Einzelbild herunterladen
 

Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark, va

Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer ein­gespaltenen Zeile 10 pfg., im amtlichen Teile 20 pfg. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gervährt.^usvsr«

Hersselder UreiMatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt' undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 137. Mittwoch, den 21. November 1906.

Amtlicher teil.

Berlin, W. 64, den 9. November 1906.

Nach einer Mitteilung der Herren Minister für Land­wirtschaft, Domänen und Forsten und des Innern soll im preußischen Staate am 1. Dezember 1906 eine außerordent­liche Viehzählung kleineren Umfanges stattfinden.

Voraussichtlich wird seitens der Ortsbehörden vielfach an Volksschullehrer aus dem Lande da« Ersuchen gerichtet werden, sich an der Ausführung des Zählgeschäfts zu be­teiligen. Soweit die Lehrer dabei ihre Mitwirkung ein- treten lassen wollen, genehmige ich, daß der ihnen obliegende Unterricht an dem gedachten Tage aussällt.

Hiernach wolle die Königliche Regierung unverzüglich das Erforderliche anordnen. (A. Nr. 1385 U. III b. M) Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-

Angelegenbeiten. 3. V. gez.: W e w e r.

An die Königliche Regierung in Cassel.

* * *

Gaffel, den 14. November 1906.

Abschrift übersenden wir mit dem Ersuchen, sogleich An­weisung dahin zu treffen, daß den Volksschullehrer» Ihre« Kreises die Mitwirkung an dem Zählgeschäste von den SchulaussichtSbeamten auch dann gestaltet wird, wenn da- dutch eine Aussetzung ihre« Unterrichts am Zähltage er­forderlich werden sollte. (B. 11336.)

Königliche Regierung, Abteilung für Kirchen- und Schulwesen. F l i e d n e r.

* * *

Hersf^ld, den 19. November 1906.

Wird veröffentlicht.

Die Herren Ortsschulinspektoren ersuche ich ergebenst, diejenigen Herrn Lehrer, die sich am Zählgeschäst betei­ligen, vom Unterricht an dem gedachten Tage zu entbinden. I. 9397. Der Königliche Landrat.

I. V: T h a m e r.

Herrfeld, den 19. November 1906.

Aus Grund ministerieller Ermächtigung wird der Ge­werbebetrieb in offenen Verkaufsstellen an den zwei letzten Sonntagen vor Weihnachten, am 16. und 23. Dezember d. Js. bis 8 Uhr abends für die Dauer von 10 Stunden frei­gegeben. Am dritten Sonntage vor Weihnachten, am 9. Dezember d. Js. ist nach der Bekanntmachung vom 22. Aug. 1892 (Amtsblatt für 1892 Seite 208) in allen Zweigen des Handelsgewerbes die Beschäftigung von Gehülfen, Lehr lingen und Arbeitern sowie der Gewerbebetrieb in offenen Verkaufsstellen bis 7 Uhr abend« zulässig. Auch an diesem Tage wird die Beschästigungszeit für 10 Stunden freigegeben

Die für den HauptgotteSdienst festgesetzte Pause muß inne gehalten werden. Während des übrigen Gottesdienstes

Der Erbe von Stratfield.

Novelle von J. N i c 0 l a.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Wir verstehen es vollkommen, wie schmerzlich Sie Ihre Rückkehr in das Haus berühren muß, in dem Sie so glücklich waren," versetzte Charles' Mutter sreundlich.Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Sie hier zu Hause sind. Sie werden jetzt auf Ihr Zimmer gehen wollen. Wenn Sie es vorziehen sollten, allein zu sein, so legen Sie sich keinen Zwang auf."

Ich danke Ihnen", erwiderte sie und erhob ihr tränen­feuchtes Antlitz.Ein anderes Mal will ich Ihnen sagen, wie unsäglich erkenntlich ich Ihnen für Ihre so unendliche Güte gegen mich bin!"

Selbst während sie sprach, bebten Ihre Lippen und die Tränen rollten ihr unablässig über die Wangen.

Charles Mutter verließ mit ihr das Zimmer und der junge Baronet blieb allein zurück, vor seiner Seele Jrmgarts Bild, das er nie wieder vergessen zu können glaubte, bis seine Augen sich einst für immer im Tode schließen würden.

Als die Baronin zurückkehrte, war sie voll Teilnahme und Mitleid für ihren jungen Schützling.

Es ist rührend," sagte sie,wie sehr sie sich um Onkel Alix grämt. Und sie war doch nur acht Monate lang hier!"

Aber er war ihr einziger Freund!" entgegnete Charles.

Wir müssen ihr seine Stelle so gut wie möglich zu er- sttzen trachten," sprach seine Mutter.Sobald die Schicklich- keit es erlaubt, müssen wir vor allem einen kleinen Verkehr mit der Nachbarschaft anbahnen, wenn wir uns anfangs auch nur auf die Nächstwohnenden beschränken."

Charles stimmte seiner Mutter bei und kehrte nach seinem stillen Platz im Lesezimmer zurück.

Doch seltsam 1 Seine Bücher hatten zum erstenmale ihren Reiz für ihn verloren.

Ein schönes, tränenüberströmtes Antlitz mit süßen, zittern­den Lippen und glänzenden Augen trat unverdrängbar immer und immer wieder an Stelle der Buchstaben vor ihn hin.

dürfen an den genannten 3 Tagen die Geschäfte geöffnet sein.

Die OrtSpolizeibehörden ersuche ich. Vorstehendes auf ortsübliche Weise bekannt machen zu laffen.

I. 9393. Der Königliche Landrat.

I. A. T h a m e r.

Hersfeld, den 19. November 1906.

Unter den Schafen des Metzgers Heinrich Schaub zu Rotenburg a/F. ist die Räude ausgebrochen.

1 9391. Der Königliche Landrat.

I. B.:

T h a m e r.

nichtamtlicher teil.

Jini Vutztag.

Buße soll heute getan werden im Geist und in der Wahrheit: Nicht aus jener falschen Auffassung heraus, die nach der Zahl der Seufzer und Worte, nach der Länge der Beteuerungen die Aufrichtigkeit der Reue bemißt und dem büßenden Herzen feinen Anteil an der Gnade zumeist Die Buße soll vielmehr erfolgen durch eine gründliche Auskehr des ganzen inneren Menschen, indem er sich im stillen Kämmer. lein mit Gott auseinandersetzt und sich gibt wie er ist, in schonungsloser Selbsterkenntnis und Selbstverurteilung, mit all feinen Schwächen, Fehlern und Sünden. Durch die Buße soll der Seele zu teil werden, was höher ist, denn alle Vernunft: der Friede.

Es gibt keine Zeit, die geeigneter wäre, ernste Gedanken zu wecken und den Blick von außen nach innen zu richten, als der trübe November-Monat, unmittelbar vor dem Scheiden des Kirchenjahres, vor dem Sonntage, der dem Gedächtnis der Heimgegangenen geweiht ist. Und wenn in die Stille des herbstlich blassen, fonnenmüden, sterbensnahen Landes hinein plötzlich die Glocken Hallen, als wenn sie mit ihren wuchtigen Tönen zermalmen wollten, was im Staube kriecht, dann hält wohl mancher auch von denen den Fuß an, die fönst gleichgültig oder mit spöttischen Lächeln an den Pforten vorübereilen, hinter denen eine fremde, höhere Welt ihre ewigen Geheimnisse verborgen hält. In einem solchen Augen­blick finden sich viele zurück zu der längst verlassenen Bahn eines innerlichen Lebens und einer bessern Erkenntnis, die in der reinigenden und heiligenden Buße wurzelt.

Die heidnische Welt wußte dem Schuldbewußtsein keinen bessern Trost zu geben, als die persönliche Abfindung mit der geschehenen Tat als etwas Unabänderlichem in Ver- bindung mit dem philosophischen Streben nach einem seelischen Zustande, dessen Ideal sich in der vollkommenen Gleichgültig­keit gegen alles verkörperte. Die fiebernde Sehnsucht nach der Ruhe des Gewissen« brannte zwar auch in der alten

Glänzend und glitzernd im Sonnenschein schimmerte durch die Bäume der verhängnisvolle See, in dem drei Glieder eines Stammes ihren Tod gefunden hatten.

Charles fing an, zu sinnen und seine Gedanken endeten in Träumen, bis die letzten Strahlen der Junisonne ver­loschen waren.

Am nächsten Morgen nahm Jrmgard zum erstenmale an dem gemeinschaftlichen Frühstück teil und mit mehr Muße als am vorhergehenden Tage konnte Charles sie jetzt betrachten. Ihr Antlitz hatte nichts von der kalten Schönheit ihrer Lands­männinnen. Der feine zarte Teint, die dunklen, feurigen Augen mit den langen Wimpern, das schwarze, wellige, anmutig ge­ordnete Haar alles erinnerte an das sonnige Spanien. Doch stetig thronte eine Wolke der Schwermut aus ihrer Stirn. Kummerschwere Gedanken lagerten daraus gleich düsterer Nacht und wenn ihre dunklen Augen den seinigen begegneten, so war es Charles, als sehe er darin eine halberzählte Geschichte voller Schmerz und Herzeleid, deren Rätselsprache er nicht zu ent­ziffern vermochte.

Gegen den jungen Baronet, der ihr ein so gütiger Be­schützer geworden war, zeigte Jrmgard die herzlichste Dank­barkeit.

Sobald Charles das Zimmer betrat, kam sie ihm entgegen nnb reichte ihm die Hand.

Sir Charles", sagte sie eines Tages,ich weiß nicht, wie ich Ihnen jemals danken soll. Doktor Right hat mir von Ihrer Güte und Großmut erzählt Seien Sie versichert, ich weiß Sie zu schätzen Außer diesem gibt kein zweites Dach, unter welchem ich hätte Zuflucht finden können. Kein Wesen kann in der weiten Welt freundloser dastehen als ich!"

Nennen Sie sich nie wieder sreundlos, Miß Alson", ver­setzte Charles herzlich.Seitdem Sie bei uns sind, gehören Sie zu uns. Wir sind fremder hier, als Sie!"

,,Es kommt mir alles fo seltsam vor," fuhr sie sinnend fort.Ich bin mein ganzes Leben lang allein gewesen. Mein Vater war englischer Oberst, meine Mutter eine Spanierin. Er liebte sie leidenschaftlich, aber sie starb, als ich geboren ward. Es schien fast, als wäre er mit ihr gestorben. Denn nie hat er wieder gelächelt. Alles Interesseam Leben hatte

Welt in der Seele, aber sie vermochte dem dunklen inneren Dränge nicht gerecht zu werden, weil ihr das Heilmittel der Buße fehlte, dessen Segen erst mit dem Christentum wie lindern­der Balsam auf die seelischen Leiden der Menschen herab« träufelte. Auch der ungläubigste moderne Mensch steht un» bewußt unter dem Einfluß dieses gewaltigen, christlichen Gnadenmittels. Wenn ihn die Last feiner Schuld zu zer­schmettern droht, so braucht er nur die Hand gläubig und sehnend auszustrecken, und er wird an dem Heilsschatze teil» nehmen, der in der wahrhaftigen Buße ruht. Vor Gott gibt es Sühne für jede Schuld, fei sie auch noch so groß, wenn nur die Reue aufrichtig ist: das ist da» erlösende Be­wußtsein, da» uns das Christentum gebracht hat und das heule feine ernste ergreifende Sprache zu uns redet.

Die Buße bringt aber nicht nur die Menfchen Gott nahe, sondern sie öffnet auch die Herzen der Menschen für einander, weil sie demütig und bescheiden macht durch die Erkenntnis der eigenen Fehler. Sie bringt so den Menschen dahin, seinen Mitmenschen gegenüber die höchste und edelste Tugend, die von aller Ueberhebung freie Duldung zu üben, die sich auch dem scheinbar schuldigsten gegenüber zu dem Grund­sätze bekennt:Allee verstehen heißt alles verzeihen!" So kommt für die rechte Wirkung der Buße alle» auf innere Heiligung des Menschen hinaus. Mit Kasteien ist nicht» getan, wenn nicht die Seele auf den Schwingen de» Glaubens zum Himmel fliegen und sich mit der büßenden Demut zu erfüllen versteht, die die Grundlage aller Gottes- und Menschenliebe bildet, die Kleine groß macht, Große über sich selbst erhebt, und bei deren Mangel selbst die höchste mensch­liche Größe bestenfalls nur als ein Juwel ohne Schliff und Fassung bewertet werden kann.

Auf, ;ur Airche laßt uns wallen, Niederfallen

Und bekennen unsre Schuld,

Daß von all den tiefen Wunden

Wir gesunden

O Erbarmet, hab Geduld!

Siehe, wir sind irrgegangen;

Schmerz und Bangen

Scharet uns um deinen Thron,

Die Lntsühnung zu erflehen,

Zu gestehen:

Lust der Welt bringt Tränenlohn.

All der Tand, das laute Treiben

Soll betäuben

Unsern Durft nach dir, 0 Gott.

Das Gewissen aber schreiet:

Wer befreiet

Uns aus dieser Qual und Not?

Du, 0 Vater, du alleine,

er verloren, bis auch er starb. Er hinterließ mich mittellos und legte mich bei seinem Tode Ihrem Onkel an das Herz. Derselbe war mir stets ein gütiger, zweiter Vater. Jetzt habe ich auch ihn verloren!"

Wissen Sie, wie mein Vater und mein Onkel Freunde wurden?" fragte Charles.

Nein," erwiderte Jrmgart.Ich glaube, mein Vater leistete Ihrem Onkel einst einen großen Dienst. Der verstorbene Baronet war meinem Vater sehr zugetan und behandelte mich wie sein eigenes Kind."

Aber es bestanden keine verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Ihnen?" fragte Charles weiter.Weder von väter­licher, noch von mütterlicher Seite?"

Von der Familie meiner Mutter weiß ich nichts," lautete die Antwort.Ich kenne nicht einmal ihren Mädchennamen. Mein Vater sagte mir immer, sie sei als die Letzte ihres Stammes gestorben."

Armes Kind!" sprach der Baronet.Wie einsam müssen Sie sich fühlen! Versuchen Sie eS, sich bei uns glücklich zu fühlen."

Sie sind sehr gütig," rief sie,aber wie könnte ich Ihnen zur Last fallen"

Sie hielt inne und eine dunkle Röte ergoß sich über ihr Gesicht.

Ich werde meines Onkels Stelle einnehmen und Sie als mein Mündel betrachten", versetzte Charles lächelnd.

Sie erhob ihre Augen zu ihm, ihre Lippen bewegten sich, als ob sie etwas sagen wollte, ein Heller Strahl breitete sich über ihre Züge aus, um dieselben schnell wieder um so trüber erscheinen zu lassen.

Wollen Sie, wenn Sie nicht anderweitig beschäftigt sind ein paar Minuten mit mir in das Lesezimmer kommen?" fragte er nach einer kleinen Pause.Ich möchte Sie bitten, einen Brief für mich zu kopieren."

Gern!" antwortete sie rasch und folgte dem Baronet.

Charles gab ihr das Nötige und nach wenigen Augen­blicken war sie eifrig bei der Arbeit beschäftigt.

Dieses Zimmer erscheint mir weit freundlicher, als früher,"