„Die Sache hat ihre Richtigkeit, denn trotz seiner kindischen Anfälle weiß der Alte doch was er sagt! — Ich muß ein Ende mit der Sache machen! Ich muß und darf nicht auf Blaine warten, der zudem schwierig wird!"
Als Tom O'Maggy wieder zur Ruhe gekommen, fragte er.
Und wo wohnt Sir James?"
„In den blauen Zimmern deS ersten Stockes!"
„Das ist gut!"
An demselben Tage beschick Mr. Morley Dr. Morisson behuss Aufnahme eines neuen Testationsaktes zu sich.
Am nächsten Morgen kreuzte Oliver Ediths Weg aus dem Korridor.
„Miß Grace," redete er sie höflich an, „darf ich Sie bitten, zwecks einer Unterredung in Ihrem Interesse" — er betonte dieses — „in dieses Zimmer zu treten!"
Edith neigte schweigend das stolze, blonde Haupt und trat ein. Er folgte.
„Miß Grace," begann er leise, „Sie haben gehört, wofür dieser Gentlenzan, der sich Mr. James Knox nennt, sich ausgibt?"
„Er ist der Sohn Sir Archibalds, er gibt sich nicht dafür aus!"
„So wollen Sie das Erbe mit ihm teilen ?"
„Gewiß, was sonst?"
„Und wenn er nun ein Betrüger wäre?"
„Wie wolltm Sie das erweisen?"
„Hat er Dokumente?"
„Er hat einen Beweis, der untrüglich ist: die Aehnlichkeit mit seinem Bruder und seinem Vater!"
Oliver zuckte die Achseln.
„Er soll also Miterbe werden?"
„Ich denke überhaupt an keine Erbschaft I Bei einer solchen muß ein Toter figurieren, und ich wünsche Sir Archibald noch ein langes Leben!"
„Sie find verblendet, Miß Edih, kennen den Wert des Geldes noch nicht!"
„Sie scheinen ihn desto besser zu kennen. Psui!"
Damft ging fie stolz wie eine Königin davon und ließ ihn stehen.
Oliver Gardmer murmelte abermals voll Wut:
„Bettelprinzeß! Deine Rechnung schwillt immer höher an, und die Stunde der Abrechnung kommt! Alsdann rechne aber nicht aus mein Mitleid!"
Die Frage: „Hat er Dokumente?" schwirrte Edith noch lange durch den Kops. Die Folge davon war, daß sie mit James redete, welcher nun, was über den Drang der Ereignisse vergessen worden war, Dr. Morisson beauftragte, sich mit der Bank von San Francisco in Verbindung zu setzen, um wegen seiner Deposita, die er genau beschrieb Nachricht zu erhalten.
In derselben Nacht verließ Mr. Oliver Gardener, den geladenen Revolver in der Brusttasche, leise sein Zimmer und schlich bis zu den blauen Gemächern des ersten Stockes hinauf.
Schon hatte er Mr. James Schlafzimmer erreicht, schon hörte er seinen Todfeind im tiefsten Schlafe sanft atmen, da teilte sich plötzlich die Wand dem Bette gegenüber und ein
Lichtstrahl drang hin zu Oliver, der eben noch Zeit fand, hinter den Vorhang zu fchlüpfen, der vor einer Nische hing.
Oliver hatte es früher schon einmal gehört,,' daß es geheime Treppen und Anlagen in Grünhaus gäbe, aber er hatte nicht daran geglaubt. Um so überraschter blickte er aus das, was da kommen sollte. )
Plötzlich schob sich fast unhörbar die bezeichnete Wand auseinander und herein trat mit einer Blendlaterne — Tom O'Maggy. Unhörbar und leicht, wie Oliver es dem Alten nicht zugetraut, schlich dieser an James Lager, leuchtete ihm in den Nacken und murmelte so laut, daß.Oliver jedes Wort verstand:
„Es ist richtig. Er ist Sir Archibalds und Sanny Knox' Sohn! Da ist das Mal im Nacken! Schlafe wohl, mein Liebling!"
Mit drei Schritten war er durch die offene Wand zur Galerie hinaus, wo er hinter einem Pfeiler stand, als Tom O'Maggy ein Bild zurückschob und hinter diesem in einer Vertiefung eine Kurbel drehte, die wahrscheinlich die Wand wieder schloß. Oliver konnte das alles deutlich sehen, da es die Blendlaterne strahlend hell beleuchtete. Das Bild, welches Esthers Kniesall vor dem persischen König darstellte, merkte er sich und schlich nun dem Alten nach, der ohne besondere Anstrengungen sein Zimmer erreichte. Oliver triumphierte; ohne gesehen zu werden, konnte er zu seinem Feinde gelangen und alle Schuld von sich abwälzen.
Er wartete den Vollmondabend ab, steckte dann einen haarscharfen Dolch zu sich und begab sich um Mitternacht auf die Galerie. Bald war die knieende Esther gesunden, die Kurbel in Bewegung gesetzt. Da legte sich plötzlich eine schwere Hand um seinen Hals und einen Moment später eine zweite. Ihm ging der Atem aus. Mit einem Ruck riß er sich los und vor ihm stand Tom O'Maggy. Oliver sagte kein Wort, er stürzte sich auf den Alten und riß ihn nieder; dabei kam derselbe der Treppe zu nahe, stürzte hinab und blieb regungslos liegen, Oliver aber entfloh in seine Zimmer.
Am andern Morgen entstand eine Gerenne und eine geheimnisvolle Bewegung in Grünhaus und beim Teetisch erfuhr Oliver Gardener, Tom O'Maggy sei tot am Fuße der Galerie- Treppe aufgesunden. Gewisse Anzeichen bürgten dafür, daß der Alte durch eine Geheimöffnung habe in Mr. James Zimmer schlüpfen wollen. Dabei sei er der Treppe zu nahe gekommen und hinabgestürzt.
Olivers Plan war nun vereitelt. Der alte, treue Diener wurde mit Prunk beerdigt, Gardener aber sah, wie James desselben Tages noch die Zimmer neben denjenigen Sir Archibalds bezog.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
— (Zu dem Eisenbahnunglück aus der Brohltalbahn.) Der Stationsvorsteher von Kempenich, der den verunglückten Zug der Brohltalbahn 11 Minuten zu spät expedierte, ist verhaftet worden. Die Frau des
verhafteten Lokomotivführers Tebus ist wahnsinnig geworden. Unter den Trümmern an der Unsallstelle sind die Ausräumungsarbeiten wieder ausgenommen, weil vermutet wird, daß sich noch eine Leiche darunter befindet. Die durch höhere Beamte abgeschlossene Untersuchung über die Uhrsache des Eisenbahnunglücks ergab, daß die Entgleisung dadurch veranlaßt wurde, daß der Zug die erlaubte Geschwindigkeit weit überschritten hatte. Der Zug durchsuhr die Strecke, für die zwölf Minuten Fahrzeit vorgesehen ist, in etwa zwei Minuten bergab. Angeblich soll der Zug an der Station vor der Unsallstelle aufgehalten worden sein, weil die Frachtbriefe nicht in Ordnung gewesen seien. Weiterhin wurde festgestellt, daß das Zahnrad nicht benutzt worden ist. Der Zugführer hatte bei der Abfahrt von Brenk angesichts der großen Anzahl schwer belckdener Güterwagen gesagt: „Heute gehen wir in den Tod." Die verletzten Personen befinden sich heute teilweise schlechter als gestern.
— Ein verhängnisvoller Grube Nunfall, bei dem vier Bergleute getötet und mehrere teils schwer, teils leichter verletzt wurden, hat sich gestern in der Nähe Brüssels zugetragen. In den Cockerillgruben stürzte heute srüh ein Förderkorb mit 13 ausfahrenden Bergleuten 635 Meter tief hinab. Die auf der Schachtsole ihre Auffahrt erwartenden übrigen Bergleute befreiten die Kameraden aus den Trümmern. Vier von ihnen waren bereits tot, zwei schwer verwundet und die übrigen leichter verletzt. Das Unglück entstand durch Herabgleiten des Förderseiles von der Wellenscheibe.
— (Das L o tte r i e l o s.) Ein eigenartigts Jubiläum konnte ein Eberselder Bürger begehen, den Tag, an dem er seit 50 Jahren dasselbe Los der preußischen Klassenlotterie spielte. Das Los befindet sich bereits seit 77 Jahren in der Familie, aber mehr als einige Freilose und zwei kleine Gewinne hat es noch nicht gebracht.
— Ein nichts würdiger Bubenstreich wird aus Dorstseld in Westfalen gemeldet. Dort wurde in vorgerückter Abendstunde in dem Flur eines Hauses in der Kaiserstraße eine Dynamitpatrone zur Explosion gebracht. Die Detonation war weithin zu hören, das Haus erbebte in seinen Grundfesten und hat schwere Beschädigungen erlitten. Die vier großen Spiegelscheiben der Schaufenster sind durch den gewaltigen Luftdruck zertrümmert und auf die Straße geschleudert worden, der Hausflur wurde zum Teil aufgerissen, der Verputz an der Decke heruntergerissen, eine Tür durchbrochen usw. Ein in dem Zimmer über der Flur schlafender Knabe wurde aus dem Bett geschleudert, die übrigen Hausbewohner sind mit dem Schreck davongekommen.
— (Wer ist der Teufel?) Aus ihrem Leserkreise wird der Württemb. Ztg. geschrieben: „Du sag' mal, wer ist denn eigentlich der Teufel?" fragt das kleine Mariechen, das nicht viel größer ist, als sein neben ihm spielendes Schwesterchen, dieses ganz ernsthaft. „Ja, Du, ganz genau weiß ich es auch nicht", antwortete die muntere Elfe, setzt aber nach kurzer Pause in überlegenem Ton fort: „ich glaub' aber, der Teufel ist der Schwager vom lieben Gott".
Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld. Verantwortlicher Redakteur Friedrich Funk in Hersseld.