.Nun kann ich rasten," sprach er schwach. Endlich kann ich schlafen gehen. Die Aufgabe ist erfüllt, der Kampf ist vorüber."

Den letzten Rest feiner Kraft hatte er Franz geopfert. Er blieb stehen, wankte, die Hände suchten unsicher nach einem Halt. Ohne den Arm eines Freundes wäre er gefallen. Crayford hielt seinen alten Kameraden auf und legte ihn sanft aus die in einem Winkel liegenden Segel. Wardours müdes Haupt lehnte er an seine Freundesbrust. Tränen rollten ihm die Wangen herab.

Richard! Teurer Richard!" sagte er.Komm zu Dir und vergieb mir."

Richard sah und hörte ihn nicht. Seine matten Augen blickten zu Klara und Franz hinüber und seine Lippen mur­melten:Ich habe sie glücklich gemacht! Jetzt kann ich mein müdes Haupt in den Schoß der Mutter Erde legen, die zuletzt doch all' ihre Kinder zur Ruhe bringt. Höre auf zu schlagen, Herz, ruhe aus von allen Qualen! Ach, sieh hin," sagte er zu Crayford mit ausbrechendem Kummer,mich haben sie ganz vergessen."

Es war die Wahrheit. Alle hatten nur Augen für die zwei Liebenden. Franz war jung, schön und beliebt. Offiziere, Pasiagiere und Matrosen, alle drängten sich um Franz. Sie all vergaßen den, der sich für ihn geopfert hatte, den, der sterbend in Crayfords Armen lag. Crayford versuchte noch einmal, Wardours Aufmerksamkeit aus sich zu lenken und sich ihm kenntlich zu machen, so lange noch Zeit dazu war.

Richard! Sprich zu mir! Sprich zu Deinem alten Freunde!"

Wardour blickte um sich und wiederholte mechanisch Crayfords letztes Wort.

Freund? Meine Augen sind trübe, Freund, mein Geist umnachtet. Ich habe alle Erinnerungen verloren, nur die Erinnerung an sie nicht. Alle Gedanken sind tot, tot, nur der eine nicht! Und doch schaust Du mich so freundlich an! Warum ist mir Dein Gesicht mit all' den anderen ent­schwunden?"

Er schwieg. Seine Züge nahmen einen ganz anderen

auf künstliche Weise geschärt werden. (Zustimmung). Ein einheitliches Volksfest wie dieses ist am ehesten berufen, solche Mißverständnisse hinwegzuräumen." (Lebhafter Beifall).

Frankfurt a. M., 20. Juli. Das Festkonzert des Sängerbundes Frankfurt a. M. und der Frankfurter Sänger­vereinigung füllte heute abend die Festhalle. Einen neuen glänzenden Schmuck hatte der imposante Festraum angelegt. Sämtliche Turnerfahnen, die gestern im Festzuge defiliert waren, schmückten heute die Wände in bunter, farbenprächtiger Menge. In der Mitte gegenüber dem Podium das Bundes­banner mit dem neuen Silberkranz. Ziemlich 2000 Sänger und 120 Musiker unter Leitung von Professor Maximilian Fleisch füllten das Podium. DerFestgruß" von Meyer- Olbersleben eröffnete passend das Programm. Es folgten die VolksliederDas stille Tal" undWohin mit der Freud", a capella gesungen, dann der Grieg'sche Chor mit Baritonsolo Landerkennung" und hierauf zwei Volkslieder:Die Loreley" undHans und Lies." Das war der erste Teil. Lautlos lauschten die Turnerscharen den herrlichen Darbietungen, und begeisterter Beifall lohnte den Sängem, Direktoren und Solisten. Der Grieg'sche Chor mußte wiederholt werden. Zu lange schien die Pause von 20 Minuten und dann erfüllte die Sängerschar die gespannten Erwartungen; die fünf nieder­ländischen Volkslieder, wer hörte fie nicht immer wieder gerne! Aber das Dankgebet von einer solchen Schar und in einem solchen Raume, das klang wirklich, als ob das niederländische Volksheer unter freiem Himmel Gottes Hilfe gegen die spanischen Unterdrücker herabflehte. Hier wollte der Applaus nicht enden. Dann noch zwei Volkslieder:Muß i denn zum Städtele naus" undMei Bua" und endlich der herrliche Chor Friedrich Rotbart" von Podbertsky. In der Konzertpause verlas der Präsiden , bet deutschen Turnerschaft, Dr. Götz, folgendes vom Kaiser eingetroffene Telegramm:Se. Majestät der Kaiser und König haben Allerhöchst über den Turncrgruß der zum deutschen Turnfest dort versammelten Tumer sich gefreut und lassen mit bestem Wünschen für einen guten Verlauf des Festes herzlich danken. Auf Allerhöchsten Befehl Geheimer Kabinettsrat von Berg." Präsident Götz brächte ein dreifaches Gut Heil aus Kaiser und Vaterland aus, in welches begeistert ein gestimmt wurde.

Frankfurt a. M., 21. Juli. Gestern abend und heute nacht ist ein wolkenbruchartiger Regen niedergegangen, dadurch hat der Festplatz stark gelitten und ist teilweise un­passierbar geworden. Auch die Uebungsplätze sind sehr auf­geweicht, teilweise sogar überschwemmt, so daß die Uebungen im Freien sehr erschwert und beeinträchtigt sind. Es herrscht kühles Wetter, der Himmel ist bewölkt und regendrohend. Trotzdem wurde heute früh um 6 Uhr der Sechskampf, das Ein- zelwettturnen an den Geräten und die volkstümlichen Uebungen fortgesetzt, desgleichen die Wettspiele. Das Publikum fehlt des schlechten Wetters wegen leider fast ganz, es sind nur zahlreiche an den Uebungen unbeteiligte Turner erschienen, welche den Vorführungen, besonders der ausländischen Turner,

Ausdruck an, seine Gedanken schweiften nun von der Gegen­wart in die Vergangenheit zurück. Er schaute Crayford an, während entsetzliche Erinnerungen in ihm ausstiegen, wie die Schatten bei einbrechender Nacht.

Höre, Freund," flüsterte er.Sage es Franz nie wieder. Es gab eine Zeit, in der der böse Geist in mir nach seinem Leben lechzte. Ich hielt die Hand am Boote. Ich hörte die Stimme des Versuchers zu mir sprechen: Stoß es hinab ins Wasser und laß ihn sterben. Ich wartete, die Hand am Boote, daS Auge auf die Stelle geheftet, wo er lag, und schlief.Verlaß ihn! verlaß ihn!" flüsterte die Stimme. Liebe ihn!" antwortete des Knaben Stimme, im Schlafe murmelnd.Liebe ihn, Klara, für all' das Gute, was er mir tut!" Ich hörte den Morgenwind durch die Stille der weiten Oede daher wehen. Fern und nah hörte ich das Krachen des treibenden Eises; treibend, treibend aus dem klaren Wasser, in der balsamischen Lust. Und die böse Stimme trieb mit ihm davon, weg, weg für immer!Liebe ihn! liebe ihn, Klara, für all das Gute, was er mir tut." Das konnte kein Wind forttreiben!Liebe ihn, Klara."

Die Stimme versagte ihm; sein Kopf sank an Crayfords Brust. Franz sah es. Gewaltsam erhob er sich auf seine blutenden Füße und zerteilte den Freundeskreis, der ihn umringte. Er hatte den Mann nicht vergessen, der ihn ge­rettet hatte.

Laßt mich zu ihm!" rief er.Ich will, ich muß zu ihm! Klara, komm mit mir."

Klara und Steventon nahmen ihn zwischen sich und führten ihn hin. An Wardours Seite sank er auf die Knie nieder und legte seine Hand auf des Sterbenden Brust.

Richard!"

Die brechenden Augen öffneten sich wieder, die ersterbende Stimme sagte noch einmal matt:Ach, armer Franz, ich ver­gaß Dich nicht, als ich hierher betteln kam. Ich dachte an Dich, als Du draußen im Schatten der Boote lagst. Ich hob Dir Dein Teil Essen und Trinken auf! Jetzt bin ich zu schwach, es Dir zu reichen! Nur ein wenig Ruhe, Franz! Bald bin ich wieder kräftig genug, Dich hinunter in daS Schiff zu tragen!"