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Hersselder Ureisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage”
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 139
Dienstag, den 27. November
1906
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 23. November 1906.
Im Anschluß an mein Ausschreiben vom 9. November d. I. I. 9072 (Kreisblatt Nr. 133) mache ich die Herrn Ortsvorstände des Kreises besonders daraus aufmerksam, daß bei der bevorstehenden Viehzählung als viehbesitzende Haushaltungen lediglich diejenigen anzusehen sind, die irgend ein oder mehrere Stück Vieh der erfragter: Art d. h. Pferde, Rinder, Schafe oder Schweine besitzen. Demgemäß ist ein Druckfehler zu berichten, der sich in einem Teile der Auflage des Zählpapiers B. befindet. Die in Spalte 4 unter lfd. Nr. 5 im ersten Beispiel einer ausgefüllten Kontrolliste stehende Zahl 4 ist zu streichen.
I. 9496. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Hersfeld, den 22. November 1906.
Unter der Herde des Schäfers Johs. Blumenauer zu Riebels- dorf und des Schäfers Caspar Bohlender zu Ottrau, Kreis Ziegenhain, ist die Räudekrankheit ausgebrochen.
1. 9494. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Hersfeld, den 23. November 1906.
Unter dem Schweinebestande des Ackermanns Johannes Sippel in Ransbach ist die Schmeineseuche ausgebrochen. I. 9498. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Hersfeld, den 22. November 1906.
Die unter dem Schweinebestande des Heinrich F. Bechtel zu Friedigerode, Kreis Ziegenhain, ausgebrochene Rotlausseuche ist erloschen. I. 9533. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher Ceil.
i “ 7? Ackern.
Die trotz bet Konferenz von Algeciras nicht aufhöcenden, ja, immer weiter zunehmenden inneren Wirren in Marokko, bei denen ersichtlich auch eine feindselige Stimmung gegen die Europäer hervortritt, haben die Möglichkeit einer europäischen Intervention in diesem nordafrikanischen Reiche nahegerückt. Bereits treffen Spanien und Frankreich, welchen Mächten bekanntlich von der Konferenz zu Algeciras das Polizeimandat in Marokko übertragen ist, Vorbereitungen zu einem eventuellen militärischen Einschreiten. Spanische
Der Erbe von Stratfield.
Novelle von J. N i c o l a.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Charles' Mutter gewahrte nichts von seiner tiefen, mit jeder Stunde sich steigernden Liebe zu dem schönen Mädchen. Arglos, wie sie war, fuhr die Baronin vielmehr in ihren Heirats- bcstrebungcn fort. Sie lud die hübschen, jungen Damen aus der Nachbarschaft ein und bestand darauf, daß ihr Sohn auch Mrs. Norton seinen Besuch abstattete und liebenswürdig gegen Mary war. Und ohne Widerstreben gab er all ihren Wünschen nach und erfreute sie damit, während ihr die einzige tiefe Leidenschaft seines Lebens verborgen blieb
Ach, alles, was Charles besaß, ja sein Leben würde er freudig hingegeben haben, um Jrmgards Liebe zu gewinnen. Aber wehe, keine Hoffnung leuchtete ihm, das höchste Glück je zu erringen.
* *
*
Ein Jahr war vergangen. Wieder kehrte der Juni mit seinen Rosen zurück und noch war das heiligste Geständnis in Charles' Leben unausgesprochen geblieben, noch war das Geheimnis des von ihm so heißgeliebten Mädchens ein ungelöstes Rätsel.
Eines Morgens faßte er einen festen Entschluß. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und ihm war es, als könnte er mit diesem Fieber im Herzen nie wieder Ruhe finden. Er war gewillt, alles zu wagen und dem geliebten Mädchen Herz und Leben zu Füßen zu legen.
Als er das Frühstückszimmer betrat, besand sie sich allein in demselben. Zum erstenmal hatte sie die Trauergewänder abgelegt und sie sah in dem weißen Mullkleid so schön und anmutig aus, daß ihm das Herz höher schlug, als er sie vor sich sah.
Wäre Charles, waS man einen erfahrenen Weltmann nennt gewesen, so würde er es besser verstanden haben, den geeigneten Moment zu einem Heiratsantrag zu wählen. So, ganz und gar von der einen Idee beseelt, Jrmgard zu sagen, 'daß
und französische Kriegsschiffe mit Landungstruppen an Bord sind vor Tanger eingetroffen, wo außerdem auch das Erscheinen des englischen Mittelmeergeschwader» erwartet wird; bereits ist eine gemeinsame Landung spanischer, französischer und britischer Marinesoldaten in Tanger ins Auge gefaßt. Bezeichnender Weise geben sich in Spanien selber große Besorgnisse wegen der Konsequenzen eines kriegerischen Auftretens Spaniens in Marokko kund, wie dies aus einer ganzen Reihe von Anfragen erhellt, welche dieser Tage in beiden Häusern der Karte» an die Regierung betreffs der geplanten marokkanischen Aktion gerichtet worden sind. Die Regierungsvertreter verficherten in ihren Antworten zwar hoch und teuer, es sei kein Anlaß zur Beunruhigung vorhanden, Spanien werde nur mit äußerster Vorsicht vorgehen, aber offenbar fühlt sich die aufgeregte öffentliche Meinung des Landes der Kastanien durch diese Erklärungen vom Re- gierungstische nicht sonderlich beschwichtigt. Allerdings ist nicht zu verkennen, daß sich Spanien bei einer bewaffneten Aktion gegen Morokko leicht in ein Abenteuer stürzen kann, dem es bei seinen mißlichen finanziellen Verhältnissen und seiner keineswegs imponierenden militärischen Macht schwerlich gewachsen wäre und dessen möglicher mißlicher AuSgang die verhängnisvollsten Rückwirkungen auf Spanien ausüben müßte. In den Madrider RegierungSkreisen scheint man sich indessen an dem Gedanken förmlich zu berauschen, zusammen mit dem benachbarten Frankreich ein „bischen Großmacht" auf afrikanischem Boden zu spielen, und so geht man denn leichten Herzens an eine Aktion, von der der Minister des Aeußeren im spanischen Senat selber erklärte, er vermöge nicht zu sagen, wie sie sich entwickeln werde.
Vorerst bleibt abzuwarten, ob die Franzosen und Spanier wirklich begründeten Anlaß erhalten, Truppen in Tanger zu landen. Doch wäre selbst in solchem Falle noch keine Ursache vorhanden, in einer derartigen Maßnahme den An- fang zu einer dauerden Besetzung Marokkos durch Spanien und Frankreich zu erblicken, denn das Protokoll der Konfe renz von Algeciras berechtigt diese beiden Mächte in Tanger und anderen marokkanischen Häfen Truppen zu landen und dort eine marokkanische Polizei unter spanischen und fran zösischen Offizieren zu errichten. Alles hängt eben davon ab, wie sich die Marokkaner zu einer Landung europäischer Truppen an ihrer Küste stellen werden; sollten sie ihr erbitterten Widerstand leisten, so würde hiermit das marokkanische Problem freilich in ein bedenkliches Fahrwasser gleiten. Der Korresspondent der „Köl. Ztg." gibt denn auch in einem bemerkenswerten Telegramm an das rheinische Weltblatt seinen Besorgnissen wegen der Folgen einer etwaigen Landung spanischer und französischer Truppen in Tanger unverhohlen Ausdruck. Er betont, die Nachrichten über fremdenfeindliche Ausschreitungen in Marokko seien übertrieben; sollten jedoch die Mächte ein bewaffnetes Einschreiten belieben, so würde hierdurch der Erfolg der Konferenz von Algeciras in Frage gestellt werden. Der Korre-
er sie liebe, und sie zu fragen, ob sie die Seine werden wolle, rissen seine Gefühle ihn hin. Ihre Hand ergreifend und sie fest mit der seinen umschließend, sprach er:
„Jrmgard, wollen Sie mich eine Minute ruhig anhören?"
Sie blickte ihn ängstlich und betroffen an.
„Wie seltsam sehen Sie mich an?" rief sie bebend aus. „Was haben Sie mir zu sagen?"
„Ihnen sagen will ich, daß ich Sie liebe, Jrmgard, daß ich Sie mehr liebe, als mein Leben! Ich kann nicht mehr ohne Sie sein! Sprechen Sie, antworten Sie mir: Wollen Sie die Meine werden?"
Sie entzog ihm ihre Hände mit Ungestüm und rang sie in höchster Verzweiflung.
„Was habe ich getan?" rief sie aus. „O, was habe ich getan?"
Bevor er etwas zu ihrer Beruhigung sagen konnte, trat die Baronin ins Zimmer.
„Meine liebe Jrmgard," sagte sie mit mütterlicher Besorgnis. „Sie sehen gar nicht wohl aus heute morgen!"
Jrmgard stammelte eine verwirrte Antwort, aber Charles sah, daß sie tief unglücklich zu sein schien. Ihre Hände zitterten, sodaß sie kaum imstande war, den Kaffee einzuschenken. Der Baronet scinesteils war nicht imstande, ein Wort zu sprechen. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn seine Mutter eine halbe Stunde svätcr gekommen wäre? Aber die Baronin plauderte munter und unablässig, nicht ahnend, daß sie die Krisis seines Schicksals unterbrochen hatte.
Die kleine Familie saß noch am Morgentisch, als der Diener wie gewöhnlich mit den Briefen kam.' Es befand sich auch einer für Jrmgard darunter.
Charles war mit dem Lesen einiger für ihn eingetroffenen Briefe beschäftigt, als ein Schrei Jrmgards ihn ausschreckte. Er blickte auf; sie war aufgesprungen und stand mit bleichen, Mernden Lippen und traurig blickenden Augen da.
„Ich muß augenblicklich fort!" stieß sie in heftigster Erregung hervor.
„Was ist geschehen?" fragte die Baronin in größter Teilnahme.
»Meine liebste Freundin ist krank — totkrank, fürchte ich!"
spondent rät an, den bekannten Scheik Raisuli zu den bevorstehenden Beratungen der Vertreter der Mächte in Tanger heranzuziehen, da er doch nun einmal ein Machtfaktor in Marokko geworden sei. Letzteres muß ohn« weitere» zugegeben werden, der Einfluß Raisulis in Tanger und dem ganzen Distrikt ist schon heute groß, sollten die Mächte diesen Mann durch Nichtbeachtung vor den Kopf stoßen, so würde sich für Europa hieraus eine ebenso schwierige wie gefähr- liebe Situation ergeben. Jedenfalls darf man dem ferneren Gange der Ereignisse im Reiche Seiner Scherifischen Maje» Rat mit vollstem Interesse entgegensehen.
$tr AM in WBöWii.
Die Verfolgung der Hottentotten nach ihrem letzten überraschenden Auftreten in der Nähe von Keetmanshoop beginnt jetzt Früchte zu tragen. Ein amt« licher Bericht lautet:
Wie schon gemeldet, hat eine Hottentottenbande am 1. November 1906 unter Stürmann den Posten Uchanari« überfallen und war dann durch Oberleutnant Frhrn. von Fürstenberg in die östlichen Karas-Berge verfolgt worden, wo sie sich auflöste. Seither haben sich im ganzen 60 Hottentotten bei Hauptmann Siebert an der Wasserstelle Lifdood (östliche Karas-Berge) gestellt, darunter befinden sich 27 Männer, die 13 Gewehre Modell 88 und 98 abgaben.
Durch die in den letzten Tagen eingelaufenen Meldungen über die scharfe Verfolgung der im Süden bei Schutzgebietes hausenden Räuberbanden durch unsere wackeren Truppen wird eine Mitteilung von aktuellem Interesse, die der Reichstagsabgeordnete Dr. Seniler in seinem inhaltsreichen Bericht über seine diesjährige Reise in das Schutzgebiet soeben veröffentlicht hat. Er schildert u, a. auch die jetzt von Oberst v. Deimling gegen die Räuber angewandte Taktik in folgender Weise:
„Man hat den Gedanken, die Hottentotten durch konzentrischen Vormarsch einzukreisen uud aufzuheben, mit Rücksicht auf das Gelände endgültig fallen lassen. Eine Politik des Aushungerns soll versucht werden. @6 soll im Süden um die Hottentotten ein viehleerer Gürtel gezogen werden; man rechnet in dem Oberkommando damit, daß der Gegner nach wie vor das Bedürfnis haben wird, die Viehbestände abzutreiben und dieselben jenseits der Grenze wie bisher in Lebensmittel und Munition umzu- setzen, um weiter fechten zu können. Es kommt darauf an, ihm diese» Geschäft zu erschweren und ihn zu zwingen, wenn er gleichwohl, wie zu erwarten ist, dem abgezogenen Vieh nachgeht, sich den ihm folgenden Truppen zu stellen. Der Kommandeur will, wir er sich ausdrückt, denGegner hetzen, so daß er bas geraubte Vieh zurücklassen muß und die Freude am Orlog verliert. Die späteren Mitteilungen werden zeigen, daß da» Kommando auf dem eingeschlagenen Wege zunächst wenigstens mehr Erfolg erzielt,
versetzte Jrmgard händeringend. „Ich muß augenblicklich fort!"
„Wer ist krank, Jrmgard?" fragte Charles.
„Meine Frenndin", antwortete diese heftig, „dieselbe, bei der ich war, ehe ich zu Ihnen kam. Man schreibt mir, sie sei sehr krank und ich soll sofort kommen. Liebe Frau Baronin," fuhr sie fort mit einem Ausdruck in dem Gesicht, der ein Herz von Steinen hätte rühren müssen, „o, bitte, helfen Sie mir suchen, wann der nächste Zug abgeht. Halten Sie mich nicht für undankbar," setzte sie schnell hinzu, als sie gewahrte, daß die Matrone etwas verletzt schien. „Ich bin zu unglücklich, um zu überlegen, was ich sage."
„Ich will einen Fahrplan holen und suchen, was Sie zu wissen wünschen, Jrmgard," versetzte Charles.
Mit diesen Worten eilte er in das Lesezimmer, sah nach dem Fahrplan und kehrte mit der Mitteilung zurück, daß der Zug in einet Stunde abfahre.
Charles begleitete Jrmgard nach dem Bahnhof. Ehe der Zug abging. ergriff er ihre Hand und sprach:
„Jrmgard wohin reisen Sie?"
„Ich will es Ihnen anvertrauen," erwiderte sie ernst. „Ich gehe nach Grovc."
„Wie lange werden Sie wegbleiben?"
„Das weiß ich nicht," gab sie schmerzlich zur Antwort „aber, ach, es wird nie wieder sein, wie es bisher war —nie!'
Und dieses — ihr letztes Wort — noch lange klang es ihm in den Ohren nach, als der Zug längst verschwunden war.
Vergebens quälte er sein Hirn. Was konnte nicht wieder so sein? Wovon sprach sie? Was in aller Welt war das Ge- heimnis dieses schönen, schwermütigen Mädchens?
Er konnte die Ungewißheit, in der er sich befand, kaum ertragen. Nein, nicht leben konnte er, ohne zu wissen, ob sein Leben durch Jrmgards Liebe gekrönt oder durch ihre Zurück- Weisung für immer unglücklich sein würde.
Er mußte ihr nach Grove folgen, mochte daraus werben, waS wollte. Sie konnte ihm darum nicht zürnen, und wonach er lechzte, wie der müde Wanderer nach dem labenden Quell, er würde es erfahren, als er hoffen durfte, oder ob alles umsonst und alle seine Träume von Liebesglück vergeblich und unerfüllt bleiben sollten.