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Herrseloer Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Mischlutz Nr. 8
Nr. 96.
Donnerstag, den 15. August
1907.
Amtlicher teil.
Jagdverordnnng.
Für den Umfang des Regierungsbezirkes Cassel wird aus Grund der §§ 39 und 40 der Jagdordnung vom 15. Juli 1907 die Eröffnung der Jagd 'auf Rebhühner und
Wachteln auf Montag den 2. September d. Js. festgesetzt.
Cassel, den 10. August 1907.
Namens des Bezirksausschusses: Der Vorsitzende. I. V.: gez. P i u t t i.
, * *
Hersfeld, den 12. August 1907.
Wird veröffentlicht.
I. 7232. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher teil.
Neue HiaMoWften aus Rutzlauil.
Während Rußland sich in politischer Hinsicht in einer wahren Sackgasse befindet, in welcher das alte, verrottete russische Regierungssystem der brutalen Polizeiherrschaft nicht ersterben und das erstrebte neue parlamentarische Regierungssystem zu keinem wirklichen Leben gelangen kann, befindet sich das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben des großen russischen Reiches in einer andauernden Krisis. Von der Größe der Verrottung aller Zustände in Rußland kann man sich in Deutschland keinen rechten Begriff machen, aber man bekommt doch einige Vorstellungen davon, wenn man ersährt, daß die Unterschleife und Veruntreuungen in allen russischen staatlichen Einrichtungen nach wie vor im größten und schlimmsten Umfange betrieben werden, und daß es nicht zuviel gesagt ist, wenn man behauptet, daß ein großer Teil der russischen Beamten und Offiziere es immer noch für durchaus am Platze finden, betrügerische Manipulationen zum Nachteil des Staates und zur Schädigung des russischen Volkes zu unternehmen, um ihre Taschen zu füllen. So hat der Hauptinspektor der russischen Staatseisenbahn, Herr Gorakow, neuerdings sestge- stellt, daß bei der Transbaikalbahn in den letzten vier Jahren riesige Veruntreuungen vorgekommen sind, welche den Staat um viele Millionen schädigten. Das für die Veruntreuungen in Frage kommende Material soll riesig sein, und die mit der näheren Untersuchung betraute Kommission soll noch mehrere Wochen brauchen, um den Betrug und Schwindel näher aufzudecken. Hauptsächlich wurde von feiten der betrügerischen Beamten mit gesälschten Frachtscheinen operiert. Vielfach wurde auch auf ein und denselben Frachtbrief wiederholt Ware expediert und der alte Frachtbrief einfach umgestempelt. Die betrügerisch erhobenen Zahlungen steckten die Beamten einfach in ihre Taschen. Außerdem ist den Beamtem der Transbaikalbahn
Die Erbin.
Roman von I. d'Anin.
Machdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Hierauf nahm die Unterhaltung einen intimeren Charakter an und der anziehende Pole bat die Damen um die Gunst, ihnen als Führer durch die Villa zu dienen. Unter seiner Leitung bewunderten sie die kostbaren alten Gobelins, die die Wände des Salons deckten, sowie eine Menge anderer Kunst- werke, als sie plötzlich durch den Eintritt eines neuen Gastes, der dem Direktor freundschaftlich die Hand schüttelte, unterbrochen wurden. Beide Mädchen schraken leicht zusammen; der Neuangekommene war der schöne Offizier aus dem Trupp der Nobelgarde.
Ohne die blitzende Uniform vom Morgen, sah er vielleicht weniger anziehend aus, dennoch repräsentierte er den ausge- prägten Typ allrömischen Patriziertums. Nur als Nell ihn jetzt schärfer ins Auge faßte, kam es ihr vor, als richte sich sein Blick niemals fest auf den seines Gegenübers, sondern als irre er schmeichelnd, verschleiert umher.
Wie ein Aufleuchten war es bei dem Anblick der jungen Mädchen über sein Antlitz gezogen, das jedoch bald einer scheinbaren Gleichgültigkeit Platz machte.
Langsam machte er die Runde bei den Gästen, den Damen die Hand küssend, da und dort mehr oder weniger vertrauliche Grüße tauschend.
„Wer ist daS?" kam es fast gegen ihren Willen über Nellies Lippen.
„DaS ist Prinz Cäsar Montecorvello", antwortete Glacz- kowicz. „Ich kannte seinen Vater, Don Urbino, sehr gut. WaS diesen betrifft, so habe ich ihn etwas auS dem Singe verloren, daS heißt in freundschaftlichem Sinne."
In diesem Augenblick kehrte der Prinz aus dem 9leben- zimmer zurück und ließ sich der Baronin und ihren Nichten umstellen. Mit der ihm eigenen weltmännischen Gewandtheit erneuerte er gleichzeitig seine Bekanntschaft mit dein gelehrten Polen, geschickt an die Beziehungen knüpfend, die dieser seiner 1
vielfach nachgewiesen worden, daß sie Frachtgüter häufig einfach , »ersauft haben, statt sie an die Adressaten abzuliefern. Ferner hat die Kommission auf entlegenen Eisenbahnstationen eine ganze Menge Frachtgut aufgestapelt vorgefunden, welche schon vor zwei Jahren und vor längerer Zeit der Bahn zur Beförderung übergeben, aber nicht ausgeliefert und weiterexpediert worden war. So sagt man nicht zuviel, wenn man behauptet, daß die Beamten der Transbaikalbahn als eine große Gaunerbande organisiert waren. Natürlicherweise stecken eine ganze Menge Lieferanten und Kaufleute mit den betrügerischen Beamten unter einer Decke, und wenn man bedenkt, daß diese schweren Unterschleise bereits während des russisch- japanischen Krieges begonnen haben, so kann man sich einen Begriff davon machen, wie der russische Staat, das russische Volk und vor allen Dingen die armen russischen Soldaten von der Gaunerbande betrogen worden sind. Die sozialen und wirtschaftlichen Zustände Rußlands sind aber nicht nur durch die fortwährenden Unterschleife und Veruntreuungen seitens der Beamten vollständig verrottet, sondern die ganze wirtschaftliche Kraft und vor allen Dingen auch die regelmäßige Zahlungsfähigkeit der russischen Geschäftswelt ist im hohen Grade in Frage gestellt und zweifelhaft. So hat man jetzt in Deutschland durch die Berichte einer Anzahl mit Rußland arbeitender Aktiengesellschaften, zumal von Seiten solcher, die in Rußland Filialen unterhalten, erfahren, daß diese Aktiengesellschaften in Rußland schon seit mindestens vier Jahren meistens mit größeren oder kleineren Verlusten arbeiten. Außerdem haben auch viele Exportgeschäfte mit Rußland sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Auch haben die deutschen Banken in ihren Verbindungen mit Rußland vielfach Verluste zu verzeichnen. Und hätten nicht viele Vertreter der deutschen Geschäftswelt Vorsicht im Verkehr mit Rußland geübt und es abgelehnt große Warenlieferungen auf Kredit auszuführen, so wären die Verluste der deutschen Geschäftswelt in Rußland noch viel bedeutender. Man denkt in der Beurteilung der russischen Dinge meistens nur an die Revolution und an das politische Elend in Rußland und vergißt dabei, daß hinter diesem Elende noch das viel größere Elend der ganz unsicheren wirtschaftlichen Zustände und der öffentlichen Verrottung steckt.
At Wirre» in Marokko.
Zur marrokkanifchen Angelegenheit meldet die Agener Havas aus Paris: Es trifft zu, daß Spanien an Frankreich eine Anfrage gerichtet hat, um dessen Ansicht über die Zweckmäßigkeit einer Note zu erfahren, die an die Mächte zn richten wäre, um die Gemeinsamkeit der Ansichten und des Vorgehens der beiden Länder in Marokko zu sichern. Die diplomatischen Verhandlungen nehmen ihren Fortgang. Die Regierung beabsichtigt keineswegs, neue Verstärkungen nach Marokko zu entsenden, da die Streitkräste des Generals Drude für ausreichend erachtet werden, um die Ordnung wieder herzustellen und die Polizei zu organisieren. Dieses Programm wird
Zeit zu den alten Prinzen unterhalten hatte. Das Gespräch kehrte wieder zu dem am Morgen stattgehabten Feste zurück.
„Sie sind Französinnen, meine Damen", nahm der Prinz das Wort, „infolgedessen frei von Aberglauben. Sollten Sie indes längere Zeit in Rom zu verweilen gedenken, so wird er auch Sie ergreifen. Auf diesem alten sagen- und erinne- rungsreichen Boden sprechen die Dinge ihre eigene geheimnisvolle Sprache. So zum Beispiel als ich heute früh aus meinem Hause trat, erblickte ich einen Zug Vögel, der mir einen glücklichen Tag verhieß. Diesen Morgen entdeckte Sie mein Auge bereits und der Abend bringt mir den Vorzug Ihrer Nähe."
Nellies erstaunter Blick belehrte ihn, daß er etwas zu rasch vorgegangen war und er fügte hinzu:
„Wir Römer, die wir unseren Traditionen und Er- innnerungen treu geblieben sind, lieben nun einmal alles was uns von Frankreich herübergebracht wird. Und außerdem, meine Damen, müssen sie uns schon nachsichtig behandeln, wenn wir alter Gewohnheit gemäß. ein wenig von unserem Sonnenschein in unsere Redeweise flechten."
Hierauf ging er mit seinem Takt auf ein anderes Thema über.
Nellie erkundigte sich nach den Einzelheiten der Zeremonie, da ihr manches unverständlich geblieben war.
Wie schön er alles zu erklären wußte! Das mußte Glaczkowicz, der mit halbgeschlossenen Augen und einem un= merklich skeptischen Lächeln um die Lippen zuhörte, anstandslos zugeben.
Unterdes suchte er nach des Rätsels Lösung, weshalb wohl der Prinz heute Abend in der Villa erschienen sein mochte. Er, Glaczkowicz, der ständige Gast dieser Empfänge, hatte seit der Anwesenheit des neuen Direktors den Prinzen nicht ein einzigesmal in diesen Räumen angetroffen. Irgend einen Grund mußte sein Kommen schon haben, dachte der seine Diplomat, aber welchen? Oder war eS gar eine Person, um die es sich hier handelte? DieS fuhr ihm plötzlich durch den Sinn, als er den Eifer und die Gelehrsamkeit verfolgte, die Don Cäsar bei den jungen Mädchen an den Tag legte. Welche? Bei dieser Betrachtung empfand Glaczkowicz ein gewisses Unbehagen, während seine Neugier wuchs.
keine Erweiterung erfahren. Die Transporte nach Oran sind nur als Vorsichtsmaßregeln aufzufassen, um für alle Fälle Ereignissen gegenüber gesichert zu sein, deren Eintritt glücklicherweise außerhalb des Bereiches jeder WahrscheinlichkeiNiegt.
Paris, 13. August. Der Minister des Aeußeren Pichon erklärte mehreren Berichterstattern unter anderem folgendes: Die Truppen, welche gegenwärtig in Marokko sind, genügen, und wir haben keine Lust, noch andere hinzuschicken. Das Programm, das ihnen vorgezeichnet ist, ist sehr klar. Sie sollen bleiben, wo sie sind, keinerlei Expeditionen inS Innere unternehmen, sich daraus bescyränken, die Ordnung herzustellen, die Rebellen zu züchtigen, die Ruhe zu sichern, sowie die Polizei in der Stadt und in der Umgebung von Casablanca zu organisieren. Wir sind in engem Einvernehmen mit Spanien; 500 Spanier sind in Casablanca eingetroffen, weitere spanische Truppen stehen im Bedarfsfälle bereit. Spanien und Frankreich werden dem Mandat, das sie von Europa empfangen haben, treu bleiben und sich wohl hüten, dasselbe auszudehnen. Wir wollen um keinen Preis ein Werk der Eroberung, und wir wollen nicht eine Expedition unternehmen, welche übrigens dem Willen des Landes zuwiderliefe. Unsere Rolle ist begrenzt, und wir sind entschlossen, an dieser Grenze festzuhalten. Wie ich wiederholt im Parlament die formelle Versicherung abgegeben habe, steht die Regierung jeder Abenteurersucht so fern als möglich. Sie will, daß die Rechte Frankreichs sowie die Interessen unb das Leben der verbündeten Staatsangehörigen respektiert werden; sie will durch entschiedene Maßnahmen eine Wiederholung von Anschlägen verhindern, wie sie gegen fremde Ansiedler begangen wurden in einem Lande, wo Frankreich in biefer Hinsicht ein besonderes Mandat erhalten hat. Ganz Europa begreift und billigt unser Vorgehen.
Aus Jn- und Ausland.
Berlin, den 12. Angust 1907.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Se. Majestät der König Eduard trifft morgen früh auf Schloß Wilhelmshöhe ein, um einen Tag mit dem Deutschen Kaiserpaar zu verbringen. Wir begrüßen diesen Besuch als ein besonders nach zwei Richtungen' willkommenes Ereignis: er ergänzt in erwünschter Weise die so erfreulich verlaufene Begegnung von Swinemünde und die bevorstehende Zusammenkunft des Königs mit dem Kaiser Franz Josef in Jschl. In dieser Folge von Monarchenbegegnungen darf man eine Bekräftigung der friedlichen und ausgleichenden Tendenzen erblicken, welche in den Beziehungen der Nationen auf allen Seiten zu Tage treten. Sodann entspricht die Begegnung in Wllhelmshöhe auch den freundlichen Gesinnungen, die mehr und mehr in der Bevölkerung Deutschlands wie Englands wieder herrschend werden. Die uneigennützigen Bemühungen um die Stärkung und Vertiefung dieser Volksstimmung werden auf beiden Seiten
Nells Stimme zog ihn aus seiner Träumerei empor.
„Ich möchte so gerne den Namen einer Dame wissen, die wir heute früh unter den adeligen Römerinnen auf der uns gegenüberstehenden Tribüne bemerkt haben. Ob Sie sie wohl kennen? Jung, schön, bleich, mit einer wunderbaren Haltung des Kopfes und herrlichen Augen."
„Oh!" antwortete der Pole, sein Auge auf beS Prinzen Gesicht heftend, „dieser Beschreibung entspricht nur Prinzessin Corglione, Ihre Kousine Donna Bianka, Prinz!
„Vielleicht" . . . erwiderte er etwas verlegen.
Wie schön sie ist!" riefen beide Mädchen zugleich aus.
„Schön und sympathisch!" fuhr Nell fort, „in ihrer Schönheit spiegelt sich die Seele. Werden wir sie hier nicht sehen?"
„Das ist nicht wahrscheinlich. Bianka geht, seitdem sie Witwe wurde, nicht mehr in Gesellschaft", gab der Prinz in lebhaftem Tone zurück.
Zu rasch verging beiden Kousinen der Abend. In der Villa Medici dehnten sich die Empfänge nicht allzu lange aus. Gewöhnlich erschienen bort die Besucher in der Pause zwischen einem Diener und einem Ball, um Mitternacht aber leerten sich die SalonS des Direktors regelmäßig.
Von diesem Tage ab gestaltete sich das Leben der Baronin und ihrer Nichten auf das angenehmste. Die Vormittage wurden zu Besuchen aller Sehenswürdigkeiten benutzt, Nachmittags wanderten sie in den sonnigen Alleen einsamer Villen umher und zwischen fünf nnb sieben Uhr fanden sich in ihren hellerleuchteten Räumen zahlreiche Gäste ein.
Tante Angelika erholte sich zusehends. 9leHic war glücklich darüber — und Nell wartete — woraus? Das hätte sie kaum selbst zu sagen vermocht.
Bald hatte sich ein intimer Kreis zusammengezogen, in dem die Freundschaft ihre Blüten zu treiben begann.
Nicht alles in dieser kosmopolitischen Welt, in der sie sich fortan bewegten, war erkünstelter, oberflächlicher Natur. In dem bunten Treiben hatten sie '-BenlljrungSpunftf gefunden, die sie mit der Vergangenheit, mit ihrer wirtlichen Heimat durch gemeinsame Wurzeln verbanden. Sehr bald fühlten sie sich in der eigenen Gesandtschaft heimisch, ebenso in der