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herrfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage“
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 35.
Donnerstag, den 21. März
1907.
Amtlicher teil
Hersfeld, den 18. März 1907.
Die 13. Vollversammlung der Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Cassel hat mit Genehmigung des Herrn Landwirtschajts-Ministers beschlossen, für das Rechnungsjahr 1907 2/3 % (zwei drittel Prozent) des Grundsteuer-Reinertrages als Beitrag zu den Unkosten der Landwirtschaftskammer zu erheben.
Unter Bezugnahme auf mein Ausschreiben vom 29. Juni 1906 I. 5204 (Krcisblatt No. 77) ersuche ich die Herren Ortsvorstände des KreiseS, wegen Eintragung der Beiträge für das laufende Jahr in die Hebeliste sowie wegen Einziehung und Abführung derselben demnächst das Weitere zu veranlassen. Das Jahressoll der aufzubringenden Landwirtschastskammer- beiträge ist mir b i s zu m 1. I u l i d. Is. berichtlich anzuzeigen.
Der Königliche Landrat.
I. 2532. I. V.:
Thamer.
Hersseld, den 18. März 1907.
Der Herr Provinzial-Steuerdirektor hat darüber Klage geführt, daß die Totenlisten von einzelnen Standesbeamten nicht mit der nötigen Sorgfalt ausgestellt werden. Insbesondere sollen die vorgeschriebenen Angaben über Stand, Staatsangehörigkeit usw. vielfach lückenhaft sein, auch soll die den Totenlisten aufgedruckre Anleitung für die Ausstellung und Einsendung der Listen verschiedentlich keine Beachtung gefunden haben.
Ferner ist bemängelt worden, ban. b>e Ausfüllung der Totenlisten von einzelnen Standesbeamten nicht sofort bei der Anmeldung des Sterbefalles, sondern erst später vorgenommen wird, nachdem der Bürgermeister (Magistrat) die für die Liste erforderlichen Angaben nachträglich sestgestellt hat. Ein solches Verfahren ist, wo es besteht, sofort abzustellcir, da einerseits die Steuerpflichtigen durch derartige nachträgliche Ermittelungen unnötig belästigt werden, andererseits aber im steuerlichen Interesse zu befürchten ist, daß die Beteiligten ihre Angaben später nicht so unbefangen machen werden, als dies bei der Anmeldung des Sterbefalles gegenüber den Standesbeamten der Fall ist.
Des weiteren hat der Herr Provinzial-Steuerdirektor daraus hingewiesen, daß nach dem Reichsgesetze über die Erbschaftssteuer vom 3. Juni 1906 auch der Vermögensausall von Kindern an die Eltern der Erbschaftssteuer unterworfen ist, sofern der Wert des Erwerbes an jeden Elternteil den Betrag von Zehntausend Mark übersteigt. Zur Prüfung der Steuerpflicht in diesen Fällen bedarf es der genauen Ausfüllung der Spalten 3c, 12a und 14 der Totenliste. Bei Kindern, deren Vater oder Mutter nicht mehr lebt, ist der überlebende Elternteil in Spalte 12a nach Namen, Stand, Wohnort und Straße näher zu bezeichnen.
Schließlich mache ich noch daraus.aufmerksam, daß die Standesbeamten verpflichtet sind, anch die in den Totenlisten enthaltenen Fragen, über welche das Sterberegister keine Auskunft gibt, zu beantworten, soweit sie eS aus eigenen Wissen oder infolge Befragung des den Sterbefall Anmeldenden vermögen. Auch sind die Totenlisten nicht, wie auf dem Formular angegeben, monatlich sondern wie bisher viertel- jä.hrlich (in den ersten zehn Tagen der Monate April, Juli, Oktober und Januar) dem Erbschaftssteueramte ein-
Crugglück.
Erzählung von Helene Voigt.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Dann kam eine ruhigere Zeit, Olga atmete leichter und glaubte die Gefahr sei vorüber, ihr Vater habe zu pessimistisch in die Zukunft geblickt. Das junge Mädchen ward wieder heiter, malte, fang und freute sich des sonnigen Frühlings, der über der Erde lag.
Heute morgen sagte ihr die Köchin, Herr Linstow sei schon vor dem Kaffee in sein Arbeitszimmer gegangen und sie beschloß, ihn selbst zum Frühstück abzuholen.
Leise schritt sie hinüber und öffnete die Tür zum Schreibzimmer des Vaters; er saß am Schreibtisch, anscheinend emsig beschäftigt, denn er bemerkte ihr Kommen nicht, sein Haupt war vornüber geneigt.
Einen Moment zögerte das junge Mädchen, um ihn nicht zu stören, doch er blieb so sonderbar reglos und mit einem Male riefelte ein eisiges Grauen durch ihren Körper.
„Vater," rief sie leise; er regte sich nicht.
Ihr Herz klopfte ungestüm, kaum vermochte sie vorwärts zu schreite». Jetzt stand sie neben ihm am Schreibtisch — und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Seine Hand mar eiskalt und auf dem Teppich lag eine Pistole!
Ueber der Brust war das Hemd des Toten auscinander- geschoben; vor ihm lagen die Abschiedsworte an sein einziges, heißgeliebtes Kind.
zusenden und zwar für den ganzen Standesamtsbezirk in einer Liste.
Den Herren Standesbeamten des Kreises teile ich Vorstehendes zur genauen Beachtung mit.
A. 1262. Der Königliche Landrat.
I. V.
T h a m e r.
Bekanntmachung.
a. Die Zustellung der „Kriegsbeorderungen" und Paßnotizen wird in der Zeit vom 25. — 31. März d. Js. durch die Ortsbehörden erfolgen.
b. Die noch nicht zur dienstlichen Kenntnis gebrachten „Wohnungs-Verändernngeu" sind sofort zu melden.
c. Die Mannschaften des Beurlaubtenstandes haben, falls sie während der obengenannten Zeit nicht selbst zu Hause sein können, eventuell eine andere Person des Hausstandes mit Empfangnahme der Kriegsbeorderung bezw. Paßnotiz zu beauftragen.
d. Die jetzt in Händen der Mannschaften befindlichen vom 1. April ab nicht mehr gültigen alten Kriegsbeorderungen sind beim Empfang der neuen Beorderung abzugeben. Werden sie bis zum 31. März nicht eingezogen, so sind sie zu vernichten.
Hersseld, den 16. März 1907.
Königliches Bezirkskommando.
Königliche Knnftgewerbeschule in Cassel.
Die Königliche Kunstgewcrbcschule beginnt am 3. April ein neues Schuljahr. Die Anstalt hat die Ausgabe, Modelleure, Ziseleure und Holzschnitzer, S-^tionSmaler, Lithographen sowie Zeichner für die verschiedenen Gebiete des Kunstgewerbes (Möbelzeichner, Musterzeichner usw.) auSzubilden. Auch sei noch besonders erwähnt, daß seit kurzem außer den bisherigen noch besondere Werkstätten für Kunstschlosserei und Lithographie eingerichtet sind. Gute Volksschulbildnug genügt für den Eintritt. Vorherige praktische Tätigkeit ist erwünscht, aber nicht Bedingung. Zeichnerisch weniger Vorgebildete haben vor Eintritt in die Fachklassen die Vorklasse zu besuchen. Minderbemittelten und würdigen Schülern können Stipendien und Schulgelderlasse gemährt werden. Das Schulgeld für den vollen Unterricht beträgt für das halbe Jahr 30 Mk.
Außer den kunstgewerblichen Fachklasien befindet sich ein Seminar zur Ausbildung von Zeichenlehrern und Zeichenlehrerinnen an der Anstalt. Für diese Abteilung beträgt das Schulgeld halbjährlich 40 Mk.
Programme und Anmeldeformulare sind durch daS Sekretariat der Schule kostenfrei zu beziehen.
Der Direktor: gez. C. Schieck, Professor.
Cassel, den 11. März 1907.
Den Straßenmeister Kranz in Hersfeld habe ich widerruflich zum Versicherungsschätzer der Hessischen Brandvcrsichernngs- Anstalt für den Bezirk III. und zum stellvertretenden Ber- sicherungsschätzer für den Bezirk V des Kreises Hersseld bestellt.
Diese Bezirke bestehen aus folgenden Ortschaften:
Bezirk III:
Conrode, Dünkelrode, Hilmes, Kathus mit Klappermühle, Lainpertsseld, Landershausen, Malkomes, Motzseld, Ober- lengsseld, Oberrode, Petersbcrg, Schenklengsfeld, Schenk- solz, Sorga mit Sölzcrhöfe, Unterweisenborn, Wchrs- Hausen, WiPperShain, Wüstfcld.
Ein Sonnenstrahl fiel in dem Augenblick auf die Buchstaben ; klar und fest standen sie auseinandergereiht mit all dem Herzeleid, das sie bargen.
„Meine geliebte, teure Olga!
Als ein Selbstmörder verlasse ich diese Welt. Ich nenne nichts mehr mein eigen — nicht einmal den ehrlichen Namen meiner Väter. Ich vermag nicht weiter zu leben! O, meine Olga, könntest Du in mein Herz sehen, wie es ringt und kämpst und dennoch unterliegt — so würdest Du mir vergeben. Ich bin aus Feigheit zum Betrüger geworden — Gott sei mir Sünder gnädig.
Dein unglücklicher Vater.
Doch sie konnte den ganzen Brief jetzt nicht lesen. In die Knie sank sie vor dem teuren Toten, ihr Haupt neigte sich über seine erkaltete Hand und die Sinne schwanden ihr.
Kein Laut ringsum, noch wars im Hause still und auf der Straße. Da schlug die Kontorstunde und leise ward an die Tür gepocht; dann öffnete der alte Hausmann geräuschlos — und blieb entsetzt stehen.
Und dann drängten die Kontorbeamten herein, fremde neugierige Menschen; ein Arzt trug Olga in ihr Schlafzimmer gerade als die GerichtSbeamten erschienen, um den Tatbestand cmfzunehmcn. Mitleidige Hände falteten den Abschiedsbrief an die unglückliche Tochter zusammen, damit kein fremdes Auge die letzten Zeilen des Toten lesen solle. Die stille Villa ward heute nicht leer von fremden Menschen, seit das Unglück über die Schwelle geschritten.
An Olgas Bett saß die Majorin Lcutmann und legte gütig besorgt Eiskompressen aus das sieberglühende Haupt.
Bezirk V:
Ausbach, Bengendors, Gethsemane, Harnrode, Heimboldshausen, Herfa, Heringen, Leimbach, Lengers, PhilippS- tal mit Hof Thalhausen, Ransbach, RöhrigShöse mit Nippe, Unterneurode, Widderhausen, Wölfershaufen.
Ich ersuche solches durch Veröffentlichung im Kreisblatt gefälligst zur Kenntnis der Interessenten der Hessischen Brand- versicherungs-Anstalt zu bringen.
Der Direktor der Hessischen Brandversicherungs-Anstalt. Dr. Knorz.
Hersseld, den 16. März 1907.
Wird veröffentlicht.
1. 2546. Der Königliche Landrat
v. G r u n e l i u s.
nichtamtlicher
Reichstag.
Der Reichstag genehmigte am Montag in dritter Lesung die Vorlage über die Berufs- und Betriebszählung im Reiche, wobei der in zweiter Lesung gestrichene Kommissionsbeschluß, daß auch das Religionsbekenntnis in die Erhebung ausgenommen werden solle, wieder hergestellt wurde. Die übrige Sitzung wurde durch die zweite Beratung des Notstandsgesetzes ausgefüllt. Dieselbe nahm im allgemeinen einen glatten und raschen Verlauf; die zur Erörterung stehenden Positionen gelangten fast durchgängig nach den Beschlüssen der Budgetkommission zur Annahme. Ziemlich eingehend beschäftigte sich daS Haus mit der Einstellung besonderer Mittel in das NoretatSgesetz als Teurungszulagen für die Dostumerbeamten. Die Kommission beantragte in einer Rc,olunon eine wesentliche Erhöhung Dieser Teuerungszulage gegenüber den RegierungSvorschlägen, sowie eine Berücksichtigung auch der mittleren Postbeamten mit einem Gehalt bis 4200 Mk., außerdem lag ein Zentrumkantrag vor, der ebenfalls auf Erhöhung der einmaligen Teuerungszulagen zielte. Gegen letzteren wandte sich Reichsfchatzfekretär v. Stengel energisch, betonend, daß der Antrag des Zentrums einen Mehrbedarf von 20 Millionen Mk. erfordern und hierdurch die mühselige Balancierung des gegenwärtigen Reichsetats wieder in Frage stellen würde; dafür erklärte Herr v. Stengel seine Zustimmung zu der erwähnten Kommissionsresolution. Dieselbe wurde dann auch angenommen, nachdem das Zentrum seinen Antrag zurückgezogen hatte. Das Notetatsgesetz fand schließlich in allen seinen Teilen Erledigung.
Die Wahlprüfungskommission des Reichstages beschäftigte sich in ihrer heutigen Sitzung ausschließlich mit der Prüfung der Wahl des Abg. Schock (wirtsch. Vgg.), der in Eisenach in der Stichwahl mit knapper Not über den Sozialdemokraten Leber siegte. Die Wahl ist von sozialdemokratischer Seite an« gefochten worden, weil mehrere Bürgermeister und Beamten den Wahlausruf für Schack mit ihrem Namen und ihrer Amtsbezeichnung unterschrieben haben. Die Kommission machte heute einen Unterschied zwischen der Unterschrift eines Beamten mit Polizeigewalt und ohne solche. Im ersteren Falle kam sie zu dem Schluß, daß die Umerschrift eines Beamten mit polizeilicher Gewalt für einen Kandidaten genüge, um alle aus ihn in diesem Bezirk entfallenden Stimmen für ungültig zu erklären. Das tat die Kommission auch und erklärte die 199 auf Schack in zwei Bezirken entfaliciien Stimmen, in denen zwei Bürgermeister Wahlaufrufe für Schack unterschrieben hatten, für un= gültig. Dagegen konnte die Kommission lediglich in der Unter-
Im Arbeitszimmer Linstows aber brannte bis spät in die Nacht Licht. Kopfschüttelnd saß der treue, alte Buchhalter über den Büchern feines Herrn — denn sie stimmten nicht. Immer dasselbe fürchterliche Resultat. Seufzend nahm er noch ein anderes Kontobuch zur Hand, schlug es aus und begann eifrig zu rechnen. Grell beleuchtete die Lampe die spärlichen, weißen Haare des Alte», seine gefurchten, welken Züge, dann stöhnte er tief auf, polternd sank das Buch zu Boden und eine Träne rann über feine Wange. „Allmächtiger Himmel, vergieb ihm, er war ein Betrüger ohne Ehre und Gewissen," stammelte er ganz fassungslos ; ihm war, als habe er einen Schlag vor die Stirn bekommen, denn sein Herr hatte ihm stets als ein Vorbild an Ehre und Gewissenhaftigkeit gegolten.--— —
Und wieder vergingen Tage und Wochen mit all dem unabwendbaren Leid für Olga.
Herrn LinstowS elegante Villa wurde, wie sie war, an eine reiche russische Familie verkauft; aus den Erlös legten die Gläubiger Beschlag und für das arme Mädchen blieb nichts übrig. ' Mit Tränen heißer Dankbarkeit war sie auf Frau Leul- manns Vorschlag eingegangen, als Gesellschafterin bei derselben zu bleiben; es erschien ihr wie eine Fügung vom Himmel. Der Sohn der Majorin Seutmann weilte mit seinem Schiffe im fernen Japan und die alte Dame liebte das schöne Mädchen, deren Mutter sie einst gekannt, wie eine eigene Tochter.
Da traf noch ein schwerer Schlag die arme Olga. Sie erhielt einen eleganten Brief der mit „Frau von Manin, geb. Vieregge" unterzeichnet war und in welchem sie aufgeforbat wurde, eine Hypothek auszuzahlen, die auf den Namen des Generals von Martin für die Villa eingetragen war.