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herrfelder Armblatt
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Lernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 105.
Donnerstag, den 5. September
1907.
Amtlicher teil.
Cassel, den 2. August 1907.
Nach Mitteilung des Herrn Garten-Inspektor Huber-Ober- zwehren kommen fast aus allen Kreisen des Bezirkes Klagen über die starke Ausbreitung der Wühlmäuse (Erdratten). Während jetzt zur Sommerszeit auch Kartoffel, Rüben, wurzelartige Gewächse, Spargel schwer unter deren Fraß leiden, fällt der Schaden im Winter lediglich aus die Obstbäume, von welchen viele, selbst 10—15jährige, unmittelbar unter dem Boden ab» genagt werden, andere an ihren Wurzeln solche Freßbeschädig- ungen erleiden, daß Krankheit und Absterben die Folge ist. Wenn schon im vergangenen Frühjahr die Klagen hierüber außerordentlich groß waren, sind doch für die kommende Winter- zeit noch bei weitem größere Schädigungen zu befürchten. In einer Anlage wurden in kurzer Zeit 65 der Tiere abgeschossen.
Unbedingt notwendig ist ein gemeinsames energisches Vorgehen gegen diese Tiere und ist in der in Anlage befindlichen Nummer 30 des Amtsblattes der Landwirtschastskammer zur Vertilgung dieser Schädlinge durch Ratin und Schwefelkohlenstoff ausgefordert.
Ebenso viele Klagen kommen auch über die Ueberhandnahme der Feldmäuse und soll bei deren Vertilgung, wenn in größeren Bezirken angewandt, Löfflers Mäusetyphus-Bazillus sich sehr bewährt haben. Um die Bekämpfung einheitlicher und aus- gebreiteter zu gestalten, erlaube ich mir, Euer Hochgeboren er- gebenst anheim zu geben, eine zu gemeinsamer Bekämpfung auffordernde Mitteilung an die Herren Landräte gefälligst erlassen zu wollen. (3. Nr. 3769/07.)
Landwiltschastskammer für den Regierungsbezirk Cassel. gez. H. E. von S t o ck h a u j e n, Vorsitzender.
An den Herrn Regierungs-Präsidenten in Cassel.
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Cassel, den 20. August 1907.
Abschrift üb erfinde ich mit dem Ersuchen, in • geeigneter Weise die interessierte Bevölkerung zur gemeinsamen Bekämpfung der Schädlinge anzuregen. (A. III. 3655.)
Der Regierungspräsident. I. V.: gez. Schenk.
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*
Hersfeld, den 27. August 1907.
Vorstehend abgedruckte Mitteilung der Landwirtschastskammer des Regierungsbezirks Cassel bringe ich zur Kenntnis der Herren Ortsvorstände des Kreises mit dem Ersuchen, bei den Interessenten aus die gemeinsame Bekämpfung der Schädlinge hinzu» wirken.
I. 7709. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Die Erbin.
Roman von 3. d'Anin.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Nell pflückte anscheinend Vergißmeinnicht. Auch sie hatte sich von den Uebrigen entfernt um ihr vorempsundeneS Glück zu genießen. Ihr war, es müsse der heutige Tag eine Entscheidung herbeiführen und zu dieser bedurfte eS keiner Zeugen. Die Begegnung ihrer beider Herzen konnte nur unter Gottes freiem Himmel, inmitten singender Vögel und knospender Blumen stattfinden. Und wie ein Qinb lächelte sie ihren Strauß blauäugiger Blüten an, indem sie ihre Lippen darauf preßte. Dann schaute sie um sich. Alles war wie verzaubert. Unter ihren Füßen glitten die Sonnenstrahlen wie leichte Goldfäden dahin, als wollten sie ihr durch ihr Feenreich den Weg zum Glück weisen. Licht und Luft und Säume, alles war wie mit einem schimmernden Goldschlcier umhüllt.
Dankerfüllt hob Nell die Augen gen Himmel. Tiefes Schweigen herrschte um sie her, das nur von der zirpenden Grille unterbrochen wurde.
Plötzlich fing ein Vogel fein süßeS Gezwitscher auf einem nahen Zweig an. War das das» LiebeSlied, das ihr aus leichten Schwingen nahte? Ihr Herz fing hörbar zu schlagen an, denn in diesem Augblick trat Herr von Valgrand aus dem dichten Buschwerk heraus, auf sie zu. Einen Moment blickte er sie an. Nell fühlte, wie die Röte ihr Gesicht übergoß und der Strauß entglitt ihren Händen.
Herr von Valgrand trat hinzu und hob ihn auf.
„Ich — ich bin überrascht," stammelte sie, „ich glaubte sie nicht in meiner Nähe."
Die Erregung ließ ihre Stimme zittern.
„Nein, nein", erwiderte Valgrand sanft, „sagen Sie das nicht, Sie müssen es doch gefühlt haben, daß ich Sie suchte, und daß ich Ihnen etwas mitznteilen hatte."
Er schwieg einen Augenblick. Als Nell nichts erwiderte, fuhr er fort:
„Lassen Sie eS mich aussprechen, Fräulein Nell, ich liebe
nichtamtlicher Ceil.
Jes Kaisers Politik und das deutsche P-Ik.
Die Rede, welche der Kaiser zu Ehren der Provinz Westfalen aus dem Festmahle im Landesmuseum zu Münster vorigen Sonnabend abend gehalten hat, ist im nationalen und politischen, aber auch in echt menschlichem Sinne wohl die bedeutendste Kundgebung, welche jemals aus dem Munde des Kaisers erklungen ist. Der Kaiser wird in dieser Rede der geschichtlichen Entwickelung des deutschen Volkes, in welcher wir so große und schwierige Gegensätze finden, vollkommen gerecht, indem der Kaiser in seiner jüngsten großen Rede tunb= gibt, daß er keinen Unterschied mache zwischen katholischen und protestantischen Untertanen und daß er zu den Angehörigen beider Konfessionen wie zu treuen und gehorsamen Untertanen stehe. Ueberhaupt seien alle Landeskmder seinem lanvesväter- lichen Herzen gleich nahe. Im nationalen und politischen Sinne am wichtigsten und praktisch am wertvollsten ist aber diejenige Stelle in der Rede des Kaisers, in welcher er von dem schönen Bilde der versöhnlichen Einheit spricht, welches die Provinz Westfalen zeige, und das der Kaiser gern auf das gesammte deutsche Vaterland bertragen sehen möchte. In der Tat zeigt die Provinz Westfalen in der Zusammensetzung ihrer Bevölkerung nach der Konfession und nach den Berufsarten alle Verschiedenheiten, denen wir sonst im deutschen Baterlande begegnen'. In Westfalen wohnen in großen Parteien, aber friedlich hie Einwohner katholischer und protestantischer Konfession neben einander, in Westfalen lebt und schafft aber auch der zähe alte treue deutsche Bauernstamm, der fleißige und biedere Sohn der roten Erde, und in Westfalen zeigt auch Die deutsche Industrie eine ganze Anzahl ihrer herrlichsten Blüten. Und in dieser Provinz regen sich auch die Hände von Hnnderttausenden fleißiger Industriearbeiter. In diesem deutschen Landesteile wird also deutlich gezeigt, daß ein tüchtiges Volk, mag es auch in Konfession unb Berufsart große Verschiedenheiten zeigen, in Harmonie und versöhnlicher Einheit dennoch wirken, Großes schaffen und treu und standhaft zum großen nationalen Gedanken des gesammten deutschen Vaterlandes stehen kann. Diese Art der Lebensauffassung und Weltanschauung, des Schaffens und Wirkens aus das ganze deutsche Volk übertragen, muß das allerdings zu einem Granitblocke machen, auf welchem Gott weiter feine Kulturwerke in der Welt ausbauen und vollenden kann, wie der Kaiser hoff- nungssreudig betonte. Und in diesem Sinne kann sich auch das Dichterwort erfüllen: An echtem deutschen Wesen wird einmal noch die Welt genesen! — Znr Mitarbeit für dieses Ziel sind alle wackeren Deutschen, welchem Standes sie auch sonst angehören, berufen, und dem Kaiser willkommen. Menschlich echt groß und schön berührt auch die Stelle in der
Sie und mein ganzes Lebensglück wird von der Antwort abhängen, die Sie mir geben werden."
Er sah sie an und Nell hatte ihrerseits die klaren, sanften Augen zu ihm erhoben. Sie wunderte sich nicht mehr, sie genoß einfach ihr namenloses Glück.
Er wartete auf eine Antwort. Da er sie aber in ihren Augen zu lesen glaubte, faßte er ihre kleine Hand und küßte sie wiederholt.
„Dies Geständnis mußte ich zuerst haben," fuhr er fort, „ehe ich weiter rede. Es handelt sich hier nicht um eine stille ruhige Liebe, wie die regungslose Fläche des kleinen Sees, den wir heute früh bewunderten; sie ist vielmehr ein reißender Strom, der alle Bedenken, alles Zaudern, jede Erwägung mit sich forttragen mußte. Ich glaube, daß sie stark genug ist, um alle Hindernisse zu besiegen.“
Er hatte Nells Arm durch den feinen gezogen und sie schritten unter dem schattigen Laubgange hin, der die Lichtung umgab.
„Soll ich Ihnen sagen, wie ich zu diesem Entschluß gelangt bin? Nein, zuerst antivorten Sie mir nun mit Ihrer lieben süßen Stimme/ ob Sie mich lieben?"
„Ja," entgegnete Nell leise.
„Wie glücklich Sie mich machen. Lange habe ich gekämpst zwischen dem Herzen und der Vernunft, ich wollte nicht unterliegen und zögerte seit Wochen, alle Hindernisse genau er- wägend. Ich besitze kein Vermögen und was meine Stellung betrifft, so ist dieselbe im Augenblick auch nur mehr Schein. Im anderen Falle würde mein Mund nicht so lange ge- schwiegen haben."
„Ich verstehe," sagte Nell tief ergriffen über Rcn6s Geständnis, „fürchten Sie nicht etwa diesen veränderten Entschluß dereinst zu bereuen? Sie haben mich ja noch mit keinem Worte gefragt, ob ich Ihnen außer meinem bescheidenen Selbst, etwas zu bieten habe?"
„Davon laß uns jetzt nicht reden, Nell, ich bitte Dich. Für den Augenblick kann ich Dir nur allerdings die ernste, arbeitsreiche Seite meiner Carriere bieten. Es werden vielleicht gerade die besten, schönsten Jahre deS Lebens sein, die wir in Erwartung zubringen müssen. Ueberall indes werden
Rede des Kaisers, in welcher er sagte, daß er während seiner nun zwanzigjährigen Regierungszeit mit vielen Menschen zu tun gehabt habe und vieles von ihnen hätte erdulden müssen. Er habe sich aber nicht vom Zorn übermann lassen, gegenüber denjenigen, welche ihm bitter wehgetan hätten, sondem er habe nach den Mitteln gesucht, welche seinen Zorn mildern und die Milde stärken möchten, und das Mittel habe er darin gefunden, daß er sich gesagt habe, alle Menschen sind Menschen wie du, sie sind Träger einer göttlichen Seele. In solchem Denken würde man immer das rechte Verständnis für seine Mitmenschen finden. Aus diesem Gedanken fließt auch die warme Fürsorge, welche der Kaiser gleich seinem kaiserlichen Großvater für die Hebung der Wohlfahrt der unteren Volksklassen hegt und durch einen weiteren Ausbau der Gesetzgebung aus dem Gebiete der sozialen Fürsorge in Die Praxis übersetzen will. Das deutsche Volk und alle Parteien in ihm können aber aus dieser Rede des Kaiser klar und deutlich erkennen, daß der Kaiser alle Erscheinungen im deutschen Volksleben von hoher Warte aus menschlich zu verstehen und zu beurteilen weiß und danach seine Politik in Einmütigkeit und freier Bestätigung mit allen nationalgssinnten Deutschen hohen Zielen zuführen will.
Sie Sirren in Marokko.
Die französischen Minister hielten gestern abend eine Besprechung über die m a ro kka n isch cn Angelegenheiten ab. Diese war, wie die Agence Havas feststellt, nicht durch den Eingang beunruhigender Meldungen veranlaßt, sondern bezweckte lediglich die Prüfung der verschiedenen Eventualitäten, die bezüglich des Vorgehens in Marokko in Betracht kommen könnten. Der Min.s^.', .ifibent erklärte aus eine Frage über den Verlauf der Ministerkonferenz, daß man sich zu keiner bestimmten Aktion entschlossen habe. Wenn die Lage Grund zu irgendwelcher Besorgnis geboten hätte, würde er alle Mit- glieber der Regierung ersucht haben, nach Paris zurückzukehren. Clemenceau stellte in Abrede, daß von einer Rückberufung deS Generals Drude die Rede gewesen sei. Dieser wie Admiral Philibert besäßen das volle Vertrauen der Regierung, und es könne dieser nicht einfallen, ihnen den Plan ihrer Operationen vorzuschreiben.
Der Matin meldet, in der gestrigen Ministerkonferenz sei unter anderem auch übef bie Lage in Tanger beraten worden, wie sie sich durch die Zurückziehung der Truppen des Maghzen und die Tätigkeit Raisusis gestaltet habe.
Der Kriegsminister und der Kolonialminister haben der Dspöche coloniale zufolge vereinbart, eine Brigade Kolonial- truppen und ein aus Reservisten zu bildendes Regiment sudanesischer Schützen für Marokko bereitzuhalten.
Paris, 2. September. Von Admiral Philibett ist gestern nachstehendes Telegramm eingegangen: In den Küsten- städten ist nichts von Bedeutung vorgekommen. Eine Abteilung, die südwärts von Casablanca eine Rekognoszierung
noch arbeitssreudige Männer gebraucht. Für sie gibt es immer wieder neue Posten und auf einen solchen hoffe ich."
„Also!" rief Nell strahlend vor Wonne auS, „hatte ich mich nicht in Dir getäuscht!"
„Und ich nicht in Dir, in der Hoffnung, daß Du mich richtig verstehen würdest. Seitdem nun alles herunter ist vom Herzen, fühle ich mich verjüngt, erstarkt zur Arbeit und Kamps. Sage mir, daß Du mir vertraust, daß Du mir folgen wirst durch die weite Welt, in der wir uns vielleicht hin und wieder einsam fühlen werden und nur aufeinander angewiesen, und versprich mir, daß Du die Vergangenheit und was Du zurückläffest, nicht bereuen wirst."
„Nichts — Nichts!" erwiderte Nell sehr leise aber bestimmt. „Dein Traum wird auch der meinige sein und deine Hoffnungen meine Hoffnungen."
• Sie schwieg. Rens zog sie fest an sich und Nells Kops sank auf seine Schulter herab. . . Er drückte einen langen, heißen Kuß aus ihre Lippen. Dann schritten sie wiederum langsam der Lichtung zu, wo die in Gruppen sitzende Gesellschaft heiter schwatzte und lachte.
„Darf ich," fragte Rens, kurz bevor sie sich wieder zu den Anderen gesellten, „morgen zu Deiner Tante kommen?"
„Daran dachte ich eben," sagte Nell. „Ich glaube aber, es ist besser, wenn ich ihr die Nachricht selber bringe, und es ist wohl richtiger so. WaS ich aber wünsche ist dies; daß Du Deinen Urlaub benutzen möchtest, sofort morgen nach Paris zu meinem Vormund zu fahren und bei ihm um mich anzuhalten. . ."
„Würde ein Brief an den Vormund nicht genügen? Oder der Besuch einer meiner dortigen Vorgesetzten? Der Gedanke, Dich sogleich wieder zu verlassen, ist mir gar zu schwer," erwiderte Rens flehenden ToncS.
„Es ist keine Laune, Rens, glaube eS mir, ich bitte Dich dringend, tue mir den Gefallen. Meine Gründe sollst Tu nachher erfahren. Ein Abschlagen mürbe mich tief betrüben."
„Das genügt, Nell. Morgen reise ich."
„Danke, Rens! Du wirst es nicht bereuen. Heute Abend noch schicke ich Dir einen Brief hin, den Du Onkel Georg abgeben wirst."