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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 34.
Dienstag, den 19. März
1907
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Amtlicher teil.
Der Kreis-Assistenzarzt Dr. Malens in Hünseld, welcher zur Zeit mit der Versetzung der Geschäfte des erkrankten Königlichen Kreisarztes, Medicinalrats Dr. Victor hier, beauftragt ist, ist
Mittwoch, den 20. d. Mts.
im Sitzungszimmer des hiesigen Landratsamtes von UV2 Uhr ab in dienstlichen Angelegenheiten zu sprechen. Hersseld, den 18. März 1907.
Der Königliche Landrat.
I. V.:
T h a m e r.
Bekanntmachung.
Die erste Aufnahme-Prüfung für das Königliche evangelische Volksschullehrerinnenseminar in Rotenburg ist auf den 9. April d. Js. (schriftliche Prüfung) und auf den 10. desselben Monats (mündliche Prüfung) angesetzt.
Bewerberinnen, welche sich der Prüfung unterziehen wollen, haben sich alsbald unter Beifügung:
a. eines Geburtsscheines,
b. eines Impfscheines, eines Wiederimpfscheines und eines Gesundheitsattestes, ausgestellt von einem zur Führung eines Dienstsiegels berechtigten Arzte.
c. Für diejenigen Bewerberinnen, welche unmittelbar von einer anderen Lehranstalt kommen, eines Führungsattestes von dem Vorstand derselben, für die anderen eines amtlichen Attestes über ihre Unbescholtenheit, sowie eines Zeugnisses über Schulbildung oder sonstige Vorbildung.
d. Der Erklärung des Vaters oder an dessen Stelle des Nächstverpflichteten, daß er die Mittel zum Unterhalt der Aspirantin während der Dauer ihres Seminar-Kursus gewähren werde, mit der Bescheinigung der Ortsbehörde, daß er über die dazu nötigen Mittel verfüge, bei uns zu melden.
Cassel, den 8. März 1907. S. 3490. Königliches Provinzial-Schulkollegium.
gez. P a e h l e r.
nichtamtlicher teil.
Reichstag.
Im Reichstage gab es am Freitag und Sonnabend eine wahlpolitische Debatte, zu welcher die Interpellation der Sozi- aldemokraten wegen angeblicher ungesetzlicher Wahlbeeinflussungen seitens verschiedener Reichsbehörden und weiter seitens des Flottenvereins bei den jüngsten Reichstagswahlen sührte. Obwohl
Crugglück.
Erzählung von Helene V 0 i g t.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Beklommen griff Margot nach dem Brief. Wie Feuer brannten die eng beschriebenen Blätter in ihrer Hand. „Ah, von Vetter Hasso," meinte sie nachlässig."
„So! Von dem interessanten japanischen Kapitän. Ah, vielleicht steckt ein schöner, weicher Seidenschal in dem Kuvert."
Doch Margvts Fingerspitzen hatten schon prüfend gefühlt, ihre roten Lippen kräuselten sich unmutig und enttäuscht.
Er hatte ihrer Tag und Nacht gedacht in heißer, sehnsüchtiger Liebe, jede andere Braut würde aufgejubelt haben in stolzem Glück und zärtlicher Hingabe, ober dies Mädchen empfand schon heute solch ernste Männcrliebe als schleppende Fessel.
„Na, Kindchen, ich will nur gehen, damit Du Deinen Biies lesen kannst," neckte Lilli, „aber warte nur, dem Onkel erzähle ich es doch."
Langsam erbrach Margot das Siegel.
„Meine heißgeliebte, teuere Undine!"
„Wie ein Alp lag's auf ihrer Seele, als sie diese Worte las. Noch tönten sie in ihr Ohr, von einer anderen Stimme geflüstert — und nun mahnte sie dieser Brief, daß draußen in der Fremde Hasso Leutmanu bereits Anrechte an sie hatte, daß die goldene Freiheit vorüber sei, und sie eine klirrende Kette mit sich schleppe, die bei jeder Bewegung schmerze.
Der Brief sank zu Boden, stöhnend barg sie das Antlitz in den Händen und dicke Tränen raunen über ihre Wangen.
Da der General mit seiner Begleitung wieder fort mußte, war als Abschiedösest eine größere Gesellschaft eingeladen worden. Lilli strahlte vor reinem Glück und mädchenhaftem Entzücken; Leutnant Höscrt, der Adjutant ihres Onkels, hatte sie gefragt, ob er nach beendeter Dienstreise „mit Papa" reden dürfe und sie hatte errötend und mit strahlendem Blicke ein „Ja" genickt. Nun gingen sie umher wie zwei glückliche Kinder, die sich kaum anzusehen wagten und doch außer sich selbst auf der Welt
Staatssekretär Graf Posadowsky erklärte, der Reichskanzler lehne eine Beantwortung der Interpellation im Hinblick aus seine im Reichstage am 25. und 26. Februar abgegebenen Erklärungen ab, trat das Haus doch in eine Besprechung der Interpellation ein. Erster Redner hierzu war der Sozialdemokrat Fischer, in leidenschaftlicher Weise griff er den Reichskanzler, die Re'ichs- ämter, den Kolonialdirektor Dernburg, den Flottenverein und dessen Geschäftsführer, Generalmajor Keim, wegen angeblicher unstatthafter Wahlagitation an, sprach von den tollsten Wahlbeeinflussungen, von politischer Korruption, von Verwendung amtlicher Gelder für Wahlzwecke, und fuhr dann in besonders gehässiger Weise über den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie und dessen Vorsitzenden, den Generalmajor und jetzigen Abgeordneten v. Siebert her. Seine beleidigenden persönlichen Ausfälle gegen den letzteren trugen dem sozialde- mokratischeu Redner einen Ordnungsruf vom Präsidententische ein, auch wegen eines beleidigenden Ausdruckes über den Chef der Reichskanzlei v. Loebell holte sich Fischer einen Ordnungs- rns. Der nachfolgende Redner, der Zentrumsabgeordnete Dr. Schädler, beschwerte sich ebenfalls über amtliche Wahlbeeinflussungen, wenngleich in weit maßvollerer Form, als der Vorredner. Den Beschwerden der beiden Redner traten von der Rechten die Abgeordneten Kreth und von v. Liebert entgegen, namentlich letzterer verteidigte in temperamentvoller Weise die ausklärende Anteilnahme der Regierung an der Wahlagitation und besonders auch des Reichsverbandes. Dazwischen rechtfertigte v Liebert seine von sozialdemokratischer Seite angegriffene Tätigkeit in Deutsch-Ostasrika. Als letzter Redner vom Tage sprach der Pole BrejSki, er trug polnische Wahlbeschwerden vor.
Der Reichstag beschloß am Sonnabend das Gesetz, betreffend Maßnahmen gegen den Rückgang der Maischbottichsteuer, einer Kommission zu überweisen, die zweite Beratung des Gesetzes, betreffend die Bemessung des Kontingentfußes für landwirtschaftliche Brennereien, gleich im Plenum vorzunehmen. Die Debatte, die dies Ergebnis zeitigte, bewegte sich in sehr ruhigen Bahnen; es wurde so sachlich nach allen diskutiert, als hätte es niemals erbitterte Kämpfe um die „Liebesgaben" gegeben.
gnglüiiiiS Bkstredmgcil nach einem Aus- gleiche der astalischen Gegensätzc.
Wenn man den jüngsten Kundgebungen des englischen Ministerpräsidenten Campell - Bannerman vollen Glauben schenken darf, und wenn man die diplomatische Arbeit Englands auf dem Gebiete der internationalen Gegensätze als durchaus friedlichen Zielen zugewandt ansehen will, so gehen die Bestrebungen Englands vor allen Dingen darauf hinaus, die schweren Gegensätze zu beseitigen, welche in Asien zwischen England und Rußland einerseits und Rußland und Japan andererseits bestehen. Zieht man in Betracht, daß England wie keine andere Großmacht in fünf Erdteilen gewaltige Ge
nichts sahen oder hörten. Dem Vater war die Sache kein Geheimnis, doch er hatte nichts dagegen, denn er wußte, daß sein Kind eine gute Wahl getroffen hatte und mit dem braven, jungen Manne wohl glücklich werden würde.
Viel mehr beunruhigte ihn sein Bruder, der aus seiner Leidenschaft für Fräulein Viercgge gar kein Geheimnis machte. Der alte Mann und das junge schöne Mädchen. Welch eine Torheit.
Und dennoch schien der General ernstlich an eine Werbung zu denken.
Er war reich, Margot besaß kein Vermögen, dafür aber Weltklugheit genug, die ihr den alten Freier annehmbar erscheinen ließ. Der Gutsherr beschloß, seinen Bruder geradezu über seine Absichten zu fragen’.
Nach Tisch gingen die jungen Mädchen in den Garten, er saß rauchend mit dem General auf der Veranda.
„Erich," begann er etwas zögernd, „ich möchte mit Dir ein offenes Wort reden, wie es ja unter Brüdern selbstverständlich ist."
„Na, Moritz, mein Junge, dann schieße nur los, ich bin neugierig, was Du haben willst."
„Nun denn," begann Moritz von Martin ernst, „denkst Du bei Deinen fünsundsechzig Jahren noch ans Heiraten? Ich habe Ursache, dies seit einiger. Tagen zu vermuten."
Das gesunde Gesicht des Generals zeigte einen verlegenen und zugleich unmutigen Zng; er erhob sich ungestüm und schritt die Veranda auf und ab. „Ja mein guter Moritz, ich gehe seit titriern in dieser Sache mit mir zu Rate. Ich bin. wie Du weißt, seit vielen Jahren Witwer und fühle mich oft sehr einsam. Zudem ersordert meine Stellung unbedingt Repräsentation."
„Willst Du deshalb ein junges Mädchen heiraten, das Dich doch sicherlich nicht lieben kann?"
„Undine," zog es durch die Seele des Generals; er wußte nicht, ob Margot ihn liebe, doch selbst dem Bruder mochte er nicht gestehen, wie tief er im Banne jener schimmernden Müdchcn- angen lag.
„Erich," mahnte der Gutsherr nochmals tief ernst, „sei kein Tor! Ucberlege alles noch einmal, ehe Du mit ilji sprichst;
biete zu verteidigen und große wirtschaftliche Interessen zu schützen hat, und daß England gegenüber einer solchen Riescnauj- gabe im Grund genommen doch ungenügende Machtmitel besitzt, so kann man die Notwendigkeit des Bestrebens Englands, gefährliche Gegensätze ohne Krieg zu beseitigen wohl verstehen. Bei der Vorsicht und Klugheit aller Goßmächte wird sich auch nicht wieder so leicht für England die Gelegenheit bieten, die englischen Interessen dadurch am besten zu schützen und zu verteidigen, daß man zwei Gegner, wie vor drei Jahren Rußland und Japan in einen Krieg treiben hilft. Auch die politische Welt ist heutzutage in allen Staaten klüger geworden als es in früheren Zeilen der Fall war, man greift nur noch zum Schwerte, wenn es sich um Daseinsfragen im Leben der Völker und Staaten handelt, und für bloße Eroberungszwecke und ehrgeizige Ziele setzt kein Staat die ungeheuren Opfer eines großen Krieges mehr ein. Lange Jahrzehnte hindurch war nun Englands größte Sorge die Verteidigung JndicnS gegen die wachsende Ausdehnungspolitik Rußlands in Asien. Mit Indien steht und fällt nämlich Englands Weltstellung, da der englische Handel gerade aus Indien die größten Einkünfte für Altengland bezicht und Indien aus die Ausdehnung und Fruchtbarkeit seines Bodens tatsächlich das wertvollste Land von ganz Asien ist. Das in der Ferne drohende Ringen Englands mit Rußland um Indien hat daher den Engländern von jeher immer schwer aus den Nerven gelegen. Diese Sorge ist aber durch die Niederlage Rußlands im Kriege mit Japan und durch die traurigen inneren Zustände Rußlands auf Jahrzehnte hinaus von den Engländern genommen worden, und deshalb zeigt auch England Rußland gegenüber jetzt ein freundliches Gesicht und ist sogar bestrebt, alle Gegensätze, die noch zwischen Rußland und Japan bestehen, in Ostasien zu einem Ausgleiche zu bringen. England verfolgt dabei aber zugleich auch die Aufgabe, in Afghanistan und Tibet, wo sich die englischen und russischen Interessen kreuzen, eine Verständigung mit Rußland herbeizuführen. Lange galt in Afghanistan der Einfluß Rußlands für überwiegend, und selbst Persien betrachtete man früher schon als daS Land, wo Rußland maßgebenden Einfluß ausübe. Die Ereignisse der letzten drei Jahre, die für Rußland in jeder Hinsicht sehr unglücklich und nachteilig waren, und das Geschick und Glück der englischen Diplomatie haben aber in Asien das Blatt ganz und gar zugunsten Englands gewendet. Ganz besonders gilt jetzt der sehr wichtige Staat Afghanistan, der zwischen Indien und den russischen Besitzungen in Mittelasien liegt, als ganz unter dem englischen Einflüsse stehend. Wenn daher jetzt England, wie aus London, Paris, Petersburg und Tokio berichtet wird, seine günstige Stellung in der Weltpolitik und zumal auch in Asien dazu benutzt, um zwischen feinen Interessen und denjenigen Rußlands und Japans einen Ausgleich durch friedliche Vereinbarungen hcrbeiznsühren, so dürfte dieses Bemühen schließlich Erfolg haben, zumal auch Frankreich, welches in Ostasien auch große Interessen zu verteidigen hat, wahrscheinlich die Bemühungen Englands unter-
Dein Glück und das ihre steht auf dem Spiele und die Reue kommt ost zu spät!
Der General lachte gezwungen.
„Lieber Moritz, wozu diese feierliche Miene, diese ernsten Mahnworte? Ich weiß ja noch gar nicht, ob mir altem Knaben noch einmal solches Glück blühen könnte."
Der andere schwieg. Nun wußte er genau, wie die Sache stand, und daß nichts und niemand den General von seinem gefaßten Entschluß abbringen werde.
ES war ein heiterer Abend und die Gäste, in fröhlichster Stimmung, erwarteten das Feuerwerk welches den Schluß bilden sollte. Leutnant Hösert und Lilli taten, als gingen sie einander nichts an, doch mißlangen diese ehrlichen Versuche, denn ihre leuchtenden Blicke, ihr srohcs gehobenes Wesen mußte jedem der Anwesenden auffallen.
Herr von Martin freute sich heimlich über die Wahl seines Lieblings; Hösert war brav, tüchtig und bei all seinen Kameraden beliebt.
Die Wolke auf der Stirn des Hausherrn galt dem General. Und in der Tat, Margot war heute abend bezaubernd schön — gefährlich! Weicher, mattgrüner Stoff umfloß ihre schlanke, anmutige Figur, Wasserrosen schmückten Haar und Brust. Bei ihrem Eintritt hatte ein halblautes Wort des Generals ihr Ohr erreicht: „Undine." Und ebenso schnell, ebenso leise klang ihre Antwort: „Wehe Dir, Sterblicher! Undine straft, wenn sie zürnt." Noch wollte sie sein entscheidendes Wort hinhalten, müßte nur tändeln und spielen mit dem hochgestellten Be- munberer — dann reifte sie heim und das Uebrige fand sich von selbst, mußte sich finden. Hasso war ja noch immer fern Sollte sie deshalb ihre schönsten Mädchenjahre vertrauern?
Der Abend war weich unb lind. Leise tönten lockende Musikklänge von drüben herüber, ab und zu stieg zischend eine goldene Rakete zum dunklen Nachthimmel auf; träumend stand Margot am Rande des Sees, der den Park abgrenzte. Ihre Blicke tauchten in den reglos liegenden Wasserspiegel, ihre Gedanken flogen der Zukunft entgegen — der glänzenden, über Nacht herausgestiegenen Zukunft. ,
„Holde Undine, ich habe Sie schon lange gemalt.
Ein leises Mißbehagen durchrieselte sie, dann jedoch lächelte