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herssel-er Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 10
Sonnabend, den 25. Januar
1908
Amtlicher teil.
Hersseld, den 21. Januar 1908.
Im Jahre 1908 werden am Königlichen pomologischen Institute (Gärtnerlehranstalt) zu Proskau folgende Kurse in Obst- und Gartenbau abgehalten:
1. Lehrerkursus in der Zeit vom 27. April bis 9. Mai und vom 3. bis 13. August.
2. Baumwärter- und Baumgartnerkursus in der Zeit vom 9. bis 21. März und vom 20. bis 29. Juli.
3. Baumschnittkursus in der Zeit vom 24. bis 29. Februar und vom 9. bis 14. November.
4. Kursus für Liebhaber des Obst- und Gartenbaues unter besonderer Berücksichtigung der Bekämpfung der Pflanzen- krankheiten vom 25. bis 27. Mai.
5. Gartenbaukurse für Damen in der Zeit vom 23. bis 25. April und vom 8. bis 10. Oktober.
6. Kursus für Schulaufsichtsbeamte in der Zeit vom 22. bis 24. Juni.
7. Kursus für Kreisbaumeister in der Zeit vom 15. bis 17. Juni.
8. Kursus für Förster und Forstausseher in der Zeit vom 6. bis 11. Juli.
9. Kursus für Obstweinbereitung am 12. u. 13. Oktober.
10. Der Blaubeerweinbereitungskursus an einem noch näher zu bestimmenden Termine.
Der Herr Landwirtschaftsminister hat durch Erlaß vom 7. Dezember 1907 genehmigt, daß vom 1. April 1908 ab Damen ihre vollständige gärtnerische Ausbildung an dem Königlichen pomologischen Institut und Gärtnerlehranstalt zu Proskau, Bez. Oppeln, erhalten können. Den Damen steht es demnach frei, nicht nur die kürzeren obigen Kurse wie bisher zu besuchen, sondern auch als Hospitantinnen den 2jährigen Kursus durch- zumachen, Es ist damit eine Frage zur Erledigung gekommen, die in der Frauenbewegung vielsach erörtert wurde.
Nähere Auskunft über die Bedingungen der Aufnahme, über Honorar erteilt der Direktor obiger Anstalt.
I. 762. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Hersfeld, den 20. Januar 1908.
Diejenigen Herren Bürgermeister des Kreises, welche meine Verfügung vom 9. Februar 1884, J. I. Nr. 1721, betr. die Revision der Feuerungsanlagen, noch nicht erledigt haben, werden hieran erinnert.
Ich sehe der Erledigung nunmehr innerhalb 8 Tagen entgegen.
l. 753. Der Königliche Landrat
von G'r u n e l i u s.
Hersseld, den 21. Januar 1908.
Unter Bezugnahme aus meine Bekanntmachung vom 10. Dezember 1907, I. Nr. 10570 — Kreisblatt Nr. 148 — mache ich darauf aufmerksam, daß die im Verlage der Firma Hempel u. Co. in Glatz erschienenen Geschäftsbücher (Einnahme- und Ausgabebücher) für Landwirte, Handwerksmeister, Geschäftsinhaber und sonstige Gewerbetreibende nur noch 2 Wochen aus dem Landratsamte von Interessenten eingesehen werden können.
I. 811. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher Ceil.
Politischer Wochenbericht.
Ein bedeutsames innerpolitisches Ereignis von gewaltiger historischer Tragweite hat sich während der verflossenen Woche mit der Annahme der E n t e i g n u n g s v o r l a g e im preußischen Abgeordnetenhause vollzogen. Dadurch ist unsere gesamte Ostmarkenpolitik auf eine neue Basis gestellt und die erfolgreiche Fortführung des Ansiedelungswerkes gesichert worden. Die polnischen Tendenzen der Losreißung vom preußischen Staate und nur sie ganz allein haben es verschuldet, daß sich die preußische Regierung mit so schneidigen Waffen versehen mußte. Es handelte sich bei der Annahme der Enteignungs- vorlage um die Erfüllung eines Gebotes staatlicher und nationaler Selbsterhaltung — das kann gegenüber den lar- moyanten Ergüssen der Polen und ihrer Gönner im Zentrumsund Freisinnslager nicht oft und scharf genug betont werden. Wer dies auf deutscher Seite nicht einsieht,' der macht sich entweder aus parteipolitischen oder sonstigen Rücksichten der Heuchelei schuldig, oder er ist mit sehenden Augen blind.
marokkanischen Frage steht demnächst eine Interpellation und Debatte in der französischen Deputierten- kammer bevor. Ministerpräsident Clemenceau aber hat es für mgehalten, in Unterredungen mit mehreren politischen Persönlichkeiten die recht gespannte öffentliche Meinung schon letzt davon zu unterrichten, welche Stellung er und seine Kollegen gegenüber der durch die Ausrufung Mulay HafidS
zum Sultan wesentlich veränderten Lage in Marokko einnehmen. Leider muß man sagen, daß die in diesen Unterredungen dokumentierte Haltung etwas Schwankendes und Zweideutiges an sich trägt. Einmal erklärte nämlich Clemencau, daß Frankreich sich nicht in die inneren Angelegenheiten Marokkos mischen werde, um sodann in demselben Atemzüge hinzuzufügen, daß Mulay Hafid die Abmachungen der Algeciras-Akte zerrissen habe, und daß Frankreich dies nicht vergessen könne. Eins geht aus diesen Erklärungen jedenfalls mit Sicherheit hervor, daß Frankreich sich zurzeit mit seiner marokkanischen Politik in nicht geringen Schwierigkeiten befindet, aus denen der Ausweg nicht so leicht gesunden werden dürste.
Aus den innerpolitischen Ereignissen Frankreichs während der letzten Zeit ist als interessante Tatsache sestzubalten, daß der Disziplinarrat der Pariser Anwaltskammer beschlossen hat, den Antimilitaristen-Führer H e r v s, der kürzlich wegen einer in seinem Blatte „La Guerre Sociale" begangenen Beleidigung der Armee zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war, aus der Anwaltsliste zu streichen. In einem streng republikanisch, demokratisch und parlamentarisch geleiteten Lande geht man also den gewerbsmäßigen Bekämpfern der Armee erheblich schärfer zu Leibe als in dem von der Sozialdemokratie als reaktionär verschrienen Deutschland, wo die Berliner Anwaltskammer bekanntlich ein Disziplinarverfahren gegen den wegen Hochverrats verurteilten „Genossen" Liebknecht abgelehnt hat. Nichtsdestoweniger werden natürlich die deutschen Sozial- demokraten, bei denen ja zumeist die Lüge der Vater des Gedankens ist, fortfahren, Frankreich auch weiterhin als das Land der „Freiheit" zu preisen und Deutschland als das Land der „Rückständigkeit" und „Knechtschaft" anzuschwärzen.
In Nordamerika kommt die Präsidentschafts-Wahl- bewe^ung in immer lebhaftere". Flu^ Von demokratischer Seite ist nunmehr Bryan endgültig nominiert worum, während die Republikaner noch nicht zu einer definitiven Lösung der Kandidatenfrage gelangt sind. Im Osten scheint die Kandidatur Tafts neuerdings mehr und mehr Boden zu gewinnen. Ueber den Ausgang des Wahlkampfes lassen sich schwer Vermutungen aussprechen. Noch vor Jahresfrist durste man ziemlich sicher mit einem nochmaligen Siege der republikanischen Partei rechnen. Durch die inzwischen eingetretene Wirtschastskrisis aber haben sich die Chancen für die Demokraten zweifelsohne gebessert. Dem Ergebnisse des nordamerikanischen Wahlkampses darf daher mit Spannung entgegengesehen werden.
Reichstag.
Im Reichstag stand am Mittwoch die von der Sozialdemokratie eingebrachte Interpellation darüber, aus welchen Gründen der Reichskanzler bei seiner Erklärung im preußischen Abgeordnetenhause gegen die Einführung des Reichstagswahlrechtes in Preußen letzteres als dem StaatSwohle nicht zuträglich bezeichnet habe, und ob er die Konsignierung der Truppen der Berliner Garnison in den Kasernen am 12. Januar billige. Wie zu erwarten stand, lehnte der anwesende Reichskanzler eine Beantwortung der Interpellation mit der Begründung ab, daß es sich hierbei um eine preußische Angelegenheit handele, nur erklärte er betreffs der Zusammenziehung der Truppen in den Berliner Kasernen am 12. Januar, daß diese Maßnahme von der niilitärischen Kommandogewalt einfach zum Schutze der gesetzlichen Ordnung getroffen worden sei. Dann kam Fürst Bülow aus die am 21. Januar in Berlin stattgefundenen Straßentumulte zu sprechen, verurteilte dieselben scharf und versicherte, die Behörden würden allen ferneren Straßendemonstrationen mit größter Energie entgegentreten. In der sich auf Antrag der Sozialdemokraten anschließenden Besprechung der Interpellation griff der Sozial- demokrat Fischer den Reichskanzler und die preußische Regierung wegen des Verhaltens beider Faktoren in der preußischen Wahlreformfrage heftig an und suchte die Arbeiterdemonstrationen in Berlin zu rechtfertigen. Für die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes in Preußen sprachen noch die Abgeordneten Graf Hompesch (Zentr.), Träger (fr. Volksp.), Schröder (fr. Verein.), Payer (südd. Volksp.), Korfanty (Pole) und Zimmermann (Reformer), Abg. Kreht (kons.) verurteilte schärsstens die vorgekommenen Straßendemonstrationen unter Vorstößen gegen die Sozialdemokratie; feine Ausführungen wurden von der äußersten Linken durch furchtbaren Lärm und persönliche Beschimpfungen minutenlang unterbrochen. In gleicher Weise ließ sich auch der nationalliberale Führer Basser- mann vernehmen, ebenso wandte sich Erbprinz Hohenlohe- Langenburg gegen die Berliner Straßendemonstrationen, die weiter von den Abgeordneten Kölle (wirtsch. Verein.) und Zimmermann (Res.) verurteilt wurden. Schließlich trat Vertagung an.
Der Reichstag beendete am Donnerstag zunächst die erste Beratung des Scheckgesetzes, das einer Kommission von 15 Mitgliedern überwiesen wurde. Sodann wurde das Gesetz, betr. die Bestrafung der Majestätsbeleidigung, nach einer kurzen Debatte, die sich lediglich mit dem Königsberger Prozeß beschäftigte, einstimmig gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Es folgte die zweite Beratung des Gc- setzcs über die Einschränkung der Haftpflicht des Tierhalters.
Abgeordnetenhaus.
Im Abgeordnetenhaufe gelangte am Donnerstag zunächst die Interpellation Kreth (kons.) betr. Schädigung deS Mittelstandes durch den hohen Bankdiskont zur Besprechung. Nach ihrer Begründung durch den Abg. Kreth (kons.) führte Minister von Rheinbaben aus: Unsere Zahlungsverhältnisse haben mit der glänzenden Entwicklung der Volkswirtschaft nicht Schritt gehalten. Der Scheck- und Ueberweisungsverkehr steckt bei uns noch sehr in den Anfängen. Wir tragen alle noch zu viel Hartgeld bei uns. Wenn man die Entwicklung des Giroverkehrs in England oder selbst in Hamburg, wo der Kassenver- kehr noch nicht 6 v. H. des Giroverkehrs beträgt, ins Auge saßt, so weiß man, was es bedeutet, daß die Reichspost jährlich elf Milliarden in Gold umsetzt. Daher müßten Private wie Staatskassen nach erheblicher Belebung des Giroverkehrs streben. Ich habe mich bemüht, das unnütze Hin- und Hersenden von Hartgeld zwischen den einzelnen Staatskassen durch den Giroverkehr bei der Reichsbank zu ersetzen. Es erfolgen jetzt an allen Reichsbanknebenstellen die Auszahlungen im Giroverkehr. Die Beamtengehälter werden leider zum größten Teil in der Schublade aufgehoben, und so geht eine Menge Geld dem Verkehr verloren. Ich lasse zunächst bei der Generalstaatskasse in Berlin die Auszahlung der Beamtengehälter durch den Reichsbankgiroverkehr vollziehen und HÄe damit gute Erfolge erzielt. Das Genossenschaftswesen ist durch die Preußenkasse sehr gefördert worden. Im Dezember hatte diese nicht weniger als 95 Millionen an die Genossenschaften gelangen lassen. Daß die Genossenschaften neuerdings sich mit der Entschuldung des bäuerlichen Grundbesitzes beschäftigen, ist erfreulich, und die Preußenkasse hat die Pflicht, sie hierin zu unterstützen. Eine Kapitalerhöhung wird auch hierdurch notwendig sein, ob eine Verdoppelung. aber zweckmäßig ist, lasse ich dahingestellt. Ein entfp^^Äörr Gesetzentwurf befindet sich in Vorbereitung. Was in meinen Kräften steht, werde ich tun, um dem Mittelstand und der Landwirtschaft billigen Kredit zu verschaffen.
Ae Sirren in MM.
Der französische Ministerpräsident Clsmenceau hat sich gesprächsweise über die weitere Stellungnahme Frankreichs zu den Ereignissen in Marokko geäußert und hierbei erklärt, Frankreich werde sich in den Streit zwischen Abdul Asis und Mulay Hafid nicht einmischen, doch müsse es in Ueberein- stimmnng mit den übrigen Mächten Abdnl Asis als den einzigen rechtmäßigen Herrscher Marokkos ansehen. Inzwischen müssen die Franzosen in Marokko eine Schlappe verzeichnen, welche durch die Wiederbesetzung Settats seitens der Mahalla Mulay Hafids repräsentiert wird, bei welchem Platze die französischen Expeditionstruppen erst vor einigen Tagen den Streitkräften des Gegensultans eine blutige Niederlage beigebracht hatten. In den Wandelgängen der Deputiertenkammer äußerte Abgeordneter James am Mittwoch, er halte den neuen Kampf bei Settat für eine vollständige Niederlage des Generals d'Amade, der in eine Falle gelockt worden sei; die Marokkaner hätten die Ueberzeugung, daß ben französischen Truppen eine Niederlage bereitet worden sei. Dadurch trete die marokkanische Politik in eine neue, bedenkliche Phase ein. Man werde am Freitag sehen, ob die Kammer mit Clemenceau die schwere Verantwortung auf sich nehmen wolle.
Paris, 28. Januar. Im heutigen Ministerrate gab Clemenceau bekannt, daß die Anhänger Mulay Hafids bei Settat sechshundert Mann verloren und daß französischerseits nie daran gedacht worden sei, in Settat eine Besatzung zurück- zulassen. Aus Marrakesch sei die Nachricht eingetroffen, daß Mulay Hafid, dessen Lager vollständig überschwemmt sei, die Gesandten aus Fez in absehbarer Zeit nicht werde empfangen können. Die morgige Kammerdebatte könne die Regierung mit vollster Beruhigung erwarten. Sie werde sich weder inS uferlose Vorwärtsdrängen, noch auf dem betretenen Wege hemmen lasfen. James erklärte, daß er in der Kammer sein ganzes in der Marokkosache gesammeltes militärisches und finanzielles Tatsachenmaterial, einschließlich der Affäre von Settat, rücksichtslos verwerten wolle. Es sei ihm gleichgültig, ob sich die Regierung abermals durch eine Kombination in den Wandelgängen aus der Klemme ziehe; aber Frankreich und das Ausland sollen erfahren, daß mit überfirnißten Kampfberichten und mit zu Siegesbotschaften herausgeputzten, in Wahrheit nur Schlappen meldenden Depeschen der Ernst der Lage in Marokko nicht mehr zu vertuschen sei. In ähnlichem Sinne äußerte sich der dem Parlamente nicht angehörende, ehemalige Minister des Auswärtigen Hanotaux, der noch betont, das Grundübel der gegenwärtigen Regierungspolitik sei eine Geheimniskrämerei, die nur dazu diene, die völlige Unsicherheit der offiziellen Bestrebungen und Ziele zu verbergen. Es sei die höchste Zeit, der Marokkoangelegenheit jenen internationalen Charakter wiederzugeben, den ste niemals hätte verlieren sollen, und überdies Frankreichs gesamte auswärtige Politik wieder so zu orientieren, daß man über die Gruppierungen in Europa ein klareres Bild gewinne.