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Herchlder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage“
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 10.
Dienstag, den 22. Januar
1907.
Amtlicher Ceil
dieichslagsivchl Setrtücnb.
Hcrsfttd, den 21. Januar 1967.
Die Herren Wahlvorsteher ersuche ich unter Hinweis auf den § 25 des Reglements zur Ausjührung des Wahlgesetzes für den Reichstag vom 28. Mai 1870 ergebenft, Die Wahlprotokolle nebst sämtlichen zugehörigen Schrift st ücken i— also mit der Gegenliste, dem Hauptexemplar der Wählerliste und den beanstandeten Wahlzetteln rc.) nach erfolgtet Wahl mir ungesäumt zuzusenden, damit ich sp ä t est e n s a m Vormittag des 28. Januar cr. in ihrem Besitze bin. (§§ 18, 19, 20, 22, und 25 des Reglements.)
DieHerrenBürgermeister der Wahlorte ersuche ich, diese Bekanntmachung — soweit sie nicht selbst Wahlvorsteher sind — sofort zur Kenntnis der Herrn Wahlvorsteher zu bringen.
Der Wahlkommissar
für den 6. Wahlkreis im Regierungsbezirk Cassel.
1. 730. von Grunelius, Landrat
Hersfeld, den 21. Januar 1907.
Nach den Reichstagswahlen von 1903 haben zahlreiche Strafverfolgungen wegen Wahlfälschung gegen Personen durchgeführt werden müssen, die unter falfchemNamen oder mehrsachinverschiedenen Wahlb ezirken gewählt hatten.
Im Hinblick hierauf, mache ich die Herren W a h l v o r- st e h e r daraus aufmerksam, daß sie berechtigt sind, von den zur Wahl erscheinenden Personen bei Zweifel über ihre Identität eine Legitimation zu verlangen, und, erscheinende Wähler, die neuzugezogen sind oder von denen sonst anzunehmen ist, daß sie auch anderwärts in die Wählerliste eingetragen sind, zu bedeuten, daß jedermann nur in ei n e m Wahlbezirke und bei der Haupt- und Stichwahl je nur einmal wählen darf.
Zuwiderhandlungen sind zur Bestrafung anzuzttgen.
1. 675. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Hersield, den 17. Januar 1907.
Am Tage der ReichsragswM — 25. Januar er. — als auch am Tage des endgültigen Woblcrgebnifies bleiben sämtliche Telegropdenanftalren (Motte- ic. Apparate wie Fernsprecher) des Bezirkes laut Mitteilung der Kaiserlichen Ober- Postdireklion bis 10 Uhr abends — erforderlichenfalls länger — bis zur erfolgten Abtelegraphierung der Wahlrelegramme im Dienst, wovon ich die Herrn Bürgermeister und Wahlvorsteher im hiesigen Kreise in Kenntnis setze.
Der Königliche Landrat von Grunelius.
Um Ehre und Namen.
Roman nach dem Englischen von Clara Rheinau. (Fortsetzung.)
Siebzehntes Kapitel.
Lady Diana Armand saß in eleganter Straßentoilette in ihrem Salon und wartete ungeduldig auf das Vorfahren ihres Wagens. Auf den ersten Blick sah sie hübscher und jugendlicher aus, als je, aber ein feiner Menschenkenner hätte sofort gesehen, daß die Dame sich in entsetzlich unbehaglicher Stimmung befand und mit einer großen Erregung zu kämpfen hatte. Für ihre Dienerschaft verriet ihr Benehmen eine Herzlosigkeit, die selbst sie überraschte, obschon sie ihrer Herrin nie viel warmes Gefühl zugetraut halten.
Ihrer Ansicht nach hätte Lady Diana doch ein wenig mehr Teilnahme für ihren Gatten zeigen sollen, der beim Gabelfrühstück plötzlich erkrankt war. Eine Art Schwindel hatte den alten Herrn befallen und ehe seine Gemahlin um Hilfe rufen konnte, war er bewußtlos zu Boden gesunken. Allerdings halte Lady Diana sofort nach dem Doktor geschickt und sich sehr beunruhigt gezeigt, aber als Herr Armand wieder zur Besinnung kam und den Schwächeanfall durch die große Hitze der letzten Tage zu erklären suchte, halte sie seinen Worten nur zu gerne Glauben geschenkt. Der alte Hausmeister hatte mißbilligend den Kopf geschüttelt, daß sie nicht einmal die An- kunst des Arztes abwartete, sondern zur gewohnten Stunde ihre Ausfahrt unternahm. Es schien ihm grausam und unweiblich und er bedauerte von Herzen seinen guten Herrn. Wenn dieser auch längst an Vernachlässigungen seitens seiner jungen Gattin gewöhnt war, so mußte er doch diese Rücksichtslosigkeit schwer empfinden. Hätte die treue Seele ahnen können, welch' böse Gedanken das Verlang n nach Freiheit, das Grausen bei der Aussicht, an der Seite eines rasch alternden kränklichen Gatten ihre Jugend verbringen zu müssen, schon seit einiger Zeit im Herzen seiner Gebieterin erweckten, er wäre nicht mehr aus der Nähe seines Herrn gewichen. Nun war es zu spät, die eitle, flatterhafte, jedes edlen Gefühles bare Frau war der furchtbaren Versuchung unterlegen!"
Warnung.
Seit einiger Zeit wirb unter dem Namen „Geisha , „Ohne Sorge" und , ^emina" ein -cgenanntes MenstruationSpuloer in den Handel geürachr, das angeblich seit vielen Jahren in Japan angewendet wird. Durch den Gebrauch dieses Mitrels sollen, wie in auffallenden Plakaten an den S^sufentern gern "er Tro- genhandlungen angekündigt wird. Blunrockimg und „Perioden- ftämng bei grauen' ohne jede Beruisi'röriuig wirksam behoben werden.
Dieses Mittel beitehr nach den angefteOien Unter’Übungen lediglich aus den gevulterren BlürenkSvfchen der „Römi'chen Kamille," die als harmloses Hausmittel gegen Blutstockungen bei Frauen bekannt und, der aber eine besondere Wirkung nicht inne- wohnr. Die Lriginal-Lchachceln dieses Mittels tosten unter den verschiedenen Namen 1,50 M. bis 3 M., während die gleiche Menge dieses Pulvers in Apotheken für ca. 30 Pf. zu haben ist.
Vor dem lediglich auf die Ausbeutung leichtgläubiger Frauen hinauslaufenden Schwindel sei hiermit gewarnt.
Berlin, den 20. Dezember 1906.
Der Polizei-Präsident. J. A.: gez. L e w a l d.
Hersfeld, den 16. Januar 1907.
Wird veröffentlicht.
I. 595. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher teil.
Wähler in Stadt und Land!
Der 25. Januar steht vor der Tür. „Auf zur Wahl" lautet die Parole. Der Wahltag soll darüber entscheiden, welche Männer künftig im Reichstage das deutsche Volk vertreten und an den Beratungen über sein Wohl und Wehe gewichtigen Anteil nehmen sollen. Wir möchten nicht unterlassen, unsere Leser eindringlich zu ermähnen, der hohen und heiligen Pflicht zu gedenken, die sie am 2ö. Januar zu erfüllen haben, und zwar nicht nur dem Baterlande, sondern auch sich selbst gegenüber. Man spricht gern von Wahlrecht, aber man vergißt leider nur zu oft, daß mit dem Wahlrecht die Wahlpflicht auf das innigste verbunden ist, man läßt den Tag, der in der Regel alle fünf Jabre nur eiumal wiederkommt, verstreichen; man versäumt es, hinzutreten an die Wahlurne und Zeugnis abzulegen, daß man tälnimmt an den Geschicken seines Bockes und BarerlandeS. Sä darum jeder bis zum Wahltage in Freundes- und Bekanntenkreisen unermüdlich für die Erweckung und Schulung des vatriotsichen Geistes tätig, damit selbst in den Lauerten und Lästigsten das Gefühl persönlicher Erniedrigung und des Verrates an der heiligen Sache des Vaterlandes wach werde, deren sie 'ich schuldig machen wurden, wenn sie am 25. Januar zu Haufe blieben. Keiner, der Auivruch auf den Ehrennamen eines Teutschen und auf die Achtung inner patriotischen Mitbürger macht, darf sich angesichts der bevorstehenden schweren Entschcidnngsjchlacht an die klägliche Entschuldigung Hämmern: „Auf eine Stimme .mehr oder weniger kommt es nicht an." Das ist salsch, dreimal falsch! Diesmal ist jede einzelne Stimme Goldes wert! Es gilt, einen Reichstag zu wählen, der für
Als Lady Diana von ihrer Ausfahrt zurückkchrte, trat ihr der Hausmeister mit trauriger, bekümmerter Miene entgegen. Allein die Nachricht, die er ihr zu bringen halte, war für Lady Diana keine Neuigkeit. Sie hatte zu hören erwartet, daß der Ohnmachtsansall sich wiederholt habe. Da der Doktor gerade bei ihrem Gatten war, verblieb sie in der Halle bis zu seinem Weggehen. Auch sein Gesicht zeigte einen bekümmerten, fast bestürzten Ausdruck.
„Ich fürchte, Lady Diana," sagte er ernst, „daß Herr Armand sich übermäßig angestrengt hatte. Seine Schwäche ist groß und die Herztätigkeit sehr gehemmt. Er scheint mir in seltsamer Weise verändert."
Lady Diana seufzte tief.
„Ich versichere Sie, Hen Doktor, ich habe schon längst meine Besorgnisse um Eduards Gesundheit", entgegnete sie in ihren süßesten Tönen. „Aber mein Bitten, er möge sich in Ihre Behandlung geben, war vergeblich. Ich glaube, der plötzliche Tod seines alten Freundes, Sir Egben Merivale, war eine große Erschütterung für ihn. Hoffentlich finden Sie ihn nicht bebenflich erkrankt?"
Tottor Anderson zögctte ein wenig mit der Antwort. „Um ganz offen zu sein, Lady Diana, sein Zustand scheint mir rätselhaft. Ich habe ihn genau auSgefragt, aber er konnte mir keine Erklärung für diese plötzliche auffallende Schrvächc geben. Sollte eine ernstliche Krankheit ihn befallen, so würde sein Leben allerdings sehr gefährdet fein."
„Wir müssen ihn recht sorgsam vor jeder Erkrankung hüten," versetzte Ladn Diana hastig. „Ich danke Ihnen sehr für Ihren Besuch, Herr Doktor, es war so gut von Ihnen, zu kommen."
Doktor Anderson verabschiedete sich, ganz entzückt von Ladn Dianas Liebenswürdigkeit, während die Dame rasch die Treppe hinausging. Bor ihres Gatten Tür zögerte sie einen Augenblick, dann zuckte sie verächtlich die Achseln und trat ein.
Herr Armand lag, von Kissen gestützt, aus einem Divan neben dem geöffneten Fenster und niachte einen entsetzlich leidenden Eindruck. AlS seine Gattin sich ihm leise näherte, öffnete er die Augen und lächelte traurig.
„Es tut mir so leid, daß Du Dich beunruhigst," sagte er
die nationale Ehre mehr Verständnis hat, als der aufgelöste Damm Mann für Mann heran an die Wahlurne, damit der 25. Januar ein Tag des nationalen SiegeS werde.
Wie gute Katholiken urteilen!
Die „Nordd. Allg. Zrg." ’djräc:: Die bereits kurz erwähnte Erklärung, die der Fürst Valbburg-Zttl-Traochburz in der Hellbrauner Neckar-Zeitung (in Ergänzung einer früheren Erklärung gegen Erzberger und das Zentrum verrsteuclicht, hat folgenden Wortlaut:
Nachdem nunmehr mttn Name genannt worden ist im Zusammenhang mit meiner Stellungnahme gegen die Kandidatur Erzbergers, bezw. gegen die Stellung, welche die Zentrums- partä in ihrer Abstimmung vom 13. Dezember 19v6 genommen hat, sehe ich mich veranlaßt, meinen Standpunkt öffentlich klar- zustellen. Mttn Standpunkt ist derselbe, welcher durch verschiedene hervorragende Katholiken des Rheinlandes am 10. Januar d. I. zu Düsseldorf sestgelegt worden ist und auf welchen ich mich weiterhin beziehe. Ich bedauere tief, daß die Leitung des Zentrums sowohl bei der letzten Abstimmung im Deutschen Reichstag wie beim gegenwärtigen Wahlkampse eine Haltung eingenommen hat, welche das patriotische und monarchische Empfinden weiter Kreise schwer verletzt. Diese Haltung der Zentrumsleitung steht in direktem Widerspruch zu den Grundsätzen, welche bei der Gründung des ZenttumS und im Kampfe des Zentrums für die Rechte und Freiheilen der Kirche als maßgebend anerkannt worden sind. Diese Grundsätze geben den Angehörigen der Partei alle Freiheit der Entschließung und Abstimmung in allen nationalen und wirtschaftlichen Fragen. Wenn jetzt Führer des Zentrums von ihren Wählern unb Abgeordneten die unbedingte Heeresjolge auch dort verlangen, wo kirchliche Interessen weder bedroht noch berührt erscheinen, dann fühle ich mich als Baterlandsfreund verpflichtet, meiner Ueberzeugung gemäß zu handeln. Ist das Zentrum, wie feine Fübrcr und Sprecher es behaupten, eine politische und Volkspanei, dann muß es jedem Kacholiken unverwehrt sein, auch durch die Abstimmung bei den Rttchstagswahlen seiner ab« weichenden Ansicht in nationalen und kolonialen Fragen Ausdruck zu geben; so möchte auch ich der Hoffnung Ausdruck geben, daß ©rnnnungsgenoffen in Süddeutschland und besonders auch in Würuemberg dem Aufruf von Düsseldorf härteten möchten. Wie dieser Aufruf sagt, entscheiden die Neuwahlen zum Deutschen Reichstag nicht nur über das Schicksal der Forderungen der Rttchsregierung, deren Ablehnung durch das Zentrum und durch die Sofialdemokratic am 13. Dezember 1906 zur Auflösung des Reichstages geführt hat, sondern es banbelt sich vielmehr bei biefen Wahlen vor allem um die Frage, ob aus ihnen eine Mehrheit Hervoigebeu wird, die im stande und bereit ist, die Rttchsregierung in ihren Bestrebungen zur Erbattung der Machtstellung des Teutschen Reiches und der Sicherheit und Entwicklung unseres Kolonialbesitzes rückhaltlos und dauernd zu unterstützen. Ich holte es auch für
matt, „es ist nur eine kleine Schwäche infolge der Hitze."
„Doktor Anderson ist der Ansicht, daß Du Dich überarbeitet hast, Eduard. Ich werde darauf bestehen, daß Du Dir wenigstens für eine Zeit lang volle Ruhe gönnst."
Es lag ein zärtlicher Klang in ihrer sonst so scharfen Stimme, der den Kranken tief bewegte. Wie wenig wußte diese kalte, egoistische Frau von dem Reichtum an Liebe, die in dem Herzen ihres Gatten für sie brannte! Es war die än- zige Leidenschaft seines Lebens gewesen, die er, obschon er sie als Torheit ersannte, niemals zu bekämpfen vcrmochr hatte. Und als Diana jetzt an seiner Seite stand, mit ihrer weichen Hand seine Stirn berührte, und tatsächlich bekümmert um ihn schien, kam er der Bedeutung des Wottes Glück näher als je zuvor in seiner Ehe. Er bat sie, sich seinetwegen nicht zu quälen und wollte auf ihren Vorschlag, den Rest des TageS bei ihm zu verbringen, durchaus nicht cingehen.
„Ist nicht heute die grobe Abendgesellschaft bei der Herzogin von Ehester?" fragte er leise. „Was würden Deine Freunde sagen, mttn Liebling, wenn ich Dich bei einer solchen Gelegenheit hier zurückhalten wollte."
„Meine Freunde würden sehr gut ohne mich fertig werden. Eduard. Ich bin dieser vielen Festlichkeiten manchmal ganz müde und sehne mich, weit von hier weg zu geben an einen Ort, wo wir noch niemals waren."
Der Kranke versuchte, eine Erwiderung zu geben aber feine Schwäche war so groß, daß er kein Wort jetzt dervorbringen konnte. Er schloß die Augen und sank mit leisem Stöhnen wieder in die Kiffen zurück.
Lady Diana betrachutc ihn einige Minuten. Er schien fest eingeschlasen zu sein und sie entfernte sich läse aus dem Zimmer.
„Ich muß es Juliana wissen lassen," sagte sie für sich, „sie würde Verdacht schöpfen, wenn ich ihr die Erkrankung ihres Onkels vorenthielte. Jetzt gilt eS klug und vorsichtig zu sein, und ich denke" — ein häßliches Lächeln umspielte ihren Mund — „Diana Armand wird ihre Rolle zu spielen wiffen."
(Fortjetziing folgt.)