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hersselder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

> *Fernsprech-Änschlutz Nr. 8

Nv. 28. Dienstag, den 3. März 1907*

Amtlicher teil.

Bekanntmachung.

Die Zinsscheine Reihe III Nr. 1 bis 20 zu den Schuld­verschreibungen der preußischen konsolidierten 3Vs prozentigen Staatsanleihe von 1887/88 über die Zinsen für die Zeit vom 1. April 1907 bis 31. März 1917 nebst den Erneuerungs­scheinen für die folgende Reihe werden vom 1. März 1907 ab von der Kontrolle der Staatspapiere in Berlin SW. 68, Oranienstraße 92/94, werktäglich von 9 Uhr Vormittags bis 1 Uhr Nachmittags, mit Ausnahme der drei letzten Ge­schäftslage jedes Monats ausgereicht werden.

Die Zinsscheine sind entweder bei der Kontrolle der Staats­papiere am Schalter in Empfang zu nehmen oder durch die Regierungs-Hauptkassen sowie in Frankfurt a/M. durch die Kreiskasse zu beziehen. Formulare zu den Verzeichnissen, mit welchen die zur Abhebung der neuen Reihe berechtigenden Erneuernngsscheine (Anweisungen) einzuliefern sind, werden von den vorbezeichneten Ausreichungsstellen, dem Postamt 1 in Hamburg sowie von den in den Amtsblättern von den Königlichen Regierungen zn bezeichnenden sonstigen Kassen unentgeltlich abgegeben.

Der Einreichung der Schuldverschreibungen bedarf es zur Erlangung der neuen Zinsscheine nur dann, wenn die Er- neuerungsscheiue abhanden gekommen sind, in diesem Falle sind die Schuldverschreibungen an die Kontrolle der Staats­papiere oder an eine der genannten Provinzialkassen mittels besonderer Eingabe einzureichen. 1. 293

Berlin, den 13. Februar 1907.

Hauptverwaltung der Staatsschulden, v. B i t t e r.

* *

*

Die vorstehende Bekanntmachung wird hierdurch mit dem Bemerken veröffentlicht, daß die erforderlichen Formulare von der hiesigen Regierungs-Hauptkasse und den Kreiskassen des Bezirks verabreicht werden. K. 243.

Cassel, den 21. Februar 1907.

Königliche Regierung. Schenk.

nichtamtlicher teil.

Reichstag.

Der Reichstag erörterte am Freitag in Fortsetzung der allgemeinen Etatsdebatte wiederum das Thema der jüngsten Reichstagswahlen auss eingehendste. Gleich der erste Redner des Hauses, Abg. Fürst Hatzfeld (Reichsp.) warf einen Rück­blick aus die Wahlen und rühmte das hierbei bekundete Zu­sammengehen der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemo- kralie. Abg. Dr. Semler (nat. lib.) ging dann näher auf den Reichstagswahlkampf ein, hierbei besonders gegen die Zen- trnmspartei polemisierend, der er vorwarf, mindestens ein

BerzensmäcK

Novelle von Karl Western.

(Nachdruck verboten.)

Die Familie des Staatsanwalts Konradi wurde schon früh ­zeitig von schwerem Unglück heimgcsncht. Der hoch begabte Staatsanwalt Konradi, der beste Aussicht hatte, eine gute Laufbahn bis zum Gerichtspräsidenten zu machen, war im Älter von kaum neununddreißig Jahren an einer Lungenentzündung nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben, und Frau Staats- anwalt Konradi stand nun als Witwe mit zwei unversorgten Kindern, dem zwölfjährigen Robert und der zweijährigen Ottilie unb mit geringen Mitteln allein in der Welt da, denn die Eltern und nächsten Seitenverwandten Konradi's waren ver­storben, unb die Witwe war nur auf die schmale Pension und ein ganz kleines Vermögen angewiesen. Da enstauden schwere und bittere Zeiten für Frau Konradi. Aus das Leben und die Vergnügungen in der großen Welt mußte sie ganz ver­zichten. Aber alles, was in der braven Frau an Lebensmut, Seclenkrast und Energie vorhanden war, das widmete sie in treuer, opferfreudiger Liebe ihren beiden Kindern, denn mehr als eine gute Erziehung konnte sie ihnen nicht geben. Auch mußte die Ausbildung ihrer beiden Kinder auf praktische Ziele gerichtet werden, damit sie sobald als möglich aus eignen Füßen stehen und sich ernähren konnten. Robert besuchte deshalb später die Realschule und wurde Kaufmann, ging aber schon in jungen Jahren nach Amerika, um dort sein Glück zu machen, und um vielleicht die Mutter und Schwester bald unterstützen zu können, denn Mangel und Not halten sich nur zu bald in Frau Konradis kleinem Haushalte bei den wachsenden Kosten für die Kinder eingestellt, unb in Roberts Seele war sehr frühzeitig der Entschluß gereist, dieser Not zu steuern.

Die Tochter Ottilie hatte Frau Konradi auf die höhere Töchterschule, welche für die begabtesten Schülerinnen der Ober klaffe noch mit einem Lehrerinnen-Seminar verbunden war, geschickt, und Ottilie machte dort glänzende Fortschritte. Aber fast noch größere Fortschritte machte die Not unb der Geld Mangel in Frau Konradi's Haushalt, sodaß sie schließlich nicht

Dutzend Wahlkreise ohne jedes Bedenken der Sozialdemokratie ausgeliefert zu haben. Abg. Singer (soz) gab die Wahlnieder­lage seiner Partei unumwunden zu, aber er versicherte, die So- zialdcmokratie sei trotzdem voll Kampfeslust geblieben und werde die erlittene Schlappe bei den nächsten Wahlen sicher wieder wett machen. Weiter suchte Singer die Haltung seiner Fraktion bei den Debatten des Reichstages über die sozialpolitischen Gesetze zu rechtfertigen. Der Staatssekretär des Innern Graf Posadowsky griff mit zollpolitischen Bemerkungen in die Dis­kussion ein; im weiteren Verlaufe der Sitzung sprachen noch die Abgeordneten Winkler (fonf.), Eickhoff (fr. Volksp.), Hil­pert (bayr. Bauernbund) und v. Liebert (Reichsp), welche Redner sich sämtlich ebenfalls über die Wahlen verbreiteten

Im Reichstage scheint sich die Generaldebatte über den Etat bereits erschöpft zu haben; ihre Fortsetzung am Sonn­abend wenigstens brächte nichts Neues und nahm einen größten­teils recht schleppenden Verlauf. Zunächst sprach der bayerische Zentrumsabgeordnete Dr. Schädler zwei und eine halbe Stunde, trotz einiger winziger oder auch nur grober Bemerkungen, die Heiterkeit und Beifall hervorriefen, so wenig fesselnd, daß der Saal leer und leerer wurde und schließlich selbst die Partei­freunde des Redners sich in großer Zahl absentierten. Der Abg. Gotheim von der Frs. Vg., der ihm recht temperament­voll antwortete, betonte weniger als die anderen Redner der Linken die Bereitwilligkeit zn gemeinsamer Arbeit mit der Rechten und hob unter Hinweis auf die Ausführungen des Abg. Winckler vom Freitag mehr hervor, daß die Ziele der Libe­ralen von denen der Konservativen doch recht verschieden sind. Nach ihm griff noch einmal der Staatssekretär des Innern in die Diskussion ein. Gras Posadowsky trat der Befürchtung entgegen, daß Fürst Bülow die Hand zur Abänderung des Rcichstagswahlrechts bieten möchte, und hielt seine Angaben über die Belastung des englischen Volkes mit Zöllen aufrecht. Auch von dem, was er neulich über die Auflösung des Reichs­tages gesagt hat, nahm er nichts zurück, er fügte aber hinzu, daß selbstverständlich der Bundesrat einem dahingehenden An­träge des Kanzlers nicht lediglich aus Rücksicht aus dessen Stellung zustimmen würde, wenn er die Auflösung nicht aus inneren Gründen für gerechtfertigt hielte. Zum Schluß folgte eine lange Reihe persönlicher Bemerkungen, die eine lebhaftere Stimmung hervorriefen als alle vorangegangenen Erörterungen.

Ab g eordnetenh aus.

Am Freitag wurden ohne erhebliche Debatte die Titel des Ministeriums und des gewerblichen Fortbildungsschulwesens erledigt. Am Schluß der Sitzung nahm Präsident Kröcher noch Veranlassung, die Aeußerung des Abg. Zedlitz (freit) vom Donnerstag, in der er den Abg. Trimborn einenSchrittmacher der Sozialdemokratte" nannte, nachträglich als der Ordnung des Hauses nicht entsprechend zu bezeichnen.

In diesem Jahre hält man sich im Abgeordnetenhause mit der Beratung des Etats der Handels- und Gewerbeverwaltung besonders lange auf. Auch ein großer Teil der Sitzung am Sonnabend wurde mit der Debatte über diesen Etat ausgefüllt.

einmal mehr die Wohnungsmiete bezahlen sonnte, und sieben Jahre lang Ausnahme im Hause einer ebenfalls verwitweten, aber in Bezug aus ihr Einkommen besser gestellten Freundin, der Frau Altmann, fand. Dort war auch Frau Konradi am Nervenfieber gestorben, wenige Wochen nach der Zeit, als Ottilie ihr Lehrerin-Examen mit Auszeichnung bestanden hatte, Ottilie Konradi fand aber bei der guten Frau Altmann noch so lange Ausnahme, bis sie eine Lehrerin- oder Gonver- nantenstelle erhalten hatte. Und ein Brief, der eine solche Stellung der jungen Lehrerin zusagte, war heute bei Ottilien eingetroffen, unb sie sollte die Stelle gleich an treten. Frau Altmann half ihr die Sachen in den großen Koffer sachgemäß unterbringen. Mit eleganter Handschrift adressierte die junge Dame das Kolli:An Frl. Ottilie Konradi, per Adresse Frau Baronin von Berg auf Gut Berg bei Liebenstein, Bahnhof Siebenstern. Bahnlagernd."

So, nun wäre alles bereit 1" sagte das junge Mädchen mit wohltönender Stimme.Der Koffer wird abgeholt, liebe Frau Altmann. Es erübrigt nur noch, Ihnen Dank zu sagen für alle ihre Freundlichkeiten, die Sie meiner seligen Diama und mir erwiesen haben! Ich tue cs aus vollem Herzen und hoffe, Ihnen noch recht erkenntlich für ihre Wohltaten sein zu können. Die bestellte Drösche wird gleich da sein. Ich lasse mich noch einmal nach dem Friedhof fahren, nachzuschen, ob das liebe Grab nach meiner Anweisung geziert ist, dann fahre ich gleich nach dem Bahnhof; die Baronin verlangt, daß ich pünktlich bin!"

Dank will ich nicht," entgegnete die kleine freundliche Alte. Herr Konradi hat mir viel Gutes erwiesen; ich zahlte damit nur einen Teil alter Schuld ab. Kommen Sie allemal, wenn Sie in Not geraten sollten, was der liebe Gott verhüten wolle, zu mir, liebstes Fräulein. Das Los einer Gouvernante ist oft wenig beneidenswert; mögen sie es bei den vornehmen Leuten gut treffen!

Das Rollen der Droschke schreckte Ottilie auf. Rasch schlug sie den Reisemantel um, ergriff baS Handköfferchen und den Sonnenschirm, dann sagte sie herzlich Adieu und war fort.

Frau Altmann wischte sich die Augen, aber schon hätte man die Droschke davonsahren. Wenige Minuten später trat

Neben Fragen von geringfügigerer Bedeurung verlangte Abg. v. Arnim (fonf., daß im nächsten Etat die Summe zur Förderung der nicht gewerbsmäßigen Arbeitsvermittlung und RechtSberatung erhöht werde. Auf diese Weise könne die Sozialdemokratte wirk­sam bekämpft und ihr ein großes Agitationsfeld entrissen werden. Redner verbreitete sich im Anschluß daran über die von ihm als segensreich bezeichnete Wirksamkeit des Reichsverbandes zur Be kämpfung der Sozialdemokratte. Minister Delbrück versprach eine wohlwollende Erwägung, wies aber darauf hin, daß die Regierung, wenn sie Geld zu diesem Zwecke an Vereine gebe, sehr vorsichtig sein müsse, damit die Spende nicht zu partei­politischen Zwecken benutzt werde. Von den Abgg. Dr. Gerschel und Goldschmidt (frei). Vp.) wurde die Aufstellung der Bilanz der Porzellan-Manufaktur getadelt und außerdem bemängelt, daß das Institut der Privat-Jndustrie Konkurrenz bereite und daß die ungelernten Arbeiter zu wenig Lohn erhalten. Dem gegenüber verteidigte Minister Delbrück die Aufstellung der Bilanz. Auch der Vorwurf der Konkurrenz treffe nicht zu, da die Porzellanmanufaktur nur ganz bestimmte Artikel produziere. Abg. Dr. Hauptmann (QentrJ übte eine abfällige Kritik an der künstlerischen Auffassung und Tätigkeit des Direktors der Por zellan-Manufaktur.

England wird auf der Haager Friedenskonferenz für Abrüstungen plädieren.

Von dem englischen Premierminister Campell-Bannerman liegt zu der Aufgabe der Haager Friedenskonferenz eine hoch - bedeutsame Kundgebung vor. Campell-Bannerman hat in der englischen WochenschriftThe Nation" einen großen Artikel veröffentlicht, in welchen er alle Einwände zu widerlegen sucht, welche gegen die Behandlung der Frage der Abrüstungen auf der Haager Friedenskonserenz erhoben worden sind. Danach hält das liberale englische Ministerium an der Grundanschauung fest, daß die riesigen Rüstungen der Großmächte für das Heer und die Flotte beschränkt werden müssen, wenn die Lasten für diese Rüstungen nicht in das Ungeheure wachsen und den Wohlstand der Völker erdrücken sollen. Diese Anschauung des leitenden englischen Staatsmannes erscheint in sich politisch vernünftig, doch bedarf sie bei der bekannten verschlagenen Klugheit und schlauen Berechnung der englischen Staatsmänner nach allen Seiten hin einer sehr genauen Prüfung, wenn dieser Grundanschauung, die England allem Anscheine nach auf der Haager Friedenskonferenz zu einer internationalen Forderung machen will, bedingungsweise zugcstimmt werden soll. England ist sehr wohl in der Sage, in der Frage der Abrüstung den Wolf im Schafspelze zu spielen, denn von allen Großmächten wird England, das vom Meere umgebene große Juselreich, von feindlichen Heeren am wenigsten besucht. Da­bei besitzt aber England die größte Kriegsflotte der Welt, eine Flotte, die stärker ist als diejenige Frankreichs und Deutsch­lands zusammen. England ist also sehr wohl in der Sage, seine Grenzen zu schirmen und seine Interessen wahrzunehmen, wenn es zunächst nur wenige neue Kriegsschiffe baut und sein kleines Landheer noch um einige Bataillone vermindert. In dieser glücklichen Sage sind die Großmächte des eurv-

der Kofferträger mit einem Gehilfen ein und beide transpor­tierten den schweren Koffer zur Bahn. Nun war Ottilie Konradi fort.

Frau Altmann murmelte deshalb:Wenn es dem lieben Mädchen nicht gut gehen sollte, so gäbe es keine ewige Ge­rechtigkeit, denn so eine gute Tochter gibt es nicht zweimal in der Welt! Und wie schön sie ist, wie gebildet, wie tüchtig und erfahren!"

Inzwischen nahm die Belobte vom Grabe der Mutter Ab­schied, dann führte der nächste Schnellzug sie dem Süden zu.

Rittergut Bergen präsentierte sich der jungen Dame im Frühlingsglanze als eine reizende und wertvolle Besitzung, als sie am Bahnhose in einem herrschaftlichen Wagen abgeholt, den Ort ihrer Bestimmung erreichte. Ein Lakai führte die Angekommene auf ihr Zimmer und meldete sie der gnädigen Frau, welche sagen ließ, Fräulein Konradi möge die Güte haben, nachdem sie sich restauriert, im Salon zu erscheinen.

Selbstverständlich beeilte sich Ottilie damit; ist es doch eine Lebensfrage für eine Gouvernante, von was für Leuten sie abhängig geworden, ob sie Wohlwollen ober herzlose Kälte zu erwarten hat. Rasch bewegte sich die elegante Gestalt der jungen Dame über die teppichbelegten Korridore dahin, als sich zur Rechten plötzlich eine Tür öffnete, wodurch ihr ein Einblick in da» Zimmer gestattet; es war die Bibliothek. Im Rainen der Tür aber zeigte sich ein junger Mann von viel leicht einundzwanzig Jahren, der, nicht unschön, aber etwas geckenhaft gekleidet, Ottilie eine tiefe Verbeugung machte und sich vorstellend sagte:

Baron Felix von Berg, Referendar beim fürstlichen Land gericht."

Ottilie stand achtungsvoll still und verbeugte sich schweigend.

Die neue Gouvernante?" schnarrte Herr Felix weiter und blickte Ottilie durch den goldenen Kneifer impertinent an.

Zu dienen, Herr Baron!"

Sehr gut," gab dieser zurück,werden uns ja bei Oichc sehen."

Ottilie verbeugte sich abermals und eilte zum Salon, in welchem sich bald nach ihrem Eintritt auch die Frau Baronin, eine etwas korpulente, sehr distinguierte Dame einsand.