Beilage zum
Nr. 68. Sonnabend, den 13. Juni 1908.
Wir
unser vier
Von A. von Liliencron. (Schluß.)
Um Recklings Lippen zuckte es, aber er machte keine Bemerkung, sondern sagte nur: „Sie wollten ja Nachrichten über das Gefecht haben. Nun wohl, schon gestern abend traf von der Abetilung Estorsf ausführliche Nachricht ein. Sie hatte gestern zur frühen Morgenstunde ein Gefecht bei Otjosomgombe. Es ist hart hergegangen, aber sie drängten den Feind zurück, der am Otjosongombe-Bache Hall machte. DaS tiefeinge- schnittene Bett des BacheS ist wie ein Schützengraben, darin hatte der Feind Stellung genommen. Das Gefecht blieb eine Zeit unentschieden, wogte lange hin und her, aber wie es der Abteilung gelang, die beiden Maschinengewehre auf die steile Anhöhe zu fchaffen, und somit den Feind auch im Rücken und in der Flanke zu beschießen, wurde dje zähe Widerstandskraft der Herero gebrochen. Sie flohen kopflos, machten aber nachher, als die Abteilung in dichten Busch gelangt war, nochmals tinen kräftigen Vorstoß, der nach heftigem Feuergefecht ebenso abgeschlagen wurde. Der Erfolg war hier vollständig und die Widerstandskraft des Gegners völlig gebrochen."
Mit fieberglänzenden Augen weit vorgebeugt hatte Wolf ihm zugehört.
„Und Abteilung Heyde, Abteilung Deimling?" forschte er ungeduldig.
„Abteilung Heyde ist in der Dunkelheit der Nacht vom 11. August in dem schwierigen Gelände von der Richtung abgekommen und konnte daher erst vormittags 9 Uhr nach Hamakari abmarschieren; durch starken Kanonendonner war sie vorher nach Norden abgelenkt, hatte aber dann wieder die alte Marschrichtung genommen. Gestern gegen 3 Uhr traf noch die Funkenmeldung ein, daß sie an der Bley, 15 Kilometer nördlich, keinen Widerstand gefunden hätten und nun weiter auf Hamakari vorrückten. Darauf in der Nacht die Nachricht: „Auf dem Marsche nach Hamakari in dichtem Busch angegriffen, bin ich bei Anbruch der Dunkelheit zurückgegangen." Im Laufe des heutigen Vormittags sind weitere Meldungen eingelaufen. Die verhältnismäßig schwächste Abteilung wurde von der größten Uebermacht des Feindes angegriffen. Daß es dem so bei weitem stärkeren Feinde nicht gelungen ist, das kleine Häuflein der deutschen Reiter, die in den ungünstigsten Verhältnissen fochten, zu überwältigen, ist einzig und allein der Hingabe und dem Heldenmute der Truppe zu danken — so heißt es. Jetzt bedürfen die Truppen nach dem schweren Gefechte dringend eines Ruhetages, um wieder kampffähig zu sein.
Auch unsere Abteilung, die heute früh einen erneuten Angriff der Herero abzuweifen hatte, und die Abteilung Deimling ist von den großen Anstrengungen des gestrigen Tages erschöpft, eS soll uns heute Ruhe gelassen werden. Morgen werden diese beiden Abteilungen zur Verfolgung der Herero nach Omutjajewa vorgehen."
„Weiter, weiter", drängte Wolf in quälender Ungeduld. „Wie ging es mit der Abteilung Deimling? Wo ist sie?"
„Ohne große Schwierigkeit hat sich die Abteilung den Marsch durch den Paß von Omuweroumue erzwungen und dort die Wasserstelle erobert", antwortete Reckling. Er sprach langsam und zögernd. Ohne den Offizier anzuschen, fuhr er fort: „Schwerer war nachher der Kampf um die Wasserstelle bei der Station Waterberg, aber sie haben sie doch genommen, blieben die Nacht dort und rückten heute vormittag hier ein."
Auf Wolfs blassen Wangen brannten zwei rote Flecke, die hohe Erregung hatte sie hervorgerufen.
„WaS haben Sie von Stetten und von Eckard gehört?"
Reckling blickte ihn prüfend an. Nein, kein Vertuschen, volle Wahrheit, Auge in Auge, Mann zu Mann! Er legte seine Hand auf Wolfs Arm.
„Wir zwei haben viel verloren, wir haben dem Vaterland ein schweres Opfer zu bringen, denn wir sind nicht mehr unser vier, wir zwei sind allein zurückgeblieben."
Sprachlos starrte ihn Wolf an, und er fuhr fort. „Ich habe einen Offizier ihrer Kompagnie gesprochen. Er sagte mir, nie würde er den Eindruck vergessen, wie er Stellen hätte vorwärts springen sehen kurz vor dem verhängnisvollen Schusse. Strahlend hätte er ausgesehen, wie ein jubelnder Held, dem man das Hurra von den Lippen liest. Ein schwerer Schuß verwundete ihn gleich daraus. Eckard sprang zu, wollte ihn aus dem Feuer schleppen — da traf dieselbe Kugel beide. Sie starben den Heldentod für- Vaterland. So endigt deutsche Tapserkeit und deutsche Treue."
Er schwieg, überwältigt von seinen Gefühlen. Wolf war auf sein Lager zurückgesunken, zwei schwere Tränen rollten langsam aus seinen Augen und tropften auf das Kissen.
„Siegfried, unser Sonntagskind", murmelte er, „immer so voll Licht, so voll Sonnenschein bis zuletzt! Man muß es ihm gönnen, diesen Heldentod im Siegesbewußtsein. Keinen Schatten, keine Enttäuschung, keine Ernüchterung hat er durchgemacht — es ist ihm alles erspart! Aber wir, die Braut, die Freunde, die Kameraden, wir verlieren namenlos!"
Reckling nickte schmerzerfüllt. „Die Lücke bleibt, wir werden unsere Helden nie vergessen."
„Und Eckard, der Treuen Treuester! Wie wird seine Anni leiden", fuhr Wolf mit unsicherer Stimme.fort.
„Wer sich einem Helden anverlobt, der muß auch deS Helden würdig sein und mit ihm Lorbeer und Grabzypressen teilen können", antwortete Reckling. „Der Trennungsschmerz mag wohl wie ein Schwert durch das junge Herz gehen, aber ein deutsches Mädchen muß auch unter Tränen danken können, solch einem Manne das Liebste aus der Welt ge
wesen zu sein. Wenn ich jetzt an Eckard denke, sällt mir immer unser letztes Zusammensein in der Heimat ein. Da war er erfüllt von ein paar Strophen, die er irgendwo gefunden hatte. Er wiederholte sie mir ganz begeistert, und sie prägten sich mir ein, denn sie verschmolzen sich in meiner Erinnerung vollständig mit Eckards innerstem Wesen. Die Verse lauteten:
Laß mich nicht wie die welken Blätter Im Herbstwind spurlos verwehn, Nein, lieber in Sturm und Wetter Aus freiem Feld mich untergehn.
Laß mich nicht gleich dem Vieh in trüber Stumpfheit beschließen meinen Kreis, Nein, eine rasche Kugel lieber, Solang es frühlingsheiß.
Viel lieber in der Gottheit Feuer Nach kühnem Flug ein rascher Tod, Als Jahr um Jahr dieselbe Leier Von Alltagsluft und Alltagsnot.
„So ist er gestorben", sagte Wolf, „und das „getreu", das er durch sein ganzes Leben bewies, hat er mit seinem Tode besiegelt."
„Der Offizier wußte von der Freundschaft, die mich mit Stellen und Eckard verband, er übergab mir die Wertsachen, die bei den Toten aufgefunden waren", berichtetete Reckling weiter. „Es ist dabei auch ein Brief von Stellen an seine Braut und Eckards Kriegstagebuch, daS er für seine Anni bestimmt hat. Ich werde es durch das Hauptquartier am sichersten befördern lassen."
Wolf zog unter feinem Kiffen den vorher geschriebenen Brief hervor.
„Nehmen Sie auch diesen mit dazu", bat er, „er soll mir das Jawort der Erwählten bringen. Siegfried hat mich oft bestürmt, daß ich dicsrn Schritt tun solle. Legen Sie die Briefe zusammen, Freude und Schmerz liegt ja auch im Leben dicht nebeneinander."
Reckling nahm den Bries und drückte Wolf die Hand. „Wir müssen doppelt fest zusammenhalten, jetzt, wo uns der Tod eine so schmerzliche Lücke riß", sagte er.
Mit warmem Blicke, der in einem feuchten Glänze schimmerte, antwortete dieser: „Treu, wie unsere zwei Helden, treue Freunde und Kameraden bis zuletzt."
Als Reckling gegangen war, ließ bei Wolf die Anspannung seiner Kräfte nach, fieberhafter Schlummer umfing ihn und die zuckenden Lippen murmelten dabei: „Treu — treu bis zuletzt
— Inge — wir waren unser vier."
Ihr hieltet in dem sanddurchglühten Lande,
Die alte deutsche Treue bis zum Tod,
Es festigten sich der Kameradschaft Bande
In den Entbehrungen in Kampf und Not.
Ihr gingt zum Kampfe wie zum Hochzeitsseste, Als Helden zahlet ihr den höchsten Preis
Und gabt voll Jubel hin das Größte, Beste, DeS treuen Herzens Blut, so jung und heiß.
Doch in die Klage um das junge Leben Mischt sich ein jubelnd Wort wie Glockenton,
Für eure Pflicht habt ihr euch hingegeben Getreu — getreu — euch winkt die ew'ge Krön.
Ihr pflücktet Lorbeer euch und Grabzypressen, Jetzt ruht ihr friedevoll bei eurem Gott.
Wir werden unsrer Helden nie vergessen,
Sie lehren uns die Treue bis zum Tod.
Nun halten über den verklärten Toten,
Die hellen Steme droben stille Wacht,
Sie weben als des Himmels heil'ge Boten, Lichtstrahlen um sie in der Tropennacht.
Die nordpolfabrt.
Novelle von Theodor Werner.
(Nachdruck verboten.)
Es war Nacht. Der Bürgermeister und die Behörden des Seehafens hatten der Abfahrt der Nordpol-Expedition zu Ehren einen großen Ball veranstaltet. Zwei Schiffe gehörten zu der Expedition: „Der Wanderer" und die „Seemöwe". Mit der nächsten Morgenflut sollten sie in See gehen.
Die Unternehmer der Festlichkeit konnten mit gerechter Befriedigung auf ihr Werk blicken, denn es war ein glänzender Ball. Das Musikchor vollzählig, der Saal herrlich, das große anstoßende Gemach reizend mit Blattpflanzen und Blumen geschmückt und von bunten, chinesischen Lampen erleuchtet.
Sämtliche anwesenden Offiziere trugen zu Ehren des Festes ihre Uniformen und der liebliche Damenflor strahlte in den reizendsten Toiletten.
Man tanzte soeben Quadrille, wobei zwei der Damen die besondere Bewunderung des Beschauers erregten.
Die eine, eine brünette, eben erblühte Schönheit, war die Gemahlin Traysords, des ersten Leutnants vom „Wanderer", die andere, deren Frundin, war ein blasses, zartes Mädchen. Letzteres trug ein einfaches weißes Kleid und den Kopf zierte kein anderer Schmuck, als das kastanienbraune glänzende Haar.
Es war Fräulein Klara Burnham, eine Waise, welche gekommen war, um ihrer liebsten Freundin während Leutnants Crayfords Abwesenheit Gesellschaft zu leisten. Sie tanzte eben mit letzterem und hatte Frau Crayford und Kapitän Helding, den kommandierenden Offizier des „Wanderer" zum Gegenüber.
Die Unterhaltung zwischen Kapitän Helding und dessen Partnerin wendete sich während einer Pause des Tanzes aus
Fräulein Burnham. Diese hatte des Kapitäns lebhaftes Interesse erregt. Er bewunderte ihre Schönheit, fand aber ihr Wesen für ein so junges Mädchen auffallend ernst und gedrückt.
„Ist sie leidend?"
Frau Crayford nickte bedeutungsvoll mit dem Kopse und erwiderte: „Sehr leidend, Herr Kapitän."
„Schwindsüchtig?"
„Nein, das nicht."
„Das freut mich. Ein reizendes Mädchen, Frau Crayford. Sie interessiert mich ganz unbeschreiblich. Wenn ich nur zwanzig Jahre jünger wäre, wer weiß, ob —. Doch ich bin nun ein alter Knabe und tue wohl besser, den Satz nicht zu vollenden. Ist es wohl indiskret, verehrte Frau, wenn ich frage, was die junge Dame so niederdrückt?"
„Von einem Fremden würde es indiskret sein", sagte Frau Crayford, „aber ein alter Freund, wie Sie, kann jede Frage stellen. Ich wünsche, ich könnte Ihnen darauf antworten. ES ist selbst den Aerzten ein Geheimnis. Ein Teil von der Schuld ist meiner Meinung nach ihrer ErziehungSweise zuzu- schreiben."
„So, so. Schlechte Schule vermutlich?"
„Sehr schlecht, Kapitän. Aber nicht die Schule, welche Sie jetzt im Sinne haben. Klara verbrachte ihre ersten Jahre in einem alten einsamen Hause im schottischen Hochgebirge. Das unwissende Volk, welches sie umgab, war es, welches den nachteiligen Einfluß auf sie ausübte, von dem ich soeben sprach. Es pflanzte den Aberglauben in ihr Gemüt, der dort, in dem wilden Norden, noch ganz zu Hause ist, besonders der Aberglaube, den sie das „zweite Gesicht" nennen."
(Fortsetzung folgt)
vermischter.
— (Nacheinem Picknick erschossen.) Ein trauriges Ende hat, wie aus Gera berichtet wird, ein Pfingstaus- flug im Pöllwitzer Walde genommen. Eine Schar junger Leute hatte sich im Pöllwitzer Walde zu einem Nachtpicknick niedergelassen, sie wurden jedoch durch den Waldhüter von der Lagerstelle verwiesen. Der 25jährige Kaufmann Fülle verweigerte die Nennung seines Namens und entfloh. Er wurde von dem Waldwärter erschossen.
— (Ein roher Patron.) Eine überaus rohe Tat verübte der Dienstknecht Weber in Groß-Wierau. In einem Gasthause war er mit andern Gästen in Streit geraten. Seine Wut richtete sich namentlich gegen die Gebrüder Franz und Bertold Hampel, welche als Steinarbeiter im Qualkauer Steinbruch tätig waren. Mit gezücktem Messer stellte sich Weber an der Tür des Gasthauses auf und wartete auf die beiden. Als diese aus der Haustür traten, versetzte ihnen Weber mehrere Stiche. Franz Hampel wurde durch einen Messerstich ins Auge getötet, Bertold Hampel durch drei tiefe Stiche lebensgefährlich verletzt. Weber wurde verhaftet.
— (Abenteuer eines Desraud anten.) Mitte Februar dieses Jahres ereignete sich hoch oben in einer Schutzhütte des Böhmerwaldes eine Szene, deren Wiedergabe vor der 4. Straskammer des Landgerichts Berlin I die Hörer in nicht geringes Erstaunen setzte. Eine Schar mutiger^Touristen hatte trotz der bitteren Winterkälte einen Ausflug auf den Arber» berg unternommen. Unter vielen Mühen und Gefahren langten sie in einer Schutzhütte an, die etwa 1600 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Als sie den Raum betraten, fanden sie zu ihrer grenzenlosen Ueberraschung in der Schutzhütte einen fast zum Skelett abgemagerten Menschen vor, der halb bewußtlos aufrecht in einer Ecke stand. Der Aufgefundene gab mit mühsam lallender Stimme an, daß er der Bankbeamte Bene- dikt Vogt aus Berlin sei und schon feit sieben Tage in der Hütte eingeschlossen, sei, in die er in der Absicht hineingestiegen fei, sich durch einen freiwilligen Hungertod ums Leben zu bringen. Es handelte sich um den früheren Berliner Bankangestellten Benidikt Vogt, der nach einer Veruntreuung auS Berlin verschwunden war. Das Gericht erkannte unter Zubilligung mildernder Umstände auf vier Monate Gefängnis unter Anrechnung von drei Monaten der erlittenen Unter- fuchungshaft.
— Paris, 10. Juni. Nach einem Bankett des Automobilklubs erkrankten unter Vergistungserscheinungen fast sämtliche Teilnehmer infolge des Genusses von Entenbraten. Ein Teilnehmer ist bereits gestorben. Das Befinden von einigen andern gibt zu Besorgnis Anlaß.
— Newyork, 10. Juni. Der Schnelldampfer Kronprinz Wilhelm, der am 7. Juni einlaufen sollte, lief am 10. mit langsamer Fahrt ein. Er war am Sonntag bei heftigem Sturm und dichtem Nebel mit Eisbe' n zusammengestoßen und verlor dabei eine Schraube. Fest ju .schen fünf Eisbergen eingekeilt, wurde er aus dem Kurse getrieben. Der Heizer Ellshardt wurde irrsinnig und stürzte sich in das Meer.
— (Eine marokkanische Anekdote.) Ein Mann sollte einen Sohn bekommen und gab dem Tischler einen Duro (4 Mark) mit dem Auftrage, eine Wiege zu machen. Und der Tischler sagte, sie werde am Freitag fertig sein. Als der Mann am Freitag zu ihm kam, war sie nicht fertig. Der Knabe erblickte das Licht der Welt und wurde groß und nahm eine Frau und bekam einen Sohn. Da sagte sein Vater: „Höre, o Freude meiner alten Tage! Du brauchst Deinem Knaben keine Wiege machen zu lassen. Gehe zu dem Tischler an der Ecke des Suk (Markt) und hole d'e Wiege, die ich bestellt habe vor Deiner Geburt. Er hat schon dafür einen Duro." Der Sohn ging an die Ecke deS Suk, um zu tun nach den Worten seines Vaters. Doch als er dem Tischler sein Anliegen gesagt, griff dieser in die Tasche und gab dem Mann einen Duro mit den Worten: „Hier hast Du das Aufgeld wieder. Ich liebe nicht so übereilte Geschäfte.