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herchlder Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 138. Mittwoch, den 20. November 1907.
Nichtamtlicher teil.
Vuhtag.
Die Menschen aus ihrer Schlaffheit aufzurütteln und sie an ihre Selbstprüfung und Selbstbesinnung wieder zu erinnern, dazu dient der Bußtag. Heute ist Bußtag. So wollen wir denn stillehalten, bei uns Einkehr halten, uns Rechenschaft geben über unser Tun und Lassen und uns von dem als falsch erkannten Wege abkehren. Es gibt in unserer Zeit viele, die alles, was in unserem Vaterlande von der Regierung fürsorglich für die Untertanen geschieht, benörgeln, absichtlich be« nörgeln und bekritteln, um dem Volke die Freude an unserem Vaterlande zu vergällen. Was in fremden Ländern und bei fremden Völkern geschieht, hebt man, wer weiß, wie hoch und will damit dartun, daß es bei uns schlechter bestellt sei, als irgendwo auf der Welt. Es ist dies eine niedrige, lügnerische Bosheit, um leichtgläubige Leute für ihre eigensüchtigen Zwecke zu fangen. Wer nur irgend ein bischen selbständiges Urteil hat, erkennt die Absicht. Wir wollen ganz gewiß nicht leugnen, daß auch bei uns vieles nicht so ist, wie es sein könnte, daß das sittliche Gewissen bei unzähligen eingeschlasen ist, daß es an sittlicher Kraft und christlicher Charakterstärke fehlt. Aber dazu ist ja eben der Bußtag da, hinzuweisen aus die Schäden der Zeit und zu mahnen, daß man sich ermanne und wieder an seine Pflicht denke. Zweierlei ist es besonders, das wir erwähnen wollen.
Ein auffallender Fehler der Menschen unserer Zeit ist zunächst eine gewisse Schlaffheit, eine Wandelbarkeit der Gesinnung, wodurch Unzuverlässigkeit in alle Verhältnisse und Geschäfte des Lebens tritt, sodaß man zuletzt auf nichts mehr mit Sicherheit rechnen kann. Hier gibt ein ehrlicher Mann dem andern sein Versprechen. Kommt die Stunde der Erfüllung, hat er, was er leisten wollte, vegressen, zuckt bedauernd die Achseln und vertröstet aus spätere Tage. Dort erschricki ein Hausvater über den Rückgang seines Vermögens, er macht sich zum Grundsatz: aller entbehrliche Aufwand soll abgeschafft werden. Nach einigen Wochen und Monaten ist aber in seinem Hauswesen der alte Unfug zurückgekehrt, der allmählich zur Verarmung führt. Festigkeit mangelt vielen. Weichlichkeit, flatterhaftes Bessern, Unentschlosscnheit, allen gefallen wollen, weil man leichter durchkommt, kämpfen mit vergifteten Waffen, um sich in den Vordergrund zu bringen, das sind die allgemeinen Uebel unserer Zeit. Daher der allgemeine Zweifel an Treue und Glauben unter den Menschen.
Das zweite, was Anlaß zur Klage gibt, ist die Stellung zum Christentum. Die vielerlei zeitlichen Sorgen machen die meisten Menschen zur Hauptsache ihres Lebens und die Religion, dieses Leben, dieses Atmen der Seele, wird ihnen Nebensache. Und doch ein Geist ohne Gottesliebe, ohne religiösen Sinn, ohne Streben nach Veredelung auch im bürgerlichen Leben liegt, wie die Schrift sagt, im Schatten des TodeS.
Der 61ück$hort.
Roman von H. von Klip Hausen.
(Nachdruck verboten.)
Es war ein trüber Aprilabend. Langsam rieselte der Regen mit Schneeflocken vermischt aus den grauen Wolken auf die nur spärlich erleuchteten Straßen der kleinen Provinzhauptstadt W., von deren Kirchturm die Glocke eben die achte Stunde verkündete. Nichts regte sich auf den Straßen, die wie ausgestorben schienen. Nur dort bogen zwei vermummte Mädchengestalten aus einem Seitengäßchen in die Hauptstraße ein und eilten dem Portale des Schlosses zu, welches der Präsident Graf Freienberg bewohnte. Hier trafen sie mit einem hochgewachsenen jungen Kürassiervffizier, dem Sohne des Präsidenten, zusammen, der erstaunt still stand, als das Licht der Laterne auf die beiden Mädchen fiel.
„Du hier, Hedwig, unb zu so später Stunde?" fragte er ernst. „Was soll das heißen, liebe Schwester? Warum ließest Du Dich nicht von unserem Diener abholen?"
„Ach, Albrecht, ich — ich war erst bei Lilli von Wiedebrecht, und — und dann bei Anna Neidhardt, die mich nach Hause begleitete. Ich habe mich verspätet; hilf mir, daß Papa nicht böse wird!"
Ihre schönen blauen Augen baten so innig, die kleine Hand schlüpfte in die seine, und Gras Albrecht lächelte versöhnt. „Kleiner Leichtsinn," meinte er dann, „Du kannst um diese Stunde die allergrößten Unannehmlichkeiten gewärtigen und Papas Zorn erwecken. Ich danke Ihnen, Fräulein Neidhardt, für Ihre frenndliche Begleitung meiner Schwester. Adieu!"
Spvrenklirrend trat er ins Haus, indes Hcdivig noch dankbar der stillen Beschützerin die Hand drückte und ihr zurannte: „Morgen um sechs Uhr bin ich bei Dir, Du treue SeeleI Hab' tausendmal allerschönsten Dank für alles!"
„Gute Nacht, gnädige Gräfin," erwiderte Anna gerührt, „keine Ursache zu danken! Adieu!"
Erregt schlüpfte die junge Dame die Treppe hinan in ihr Zimmer, während unten Graf Albrecht Paletot und Mütze ablcgte und ihr nachrief: „Soll ich auf Dich warten.
Bei so vielen in unserer Zeit lebt eben nur der Leib, aber nicht die Seele. Und ein Volk, dessen Wurzelu nicht in der Gottesfurcht ruhen, wandelt verderbliche Pfade. Ebenso gefährlich ist das ungesunde Christentum. Mit dem Unglauben aus der einen Seite geht parallel ein Hang zum Mystizismus auf der anderen Seite. Es gibt Leute, denen es an der reinen Lehre des Christentums nicht genug ist, und die etwas Besonderes für sich haben wollen, und damit zu bedauerlichen Verirrungen kommen. Die jüngsten Blüten der Schwarmgeisterei, wie sie sich in Hessen, insbesondere in Großalmerode, zeigen, sind doch im höchsten Grade ungesund. Dieses Hervorheben des ungewöhnlichen Ersülltseins vom heiligen Geiste und das kritiklose Jagen nach Wunderbarem ist wahrlich nicht gutzuheißen, und mit den überspannten Vorstellungen, die manche Gemeinschaftskreise von den religiösen Begriffen der Heiligung und Vollkommenheit haben, ist viel Unverstand und auch Hochmut verbunden. Der Bußtag aber ermähnt uns zur Demut.
Möchten wir uns doch heute beugen vor Gott und uns durchdringen lassen von den gesunden Lebenskräften aus der ewigen Welt, von dem Geiste der Stärke, der Liebe und der Zucht. Möchten die Bußtagsglocken nicht vergeblich durch die Lande tönen, sondern möchte das Volk sie hören, die Bußrufe zu Herzen nehmen, sich ermannen und Gott wieder wahrhaft suchen; dann wird es von neuem Gnade empfangen.
tot der Metten in Sinifer.
Heute geht der offizielle Besuch de? Deutschen Kaiserpaares in England zu Ende; für den Kaiser schließt sich daran der Aufenthalt in Highcliffe Castle. Die Kaiserin stattet zunächst den angekündigten Besuch in Holland ab. Ueber den Verlauf des gestrigen Sonntags in Windsor wird folgendes mitgeteilt :
London, 18. November. In der Chronik des königlichen Schlosses Windsor wird der gestrige Tag als ein besonders denkwürdiger fortleben. Nie zuvor haben drei Könige, fünf Königinnen und sechzehn königliche Prinzen und Prinzessinnen dort zusammen an der königlichen Tafel gespeist. Das Kaiserpaar wohnte gestern vormittag mit König Eduard und Königin Alexandra sowie den übrigen Mitgliedern der englischen Königsfamilie dem Gottesdienst in der Schloßkapelle bei. Der Bischof von Ripon hielt eine packende Predigt. Er nahm darin besonders auf das Schicksal der Arbeiterklassen Bezug und führte aus, daß die Größe einer Nation aus der Zufriedenheit der Arbeiterklasse gegründet sei. Der Verfall einer Nation folge dem Verlust ihrer Tugend. Er hoffe, England und Deutschland würden im Jutereffe der Welt und der Wahrung des Glaubens und Friedens ihre Tugend noch lange bewahren.
London, 18. November. Aus Windsor wird gemeldet: die Kaiserin fuhr um 10 Uhr 48 Min. nach Port Victoria ab; der Kaiser fuhr um 11 Uhr nach Hinton Admiral. Der Bahnhof war reich geschmückt. Der Kaiser, König Eduard
„Nein, nein, ich komme gleich," gab sie hastig zurück, „entschuldige mich nur einstweilen bei den Eltern, ich bin in fünf Minuten unten."
Als Hedwig kurze Zeit darauf das Speisezimmer betrat, saßen die Eltern bereits am Teetisch, und der Graf bemerkte etwas mißbilligend- „Nun, mein Kind, Du kommst so spät? Ich wünsche, das in meinem Hause alles nach der Uhr geht. Du warst ja den ganzen Tag aus dem Hause."
„Ach, seid nicht böse", erwiderte das junge Mädchen hastig, „ich — ich hatte mich auf dem Besuche bei WiedenbrechtS verspätet und dann traf ich noch Anna Neidhardt, die mir so vieles zu erzählen hatte und mich schließlich nach Hause begleitete."
„Du bist wohl auch sehr rasch gegangen, Hedwig," fragte daraus die Gräfin mit leisem Tadel. „Dein Haar ist nicht glatt, und Dein Gesicht glüht."
„Ach ja, ich habe mich recht beeilt", stotterte die Gefragte verwirrt und ergriff mit zitternden Händen die Tcelasse. „Anna Neidhardt, die ich unterwegs traf, wollte mich durchaus nach Hause begleiten, damit ich nicht allein zu gehen brauchte."
Das war sehr richtig von ihr. Eine junge Dame darf zu so später Stunde nie allein aus der Straße sein."
„Aber Hedwig, was habt Ihr denn zusammen getrieben?" lachte Albrecht, um das fatale Gespräch abzubrechen, „Du hast ja Myrtenblätter in den Haaren! Ganz bräntlich siehst Du aus! Ihr habt wohl wie als Kinder Braut und Bräutigam gespielt? Oder hat mein Schwesterchen gar —"
Die Komteß ward totenbleich. Klirrend entfiel die Teetasse ihren Händen, und ehe sie es hindern konnte, entstürzte ein Strom von Tränen ihren Augen. „O nicht doch, Albrecht, was meinst Du denn?" stieß sie erregt hervor. „Vergebt, liebe Eltern, ich — ich bin nicht ganz wohl — darf ich mich zurückziehen?"
„Beruhige Dich nur, Hedwig!" bemerkte abwehrend der alte Gras. „Albrecht scherzt nur, ich begreife nicht, weshalb Du diese Sache so tragisch nimmst; das nächste Mal kommst Du pünktlich und damit genug — reden wir von etwas anderem."
„Da fällt mir übrigens ein, Papa," rief Albrecht da
Königin Alexandra, der Prinz und die Prinzessin von WaleS und die übrigen Mitglieder der Königlichen Familie sagten der Kaiserin auf dem Bahnhof Lebewohl. Die Königlichen Herrschaften verblieben dann bis zur Abfahrt des Kaisers. Der Abschied des Kaisers von König Eduard war äußerst herzlich. Die Monarchen umarmten und küßten sich wiederholt. Der Kaiser grüßte bei der Absahrt des ZugeS lebhaft aus dem Fenster. Zahlreiche Menschenmengen brachten dem Kaiser trotz des Regenwetters Abschiedsovalionen dar.
Das Flottengesetz.
Die Vorlage über die Aenderung, die das bestehende Flottengesctz erfahren soll, iQ am 14. November vom Bundesrat angenommen worden. Dieselbe hat nachstehenden Wortlaut: Entwurf eines Gesetzes zur Aenderung
des § 2 des Gesetzes, betreffend die deutsche Flotte, vom 14. Juni 1900.
Einziger Paragraph.
An Stelle des § 2 des Gesetzes, betreffend die deutsche Flotte, vom 14. Juni 1900 tritt der nachfolgende § 2:
Ausgenommen bei Schiffsverlusten sollen Linienschiffe und Kreuzer nach zwanzig Jahren ersetzt werden. Die Fristen laufen vom Jahre der Bewilligung der ersten Rate des zu ersetzenden Schiffes bis zur Bewilligung der ersten Rate des Ersatzschiffes. Für den Zeitraum von 1998 bis 1917 werden die Ersatzbauten nach der Anlage B geregelt.
Anlage B.
Verteilung der in den Jahren 1908 bis 1917 einschließlich vorzunehmenden Ersatzbauten auf die einzelnen Jahre.
Große Kreuzer Kleine Kreuzer
Ersatzjahr
Linienschiffe
1909 . . .
3 —
2
1910 . . .
3
—
2
1911 . . .
2
—
2
1912 . . .
1
1
2
1913 . . .
1
1
2
1914 . . .
1
1
2
1915 . . .
1
1
2
1916 . . .
1
1
2
1917 . . .
1
1
1
Summe . .
17
6
19
Begründung.
Schon bei den Verhandlungen über das erste Flottenge- im Jahre 1898 ist von dem Vertreter der Verbündeten
setz
Regierungen darauf hingewiesen worden, daß die Lebensdauer der Linienschiffe mit 25 Jahren möglicherweise zu hoch bemessen fei. Die 25jährige Ersatzfrist rechnet im Sinne des GesetzeS von der Bewilligung der ersten Rate des zu ersetzenden Schiffes bis zur Bewilligung der ersten Rate des Ersatzschiffes. Für die Lebensdauer der Schiffe im militärischen und technischen Sinne kommt aber ein erheblich größerer Zeitraum in Betracht. Der militärisch-technische Geburtstag eines Schiffes ist nicht
zwischen mit einem raschen, verwunderten Seitenblick nach der Schwester, „mein Freund, Fürst Lermanoff, der ein großer Antiquitätensammler ist, hat von unserem Familienstück, dem Damaszenerdolch, gehört und sragteHmich, ob Du ihm wohl gestatten möchtest, denselben einmal zu bewundern."
„O, sehr gern," nickte Graf Freienberg zustimmend, „ich will ihm die Sage des Dolches, sofern es ihn interessiert, gern mitteilen."
„Ach, Du hast sie in den Familienpapieren ausgezeichnet? Das ist vortrefflich! Lermanoff lauert auf alle solche Sachen. Darf ich die betreffende Pergamenttolle wohl gleich aus der Bibliothek holen, um sie mit Dir einzusehen?"
„Jawohl, lest sie uns auch vor," sagte die Gräfin beifällig, „man kann nie genug sein Wissen auffrischen, besonders wenn es die eigene Familie betrifft, und der Fürst soll uns in dieser Richtung gut bewandert finden."
„Ich habe den Dolch auch einmal gesehen," meinte Hedwig jetzt, die sich wieder einigermaßen gefaßt hatte, „eS ist eine auffallend schöne Waffe auch in der Ziselierung, und, nicht wahr, an ihr hängt eine eigene Prophezeihung? Sie ist für uns so zu sagen das Glück von Edenhall?"
„Ja," bestätigte der Graf, „wir werden eS aus den Worten unseres Ahnherrn hören. Es interessiert mich in der Tat gleichfalls, einmal wieder an jene Familiengeschichte erinnert zu werden. Ich bin ein besonderer Liebhaber der Chronik, denn in ihr spiegelt sich ein guteS Stück Eigenart deS be- treffenben Volkes."
„Ucbrigens haben wirzn unserer Soiree fast vollzählig zusagende Antworten erhalten," meinte die Gräfin. „ES freut und wundert mich zugleich; denn zu solch vorgerückter Jahreszeit lieben viele Herrschaften wohl größere Geselligkeit nicht mehr."
„In vier Wochen gebt Ihr schon hinaus nach Freienberg?" fragte Graf Albrecht. „Da reite ich dann immer Sonnabend zu Euch hinaus, um den Sonntag draußen verleben zu können. Dieses Mal werde ich wohl häufig den Fürsten Lermanoff milbringen."
Er tauschte halb lächelnd dabei mit der Mutter einen Blick des (Unverständnisses, denn die Gräfin wußte gleichfalls