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Beilage zum

herrfelder Kreisblatt

Nr. 77.

Sonnabend, den 4. Juli

1908.

Die hordpolfahrt.

Novelle von Theodor Werner.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

8.

Die Axt in der Hand, näherte Wardour sich Franz' Bett.

Könnte ich doch die Gedanken au? meinem Kopfe schneiden, wie die Scheite aus diesem Holz", sagte er zu sich selbst, während er an die Arbeit ging.Ja. ja", dachte er traurig weiter,wäre ich doch lieber zum Tischler, als zum feinen, gebildeten Mann geworden! Eine gute Axt hat Bateson, möchte doch wissen, wo er sie her hat. Armer Craysord, seine Worte schnürten mir die Kehle zusammen. Braver, hoch­herziger Mensch! Denken, bereuen hilft nichts, was gesagt ist, ist gesagt! Arbeit! Arbeit! Arbeit!"

Ein Brett nach dem anderen fiel zu Boden. Er lachte über das leichte Werk der Zerstörung.

Ja, junger Aldersley, es gehört nicht viel dazu. Dein Bett abzutragen." Ein langes Holzstück, das er noch einmal zerhauen wollte, fiel. Er drehte es um und beugte sich da­rüber.

Plötzlich traf sein Auge aus Buchstaben, die in das Holz eingeschnitten waren. Er blickte genauer hin, die Buchstaben waren sehr schwach und schlecht geschnitten und es gelang ihm nur, die ersten drei zu entziffern, doch auch ihrer war er nicht ganz sicher. Sie sahen wie K L A aus. Aergerlich warf er das Holz bei Seite.

Verdammter Kerl, wer er auch fein mag, der dies hier einschnitt! Warum gerade diesen Namen, gibt es nicht genug andere in der Welt?"

Einen Augenblick hielt er sinnend inne, dann ging er entschlossen wieder an die selbstauserlegte Arbeit. Er schämte sich seines Aufbrausens und griff hastig nach der Axt.Arbeit, Arbeit! das einzige Mittel ist Arbeit!" Er hackte ein neues Brett los und besah es argwöhnisch. Auch hier waren Buch­staben eingeschnitten, F und A. Unbestimmte Besorgnis, der er keine rechte Form geben konnte, stieg in ihm auf. Der Zustand seines Gemütes wurde ihm bald selbst ein Rätsel.

Aus solche Weise wenden dergleichen junge Faullenzer ihre Zeit an. F. A.? Das müssen seine Anfangsbuchstaben fein: Franz Aldersley!"

Er hielt das Brett näher an das Licht. Weiter unten war noch mehr eingeschnitten. Unter dem F. A. standen noch zwei Buchstaben: K. B.K. B.?" wiederholte er,seiner Geliebten Anfangsbuchstaben vermutlich? Natürlich in feinem Alter, seiner Geliebten Anfangsbuchstaben."

Er machte wieder eine Pause. Der Schatten innerer Angst zeigte sich auf seinem Gesicht.

Ihre Anfangsbuchstaben sind K. B. K. B.: Klara Burnham."

Das Brett in der Hand, nannte er den Namen wieder und wieder, als ob es eine Frage sei, die er sich selbst vor- lege.Klarq Burnham? Klara Burnham?"

Plötzlich glitt ihm das Brett aus der Hand und er wurde leichenblaß. Seine Augen wanderten unstät von dem Holz auf den Fußboden zu dem halb zerstörten Brett.O Gott! welcher Gedanke kommt mir?" sagte er flüsternd. Mit sonderbarem, halb wütendem, halb entsetztem Schrei nahm er die Axt wieder aus und versuchte wild, verzweifelt feine Arbeit zu vollenden. Nein, so stark er auch war, er konnte die Axt nicht mehr führen. Seine Hände waren kraftlos; sie zitterten. Er trat ans Fenster, hielt die Hände darüber, sie zitterten un­aufhörlich weiter. Sie steckten den übrigen Körper an. Er zitterte über und über. Er kannte die Furcht. Seineeigenen Gedanken erschreckten ihn.

Craysord!" rief er.Craysord, kommen Sie, wir wollen jagen gehen."

Keine sreundliche Stimme antwortete ihm. Kein freund­liches Gesicht zeigte sich in der Tür.

Nach geraumer Zeit ging ein Wechsel in ihm vor. Er gewann seine Selbstbeherrschung fast ebenso schnell wieder, wie er sie verloren hatte.

Ein entsetzliches, verunstaltendes, unnatürliches Lächeln ver­breitete sich langsam, verstohlen, teuflisch über seine Züge. Er verließ das Feuer, stellte die Axt ruhig in die Ecke und setzte sich, mit vollem Bewußtsein rachsüchtiger Freude sich hingebend, aus seinen alten Platz.

Er hatte den Mann gefunden! Hier am Ende der Welt hier, beim letzten Kampfe der Nordpolfahrer gegen Hungers­not und Tod.

Minuten verstrichen. Plötzlich fühlte er, wie eisiger Lust- nrom ins Zimmer drang. Er wandte sich um und sah Cray­sord, der soeben die Hüttentür geöffnet hatte. Ein Mann stand hinter ihm. Wardour erhob sich hastig und blickte über Craysords Schulter.

War er konnte er der Mann sein, der die Buchstaben in das Bett geschnitten hatte? Ja! Franz Aldersley.

9.

«Noch bei der Arbeit?" rief Craysord beim Anblick der halbzerstörten Bettstelle aus.Gönnen Sie sich ein wenig Ruhe, Richard. Die Rekognoszierungstruppe ist zum Abmarsch bereit. Wenn Sie von Ihren Kameraden Abschied nehmen wollen, so ist das die höchste Zeit. Großer Gott!" unterbrach er sich plötzlich,wie bleich sehen Sie aus. Ist etwas vorge- fallen?"

Franz, der an sein Schubfach getreten war, um sich noch verschiedene Kleidungsstücke, die er auf der Reise brauchte, zu holen, blickte um sich. Auch er war ebenso betroffen wie Craysord über Wardours Veränderung, seit sie ihn zuletzt ge­sehen hatten.

Sie sind krank?" fragte er teilnehmend.Wie ich höre, haben Sie Batesons Arbeit übernommen. Haben Sie sich vielleicht verletzt?"

Wardour bog den Kopf zur Seite, um vor den beiden Kameraden das Gesicht zu verbergen, zog das Taschentuch aus der Tasche und band es dick um die linke Hand.3a", entgegnete er,ich habe mich mit der Axt verletzt. Es ist nicht schlimm, schadet nichts. Schmerzen haben immer eine merkwürdige Wirkung auf mich. Ich sage Ihnen, es ist nichts, achten Sie nicht weiter darauf."

Ebenso hastig, wie er von ihnen das Gesicht abgewendet hatte, wendete er es ihnen wieder zu, kam ihnen einige Schritte entgegen und richtete das Wort mit gezwungener Vertraulich­keit an Franz:Ich antwortete Ihnen nicht höflich, als Sie mich vor einer Weile ansprachen; ich meine, als ich vorhin mit den übrigen hierher kam. Ich bitte um Verzeihung. Reichen Sie mir die Hand. Sind Sie zum Marsche bereit?"

Franz begegnete dem sonderbar abgerissenen Entgegen­kommen mit dem besten Humor.

Ich freue mich, mich Ihr Freund nennen zu dürfen, Herr Wardour. Ich wünschte, ich wäre den Strapazen ebenso ge­wachsen wie Sie."

Wardour brach in ein rauhes, unnatürliches Lachen aus: Nicht kräftig, wie? Sie sehen auch nicht so aus. Die Würfel hätten besser getan, wenn sie mich hinausgeschickt und Sie zurückbehalten hätten. Ich fühle mich mein Lebtag nicht gesunder als jetzt."

Er schwieg eine Weile und fügte dann, Franz scharf ins Auge fassend und besonderen Nachdruck aus die Worte legend, fort:Wir Leute aus Kent sind aus hartem Material gemacht."

Franz trat seinerseits mit neuem Interesse Wardour einen Schritt näher:Sie kommen von Kent?"

Ja, von Ostkent." Er wartete wieder einen Augenblick und blickte Franz scharf an:Kennen Sie den Teil des Landes?"

Ich hörte viel von Ostkent reden, mir liebe Freunde wohnten einst dort."

Freunde von Ihnen? Wohl eine der Grafenfamilien?"

Während er diese Frage stellte, sah er Plötzlich über seine Schulter. Er stand zwischen Craysord und Franz. Ersterer, der an der Unterhaltung nicht teilnahm, hatte ihn mit immer wachsender Aufmerksamkeit betrachtet und seinen Worten ge­lauscht.

Jnstinktmäßig hatte Wardour dies bemerkt und begegnete Craysords Betragen mit ungerechtfertigter Gereiztheit.Warum starren Sie mich so an?" fragte er.

Warum sehen Sie sich selbst so unähnlich?" erwiderte Craysord ruhig.

Wardour gab keine Antwort, sondern nahm die Unterhaltung mit Franz wieder auf.

Eine der Grafensamilien?" wiederholte er,die Witherbys von New Grange vielleicht?"

Nein", sagte Franz,aber Freunde der Witherby's, Burnhams."

Trotz allen verzweifelten KämpfenS konnte Wardour nicht Herr über sich bleiben. Er fuhr heftig zurück. Das um seine Hand gebundene Tuch fiel herab.

Crayford bückte sich danach, Wardour noch immer nicht aus den Augen lassend.

Hier ist Ihr Taschentuch, Richard", sagte er.Sonder­bar ?"

Was ist sonderbar?" ,

Sie sagten uns, Sie hätten sich mit der Axt verletzt" Nun?"

An Ihrem Tuch ist aber keiu Blut zu sehen."

Wardour riß Craysord das Tuch heilig aus der Hand und schritt, ihm den Rücken kehrend, der äußeren Türe zu. Kein Blut an dem Tuche zu sehen", wiederholte er sür sich. Es werden Flecke daran sein, wenn er es wieder sieht." An der Türe wandte er sich noch einmal zu Craysord:Sie er­innerten mich daran, von den Kameraden Abschied zu nehmen, bevor es zu spät ist, ich gehe, Ihrem Rate zu folgen." Als er die Hand auf den Drücker legte, wurde die Türe von außen geöffnet und ein Quartiermeister deSWanderer" trat ein.

Ist Kapitän Helding hier, Herr?" fragte er Wardour.

Dieser zeigte aus Craysord.

WaS wünschen Sie von Kapitän Helding?" sagte Cray­sord, dem Mann entgegengehend.

Ich habe eine Meldung zu machen, Herr. Es ist auf dem Eise jemand verunglückt."

Einer Eurer Leute?"

Nein, Herr, einer unserer Offiziere."

Wardour, der eben im Begriff stand, hinaus zu gehen, blieb bei der Entgegnung des Quartiermeisters stehen. Einen Moment ging er mit sich zu Rate, dann schritt er langsam an Franz' Seite zurück.

Craysord wies dem Quartiermeister die gewölbte Seiten- lüre und sagte:Ich bedaure, von dem Unfall hören zu müssen. Sie werden Kapitän Helding dort in jenem Zimmer finden."

Zum zweiten Male erneuerte Wardour mit sonderbarer Beharrlichkeit das Gespräch mit Franz.Sie kannten also die Burnhams? Was wurde aus Klara, nachdem ihr Vater starb?"

Franz' Gesicht wurde rot vor Aerger und heftig fuhr er auf:

Klara? WaS berechtigt Sie, von Fräulein Burnham in so vertraulicher Weise zu reden?"

Wardour ergriff die Gelegenheit, Streit mit ihm anzufangen und entgegnete barsch:

Welches Recht haben Sie, zu fragen?

Franz' Blut kam in Wallung. Er vergaß daS Klara ge­gebene Versprechen, ihre Verlobung noch geheim zu hatten

er vergaß alleS bis auf das Herausfordernde in WardourS Sprache und Auftreten.

Ein Recht, welches ich zu respektieren bitte, daS Recht ihres Verlobten."

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

(Den Vater aus Unvorsichtigkeit er­schossen.) Ein tödlich verlaufener Unfall ereignete sich gestern in Neustrelitz i. M. Der dortige Hof-Kirschnermeister König war mit seinem 18jährigen Sohn in seinen am Mühlenweg belegenen Garten gegangen, um mit einem Tesching Diebe zu verscheuchen, die dort innerhalb der letzten Tage arge Verwüstungen angerichtet hatten. Während nun beide sich im Gartenhäuschen aushielten, reichte der Vater dem Sohne die Waffe. Kaum hatten Vater und Sohn ein paar Worte über den Unfug gewechselt, als ein Schuß krachte und König senior mit den Worten:Ich bin getroffen! tot zusammenbrach. Die Kugel hatte ihm das Herz durchbohrt. Eine Gerichtskommission traf noch in der Nacht an Ort und Stelle ein, um den Tatbestand festzustellen. Der unglückliche Schütze wurde auf freiem Fuße belassen.

(I n d e n T o d g e t a n z t.) Ein tragischer Vrrsall spielte sich in Berlin ab. Mehrere Männer hatten ein Klavier abgeliesert und sich für das reichliche Trinkgeld gütlich getan. In dieser Stimmung tanzte einer von ihnen auf dem heim­fahrenden Wagen. Plötzlich verlor er das Gleichgewicht, stürzte vom Wagen und wurde so unglücklich überfahren, daß er starb.

Zum Transport der größten Krupp­schen Geschütze auf den preußisch-hessischen Staatsbahnen sind besondere Eisenbahnwagen von 90 000 Kilogramm Tragkraft gebaut worden. Wahre Ungetüme sind es, diese mit 16 Rädern versehenen Plattformwagen, für deren Verkehr besondere Vorschriften erlassen worden sind. Bei Beladung der Wagen mit nicht mehr als 85 000 Kilogramm ist vor und hinter jedem Wagen ein Schutzwagen einzustellen; bei Ladung mit mehr als 85 000 bis 90 000 Kilogramm müssen vor und hinter jedem Wagen zwei Schutzwagen laufen. Vorläufig dürfen die Wagen in beladenem Zustande nur zwischen Essen und Wilhelmshaven, Kiel, Stettin, Danzig sowie nach den Schießplätzen Meppen und Tangermünde laufen.

(Millionärssöhne als Urkundenf älscher.) In Kotzmann in der Nähe von Czernowitz, starb vor kurzem der Großgrundbesitzer und Millionär Tenncnblatt und setzte testamentarisch seine drei Söhne als Universalerben ein. DaS Testament wies an Legaten und für die Gemeindearmen einen Gesamtbetrag von 50 000 Kronen an, die Erben aber kürzten den Betrag durch Fälschung um zwei Nullen. Die VollzugS- behörde kam dahinter und ließ zwei der Söhne verhaften.

(Die dramatische Kindesrettung.) Die Nachricht, wie eine Mutter gerade zu ihrem Hause zurückkehrte, um ihr auS dem Fenster des obersten Stockwerks stürzendes Kind wohlbehalten in ihren Kleidern auffangen zu können, erinnert einen Leser derTägl. Rundschau" an einen ähn­lichen Vorgang, der sich 1842 im Berliner königlichen Schlosse zutrug: Ein auf dem Schloßhof auf Posten stehender Gardist sah an einem Fenster des oberen Stockwerks ein Kind, das sich wiederholt sehr weit hinauslehnte. Er beobachtete daS Kind längere Zeit und trat dabei immer mehr gerade unter das Fenster. Und wirklich, das Kind verlor das Ueberze- wicht und fiel aus dem Fenster. Der Gardist warf schnell das Gewehr weg, fing das Kind auf und konnte es unver­letzt der in größter Aufregung herbeieilenden Kammerfrau über­geben. Das Kind war die nachmalige und jetzt verwitwete Großherzogin von Baden, die Schwester Kaiser Wilhelms I. Dem Gardisten wurde die Tat von beteiligter Seite nie ver­gessen, und noch 43 Jahre nach dem Ereignis erinnerte die Kaiserin Augusta sich des Retters, als dieser ihre Fürsprache in einer privaten Angelegenheit anrief.

(Der Rittergutsbesitzer von Wind­berge.) Vom Schlächtergesellen zum Rittergutsbesitzer hat es in wenigen Jahren ein gewisser Steiner gebracht, der jetzt wegen betrügerischer Manipulationen gesucht wird. Erst arbeitete er als einfacher Geselle in einer Berliner Schlächterei, machte sich dann in Stendal selbstständig, erhielt die staatlichen und städtischen Lieferungen und gewann bald ein erhebliches Ver­mögen. Nun packte den Schlächtermeister der Ehrgeiz, er erwarb das stark verschuldete Rittergut Windberge, nannte sich fortan nurRittergutsbesitzer Steiner auf Windberge" und war, da er sehr oft nach Berlin kam und das Geld mit vollen Händen ausstreute, in der Berliner Lebewelt ein gern gesehener Gast. Sein Geschäft gab der ehemalige Schlächter ganz aus, dagegen ließ er sich in Hypotheken- und Geldge­schäfte ein, die ihm bald über den Kopf wuchsen. Schließlich unterschlug derRittergutsbesitzer", hauptsächlich zum Nachteil Berliner Banken, größere Summen und ergriff die Flucht. Seine Familie ließ der Defraudant völlig mittellos in Stendal zurück, während er selbst sich nach Holland gewandt haben soll. Der Durchbrenner wird steckbrieflich verfolgt.

E i n eV e r g i f t u n g s"- und Unglücksge- schichte nicht ohne humoristischen Beigeschmack ereignete sich in der Gemeinde Wellsee, Kreis Bordesholm. Nach einem ehelichen Zerwürfnis griff die Frau eines dortigen Einwohners nach einer Flasche, in der angeblich Lysol gewesen sein soll, setzte sie an den Mund, trank aber nicht, stellte jedoch die Vergiftete desto erfolgreicher dar, so daß der Mann nach dem nächsten Nachbarn eilte, der anspannte, um ärztliche Hilfe aus Kiel zu holen. Auf der Preetzer Chaussee ging daS junge Pferd durch, wobei der Mann vom Wagen stürzte und nicht unerhebliche Verletzungen erlitt. Der herbeigeholte Arzt stellte im Hause jedoch den Vergiftungsschwindel sofort fest.