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Herchlder Armblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 30* Sonnabend, den 9. März 1907^
Mtlicher teil.
Hersseld, den 6. März 1907.
Die Herren Minister des Innern und für Handel und Gewerbe, haben unter dem22. Septembern. I. und dem 3. v. Mts. je eine Polizeiverordnung zur Abänderung der Polizeiverordnung vom 23. Dezember 1893, betreffend die Versendung von Sprengstoffen und Munitionsgegenständen der Militär- unb Marineverwaltung auf Land- und Wasserwegen (Sprcng- stoffversendungsvorschrift) erlassen.
Die Verordnungen kommen in einer der nächsten Nummern des Regierungs-Amtsblattes zum Abdruck.
Die Polizei-Verordnung vom 23. Dezember 1893 ist im Regierungs-Amtsblatt Nr. 4 vom 24. Januar 1894 (Seite 13/14) veröffentlicht worden.
1. 2104. Der Königliche Landrat. ' S- V.
Thamer.
Hersfeld, den 7. März 1907.
Die Herren Bürgermeister des Kreises, welche meine Verfügung vom 5. Juli 1882, 1. 8773, Kreisblatt No. 53, betreffend Bericht über die stattgcfundene Aufstellung des Verzeichnisses über die Pflichtfeuerwehr, bis jetzt noch nicht erledigt haben, werden hierdurch nochmals erinnert.
Ich sehe der Erledigung derselben nunmehr innerhalb 3 Tagen bestimmt entgegen.
1. 1873. Der Königliche Landrat.
I. V.:
T h a m e r.
Hersseld, den 6. März 1907.
Die Herren Ortsvorstände des Kreises ersuche ich, soweit es nicht bereits geschehen ist, dafür zu sorgen, daß die Flutgräben im Anschluß an die Landstraßen- und Landwege-Ka- näle alsbald aufgeräumt bezw. gründlich gereinigt werden. 1. 2092. Der Königliche Landrat.
I. B. T h a m e r.
Hersseld, den 6. März, 1907.
Die unter den Schweinen des Gutsbesitzers Frank zu Meisebach ausgebrochene Schweineseuche ist erloschen. I. 2110. Der Königliche Landrat.
I. V.
T h a m e r.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Nach achttägigem heißen Redekampse ist im R e i ch s t a g e nunmehr endlich die erste Lesung des Etats zum Abschlüsse gelangt. Von einer Etatsberatung im eigentlichen Sinne des Wortes war säum die Rede, da nur wenige Redner — und selbst diese äußerst flüchtig — sich mit einer Beleuchtung und Beurteilung der einzelnen Etatspositionen und Etatsmittel ab« gaben. Vielmehr wurden die gesammten Debatten fast ausschließlich von Rückblicken auf den Wahlkampf beherrscht. Daß infolgedessen das Parteigezänk einen sehr breiten Raum einnahm und die größeren politischen Gesichtspunkte vielfach überwucherte, muß leider zugegeben werden. Es will uns scheinen, als sei demgegenüber die Mahnung durchaus ange- bracht, die der neugewählte Reichstagsabgeordnete Breslau- Ost, Fürst Hatzseld-Trachenberg, mit den Worten aussprach: „Ich glaube nicht, daß das Volk ein großes Interesse daran hat, zu hören, wie hier im Reichstage die verschiedenen Parteien in stundenlangen Reden sich gegenseitig ihre Fehler während der Wahlzeit vorhalten. Das deutsche Volk will fruchtbringende, produktive Arbeit, und je mehr wir produktive Arbeit leisten, desto mehr wird daS Ansehen deS Reichstages wachsen, und desto mehr wird seine Autorität auch den verbündeten Regierungen gegenüber gestärkt werden." Das dürfte in der Tat den weitesten Kreisen unseres Volkes aus dem Herzen gesprochen sein.
In Oesterreich-Ungarn steht die bedeutungsvolle Frage des wirtschaftlichen Ausgleiches wieder aus der Tagesordnung. Leider sind die Ausfichten für ein befriedigendes Zustandekommen desselben augenblicklich keine besonders günstigen. So hat sich jüngst der ungarische Handelsminister Kossuth in einer Weise ausgesprochen, die zweifelsohne den guten Willen zur Einigung vermissen läßt. Dazu kommt, daß man in Oesterreich nur einem langfristigen Ausgleich ab« schließen will, während aus ungar scher Seite die Ueberzeugung herrschend ist, daß der langfristige Ausgleich zu verwerfen und höchstens ein Abkommen für die Geltungsdauer der Handelsverträge, also bis 1917, abznschließen sei. Bei so stark auseinander strebenden Wünschen und Forderungen hält eS schwer, an einen positiven Erfolg der Ausgleichsverhandlungen zu glauben. Im Interesse der Aufrechterhaltung der Groß
machtstellung Oesterreich-Ungarns aber wäre ein solcher Erfolg dringend zu wünschen; denn mit der wirtschaftlichen Gemeinsamkeit würde unbedingt eine der Hauptstützen der österreichischungarischen Gesammtmonarchie zusammenbrechen.
In Rußland hat die Eröffnung der neuen Duma stattgefunden. Von den bisher Gewählten 493 Abgeordneten gehören allerdings nach vorläufiger Schätzung, die noch starke Korrekturen erfahren dürste, 311 der opositionellen Linken an. Die stärkste Fraktion der Linken bilden in der zweiten Duma wieder die sogenannten „Kadetten", die denn auch aus ihrer Mitte den Präsidenten gestellt haben. Ob sich das neue russische Parlament bei dieser Zusammensetzung arbeitsfähig erweisen oder von vornherein wieder einem unfruchtbaren radikalen Doktrinarismus anheimfallen wird, bleibt abzuwarten. Die bereits erfolgte Ankündigung so unerfüllbarerForderungen, wie des allgemeinen Wahlrechtes, und der Ministerverantwortlichkeit, verheißt nicht gerade viel Gutes. Jedenfalls ist heut die Position der Regierung bedeutend stärker als zur Zeit der Einberufung der ersten Duma; denn trotz aller Anstrengungen ist es den aufrührerischen Elementen nicht gelungen, die Armee zu revolutionieren. Die Möglichkeit eines Sieges der Revolution läge nur dann vor, wenn der Zar nicht fest bliebe, und den um die Geschicke Rußlands hochverdienten Ministerpräsidenten Stolypin dem Radikalismus opferte. Daran aber ist hoffentlich wohl nicht zu denken.
Als ein bezeichnendes und zugleich erfreuliches Ereignis darf der Ausfall der Londoner Grasschaftswahlen betrachtet werden. Seit dem Bestände "des Grafschaftsrates haben daselbst die sogenannten Progressisten geherrscht, d. h. Leute, die sozialistischen Anschauungen huldigen und stark mit ausgesprochenen sozialdemokratischen Elementen durchgesetzt sind. Die diesmaligen Grafschaftswahlen haben nun einen vollständigen Umschwung der Verhältnisse herbeigeführt, indem sie mit einer vernichtenden Niederlage der Progressisten und einem glänzenden Siege der Konservativen endeten. Es ist dies die Quittung der Wähler über die sozialistische Mißwirtschaft in London, die sich bekanntlich überall hört einstellt, wo die Herren Genossen Macht und Gelegenheit haben, dem Publikum schon in der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung einen Vorgeschmack des sozialistischen Zukunsts- staates zu liefern.
Kin Feß siirs ganje Volk.
Keine Jahrhundertfeier hat mehr Anspruch darauf, mit vollem inneren Anteil vom ganzen evangelischen Deutschland begangen zu werden als der dreihundertste Geburtstag unseres P a rel Gerhardt am diesjährigen 12. März. Berühren sonst Gedenktage leicht nur einzelne Stände oder Jnlercsscn- kreise, verblassen politische Gedenktage rasch im Laufe der alles umwandelnden Zeit: hier ist ein frohes Ereignis, das zum Herzen des ganzen evangelischen Volkes spricht, und dessen Bedeutung drei Jahrhunderte nicht haben abschwächen können. Ist es, wie Jakob Grimm urteilt, der einzelne Dichter, in dem die volle Natur seines Volkes sich verkörpert, als dessen Genius ihn die Nachwelt anschaut, so gilt das von dem größten evangelischen Kirchenliederdichter noch ganz besonders. Deutsche Gemütstiese, deutscher Glaubensmut, innige Liebe zu dem Herrn und Erlöser, kindlich dankbare Freude au Gott und seinen Werken, unerschütterliches Gottvertranen im Kreuz, sieghafte Hoffnung, wcltübcrwiudendes Himmelsheimweh: der ganze Reichtum deS deutschen, durch christliche Lebensmacht verklärten Gemüts spiegelt sich in der Fülle seiner heiligen Lieder ab. Aber noch aus einem anderen Grunde steht er dem Herzen des ganzen Volkes so nahe. Die evangelische Kirche hat den Rum, die Kirche des lauteren Gotteswortes zu sein. Wäre sie es nicht, wir hätten keinen Paul Gerhardt. Aber lieber noch schöpft ein großer Teil unseres evangelischen Volks aus den Büchern als aus der Quelle selbst. Wie manches in der hl. Schrift nach Sprachform, Gleichnis, Anschauungswelt deutsche Christen deS 20. Jahrhunderts schwierig und fremd anmuten mag: in den Liedern eines Gerhardt ist ihm die hl. Wahrheit in der vertrautesten Form geboten, schlicht volkstümlich unb zugleich formvollendet, noch echt kirchlich und doch den ganzen Reichtum des persönlichen ChristenlebenS wieder- spicgelnd. Hier erkennt der deutsche Volksgeist sich selbst wieder, hier schlägt ihm im wärmsten Ton das eigene Herz entgegen. Deutsche Form und Weise vereinigt mit vollem biblischen Gehalt und evangelische Reinheit, so daß der klare Bach immer wieder hinausweist und zurückführt zum lauteren Urquell. Darum hat unser evangelisches Volk seinen Paul Gerhardt so lieb, zumal das große Heer der Kreuzträger, dem er, der Sohn der schwersten Zeit, die unser Volk je durchgemacht, recht aus der Seele gedichtet und, selber vielgeprüft, reicher Trost in die müde Seele gesungen hat. Ja über die evangelische Kirche hinaus haben sich Unzählige in drei Jahrhunderten Herzens - sreude- und Friede, gläubige Ergebung, christlichen Lebensmut bei ihm geholt und ihre matte Ewigkeitshoffnung an seiner heiligen Glut gestärkt. Und die Ewigkeit wird es offenbar machen, wie groß die Gemeinde derer war, die mit Gerhardts Amtsnachfolger, dem Probst VonDlittenwalbe, gern und innig bekannten:
Mit Liebe hängt mein Herz dir an, so lang eS schlägt, du teurer Mann!
O reich' einst freundlich mir die Hand dort in der Liebe Vaterland!
Sie foolnfion und ks Parteinchn in Rutzlack
Sowohl gegenüber einem vernünftigen politischen Reformplane als auch gegenüber der Ausgabe einer großen politischen Revolution zeigt sich das russische Parteiwesen so unfähig, so bunt zusammengewürfelt und so zersplittert wie nur möglich. In der neugewählten Duma befinden sich nicht weniger als 27 Parteien und Fraktiönchen, und zwar ist in der russischen Volksvertretung alles vertreten, was in der aufgeregten Zeit in Rußland nur irgendwie sich einbildet, dem Staate als Retter und Helfer zur Seite stehen zu können. Von der schwarzen Reaktionspartei, die in Rußland jeden Reformer oder Revolutionär sofort am hellen Tage an die Laternen aushängcn oder mit dem Knüppel totschlagen möchte, mit allen anderen konservativen und liberalen Parteischattierungen bis hinüber zu den Erzradikalen, aus der äußeren linken Seite, welche noch jeden Tag die Revolution machen möchte, ist in der russischen Duma alles vertreten. Aber alle Unruhen und Revolutions- ausbrüche in Rußland, wie auch das Gebühren und die Auflösung der ersten Duma haben doch gezeigt, daß die Regierung des Zaren, wenn auch schwach gegenüber einer großen Resorm- arbeit, doch im Inneren des großen russischen Reiche? noch stark genug ist, um die Herrschaft der Parteien und die Revolution niederzuhalten. Die ganze Art des bunten russischen Parteiwesens verhindert daher auch schon vollständig den Aus- , bruch einer allgemeinen großen Revolution in Rußland, denn im russischen Reiche ist nicht wie zur Zeit der großen französischen Revolution in der französischen VolkSverttetung eine starke Mehrheit der radikalen Parteien vorhanden. Die rabi» kalen Parteien Rußlands haben wohl durch die letzten Wahlen für die Duma eine Verstärkung erfahren, sie zählen aber kaum den fünften Teil der Abgeordneten in der Duma, und da ist eS natürlicherweise mit den Aussichten der Radikalen auf eine große Revolution und den Sturz des Zartums vorbei. Der Erhaltung des Regims des Zaren kommt auch zu gunften, daß das gesammte ruffische Parteiwesen in Bezug auf politische und parlamentarische Schulung noch ganz und gar in den Kinderschuhen steckt, und außerdem an Stelle eines ruhigen und klaren politischen Willens bei den russischen Volksvertretern vielfach finsterer Fanatismus und wilde politische Leidenschaften zu finden sind. Die Aufgabe der russischen Regierung ist es daher, aus dem ungeschlachten Parteiwesen in der Duma eine halbwegs brauchbare politische Gruppierung zu machen oder doch zu begünstigen, damit die russische VolkSverttetung nicht nur redet und schreit und lärmt, sondern auch zu politischen Taten und zu brauchbaren Reformgesetzen als Mitivirkerin befähigt erscheint. Sehr zu bedauern ist es, daß in der noch immer sehr bedenklichen Lage Rußlands die Partei der Kadetten in den Neuwahlen für die Duma viele Abgeordnete verloren hat, denn diese russische Fortschrittspartei galt als diejenige, welche die besähigsten politischen Männer Rußlands zu ihren Anhängern zählt. Eine schwache Hoffnung, daß diese Partei bei der Gestaltung der politischen Dinge in Rußland großen Einfluß üben kaun, besteht nur darin, daß der Präsident der Duma, Golowiu, ein Führer der Kadettenpartei ist, und sich sowohl in der Duma als auch bei der russischen Regierung großen Ansehens erfreut. Es sitzen aber soviel Reaktionäre in der Duma, daß es die russische Regierung in der Hand hat, eine reaktionäre Regierung zu treiben und daS Ministerium Stolypin gibt solchen Befürchtungen Raum, denn Stolypin und seine Kollegen im Ministerium sind liberalen Reformen für Rußland nicht gerade zugeneigt. Es ist aber auch möglich, daß die russische Regierung daS reaftionäre Fahrwasser, in welchem sie so viele Niederlagen für sich und das Land erlebt hat, verläßt, und eine Anzahl der notwendigsten Reformen für Rußland begünstigt, weil dadurch auch der noch vorhandenen revolutionären Neigung im russischen Volke der Boden entzogen wird.
Abgeordnetenhaus.
Am Mittwoch wurde der Eisenbahnetat beraten. Eifen- bahmninistcr Breitenbach leitete die Verhandlungen mit einer großzügigen Rede ein, in der er mitteille, daß der Ueberschuß der Eisenbahnen in diesem Jahre schon 700 Millionen Mark betragen werde, und erklärte, daß er sozialpolitisch dieselben Wege wie sein Vorgänger v. Budde gehen werde. Abg. Quast (kons.) warnte in einer zu schnellen Einführung deS elekttuchen Betriebs, Abg. Macco (natl.) fordert dringend einen schnellerm Ausbau deS Eifenbahnuetzes. Zum Schlüsse verteidigte Minister Breitenbach dem Abg. Grabski (Pole) gegenüber das Verbot, daß die Eisenbahnangestellten dem polnischen Sttazvercin nicht beitteten dürften.
Am Donnerstag wurde die allgemeine Besprechung des Eisenbahn-Etats fortgesetzt. Abg. Walleuborn (Zentt.) sprach