Ich komme nun zu den sehr temperamentvollen und treffenden Ausführungen des Herrn v. Maltzan vom gestrigen Tage. ES ist mir besonders wohltuend gewesen, daß man von konservativer Seite eine so energische Sprache geführt hat, und daß auch die Ansicht sich durchbricht, daß manches in der Rechtspflege ge- ändert werden muß. Zu der Kontroverse, die der Herr Abgeordnete Freiherr v. Maltzan mit Herrn Stadthagen gehabt hat, hat her Herr Kollege Dr. Frank ausgeführt, daß Herr v. Maltzan gestern eine gewisse Liebeswerbung mit Herrn Stadthagen vorgenommen habe. Nein, meine Herren, ein solche schlechte Geschmacksrichtung traue ich Herrn v. Maltzan wirklich nicht zu.
In seinen Ausführungen hat Herr v. Maltzan wiederholt den § 81 der Strafprozeßordnung anläßlich des Falles Wrede angezogen. Dieser Paragraph ist vom Herrn Staatssekretär als unschön gestern bezeichnet worden. Der § 81 bedarf dringend der Abänderung. Der § 81 lautet: Zur Vorbereitung eines Gutachtens über den Geisteszustand des Augeschuldigten kann das Gericht auf Antrag eines Sachverständigen nach Anhörung des Verteidigers anordnen, daß der Angeschuldigte in eine öffentliche Irrenanstalt gebracht und dort beobachtet werde.
Wir haben gestern von dem mecklenburgischen Herrn Bundesratsbevollmächtigten gehört, daß die Sachverständigen im vorliegenden Falle keinen Antrag gestellt haben, daß also der mecklenburgische Gerichtshof durchaus korrekt gehandelt habe, wenn er die Fürstin in eine Privatirrenanstalt auf ihren Wunsch gehen ließ. Ich interpretiere den § 81 dahin, daß man unter einer öffentlichen Irrenanstalt eine staatliche Irrenanstalt oder eine unter staatlicher Kontrolle stehende Provinzialirrenanstalt zu verstehen hat. Wenn etwas reformbedürftig ist, so ist es unser Jrrenrecht, und eine baldige Reform desselben ist dringend geboten.
Ich kann es nicht verstehen, daß die beiden Hehler der Fürstin Wrede, der Fürst Wrede und die Gesellschaftsdame der Fürstin Wrede, außer Verfolgung gesetzt worden sind. Im gewöhnlichen Leben sagt man, der Hehler sei ebenso schlecht wie der Stehler. Das ist richtig. Die bezüglichen Paragraphen des Strafgesetzbuchs müssen dahin abgeändert werden, daß, auch wenn der Stehler infolge Geisteskrankheit nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, doch der Hehler verantworlich gemacht werde. (Sehr richtig!) Sonst sagt man im Volke: kleine Diebe hängt man, große läßt man laufen. Es ist nicht erstaunlich, wenn im Volke das Rechtsbewußtsein erschüttert wird, wenn man sieht, daß der Höherge- stellte vom Gericht anders behandelt wird als der Schlechterge- stellte. Vor Gericht soll nur ein Grundsatz maßgebend sein: gleiches Recht für alle. Das Urteil muß' vor Gericht ohne Ansehen der Person, des Glaubens, der Nationalität in objektiver Weise gefällt werden.
(Schluß folgt.)
Bus Provinz u. Nachbargebiet.
* In einer gemeinsamen Verfügung vom 13J Januar haben der Kriegsminister und der Minister des Innern einen Antrag auf Abänderung des § 33 Nr. 3 Abs. 1 der Wehrordnung abgelehnt, wonach Militärreklamationen als unbegründet zu verwerfen sind beim Vorhandensein von noch nicht 25 Jahre alten, wenn auch bereits verheirateten Söhnen.
):( Hersfeld, 4. März. Die Zahl der in den hiesigen Gasthäusern übernachteten Fremden betrug im Monat Februar 391.
):( Hersfeld, 4. März. In der am 1. d. Mts. in Bebra abgehaltenen Vertrauensmännerversammlung der Deutschen Reformpartei wurde mit übergroßer Majorität beschlossen, an der Landtagskandidatur unseres Abgeordneten Herrn Ludwig Werner fest zu halten. Von den 55 Anwesenden wurden in geheimer Abstimmung 51 Stimmen für Herrn Werner abgegeben (4 Stimmzettel waren unbeschrieben).
Hersfeld, 4. März. Gestern abend fand im Bolenderschen Saale vor leider nur schwach besetztem Hause die Eröffnungsvorstellung der Herrmannschen Theaterge- fellschaft statt. Gegeben wurde das Voß'sche Schauspiel „Eva" oder „Verlorenes Glück". Der Verfasser schildert hier in ergreifender Weise die Schicksale einer Grafentochter, welche durch mißliche Verhältnisse gezwungen und von ihrem Verlobten, einem Grafen, verlassen, sich mit einem einfachen Manne verheiratet. Als jedoch nach vierjähriger Ehe ihr früher Verlobter wieder ihre Wege kreuzte, schenkt sie den Liebesbeteuerungen desselben Gehör, verläßt Mann und Kind und folgt dem Grafen, in dem Glauben, seine Frau werden zu können. Als sich dieser dann als ein gewissenloser Mensch entpuppt und sich weigert, seine Braut zu heiraten, schießt ihn diese kaltblütig nieder. Sie selbst erhält 4 Jahre Zuchthaus und stirbt dann gerade am Tage ihrer Entlassung, versöhnt erst noch mit ihrem früheren Gatten. — Das Stück fesselte die Zuhörer von Anfang bis zu Ende und ist reich an tragischen Momenten. Die Darstellung zeigte, daß Herr Direktor Herrmann über neue, ganz vortreffliche Kräfte verfügt. Besonders hat er in der Trägerin der Titelrolle, Fräulein Bauermann, eine vorzügliche Schauspielerin gewonnen, ihre Leistung als Gräfin Eva war wirklich lobenswert. Ihr Partner, Herr Kröber, als Fabrikant Hartwig, leistete ebenfalls vortreffliches. Auch die übrigen Darsteller spielten ihre Rollen mit viel Geschick. — Zu wünschen wäre es, wenn das hiesige Publikum das Unternehmen des Herrn Direktors Herrmann mehr unterstützte, denn der erste Abend zeigte, daß ein Besuch der Vorstellungen befriedigen muß. — Morgen abend geht der Schwank „Ein toller Einfall" in Szene. Jeder, der einige heitere Stunden verleben will, kommt sicherlich hierbei aus seine Kosten. Das Stück ist von Anfang bis Ende voll der tollsten Verwickelungen, so daß das Publikum aus dem Lachen nicht herauskommt.
):( Hersfeld, 4. März. (Theater.) Wohl wenigen Bühnenschriftstellern ist es vergönnt, einen so seltenen Ehrentag zu feiern wie Adolph L'Arronge. Wenn wir uns die Zeit vergegenwärtigen, in der Adolph L'Arronge fast ausschließlich den deutschen Bühnenspielplan beherrschte und die Menschen jubeln und weinen machte, so kommt uns dies heute wie ein Traum vor und man fragt sich: „Wo sind die Zeiten geblieben." L'Arronge schrieb noch mit dem Herzen, während unsere heutigen Dramatiker nur noch mit dem Verstände schreiben. Auch L'Arronge mußte, wie so mancher, der „Moderne" weichen. Heute aber, zu seinem 70jährigen Jubiläum, wollen wir uns gerne seiner erinnern, und freuen wollen wir uns, wenn ihm das Publikum heute wie vor 30 Jahren zujauchzt. Daß auch bei uns eine Lanze für den wackeren Kämpen gebrochen und sein Ehrenschild hochgehalten wird, ist erfreulich. Nun liegt es nur noch am' Publikum, das seinige zu tun, daß der Abend ein würdiger werde.
q Asbach, 4. März. Bei der am 3. d. Mts stattge- fundenen Wahl der ausscheidenden Gemeindevertreter wurden gewählt: Abtlg. III. Schmied Hr. Gluth, Abtlg. II. Hr. Köhler, Landwirt, Abtlg. I. die Landwirte Val. Nutzn und Val. Sauer.
Cassel, 3. März. Der Knecht Joseph Sazylyt aus Rußland, der sich bei dem Landwirt W. Bangert zu Hohenkirchen in Stellung befand, brächte bei seiner Entlassung seinem Dienstherrn, mit !dem er in Streit geraten war, eine Bißwunde in den Arm bei. Hierdurch entstand eine Blutvergiftung, an der Bangert im hiesigen Landkrankenhause gestorben ist.
Duderstadt, 1. März. Ein planmäßig ausgeführter Kassenraub wurde hier unlängst von drei halbwüchsigen Gymnasiasten, Söhnen besserer Stände verübt. Der 13jährige
Sohn einer hochangesehenen Einwohner» sollte in einem hiesigen Goldwarengeschäft eine Rechnung bezahlen. Derweilen nun der Inhaber der Handlung die Rechnung quittierte, machte sich der jugendliche Dieb über die Kasse her, die er um 30 Mark erleichterte. Zwei andere Mitschuldige standen zur gleichen Zeit als Auspasser draußen vor dem Laden. Zwei der Schüler sind infolge dieses Vorkommnisses vom hiesigen Königl. Gymnasium entlassen worden.
Wächtersbach, 1. März. Ein etwa 60jähriger Lehrer aus Oberndorf geriet, als sich nachmittags 2 Uhr 20 Minuten der von hier abgehende Schnellzug in Bewegung fetzte, vor die Lokomotive und wurde schwer verletzt. Der Lokomotivführer hatte den Mann bemerkt und sofort versucht, den Zug zum Stehen zu bringen, doch war die Lokomotive schon über den Verunglückten hinweggegangen. Nach Anlegung eines Not- Verbandes wurde der schwer verletzte Lehrer in das Krankenhaus gebracht, in dem er bald darauf verschied.
Witzenhausen, 28. Februar. Ein jugendlicher Brandstifter wurde in der Person eines Schreinerlehrlings in Haft genommen. Er soll das jüngst stattgefundene Feuer angelegt haben, bei dem am Kirchplatze mehrere Häuser eingeäschert wurden.
Fritzlar, 2. März. Am Freitag abend stürzte in der hiesigen Kaserne der Kanonier Tetard von der 2. reit. Batterie bei einer gelegentlichen Turnübung vom Querbaum und erlitt eine Gehirnerschütterung, welche seinen baldigen Tod zur Folge hatte.
Frankfurt a. M., 2. März. Ein trauriges Familien- bild wurde durch die letzte Schöffengerichtssitzung zu Groß- Gerau aus der Gemeinde Rüsselsheim enthüllt. Die drei Brüder Johann, Wilhelm und August Hummel, drei Burschen im Alter von 20, 19 und 16 Jahren, haben ihren 54 Jahre alten Vater, den Invaliden Heinrich Hummel von hier, in solch barbarischroher Weise mißhandelt, geschlagen und mit Füßen getreten, daß der bedauernswerte Mann längere Zeit arbeitsunfähig war. Dies führt sie vor die Schranken des Gerichthoses, wo sie versuchen, den Vater als einen Alkoholiker hinzustellen. Der praktische Arzt Dr. Spangenberg, der den alten Vater lange Jahre hindurch behandelt hat, sowie auch zahlreiche Zeugen sagen von dem Vater der unnatürlichen Jungen das direkte Gegenteil aus. Die Ehefrau des Mißhandelten ist die Triebfeder zu all den Roheiten. Sie sagte wiederholt: „Der kriegt noch mehr, und wenn er ver . . ., so geht keins auf den Kirchhof mit, weder ich noch meine Buben". Die rohen Burschen, die so schlecht das vierte Gebot beobachten, erhalten Gefängnisstrafen von 3 resp. 2 Monaten.
Wiesbaden, 2. März. Wie der „Rhein. Kurier." meldet, erschoß sich gestern hier ein Soldat des 80. Infanterieregiments. Der Tote ist ein 23 Jahre alter verheirateter Lehrer. Er beging die Tat, weil ihn ein Kellner wegen einer kleinen Zechschuld gemeldet hatte.
Offenbach, 2. März. Als heute Nacht der Taglöhner Moeßlein mit seinen beiden Töchtern von einer Tanzbelustigung nach Hause ging, wurden die beiden Mädchen, der „Offenb. Ztg." zufolge, von dem früheren Geliebten der einen, Fuhrmann Schaefer und einigen Freunden desselben, Überfällen und geschlagen. Der Vater der angegriffenen Mädchen brächte darauf mit einem Dolchmesfer dem Scharfer und einem Freunde desselben mehrere Messerstiche bei, sodaß beide dem Krankenhaus zugeführt werden mußten.
Göttingen, 1. März. Ueber eine merkwürdige Man- derung eines Trauringes wird dem „Gött. Deutschen Boten" aus Seulingen geschrieben: Der Maurer P. verlor vor vier Jahren beim Streulaubholen seinen Trauring und konnte ihn trotz eifrigen Suchens nicht wiederfinden. Vor einigen Tagen saß er neben seiner Frau in der Wohnstube, die beschäftigt war, Wurzeln zum Mittagessen zu schrappen. Auf einmal sah er etwas Glänzendes blinken, und bei näherer Untersuchung erkannte er zu seiner freudigen Ueberraschung seinen eigenen Trauring wieder. Der Ring war also sicherlich mit dem Streulaube nach dem Hofe gekommen, in den Stall gestreut und dann mit dem Dünger auf den Acker gefahren und nun ereignete sich der sonderbare Fall, daß in diesem Jahre eine Wurzel von oben in den Ring hineindrang, sodaß dieser mit der Wurzel zusammenwuchs und aus diese merkwürdige Weise seinem Besitzer wieder ins Haus gebracht wurde. Der Ring ist, trotzdem er vier Jahre in der Erde gelegen, noch gut erhalten, und wer war froher als die beiden Ehe- leute, daß ihr verlorener Trauring auf so eine eigentümliche Weise wieder in ihren Besitz gelangte.
Mühlhausen (Thüringen), 2. März. Nach einem Familienstreit unternahmen gestern nachmittag die Ehefrau des Webeschullehrers Barth mit ihren drei Töchtern im Alter von 17, 15 und 13 Jahren einen Selbstmordversuch durch Oeffnen der Gashähne in der Wohnung. Als der Ehemann von einem Spazicrgang heimkehrte, fand er alle vier bewußtlos vor. Mit Hilfe eines Arztes gelang es, sie in das Leben zurückzurufen. Schwer erkrankt wurden sie in das Krankenhaus gebracht.
Aus Thüringen, 1. März. Weil er seinen Prozeß verloren hatte, erstach der Zimmermann Groß in Gotha vor dem Gerichtsgebäude seinen Prozeßgegner, den Tüncher Seysarth.
Suhl, 2. März. Im Schnee stecken geblieben, und zwar auf der Strecke zwischen Zella und Oberhof, ist am Sonnabend früh der erste Personenzug, der von hier in der Richtung Arnstadt absuhr. Die Strecke war an der betreffenden Stelle total verweht. Der Zug kam mit etwa einer Stunde Verspätung in Arnstadt an.
vermischter.
— Essen, 2. März. Aus der Eisenbahnstrecke Witten- Annen wurden von einem Bahnwärter neun Dynamitpatronen entdeckt, die zwischen den Gleisen lagen.
— (DerLawinensturzamLötschbergtunnel.) Ueber die entsetzliche Katastrophe, die elf Menschenleben vernichtet hat, berichtet der „L. A." noch folgende Einzelheiten: Bern, 2. März. Im Hotel in Goppenstein befanden sich, als die Lawine niederging, etwa 30 Personen beim Abendessen. Als der Donner der Lawine ertönte, nahm der Arzt Dr. Bossus aus Genf seine junge Frau schützend in die Arme. Der erst 28 Jahre alte Arzt wurde getötet, seine Gattin erlitt einen Beinbruch. Dr. Bossus, der als Arzt der Baunternehmung Lötschbergtunnel angestellt war, wohnte vorläufig im Hotel, wo er die Ankunft seiner Möbel ab- wartete. Nach dem ärztlichen Gutachten sind die elf Opfer der Katastrophe an Erstickung gestorben. Einige Leichen wiesen Arm-, Bein- und Kieferbrüche auf; zumeist waren die Arme der Getöteten schützend über den Kopf gelegt. In der Unglücksstunde befand sich kein Arzt in Goppenstein. Der Krankenwärter Ferdinand Gandini allein brächte den Verwundeten Hilfe. Zudem erhob sich eine Panik im Krankenhause. Die Kranken wollten das Spital sofort verlassen, und
nur der Geistesgegenwart des Wärter? gelang es, sie bis heute morgen zurückzuhalten. Die Aerzte aus Brig langten erst Sonntag früh um 4 Uhr in Goppenstein an. Bereits am Sonnabend mittag war südlich vom Spital eine Lawine niedergegangen. In Goppenstein sind schon oft Lawinen niedergestürzt. Unter den 14 Verwundeten befindet sich der 31 Jahre alte italienische Ingenieur Silva. Er erlitt Beinbrüche; das rechte Bein wurde ihm gestern amputiert. Ferner wurden verwundet die Ingenieure Welti aus dem Kanton Bern, Simette auS Nancy und Berthier aus Frankreich. Das eingestürzte Hotel bestand aus zwei Stockwerken. Der Kellner blieb unversehrt, das Gebäude wurde in die Lonza gerissen. Der Luftdruck hat die Fenster des Spitals und der umliegenden Häuser eingedrückt, und im Spital sind die Mauern überall zerrissen. Daher wurde das Spital geräumt. Die Balken des Hotels wurden 200 Meter weit geschleudert.
— (Ein kleines Mißverständnis.) DaS Regiment befand sich — so erzählt man der „Tgl. Rdsch." — im Manöver und sollte am nächsten Tage Biwak beziehen. Major W., welcher mit seinem Bataillon in einem kleinen Städtchen in Quartier lag, besprach daher mit seinem Adjutanten, Leutnant v. B., nachdem die dienstlichen An- gelegenheiten erledigt waren, auch die wichtige Frage der eigenen Verpflegung im Biwak und übertrug es dem hierin sehr sachverständigen Leutnant, auch für ihn, den Major, zu sorgen. Schließlich beauftragte er ihn noch, wenn möglich, ein Faß Münchener Bier zu befolgen, da er beabsichtige, die Offiziere seines Bataillons nach des Tages Last und Mühen im Biwak zu einem guten Glase Bier einzuladen. Am nächsten Tage befand sich das Bataillon des Majors W. während der großen Schlacht, welche dem Biwak vorausging, auf dem äußersten linken Flügel. Um die gefährdete linke Flanke noch besser zu schützen, gab der Major einem Leutnant den Auftrag, sich mit seinem Zuge auf einer seitwärts gelegenen kleinen Anhöhe zur Verteidigung ein- zurichten. Zur Sicherheit gab er den Adjutanten, mit welchem er die Stellung ausgesucht hatte, dem Zuge als Wegweiser mit. Bald darauf fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, sich zu vergewissern, ob bei dem Zuge sich auch genügend Leute mit Schanzzeug besänden. Er galoppierte daher schnell nach der kleinen Höhe, an welcher der Zug bereits in Stellung gegangen war, und rief dem dahinter in Deckung haltenden Adjutanten zu: „Leutnant v. B., haben Sie Spaten?" Der Leutnant, welcher in Gedanken den Ereignissen bereits vorausgeeilt war und diese Frage mit den ihm für das Biwak erteilten Aufträgen in phantasievolle Verbindung brächte, rief zurück: „Nein, Herr Major, aber Löwenbräu!"
— New-Aork, 2. März. In Tampa (Florida) sind fünf große Zigarrensabriken und dreihundert andere Häuser niedergebrannt.
— (AmerikanischeEisenbahnkatastrophen.) Die Großzügigkeit der amerikanischen Verhältnisse kommt leider auch aus dem Gebiet der Katastrophen zur Geltung. In dem Jagen und Hasten des Verkehrs und in der Ueber- spannung wirtschaftlichen Ringens wird der Schutz des Lebens und der Gesundheit in bedauerlicher Weise vernachlässigt. In der Statistik der Eisenbahnunsälle treten diese Verhältnisse in besonders krasser Weise hervor. Die Londoner Wochen- schrist Engineer macht auf die neuerliche Zunahme der Zahl der Verunglückten aufmerksam. Während sich diese Zahl von 270 im Jahre 1904 und 350 im Jahre 1905 auf 182 im Jahre 1906 verringert hatte, ist sie jetzt wieder zu der betrübenden Höhe von 410, also zu dem Höchsten bisher verzeichneten Stand hinaufgegangen. Nach den amtlichen Veröffentlichungen der Interstate Commerce Commission hat seit dem 30. Juni 1902 bis zum 30. Juni 1906 die Zahl der besörderten Passagiere um 23 v. H. und die Tonnenzahl der zum Transport gelangten Waren um 36 v. H. zugenommen. Die Zahl der Zusammenstöße im Jahre 1907 betrug um 95 v. H. mehr als 1902, und die Häufigkeit der Entgleisungen zeigt den ungeheuren Zuwachs von 104 v. H. Noch schlimmer steht es bezüglich der getöteten und verletzten Reisenden. Erstere haben einen Zuwachs von 146 v. H. und letztere einen solchen von 153 v. H. aufzuweisen. Dabei sind diese Ergebnisse nicht etwa aus Rechnung eines besonders unfallreichen Jahres zu setzen. Die Unglücksziffern sind vielmehr seit 1902 in ganz regelmäßiger Weise gewachsen. Die Zahl der durch Zugunfälle zu Schaden gekommenen Eisenbahnbeamten hat um 45 v. H. an Toten und um 77 v. H. an Verletzten zugenommen. Die Zahl der Toten bei Unfällen anderer Art als Zugkatastrophen hat sich um 83 v. H. und der Verwundeten gar um 94 v. H. gesteigert. Recht wesentlich ist, daß diese Zunahme nicht etwa mit der Steigerung des Warenverkehrs Hand in Hand gegangen ist, sondern ein viel schnelleres Tempo eingeschlagen hat. Die Belastung der Linien, Ueberanstrengung des Personals, Teilung der Züge usw. reichen also nicht aus, um das Hinaufschnellen der Ziffern in seinem vollen Umfang allein zu erklären.
Letzte Nachrichten.
Warschau, 3. März. In Radom wurde der dortige Gendarmeriechef Mischailow auf der Straße erschoffen. Der Täter ist entkommen.
Suchedniow (Russich-Polen), 3. März. Auf der Weichselbahn stieß ein Personenzug mit einer Lokomotive zusammen. Fünf Personen wurden getötet und 30 verwundet. Beide Lokomotiven und einige Wagen wurden zer- trümmert. ___________
Allenstein, 3. März. Die Leiche des HauptmannS v. Göben wurde heute nachmittag nach dem Leichenhaus des evangelischen Friedhofes gebracht, wo voraussichtlich Donnerstag die Beerdigung in aller Stille stattfinden wird. Am 4. trifft die 74jährige Mutter Göbens ein. Sie hat in Briefen während der ganzen Zeit ihren Sohn getröstet und ihn immer wieder ermähnt, nicht an Selbstmord zu denken, sondern sein Schicksal geduldig zu tragen. Frau v. Schönebeck hat noch keine Nachricht von dem Selbstmord Göbens erhalten.
B u d w e i ß, 3. März. Heute kamen wieder Straßen- exzesse vor. Deutsche wurden angefallen, bedroht und beschimpft. Sie konnten sich nur durch Flucht vor weiteren Mißhandlungen schützen. Die 'Sicherheitswache war nicht imstande, Exzesse zu verhüten, erst Gendarmerie stellte die Ordnung wieder her.