freudig hinauszogen, um für Deutschlands Ehre zu kämpfen.
In der Mitte des Dampfers scharten sich die Offiziere um ihren Führer.
Stetten schwenkte den Hut, und Hilde wußte, für wen der flammend heiße Blick bestimmt war; sie ließ ihren weißen Spitzenschal in die Lüfte flattem.
Auch Anni hatte den herausgefunden, den sie sehnsuchtsvoll mit ihren Blicken gesucht hatte. Eckard winkte ihr mit den gelben Rosen, — und sie mußte an den Tag denken, wo er zu ihr gesagt: „Soll ich Rosen holen? 's ist ja Sonntag heute!"
Der Dampfer pfiff —. wie klang das ohrenzerreißend — wie war daS herzzerreißend!
Die Schiffsbrücke wurde heraufgezogen, — daS letzte Band abgelöst, das die Scheidenden mit der Heimat verknüpfte.
„Auf Wiedersehen", scholl es vom Schiff, und „Aus Wiedersehen" wurde geantwortet, aber Schluchzen mischte sich hinein.
Das Wasser rauschte, der Dampfer bewegte sich.
Stürmischer wurden die Rufe, Hurra und Abschiedsworte klangen ineinander und dabei spielte die Musik noch immer: „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus, und du mein Schatz bleibst hier."
Langsam glitt das Schiff hinaus, langsam, und doch viel zu schnell für alle die sehnsüchtigen Augen, die ihm nach- blickten.
„Da fahren sie hin, freudig begeistert und kampfbereit und wer von ihnen kommt wieder?" sagte ein alter Herr und schaute finster drein.
Den beiden jungen Mädchen, die in der Nähe des Fremden standen* schnitt das Wort in das Herz.
Sie starrten erschrocken den Sprechenden an, und dann trafen sich ihre Blicke.
Hilde und Anni kannten einander nicht, aber in diesem Augenblicke fühlten sie sich verwandt und nahegerückt, weil sie sich verstanden.
„Sie ffiehen in Gottes Hand", sagte Hilde feierlich.
„Uistv was man liebt, kann man nie ganz verlieren", murmelte Anni und preßte die Hände auf das Herz, das so weh tat, fö weh !
IV.
Bei der Abteilung Estorff.
Im Twmenlände hatten Deutschlands brave Söhne schon schwere Entbehrungen und heiße Kämpfe durchgemacht. Heldenblut war reichlich gefloffen, und so mancher hatte die Treue mit dem Tode bezahlt.
Jetzt, war es beschlossene Sache, die südlich des Water- berges sitzenden Herero von allen Seiten zu umstellen, daß sämtliche Abtslungen zu gleicher Zeit den Waterberg erreichten. .
So wurde denn am 18. Juni bestimmt, daß die Abteilung Estorff von Okosondusu auf Ojondema vorgehen sollte, um ein Ausweichen der Herero nach Nordosten zu verhindern.
Es war in der Morgenfrühe des 22. Juni. Die Abteilung lagerte bei Okosondusu. Fahle Dämmerung hatte die Nacht verdrängt. Im Osten zeichnete ein bleicher Schein die zackigen Linien der fernen Gebirgszüge vom halbdunklen Hon. zont ab.^Perlernder Tau lag aus den Zeltbahnen der Schläfer, die sich , jetzt erhoben unp fröstelnd aus dem verwilderten Barte den feuchten Morgengruß wischten.
Der Kriegsfreiwillige Reckling, Unteroffizier bei der 4. Kompagnie des 1. Feldregiments, war ein Frühaufsteher, er hatte bereits den Kaffee für sich und seinen Feldwebel gekocht und die beiden saßen zusammen auf einem Felsstück, die Kopje Kaffee in der einen, die dampfende Pfeife in der andem Hand. Sie sprachen beide nicht, sie hingen ihren Gedanken nach.
Die fahle Dämmerung wich rasch dem auskommenden Tage. Farbendurchhauchte Wolken zeigten sich im Osten, goldigrot flammte der Himmel auf und matte seine rot-lila Tinten über die Felsenmassen. Sie traten jetzt formen scharf hervor aus dem bläulichen Tagesdunst, während sich die Sonne glutverheißend ihren Weg durch wunderlich zerzauste Wolkengöbilde bahnte.
„Reckling, hat Ihnen über Nacht etwas besonders Gutes geträumt?" erkundigte sich der Feldwebel. ■ „Sie sehen heute morgen so kreuzfidel aus."
Der Angeredete, dessen Blick an dem Sonnenaufgang gehangen hatte, wandte sein gebräuntes Gesicht dem Sprechenden zu.
„Es war kein Traum, es ist die Wirklichkeit, die mir Glück brächte. Gestern gab es Feldpost, einen Brief aus der Heimat, der mir ankündigte, daß mein treuester Freund, der liebste Mensch, den ich auf Erden habe, nach Südwest kommt, um mit uns in dem heißen Kampfe zu stehen."
„Na, Gott sei Dank, daß Nachschub da ist, und daß wir noch mehr erwarten können, es tat brennend not," erklärte der Feldwebel. „Ihr Freund wird mit Deimling kommen, mit dem 2. Feldregiment. Das soll ja von Ontjo vor- gesührt werden und den Feind von Norden und Westen umstellen."
Reckling ■ seufzte. „Vorläufig find wir da freilich noch ziemlich weit, getrennt, aber ich hoffe anf unsern guten Stern, der uns doch noch zusammenführt. Haben Sie etwas gehört? Wann soll heute ausgebrochen werden?"
„Am Nachmittag", lautete die Antwort, „wir müssen uns dem Omurambo und Omatako nähern."
Die scharf geschnittenen Züge des Unteroffiziers nahmen einen ernsten, nachdenklichen Ausdruck an.
„Es gibt da schwierige Durststrecken zu überwinden", sagte er, „wir können auf der Pad Okosondusu-Omuramba in eine gefährliche Lage kommen. Aber gleichviel, nur immer vorwärts! Ein jeder muß sein Bestes tun."
Er reckte seine schlanke, sehnige Gestalt und ließ den Blick in die sonnengetränkte Ferne schweifen. „Wir kämpfen ja für die geliebte Scholle. Wenn dies Dornenland uns Deutschen auch bittere Wunden schlägt, ich liebe es doch, liebe es von ganzer Seele."
Am Nachmittage wurde, wie befohlen, aufgebrochen. Es ging durch dichten Busch.
Der Boden war schwerer Sand. Für die Pferde bot er Festigkeit genug, aber die Geschütze und Fahrzeuge sanken tief ein.
Gegen Abend wurde in einer Lichtung Halt gemacht. Die Ochsenwagen,, die vorausgeschickt waren, hatten in leeren, mit Blech ausgeschlagenen Zwiebackkisten Wasser für Mannschaften und Pferde gebracht, ein Labsal, das nach dem dörrend heißen Tage doppelt geschätzt wurde.
Nach kurzer Rast ging es weiter. Es hatte lange nicht geregnet, der Boden war pulverförmig geworden, jeder Hus- schlag wühlte den Sand auf, der wie eine schwere Wolke die
Reitenden umgab und nicht abziehen konnte, weil die Pad durch dichten Busch führte.
Gn Stoßseufzer nach dem andern entfuhr dem Munde des Wachtmeisters, der neben Reckling ritt.
„So etwas von Staub habe ich noch nie erlebt! Die ganze Wüste Sahara tragen wir nächstens mit uns herum", brummte er, „was nützt uns der Mondschein, den wir haben, wenn wir in einer Stäubwand reiten! Donnerstag und Freitag! Was gäbe ich um einen frischen Luftzug, der uns diesen afrikanischen Genuß wegbließe!"
Reckling fuhr schweigend mit einem Tuch über die dicke Staubmaske, die sich auf sein Gesicht gelagert hatte. Es war nicht seine Art, viel Worte über Strapazen und Widerwärtigkeiten zu verlieren. Er lauschte mit geschärft angespannten Sinnen in die Ferne.
„Ich höre Viehgebrüll", behauptete er, „wir können nicht weit vom Feinde sein."
Auch der Wachtmeister horchte aus, schüttelte aber den Kopf.
„Nichts zu spüren", meinte er. Doch in dem Augenblicke kam die ausgesandte Patrouille zurück, sie hatte vier Feuer beobachtet und ebenfalls das Gebrüll von Ochsen vernommen.
Das war Ausschlag gebend. Major von Estorff ließ bald darauf, als sie an eine freiere Fläche gelangten, die Abteilung lagern, verbot aber, Feuer anzuzünden, um den Feind nicht aufmerksam zu machen.
(Fortsetzung folgt.)
Das Eisenbahnunglück bei Antwerpen
gehört zu den furchtbarsten Katastrophen, die sich in den letzten Jahren abgespielt haben. Das Unglück ist das schwerste, das die belgischen Bahnen seit ihrem Bestehen betroffen hat. Seekapitän Desrs schildert den entsetzlichen Vorgang sehr anschaulich. Er saß Zeitung lesend mit sechs Personen in einem Abteil zweiter Klasse hinter dem Luxuswagen des Antwerpener Expreßzuges, als Plötzlich eine heftige Erschütterung des Wagens alle Reisenden gegeneinander warf und alle Scheiben zersplitterten. Der Zug hielt daraus mit einem Ruck an. Als der Kapitän entsetzt durch das Fenster hinaussprang, sah er, daß der Expreß bereits 50 Meter über die blutigen und staubenden Trümmer des Personenzuges hinwcggesahren war. Markerschütternde Schmerzensschreie und jammernde Hilferufe tönten von allen Seiten durcheinander. Das Bahnhosspersonal und unverletzte Passagiere machten sofort verzweifelte Anstrengungen, die noch lebenden und um Hilfe schreienden Passagiere aus den Trümmern zu befreien. Je weiter man mit der Wegräumung vorschritt, um so furchtbarer wurde der Anblick. Drei Soldaten waren so zu Brei zermalmt, daß ihre einzelnen Glieder nicht unterschieden werden konnten. Mehrere Frauen waren in Stücke gerissen, einem Arbeiter war die Brust von einem Holzstück bis zum Rücken durchbohrt. Anderen waren Brust und Leib aufgerissen. Zwischen Eisenteilen fand sich ein Arm eingeklemmt, in dessen zusammengekrampster Hand ein Ohr mit Haarbüscheln steckte. Ueberall eine Entsetzen erregende, Masse blutiger, formloser Glieder. Die Verletzten wurden in die Wagen II. Klasse des Expreßzuges gebettet, bis nach kurzer Frist einige 30 Aerzte und Heilgehilfen von Antwerpen eintrafen, um sachgemäße Hilfe zu leisten. Die Toten wurden im Wartesaal der Station ausgebahrt. Die Judentifizierung der Opfer ist sehr erschwert, da fast alle Leichen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt sind und viele keinerlei Papiere bei sich sührten. Daß die Rettung der Verletzten und die Bergung der Toten verhältnismäßig schnell gelang, ist den unermüdlichen Anstrengungen der Soldaten aus den Kasernen in Contich zu danken, welche ihren unglücklichen Kameraden schnell zu Hilfe eilten. Die Lokomotive b$ Expreßzuges, die drei Personenwagen mit ihren Insassen unter ihrem ungeheuren Gewicht zerquetschte, war über und über mit zerrissenen Körperteilen, Blut und Kleidersetzen bedeckt. Die Verletzten sind während des Nachmittags, soweit überhaupt transportabel, in die Hospitäler Antwerpens und Brüssels übergesührt worden. Auf den Bahnhöfen gestaltete sich die Ankunft der Opfer zu ergreifenden Szenen der Sympathie seitens der erschütterten Menge, welche die Bahnhöfe angstvoll umlagerte. Unter den Verletzten befindet sich ein Deutscher, ein Herr Neumann aus Mainz.
Brüssel, 23. Mai. Die gerichtliche Untersuchung über die Eisenbahnkatastrophe in Contich hat zweifellos sestgestellt, daß die unmittelbare Schuld der Weichensteller Vanthuyne trägt. Er liegt an Gehirnerschütterung und Lungenentzündung hoffnungslos krank darnieder. Schon zweimal vordem hatte Vanthuyne durch falsche Weichenstellung leichtere Eisenbahnunfälle verschuldet. Dieser mit drei Frank Tagelohn besoldete Beamte hatte neun Kinder davon zu ernähren und galt allgemein als Mensch von sehr schwacher Intelligenz. Antwerpener Blätter bezeichnen es als skandalös, daß das Schicksal ungezählter Reisender auf dieser stärkstbefahrenen Strecke seit Jahren in den Händen eines halbverhungerten Menschen lag. Mittelbar schuldig sind noch zwei andere Beamte, welche die Dienstvorschrift außer acht ließen, daß während der Vornahme von Reparaturen am Blocksystem, — was während des Unglücks der Fall war und den Zusammenstoß ermöglichte — alle einfahrenden Züge gewarnt und im Schrittempo von Stationsbeamten in den Bahnhof geleitet werden sollen. Verschiedene Blätter erwähnen die beschämende Tatsache, daß nach Bekanntwerden des Unglücks Hunderte des vorkommensten Raubgesindels von Antwerpen nach Contich strömten und die dortige Verwirrung benutzten, um Tote und Verwundete ihrer Wertsachen und Börsen zu berauben, bis man durch Absperrung dieses schändliche Treiben verhinderte. Die Entschädigungen, welche der belgische Staat den Verunglückten zahlen muß, werden Millionen betragen. Lobend erwähnt wird das Verhalten des Lokomotivführers und Heizers, die mit Todesverachtung auf der Maschine des Expreßzuges verharrten und bremsten.
Unwetter im Reiche.
Aus allen Gegenden des Reiches laufen Meldungen ein über schwere Gewittererscheinungen und mehr oder minder große Flurschäden.
Köln, 22. Mai. Die gestern und heute über dem Mittelrhein niedergegangenen Unwetter haben größeren Schaden angerichtet, als bisher zu übersehen war. Im Distrikt Koblenz- Mülheim-Urmitz ging ein Wolkenbruch nieder. Der Schutzdamm oberhalb Mülheim stürzte ein. Die Waffermengen wälzten sich verheerend über den Ort, so daß die tiefer gelegenen Häuser schleunigst geräumt werden mußten. Die Bewohner konnten kaum das Leben retten. Alle Frucht ist vernichtet. Die Feldflur/bei Bassenheim bietet einen schrecklichen Anblick. Bei Rübenach mußten gleichfalls die Bewohner in die obersten Stockwerke flüchten. Bei einer Fahrübung mehrer Batterien eines Feldartillcrieregiments wurden morgens die Pferde durch das schwere Hagelwetter scheu und stürmten in wilder Hast
von dem hochgelegenen Uebungsplatz hinab, wodurch mehrere Mannschaften verletzt und eine große Anzahl Pferde verwundet wurden. Hilfsmannschaften wurden aus dem Koblenzer Lazarett an die Unfallstätte abgesandt.
Leipzig, 22. Mai. Ein schweres, mit Hagelschlag verbundenes Gewitter, das um 6 Uhr abends niederging, hat vielfachen Schaden angerichtet. Zahlreiche Straßenlaternen und Fensterscheiben wurden durch walnußgroße Hagelkörner zertrümmert. Auch Wald und Flur haben sehr gelitten.
Auch im Maintale und in der Gothaer Gegend gingen gestern Hagelunwetter nieder, die schweren Schaden anrichteten. Nach den bisherigen Wahrnehmungen wurde ganz Mittel- deutschland bis Magdeburg, Halle und Gera sowie Schlesien von dem Unwetter betroffen.
Frauen, die Millionen verdienen.
In einer Zeit, wo die Frauen sich anschicken, auf wirtschaftlichem wie auf künstlerischem Gebiet selbständig den Wettkampf mit dem Manne aufzunehmen, kann es nicht verwundern, wenn auch die Börse und das Finanzwesen ihre Anziehungskraft auf unternehmende Damen ausüben. Was in Europa wohl noch heute Aufsehen erregen würde, ist in Amerika bereits eine gewöhnliche Erscheinung geworden, und es fehlt nicht an Frauen, die mit Umsicht und mit ganz außerordentlichen Erfolgen selbständig große Bankgeschäfte leiten und an der Börse siegreich kämpfen. Eine englische Zeitschrift erzählt von einigen der bekanntesten weiblichen amerikanischen Bankiers. Unter ihnen ist Frau Hermann Oelrichs eine der bekanntesten; sie wird von ihren Konkurrenten an der Börse als vollwertiger Gegner oder Bundesgenosse gefürchtet und geschätzt. Vor einigen Jahren hatte sie sich entschlossen, die Führung ihrer Geldgeschäfte selbst zu übernehmen. Freunde und Freundinnen rieten ihr ab, man weissagte ihrer weiblichen Unerfahrenheit furchtbare Verluste und zuckte ärgerlich die Achseln, als Frau Oelrichs allen Ein-- wänden zum Trotz bei ihrem Plan beharrte und ihn sofort in die Tat umsetzte. Mit einem Lächeln wies sie jeden guten Rat zurück. Sie wüßte, was sie wollte. Sie realisirte ihr Vermögen, und als sie in Wallstreet ihre Tätigkeit begann, stand ihr ein Betriebskapital von 10 Mill. Mark zur Verfügung. Durch außerordentlich geschickte Spekulationen in Eisenbahnaktien hatte sie ihr Vermögen im Laufe eines Jahres verfünffacht: 40 Millionen waren in 12 Monaten verdient. Neben ihr gilt Ella Rawls Reader als eine der tüchtigsten Geschäftsfrauen der Welt. Noch vor 12 Jahren bestand ihre Tätigkeit darin, in einem New Iorker Zeitungsverlag Adressen zu schreiben; vier Jahre später war sie die Leiterin eines der größten Nachrichtenbureaus New Iorks. Dann packte diese Frau, die jetzt anfangs der Dreißiger steht, und die als eine „sehr hübsche Dame mit einem faszinierenden Lächeln, mit vollendeten Manieren und mit einer süßen, einschmeichelnden Stimme" geschildert wird, der Ehrgeiz, zu zeigen, was eine Frau auf finanziellem Gebiete leisten könne. An Wagemut fehlte es ihr nicht, nicht an Scharfblick und auch nicht an Glück. Sie organisierte eine große Eisenbahngesellschaft mit einem Kapital von 40 Millionen, die den Wettkampf mit Morgan furchtlos aufnahm; trotz mächtiger Rivalen erzwäng sie vom Sultan von Johore die Konzession für eine Bahn, ordnete beim Frühstückstisch eine südamerikanische Revolution, begann mit Wallstreet einen Wettkampf um die Ausbeutung der Kupferintereffen in Peru und konkurrierte mit Roosevelt um Konzessionen auf San Domingo, Unternehmungen, die ein Kapital von über 400 Millionen bedeuten. Auch Frau" Hetty Green steht in dem Rufe, eines Finanzgenies. Sie begann ihre Laufbahn mit einer halben Million, und heute schätzt -man ihr Vermögen auf annähernd 200 Millionen. In den letzten Jahren verdiente sie alljährlich 10 Millionen; aber von der ihr angeborenen Sparsamkeit, die an Geiz grenzt, hat sie nie abgelassen, und noch heute lebt sie mit 80 Mark in der Woche, so daß sie im ganzen Jahre für ihre persönlichen Bedürfnisse nicht mehr ausgibt, als sie alle vier Stunden verdient. Frau Richard King kann sich auch rühmen, ihr riesiges Vermögen selbst geschaffen zu haben. Sie verfügt heute über einen Grundbesitz, der an Größe nahezu 10000 Quadratkilometer umfaßt, und mehr als 2000 Rinder weiden auf ihren Farmen. Aus den kleinsten Verhältnissen hat sich Annie K. Rikert emporgearbeitet, die heute als Präsidentin der Stockton- und Tuolumne-Eisenbahn über ein Vermögen von mehreren Dutzend Millionen verfügt. Als Siebzehnjährige verlor sie ihren Mann, und völlig mittellos stand sie mit ihrer neugeborenen Tochter vor der Notwendigkeit, sich einen Lebensunterhalt zu suchen. Es war um die Zeit, da das Goldfieber Tausende nach Kalifornien lockte. Auch sie folgte dem Zuge, das Glück war ihr hold, und in kurzer Zeit verfügte sie über ein Bankguthaben von 40 000 Doll. und war Eigentümerin von mehreren Minen, die sich dann außerordentlich glücklich entwickelten. Ihr Glück ist im Goldgebiete sprichwörtlich geworden, und bei den Mexikanern nennt man sie noch heute die „Oro Madre", die Goldmutter. Erst vor kurzem begann sie die Konstruktion einer großen Eisenbahn, die ihre verschiedenen Besitzungen verbinden wird und einen Kostenaufwand von mehreren Millionen erfordert.
Vermischtes.
— Einen Kamps mit Wilderern hatte beiMünk« lingen im Schwarzwald der Forstwart Wiedemann zu bestehen. Er traf im Wald drei Wilderer. Zwei von ihnen flohen, der dritte aber, der 24jährige Lutz, verletzte den Förster erheblich. Dieser schoß gleichfalls und streckte den Wilderer nieder. Stundenlang lagen beide ohnmächtig da, bis der Wilderer, aus der Ohnmacht erwachend, noch zwei Schüsse auf den Förster abgab. Dann schleppte sich der Wilderer fort, blieb aber bald darauf tot liegen.
— (Bei der Uebung verunglückt.) Der Leutnant v. Heppe vom Altonaer Infanterieregiment Nr. 31 erhielt bei den Uebungen im Lockstädter Lager einen Degenstich gegen das linke Äuge. Glassplitter des Kneifers drangen in ein Auge, so daß die Sehkraft verloren ist.
— (Einbruch bei einer Toten.) Die Bromberger Kriminalpolizei hat ein Ehepaar Jurr verhaftet, das in die Wohnung einet alten Frau, die am Tage vorher gestorben war und in der Wohnung ausgebahrt lag, einbrach und einen größeren Geldbetrag entwendete. Eine Nachbarin, die das Ehepaar beim Einbruch überraschte, erhielt 13 Mark Schweigegeld. Die Verhafteten sind geständig.
— Paris, 22. Mai. In der Zuckerraffinerie von Say ereignete sich eine Explosion. 42 Arbeiter und Arbeiterinnen wurden verletzt, darunter 11 sehr schwer. Der Materialschaden ist bedeutend. Hinsichtlich der Ursache der Explosion glaubt man, daß Zuckerstaub durch einen elektrischen Funken in Brand geriet und daß dadurch die Entzündung von GaS verursacht wurde.
Druck und Verlag von Ludwig Funk'S Buchdruckerei, Hersfeld. Verantwortlicher Redakteur Friedrich Funk in Hersfeld.