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herrMer Kreisbkitt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 33.
Donnerstag, den 19. März
1908.
Amtlicher teil.
Hersseld, den 13. März 1908.
Die Herren Bürgermeister der Landgemeinden des Kreises haben gemäß Verfügung vom 9. Februar 1884 — Kreisblatt de 1884 Nr. 20 — jedes Vierteljahr — und zwar in der ersten Hälfte der Monate: April, Juli, Oktober und Januar — unter Hinzuziehung des Bezirksschornsteinfegermeisters sämtliche Feuerungsstätten im Gemeindebezirk einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und hierbei zugleich ihr Augenmerk auf die gehörige Befolgung der Vorschriften über den Umgang mit Feuer und Licht sowie die ungefährliche, sichere Ausbewahrung glühender Kohlen, von Asche, Waaren^Vorräten und anderer leicht feuerfangender Gegenstände zu richten.
Ich ordne hierdurch an, daß der zuständige Königl. Gendarm künftig zu diesen Revisionen einmal im Jahre auch hinzugezogen wird.
Die Herren Bürgermeister haben ihm von dem zur Revision angesetzten Termin stets rechtzeitig — mindestens 6 Tage vorher — Mitteilung zu machen. In dem zum 20. Januar jeden JahreS einzureichenden Berichte ist gleichzeitig anzuzeigen, daß und zu welcher Revision des abgelaufenen Jahres der Gendarm zugezogen worden ist.
Die Königl. Gendarmen des Kreises habe ich mit entsprechender Anweisung versehen.
I. 2892. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Hersfeld, den 14. März 1908.
Die Steuerpflichtigen weise ich darauf hin, daß es ihnen freisteht, Einsprüche, Berufungen, Beschwerden und andere Eingaben in Steuerangelegenheiten im Büro der Ver- anlagungs-Kommission hierselbst — Stist 671 — zu Protokoll zu erklären. Auch wird ihnen hier Rat für die Selbst- aufertigung derartiger Eingaben erteilt.
Das Büro ist für diese Zwecke an den W o ch e n t a g e n von 10 bis 12 Uhr Vormittags geöffnet.
Die protokollarische Entgegennahme der Erklärungen wie die Raterteilungen geschehen kostenfrei.
Der Vorsitzende der (Einkommensteuer« Veranlagungs-Kommission.
St. Nr. 638. von Grunelius.
Hersfeld, den 16. März 1908.
Ein ca. 60—70 cm großer, weiß und rotbraun gefärbter schottischer Schäferhund ist am 6. d. Mts. auf der Eilguthalle der Güterabfertigung in Bebra bei der Umladung entsprungen.
Die Wiedereinlieferung des Hundes hat bei der Güter-
Der ßlückshort.
Roman von H. von K l i p h a u s e n.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Nach langem Suchen hatten sie denn endlich eine Schlafstelle unter einem Schuppen gefunden, und das erschöpfte Mädchen schlummerte im Arme des Geliebten fest und traum- los ein. Doch Roberts Augen floh der Schlaf. Er zer- martete fein Hirn, wie er diese unbequeme leidenschaftliche Geliebte wieder los werden und zugleich den Dolch in seine Hand zurückbekommen könnte.
Seife, langsam suchte er die ihn umschlingenden Arme zu lösen; es gelang ihm, sie wandte sich nur, im Traume lächelnd, zu ihm und flüsterte: ..Roberto!"
Ebenso lautlos richtete er sich auf und versuchte, den in ihrem Gürtel steckenden Dolch zu erlange». Da öffnete sie plötzlich die Augen schlaftrunken und blickte fragend zu ihin hinüber.
es Zeit, Geliebter?" fragte sie hastig. „Wollen wir fliehen
_ ne’n' Resita, noch nicht. Schlafe, Geliebte, es ist noch finster draußen."
Tiesatmend wandte sie den Kopf seitwärts, und gleich daraus verkündeten regelmäßige Atemzüge, dah sie von neuem eingeschlummert war.
„Jetzt oder nie!" murmelte der junge Mann und zog mit katzenartiger Behendigkeit die langvermißte Waffe aus ihrem Gürtel. Diesmal schlief dar Mädchen ruhig weiter und Robert sprang triumphierend auf die Füße, um sogleich, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen, zu fliehen. Nun kam die größte Gefahr. Er wollte nochmals in die Alonquezsche Wohnung, um seine bereits gepackten Sachen mitzunehmen, doch durste der Alte ihn keinesfalls sehen. Er vermutete sogar stark, daß derselbe ihn und Resita verfolgen lassen würde. Doch er kannte den Weg durchs Fenster, welches er aus instinktiver Vorsicht offen gelassen hatte, und 10 wagte er denn daS einigermaßen gefährliche Unternehmen.
abfertigungsstelle „in Bebra zu erfolgen, die eine entsprechende Belohnung zahlen wird.
I. 2911. Der Königliche Landrat.
I. V.:
T h a m e r.
Der öffentliche Fußweg Kartenblatt 1, Parzelle Nr. 109, soll an die südliche Grenze der Parzelle 43 gelegt werden. Gemäß § 57 des Zuständigkeitsgesetzes vom 1. August 1883 wird dieses mit der Aufforderung bekannt gemacht, Einsprüche innerhalb 4 Wochen zur Vermeidung des Ausschlusses bei der unterzeichneten Behörde geltend zu machen. Rotterterode am 16. März 1908.
Die wegepolizeibehsr-e Nutzn, Bürgermeister.
nichtamtlicher teil.
Vor 60 Jahren.
Zum 18. März.
Die demokratischen Blätter schwelgen in Erinnerungen; sie tischen ihren Lesern Berichte auf über die Begebenheiten, die sich vor 60 Jahren in Deutschland, besonders in Berlin, zugetragen haben; gilt es doch, die Legende zu befestigen, als ob die damalige, in den Berliner Straßenkämpsen am 18. März gipfelnde revolutionäre Bewegung eine infolge unhaltbarer Zustände mit elementarer Gewalt zum Durchbruch gelangte Volkserhebung gewesen sei, der wir unsere Verfassung zu verdanken hätten. Zu diesem Zwecke wird es so dargestellt, daß König Friedrich Wilhelm IV. sich den Forderungen der Zeit aus eigensinnigem Beharren auf seinem Regierungssystem verschlossen habe und daß er erst der Gewalt des Aufruhrs ge- wichen sei.
Nichts ist unrichtiger als das. Der König, der in seinem Lande schon vor 1848 freiheitliche Einrichtungen — wie kein anderer deutscher Fürst — getroffen und weitere in Aussicht gestellt hatte, hatte, noch ehe an eine revolutionäre Bewegung in Preußen zu denken war, jene vom preußischen Gesandten unterzeichnete Proklamation des Bundestages vom 1. März veranlaßt, die Deutschland eine große Zukunft und die Erfüllung seiner gerechten Ansprüche verhieß. WaS also wäre noch vom Volke durch einen Aufruhr zu erkämpfen oder vom Könige durch Waffengewalt zu verteidigen gewesen? Nichts! Die Straßenkämpse waren demnach ohne vernünftigen Grund und Zweck. Weshalb sie dennoch abgebrochen sind? Das ist eben das Rätsel. Wenn man auf die sozialdemokratischen Blätter hört, sollte man glauben, der König oder Prinz Wilhelm, der nachmalige Kaiser Wilhelm der Große, hätte plötzlich den Einfall gehabt, ein Blutbad unter den Berlinern anzurichten, die jubelnd vor das Schloß gekommen waren,
Als er an das Haus kam, war alles totenstill, selbst ein Hund schlug nicht an. Dort lag, wie er wußte, eine Leiter. Ohne sich viel umzusehen, stellte er dieselbe an das Fenster seiner Kammer, eilte hinauf und stand fünf Minuten später reisefertig gerüstet wieder unten vor dem Hause.
„Jetzt bin ich am Ziel meiner Wünsche," frohlockte er und schlich davon in den grauenden Morgen hinaus der Heimat und der Geliebten entgegen.
Wer beschreibt den Zorn und die Aufregung Resitas beim Erwachen. Lächelnd schlug sie die Augen aus, lächelnd wandte sie den Kopf seitwärts, um den geliebten Mann nicht zu stören. Jetzt wars hell draußen und Zeit, sich auf und davon zu machen, ehe die Verfolger sie erreichen konnten.
Wo aber blieb Roberto? Sie richtete sich aus, spähte lauschend umher, doch alles blieb still. Finster zog sie die Augenbrauen zusammen und griff an den Gürtel, doch da schnellte sie empor, wie vom Blitz getroffen — der Dolch war fort.
„Er hat mich betrogen", keuchte sie, die Fäuste ballend, „er nahm den Dolch und verschwand, um zu seiner Geliebten zu fliehen und mich hier schnöde zu verlassen. Fluch ihm, dem Elenden! Ich will mich ausmachen und ihn suchen, und wehe ihm, wenn ich ihn oder sie finde! Und nun fort, Resita es wird Zeit, sonst kommen die Häscher. Armer Sofe, er ist tot, vielleicht hätte ich doch besser getan, seine Liebe zu erwidern. Aber nein, ich liebte nun einmal den Fremden und liebe ihn noch, und ich werde ihn lieben bis zu meinem letzten Atemzüge."
Zu der heutigen letzten Vorstellung deS Zirkus Morand hatte sich ein ebenso zahlreiches wie gewähltes Publikum ein- gefunden, unter welchen wiederum das Militär stark vertreten war. Der Hauptmagnet war wie immer die schöne, ernste Schulreiterin, der ein unnahbares Etwas ein ganz besonderes Relief verlieh. Viele meinten, es sei die Grasenkrone von MargarcteS verstorbener Mutter, andere behaupteten, es liege einzig in ihrer strengen jungfräulichen Zurückhaltung. Jedenfalls hatte noch keiner der jungen Herren sich auch nur eines
um sich beim Könige für die kurz vorher verkündigte Bewilligung eines Preßgesetzes und die Einberufung des Landtages zu bedanken. So unsinnig jene Unterstellung ist, sie wird doch immer wieder aufgefrischt, um die Tatsache zu verdecken, daß die revolutionäre Bewegung von Polen und Franzosen lange vorbereitet war und unter allen Umständen durchgeführt werden sollte.
Durch das Entgegenkommen deS Königs war den Revolutionären ein Strich durch die Rechnung gemacht, und sie boten alles auf, um neue Ereignisse herbeizuführen, welche die begeisterte Menge wieder auszuregcn vermochten. Während nun auf dem Schloßplätze gutgesinnte Bürger dem Könige ein Hoch ausbrachten, einen Fackelzug und eine Illumination verabredeten, schlug ein junger Mann auf den in Mittelruh stehenden Hahn eines Gewehrs; dieses ging los, und bald darauf entlud sich noch ein anderes Gewehr auf ähnliche Weise. Das war das verabredete Zeichen für die Verschwörer. Man schrie über Verrat; hundertfach wurde die Nachricht verbreitet, daß man auf dem Schloßplätze Bürger morde, welche nur Verehrung und Liebe zum König dahingeführt haben! Das ist der von Augenzeugen sestgestellte Tatbestand über den Beginn des Berliner Straßenkampfes!
Wenn der Ausgang des Kampfes als eine Niederlage des Militärs in den demokratischen Blättern gefeiert wird, so stehen auch dem die geschichtlichen Tatsachen entgegen. Das Verzeichnis der Gefallenen zählt auf Seite des Volkes mehrere hundert Opfer, während nur 20 Soldaten gefallen sind, diese Tatsache zeigt, wie nicht anders erwartet werden konnte, daß das Militär die Oberhand behielt; sie zeigt aber auch, daß der König nur durch einen unüberwindlichen Widerwillen gegen weiteres Blutve-^eßm bewogen werden konnte, fein treues Heer zurückzuziehen.
Reichstag.
Der Reichstag leistete sich am Montag wieder einmal zwei Sitzungen. In der Tagessitzung wurde zunächst die Beratung des Etats der Zölle und Verbrauchssteuern und der hierzu vorliegenden Resolutionen fortgesetzt. Eine längere Debatte riefen hierbei die Resolutionen Speck und Rösicke wegen Abänderung der Bestimmungen der Gerstenzollordnung hervor. Schließlich gelangte die Resolution Speck, welche in ihrem Kernpunkte eine deutliche Markierung deS Unterschiedes in der mit 1,30 Mark zu verzollenden Gerste gegenüber der 4 Mark- Zoll-Gerste bei der Verzollung wünscht, gegen die Stimmen der Linken zur Annahme. Dann wurden die Einnahmen aus den Zöllen, ebenso jene aus den Steuern in summarischem Verfahren genehmigt. Im weiteren Verlaufe wurde noch der Etat des Reichsschatzamtes in Angriff genommen und in der um 8 Uhr begonnenen Abendsitzung weiterberaten. Hierbei nahm die Debatte über die Veteranenbeihilfe, zu welcher mehrere Resolutionen beilagen, einen breiten Raum ein. Sie endete damit, daß die Resolution des nationalliberalen Abge-
Blickes, eines Lächelns rühmen können und all die Blumen, Buckelts und Kränze mußten wieder von der Tür des Fräuleins fortgenommen werden.
Müde und abgespannt hatte sich Margarete nach dem ersten Auftreten in ihrer Garderobe in einen Sessel geworfen, um vor dem Wechseln ihres Kostüms einige Augenblicke zu ruhen. Es war ihr eigentümlich trostlos zu Mute, als ihr Blick plötzlich auf ein schmales, hellgrünes Kuvert fiel, das mit einer Krone geschmückt war. Ihre Wangen erglühten, ihr Herz pochte ungestüm, und sie riß hastig den Umschlag auf.
„Ich bin hierher gekommen, nur um Sie, Margarete, zu sprechen. Wann kann ich darauf rechnen, Sie allein zu finden ? Seien Sie nicht hart, weisen Sie mich nicht ab, denn ich kann ohne Sie nicht länger leben. Die Tote wird uns nicht zürnen, unsere Liebe soll ihren Schatten versöhnen. Ich komme Gretchen, ich eile zu Ihnen! Albrecht."
Totenbleich ließ die junge Künstlerin das Blatt sinken und starrte inS Leere. Nein, sie wollte und konnte nicht sein Weib werden, sie hatte ja Robert ihr Wort gegeben, und ihr Vater haßte ihn ebenso, wie er, Albrecht, einst ihre Mutter gehaßt hatte.
Seufzend erhob sie sich endlich, um sich für ihr letztes Auftreten umzukleiden. Bald darauf ertönte die Glocke, und Margarete stürmte auf ihrem Renner hinaus, um die letzten Palmen als Kunstreiterin davonzutragen. Nicht enden- wollender Beifall lohnte ihre Leistungen, der noch fortdauerte, als sie schon ganz atemlos und erregt in ihrer Garderobe saß. Hier war eS ihr aber nicht möglich, länger die nötige Fassung zu bewahren; in Tränen ausbrechend, sank sie in einen Sessel und weinte bitterlich lange Zeit. Dann jedoch raffte sie sich auf, wechselte rasch ihre Toilette und verließ rasch die Garderobe.
Vor der Tür jedoch stand ein hochgewachsener, stattlicher Mann, den Hut in der Hand und verneigte sich huldigend: „Darf ich wohl die Ehre haben, mein gnädiges FräulAn, Sie nach Hause zu begleiten?"
„Herr Graf, ich weiß nicht, ob mein Vater —"
„Herr Direktor Morand ist ausgefahren, wie mir mein Diener eben meldete."