Beilage zum
Herrfel-er Kreisblatt
Nr. 135* Sonnabend, den 1^. November 1906.
entlarvt
Kriminalerzählung von C. G. Burg.
Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Insgeheim las er jetzt die Papiere mit Muße. Es waren Liebesbriefe aus Sottenhofen und Eschenheim, unterzeichnet „Dein Rudi" und „Liebe Tilly" überschrieben. Der Bauer knirschte vor Wut mit den Zähnen und murmelte:
„Trau, schau, wem!"
Nun kam ein blaues Büchelchen an die Reihe, lautend aus den Namen „Mathilde Gaggcrt," dann ein Geburtsschein auf gleichen Namen.
,',Das ist ja nett!" lachte der Bauer halb wahnwitzig vor Wut. „Na warte!"
Er konvertierte die Fundflücke, schrieb mit verstellter schwerer Hand die Adresse und schickte sie ans Kreisgericht.
Das war genügend, auch Jungfer Wurzner ins Verhör zu nehmen. Sie bekam einen TodeSschreck, als sie vorgeladen ward. Der Bauer lachte und meinte:
„Sie glauben gewiß, daß der Kordel den Rud aus Eifersucht — na, Du verstehst, denn leugnen kannst es wohl nicht, daß Du vor mir mit ihm — karessiert hast!"
„Aber Peter!"
Na, na, na!"
Er beherrschte sich soweit, daß er kein Wort von seinen Absichten verriet. Als sie zu Gericht war, ließ er Tedel rufen, und bat ihn, wieder auf den Hof zu kommen. Tedel gehorchte und Peter Meißner setzte ihm nun auseinander, er werde nicht heiraten, sondern in's Altenteilerhäuschen ziehen; die Ver- schreibung werde gleich nach dem Mordprozeß stattfinden.
„O Vater!" rief Tedel.
„Stille, kein Mensch darf etwas wissen!"
Am andern Tage erschien Vetter Stadtschreibcr, ein dürres, verhutzeltes Männlein, mit Frau und Tochter auf dem Eschenhof.
„Ja, Vetter," lachte er, „sind ganz neue Dinge entdeckt; mußte es Dir erzählen!"
„Nun? — Adelaide, setz' Dich, und Du Bas'! Nimm den bequemen Lehnstuhl!" sagte der Bauer.
Die Wurzner sah den Besuch giftig an; sie wußte aus dem Bauern nicht recht klug zu werden, denn er schien so wunderlich. Auch wurmte es sie, daß Tedel wieder im Hofe war. Aber Peter Meißner war hartköpfig, das wußte sie längst. Er sorgte auch, daß Vetter Bröcklein nicht eher erzählte, bis der Tisch besetzt war und sie nichts mehr im Zimmer zu tun hatte.
„Nun erzähle, Vetter!" flüsterte er. „Aber leise, daß es niemand hört!"
„Darf auch nicht, Vetter! Also!"
Er trank erst aus dem Maßkrug und begann:
„Kennst den Gendarm Steffens?" Der Bauer nickte.
„Er hat gestern einen Vaganten ertappt! Er nimmt den Trunkenen mit. Mann des Gesetzes', lallt der, ich hab' es nicht getan; es ist ein anderer gewesen, der dem Förster nicht grün war!' — 'Haha!' denkt Steffens und sagt ihm den Mord auf den Kopf zu, und der Bursche, wart, wart, Veiten Nordhubec heißt er, denke Dir, — gesteht!"
„Jst's möglich? So ist der Kordel Lindner doch unschuldig !"
»Hm,? wenn Deine Wirtschafterin ihn nicht beschuldigte!"
Vetter Bröcklein legte den Finger aus den Mund, denn da erschien sie, aber auch — der Gendarm Steffens.
„Eschenhosbauer," sagte er, „Eure Wirtschafterin nehme ich einmal mit!"
„Bei dem Heiligen," meinte der Bauer ganz verblüfft, „die? Was ist denn loS?"
Auch Vetter Bröcklein spitzte die Ohren, die schnackige Adelaide und ihre dürre Mutter reckten die mageren Hälse empor, daß ihnen nichts von der Antwort entginge.
„Falsche Namensführung," versetzte der Mann mit dem Helm, „kann sie ein Jahr kosten, tut mir leid, Bauer! Sie heißt „Gaggert"!"
„Mir tut's nicht leid, wenn's so ist!" lachte dieser. „Also Gaggert heißt Du?"
Die Wurzner oder vielmehr Mathilde Gaggert gewann jetzt all' ihre Frechheit wieder und versetzte:
„Das hat man davon, wenn man so einem alten Tropf vertraut! — Ich gehe voran, Herrn Gendarm!"
Vetter Bröcklein schlug die Hände über dem Kops zusammen.
* *
*
Eine der sonderbarsten Schwurgerichtssitzungen war diejenige wegen des Mordes deS Försters Rudi Lex zu Seehofen.
Zuerst ward festgestellt, daß die „Zeugin" Mathilde Gaggert, genannt Wurzner, unzuverlässig sei, daß mithin ihr Zeug, nis gegen Kordel Lindner als hinfällig angesehen werden müsse. Derselbe ward darauf aus der Hast entlassen.
Nun erst hieß der Staatsanwalt die Gaggert in Verwahrsam abführen, da er gegen sie Strafantrag erheben müsse.
Der Angeklagte Velten Nordhuber war an Leib und Seele gebrochen, er wiederholte sein Geständnis, daß er den Förster aus Rache erschossen, und ward zum Tode verurteilt. Das Urteil ist bald darauf vollzogen worden.
Die Wirtschafterin erhielt für falsche Namensführung und Betrug ein Jahr drei Monate Gefängnis. Auf Grund dieser Bestrafung zog jetzt Peter Meißner das ihr schriftlich gegebene Eheversprechen zurück.
Es rächt sich alle Schuld aus Erden: Den Karnickellips ward der Eschenhosbauer so leicht nicht vom Halse los, da derselbe stets mit der Anzeige von des Bauern Absicht drohte.
Aber der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht:
Der neue Förster ertappte ihn beim Schlingenlegen. Infolgedessen spazierte der schlaue Karnickellips in's Zuchthaus und verschwand später aus der Gegend.
Kordel Lindner trat wieder in seinen Dienst zurück und heiratete später die Schwester von Tedels Frau, die er gelegentlich der Hochzeit hatte kennen gelernt. Er wurde ein sehr vernünftiger Ehemann, Peter Meißner aber genoß seine altenTage in Ruhe und Sorglosigkeit. Von der Wirschafterin jedoch verlautete, nachdem ihre Sachen abgefordert waren, nie etwas wieder.
Der Erbe von Stratfield.
Novelle von I. N i c o l a.
(Nachdruck verboten.) Erstes Kapitel.
Mancher, der plötzlich in den Besitz eines schönen Besitztums, eines stattlichen, alten Herrenhauses und eines bedeutenden Einkommens gelangt, würde sich freuen und sich als den glücklichsten aller Sterblichen rühmen.
Nicht so war es Charles von Stratfield.
Sein Leben war bis zu dem Zeitpunkt der großen Erbschaft sehr ruhig und gleichförmig verlaufen. Charles gehörte einer alten adeligen Familie an; sein Vater war der jüngere Bruder des BaronetS Alexis von Stratfield, des „Familien- haupteS", wie derselbe sich voll Stolz nannte.
Diese beiden Brüder waren damals die einzigen Glieder des FamilienstammeS.
Nachdem Charles Vater, der jüngere der Brüder und deshalb ohne Titel und Reichtum, geheiratet, hatte er jahrelang mit Sorgen und Unannehmlichkeiten zu kämpfen; durch ungetreue Freunde verlor er fast sein ganzes Vermögen und starb noch in der Blüte seines Lebens.
Mehrere Jahre vor seinem Tode hatte er einen heftigen Streit mit seinem Bruder AlexiS. Charles erfuhr nie die Ursache desselben, doch nach dem liebenswürdigen Charakter seines Vaters zu urteilen, handelte derselbe unter dem Druck eines grausamen Unrechts.
Doch waS auch die Veranlassung gewesen sein mochte, die Folge davon war ein gänzlicher Bruch aller Beziehungen zwischen den Brüdern. Keiner von beiden litt, daß des Bruders Name in seinem Beisein jemals erwähnt wurde. Ihr Geheimnis wurde mit ihnen begraben.
Während Charles in Oxford auf der Universität war, starb der Vater.
Die klare Einsicht in seine wirklichen Verhältnisse war für seine Angehörigen ein furchtbarer Schlag.
Aber Charles Mutter trug alles mit großem Mut. Sie hatte ein kleines Einkommen von ungefähr zweihundert Pfund Sterling und Charles war so glücklich, eine Stelle als Bib- liothekar und Organist zu erhalten.
Der junge Mann besaß eine große Vorliebe für Musik und widmete sich derselben täglich mit wahrer Hingabe, aber seine Pflichten gestatteten ihm wenig Mußezeit.
Vom Morgen bis zum Abend hantierte er zwischen den Büchern. Sonntags verbrachte er fast den Tag an der Orgel.
Von Gesellschaften wußte er nichts und vor dem weiblichen Geschlecht hatte er eine wahrhafte Scheu. Seine Mutter liebte er, als die einzige auf Erden, die ihn lieb hatte.
Wie ein stiller, tiefer Fluß ohne ein Kräuseln auf der Oberfläche floß Charles Dasein dahin. Wer hätte ahnen können, daß dieses ruhige Gewässer sich dereinst in einen wilden, schäumenden Strom verwandeln würde?
Ein unerwartetes Ereignis sollte einen gewaltigen Umschwung in alle Verhältnisse bringen. Eines Tages erhielt Charles gänzlich unerwartet die Todesnachricht nicht nur seines Onkels, sondern auch dessen Sohnes und Erben. Sie waren beide verunglückt.
Bei einer Fahrt auf dem See des Herrensitzes war das Boot umgeschlagen.
Charles Vetter, der Erbe von Schloß Stratfield, ein schöner, junger Mann, wurde für einen guten Schwimmer gehalten, doch allem Anscheine nach hatte er weder sein eigenes Leben, noch das seines Vaters retten können. Wie es zugegangen, wußte niemand, da die zwei allein gewesen waren. Als man die Leichen fand, umschlossen des Sohnes Hände noch fest den Arm des Vaters. Offenbar war er bei dem Versuch, den Vater zu retten, selbst ertrunken.
Seltsam! Er war bereits das zweitemal, daß ein Schloßherr in diesem großen, klaren See den Tod gefunden hatte.
Mit Wehmut im Herzen sagte Charles seinem stillen Leben und seinen alten Freunden ein Lebewohl und trat den glänzenden Besitz des Herrensitzes an. Seine alte Mutter begleitete ihn. Sie beide hatten die Besitzung nie zuvor gesehen und waren entzückt von der Pracht und Schönheit ihrer Lage. DaS Herrenhaus war ein stolzes, stattliches Gebäude, der imposante Park, von dem es umgeben Avar, die sorgsam gepflegten Rasenplätze, die herrlichen Gärien, das alles bot in den goldenen Strahlen der untergehenden Sonne, wie Charles es zum erstenmale sah, einen überwältigenden Anblick dar.
Dem Aeußeren entsprechend, war auch die innere Ausstattung des schloßartigen Gebäudes. Es war kostbar und geschmackvoll eingerichtet, ohne überladen prunkhaft zu sein. Das Herrenhaus besaß eine große Bildergalerie in welcher die Vorfahren der Familie Stratfield sich pflichtschuldigst präsen- tierten.
Seiner Mutter, der nunmehrigen Herrin des Besitztums, überließ Charles die ganze lange Reihe glänzender Salons, - Wohn- und Speisezimmer. Er selbst wählte für sich zum beständigen Aufenthalt das Bibliothekzimmer, einen langen, geräumigen Saal, vom Boden bis zur Decke mit Büchern aller Art und jeder Wissenschaft angefüllt.
(Fortsetzung folgt).
3ur Erinnerung an den 17. November 1881.
Ein Vierteljahrhundert ist feit der November botichast unseres hochseligen Heldenkaiser» Wilhelms I. vom Jahre 1881 verflossen. Damit werden die Erinnerungen an eine der größten sozialen Taten der Weltgeschichte lebendig, und es ist nicht mehr als recht und billig, wenn diese Erinnerungen in Schrift und Wort ihren freudigen und dankbaren Ausdruck finden.
Durch die Botschaft Wilhelm» des Großen und feines gewaltigen Kanzlers, unsere» unvergeßlichen Fürsten Bi»- marck, vom 17. November 1881 ist da» einzig in seiner Art dastehende Werk der deutschen Arbelterverstcherung in« Leben gerufen worden. Ein neue» weltbewegende« Prinzip erlangte damit historische Geltung, da» Prinzip nämlich, daß der Arbeiter in Fällen von Krankheit, Invalidität und Alter nicht mehr mit Wohltaten abgespeißt werden darf, sondern für solche Fälle ein wohlbegründete« Anrecht auf staatliche Unterstützung hat. Etwa» gänzlich Neue«, da» die Völker ringsum zu staunender Anerkennung zwang und der Nacheiferung ein glänzendes Ziel bot, trat mit der staatlichen Arbeiterversicherung Deutschlands in die Welt. E» war Sozialirmu«, aber nicht von jener Sorte, wie sie der Franzose mit dem Worte kennzeichnet: „Sozia- lUmu« ist das Geld de« andern", sondern Socialismus im edelsten und besten Sinne be« Worte», Socialismus, heraut- geboren au« dem Geiste des Christentums, und deshalb selber Verwirklichung christlicher Ideale, praktischer Christentum. Der Tat Wilhelms des Großen und feine« Kanzler« liegt jene echt germanische und christliche Etaatüauffaffung zu Grunde, wonach der Staat ein lebendiger Organi«mu» ist, der alle seine Glieder zu inniger, wechselwirkender Gemeinschaft umschließt, und der eben deshalb auch für jede« dieser Glieder eine tragende, helfende und stützende Hand haben muß.
Aus kleinen Anfängen ist die deutsche Arbeiterversicherung allmählich zu einem gewaltigen, weithin schaltenden Frucht- baume emporgewachsen, der heute Millionen Schutz und Labung spendet. Wenn auf irgend einem Gebiete, so gilt auf diesem das Wort von den sprechenden Zahlen. In der Krankenversicherung sind während des letzten Jahre«, über da« statistische Angaben vorliegen, 220 Millionen Mark an Unterstützung aufgewandt, in der Unfallversicherung 136,2 Millionen Mark Entschädigungen gezahlt, bei der Invaliden- und Altersversicherung 145,2 Millionen Mark für Renten verausgabt worden. Die Zahl der Unfallrenten betrug über 1 Million, und diejenige der Alter«- und Invalidenrenten nahezu 1 Million. Insgesamt betragen also die auf Grund der drei Versicherung-gesetze gezahlten jährlichen Unterstützungen über 500 Millionen Mark, oder täglich nahezu iVa Millionen Mark; etwa 2 Millionen Rentner erhalten Entschädigungen auf Grund des Unfall- nnb des Invaliden- versicherungi-Gesetze«. Das sind fürwahr gewaltige, imponierende Zahlen. Wieviel äußerste Not ist durch sie abgewandt, wieviel Elend gelindert, wieviel Gesundheit und Kraft unserm Volke erhallen worden! Wenn die Sterblich- ketteziffer Deutschland« während der letzten Jahrzehnte in stetem Sinken begriffen ist, so ist da« nicht zuletzt da» Verdienst unserer sozialen Versicherung-gesetzgebung. In bet Tat nur blinder Haß oder hämischer Neid vermag die Bedeutung diese» Werkes verkleinern oder gar leugnen zu wollen.
In der Gegenwart gibt zweifellos viele« zu berechtigter Sorge und trübem Ausblicke Anlaß. Umso glanzvoller aber hebt sich von diesen beunruhigenden Erscheinungen das Werk der deutschen Arbeiterversicherung ab. Der 17. November dieses Jahres ist ein Tag, an dem sich nationaler Stolz und dankbare Freude über das Errungene einmal gänzlich ungetrübt äußern dürfen und können. Zugleich aber möge dieser Tag auch Volk und Regierung in dem Vorsätze bestärken, fortzuschreiten in den Bahnen der Sozi- alreform und sich von diesem Kurse durch keinerlei noch so bittere Erfahrungen labbringen zu lassen. Mag sich der Undank der von der Sozialdemokratie betörten Arbeitermassen auch noch so grell und widerlich äußern, nicht um be« Danke«, nicht um bestimmter politischer Wirkungen willen ist da« Werk der deutschen Sozialreform ins Leben gerufen worden, sondern um der Gewiffenpflicht be« christlichen Staate« zu genügen. So wünschen wir dem Steuermann, der da« Ruder be« sozialen Schiffe« lenkt, wohl Besonnen- heit, damit das Schiff nicht in rasenden Laus verfalle und durch Klippen gesährdet werde, sondern einen ruhigen, gesicherten Kur« bewahre, aber im übrigen: Frischauf zur fröhlichen Weiterfahrt! Der Geist der Novemberbotschaft von 1881, der Geist de« praktischen Christentum«, der soziale Giist, mit dem Wilhelm der Große und Bismarck unsere Gesetzgebung erfüllt haben, er sei auch sürd-rhtn wirksam in unserm Vaterland. Wenn der 17. November diese« Jahre» an seinem Teil mitwirkt zur Bewahrung und Erneuerung jene« Geistes, so wird er nicht bloß ein nationaler Fest, und Freudentag, sondern zugleich auch ein Segenstag für unser deutsche« Volk sein. Da« walte Gott!
vermischtes.
in — ® a« große Los der preußischen Lotterie ist in der heutigen Vormittagszi-Hung — am achten Ziehung«, tage — gezogen worden. Es fiel auf die Nummer 49,625. Die Gewinner sind diesmal fast ausnahmslos Berliner, und zwar wohnen sie zum größeren Teil im Süden der Stadt. Das Lo« wurde zu Vierteln gespielt, bei denen aber als Unterbesitzer wiederum verschiedene Personen participierten.
Berlin, 14. November. (Der gestohl«ne Kraftwagen.) Ein Automobil im Werte von 16,000 Mark, da» Direktor Haberland gehört, ist laut .B. Z. am Mikl." dör.