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Herrscher Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
-S-
Nr. 131
Donnerstag, den 8. November
1906
Amtlicher Lei!.
Hersseld, den 29. Oktober 1906.
Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises werden hierdurch angewiesen, mir binnen 5 Tagen anzuzei- gen, wieviel Haushaltungsvorstände bezw. selbständige Einzelpersonen römisch-katholischen Glaubens in ihrem Gemeindebezirk wohnhaft sind, und welchen Staatseinkommensteuerbetrag dieselben nach der Veranlagung für 1906 zusammen zu entrichten haben.
St. 286. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Hersfeld, den 6. November 1906.
Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises werden hierdurch aufgefordert, die Steuerliften für 1906 und die neuausgestellten Staatssteuer- und Gemeindesteuer- listen nebst den Staatssteuerrollen für das Steuerjahr 1907 sofort nach Fertigstellung spätestens bis zum 15. d. M t S. hierher einsenden zu wollen.
Der Vorsitzende der (Einkommensteuer» Veranlagungs-Kommission von Grunelius.
Hersfeld, den 5. November 1906.
Ein Kaufmann X ist wegen Verfälschung von Zwie- bad durch Zusatz von Seife zu einer Geldstrafe von 60 Mk. verurteilt worden.
Der Angeklagte hatte unter der Bezeichnung „Sanität«- Kindernähr-Zwieback-Extrakt" eine Zubereitung in den Handel gebracht, die als Zusatz zu dem von den Bäckermeistern hergestellten sogenannten holländischen Zwieback dienen soll. Er war beschuldigt, das Erzeugnis durch Zusatz von Seife vorsätzlich verfälscht und die verfälschte Ware in den Verkehr gebracht zu haben. Der Seifenzusatz war durch den beeidigten Gerichtschemiker festgestellt worden und wurde auch von dem Angeklagten vor Gericht zugegeben.
Die Verfälschung muß al» umso bedenklicher bezeichnet werden, als ein für die Ernährung der Kinder und insbesondere schwächlicher und kranker Kinder bestimmtes Nahrungsmittel, der Zwieback, mit einem Extrakt bereitet wird, dessen reklamhafte Bezeichnung „SanitälS'Kindernähr- Zwieback-Extrakt* in keiner Weise den Seifengehalt vermuten läßt.
Da eine solche Fälschungrart nach den Angaben des Angeklagten vielfach Üblich fein soll, ohne bisher anscheinend zur Kenntnis der Behörden gelangt zu sein, mache ich die Ortspolizeibehörden auf diese bedenkliche Art der Nahrung«- Mittelfälschung besonders aufmerksam.
!. 8951. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
Sie gMge Fm.
Erzählung von A. B u r g. (Fortsetzung.)
„Ja — gnädige Frau — er dachte seines Sohnes mit tiefem Kummer und des bitteren Leides, das Ihnen dadurch geschehen war."
Angelika antwortete nicht gleich, sie lehnte sich eine Minute still in den Sessel zurück unb schloß die Augen. Dann sagte sie: „Erzählen Sie mir, Durchlaucht — hatte er viel zu leiden — o, ich beklage ihn nicht — er hat nun überwunden — sein geteiltes Leben war sein früher Tod. Aber — ich fühlte so großes Mitleid für seine armen Kinder — nun so Vater- und mutterlos — das ist schwer."
Prinzessin Jdaline und Erbprinz Burchardt sind unter meine Vormundschaft gestellt — Gras Lucian sührt die Regentschaft bis Burchardt mündig ist. Die allerdings sehr zarte Jdaline bleibt unter der Obhut der Gräfin Ellerbach, die Steltensteins verwaistem Haushalte Vorstand. Im übrigen betrachten die Kinder Gregors meine Frau und mich so als stellvertretende Eltern — sie sind viel in unserem Hause — vielleicht — vielleicht wird Jdaline uns wirklich noch einmal eine Tochter."
Ein Schinimcr von Ueberraschung flog über AngelikaS schmerzbewegte Züge — hatte nicht in dem Briefe Henriks, den Inge ihr zu lesen gegeben, von Prinzessin Jdaline gestanden ? Gewiß — die Aufregung hatte sie ganz übersetzen lassen, daß es Henriks Vater war, dem sie hier gegenüber saß.
Fürst Schönau hatte indessen ein Kästchen vor Angelika hingestellt — sie legte die Hand darauf, aber sie öffnete es nicht.
Nicht in Gegenwart eines anderen — ganz allein wollte sie Gregors Vermächtnis begrüßen.
„Ich darf nun, Durchlaucht — wohl dafür sorge», daß Durchlaucht sich ausruht und eine Erfrischung nimmt," fragte sie, als der Fürst sich erhob — mit dem echt hausmütterlichen Sorgen, das ihr zur zweiten Natur geworden.
„Nicht doch — gnädige Frau — mein Wagen wartet
Warnung.
Der OrtSgesundheitürat zu Karlsruhe hat unter dem 10. August d. I«. folgende öffentliche Warnung erlassen : „In No. 315 der Badischen Presse vom 10. v. MtS. ist ein Inserat erschienen, in dem Dr. WagnerS Antiposttin als ein Mittel angepriesen ist, welches Korpulenz unschädlich ohne lästige Diät und ohne Berusistörung beseitige. — Dasselbe Mittel wird auch durch versandte Prospekte in marktschreierischer Weise empfohlen ES wird in diesen auSgeführt, daß bei den bisherigen unsinnigen Entfettungskuren das Fett mit einem guten Teil Kraft zum Körper hinausgejagt werde, bei Gebrauch des Antiposttin dagegen werde das angefetzte Fett im Körper selbst nach und nach verbraucht. Dank der in dem Mittel enthaltenen Frucht- säuren und sauren Fruchtsatze, die den Stoffwechsel mächtig anregen und die Versorgung des Blute» mit Sauerstoff fördern.
Die Wirkungen der Kur sind in diesen Prospekten mit Phrasen beschrieben, wie; Ihr Schritt wird sicherer, Ihre Bewegungen energischer, Ihre Haltung straffer rc., und zugleich ist nicht unterlassen, die schrecklichen Folgen der Korpulenz den Kranken vor Augen zu führen — unter Abbildung eine» Totenschäsel»—, um die so Geängstigten zum Bezug des Antiposttin zu veranlassen.
Antiposttin ist ein Gemisch au» Weinsäure, Zitronensäure, Weinstein, Kochsalz und doppelkohlensaurem Nation, vielleicht enthält es auch Glaubersalz.
Da» Mittel ist seiner ganzen Zusammensetzung nach wirkungslos, wenn nicht schädlich.
Wir warnen vor d-ssen Bezug.
Da auch in hiesigen Zeitungen häufig Inserate über „Antiposttin" erscheinen, so wird vorstehende Warnung hiermit noch besonders zur öffentlichen Kenntnis gebracht.
Berlin, den 2 Oktober 1906. (1. A. a. 3982. 06.)
Der Polizeipräsident. J. A.: gez. L e w a l d.
* *
*
Hersseld, den 2. November 1906.
Wird veröffentlicht. I 8863.
Der Königliche Landrat.
v. Grunelius.
nichtamtlicher teil.
Mil Blut mit ernste Einkehr.
Die Tatsache, daß in Frankreich der konsequenteste aller Staatsmänner, der große Demokrat Clsmencau Minister. Präsident geworden ist, und daß in England die Stellung des liberalen Kabinetts für leicht erschüttert gilt, weil in der englischen Schulfrage und in einer ganzen Anzahl sozialer Angelegenheiten das Kabinett Campbell-Bannermann die Wählermassen nicht mehr auf seiner Seite habe, lassen
draußen — ich kam mit Extrapost von der Station. Zum Ein-Uhr-Zuge soll er mich dort wieder hinsührcn, damit ich gegen Abend auf Schönau ankomme Ich muß heut mit dem Grafen Lucian noch manches ordnen — und morgen — gnädige Frau — darf ich nicht fehlen, wenn wir den Fürsten Gregor zur letzten Ruhe bringen."
Ein tiefer Seufzer zog durch das stille Gemach. Dann trat Angelika auf den Fürsten zu und reichte ihm die Hand: „Ich danke Ihnen, mein Fürst — daß Sie mir Gregors Grüße brachten — diese letzten Grüße eines treuen Herzens, das nie ausgehört hat, meiner zu gedenken und mich zu beklagen — sie werden die letzte Strecke meines einsamen Lebens erleuchten und vergolden mit dem Glanz ihrer Treue. Ich darf seiner gedenken — das ist der Trost, der mir bleibt —. Ich darf —" Angelika sprach stockend weiter — „ich darf den beraubten Kindern Gregors keine Worte der Teilnahme und der — Liebe sagen lassen, trotzdem mein Herz diese Kinder der Fürstin Mathilde mit — glauben es Durchlaucht mir — mit mütterlicher Liebe umfaßt — mein armer Sohn fühlt ja nicht — was ihm in dein Vater gestorben. Daß ich — so nahe ihm einst im Leben stehend und im Tode noch unvergessen von ihm — ihm morgen nicht zu Grabe folgen kann — ist ein Gebot der Konvention, dem ich mich beugen muß."
Sie neigte das weiße Haupt ein wenig, dann sah sie bittend zu dem hochgewachsenen Manne auf. „Ich weiß es — Gregor hat es mir oft erzählt — die Steltensteins werden nicht in steinerner Kirchengruft, sondern in die Erde bestattet — o bitte — erweisen mir Durchlaucht den großen Liebesdienst und vertreten mich — mit dem allerletzten Liebeszeichen — wenn der Sarg versenkt ist — mit meinen Gedanken werde ich gegenwärtig sein."
„Leben Sie wohl, gnädige Frau," Fürst Joseph war tief ergriffen, „eS war mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen, Ihnen die Grüße des toten Freundes zu bringen —"
„Unsere Wege werden sich kaum je wieder im Leben kreuzen, mün Fürst," AngelikaS Stimme hatte die alte Festigkeit wiedergewonnen, „aber meine Dankbarkeit für diesen Liebes- dienst, den Sie dem Toten und mir leisteten — wirb nie verlöschen. Nehmen Sie die Gewißheit mit fort in Ihr Leben,
die auswärtige Lage für Deutschland wieder recht kritisch erscheinen, denn es ist nicht zu leugnen, daß Frankreich wie England bei der ihnen passenden Gelegenheit gemeinsam als Gegner Deutschlands auf dem Plan treten werden, weil beiden Großmächten die wachsende Machtstellung Deutschlands gefährlich für ihre eigenen ehrgeizigen Interessen und Weltmacht-pläne erscheint. Die ganze Schwierigkeit dieser Lage ist ja bereits während der Streitigkeiten um die Neuordnung der Dinge in Marokko deutlich genug hervorge» treten, und sie ist deshalb an sich gar nichts neues für die politische Welt und für die deutsche Nation. Aber wenn damal» in der kritischen Periode die Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich nicht zur schwersten Krisis führten, so ist doch erst recht jetzt nicht Anlaß für die schwerste aller Befürchtungen, für einen Bündniskrieg Frankreichsund Englands gegenüber Deutschland vorhanden. Die Erwägungen, welche damals vor allen Dingen Frankreich davon abhielten, die eisernen Würfel rollen zu lassen, bestehen in ihren Gründen in der Hauptsache nach wie vor weiter. Frankreich kann sich nicht im geringsten auf den militärischen Beistand Rußland» in einem Kriege gegen Deutschland stützen, und die russische Regierung dürfte selbst in Paris sehr friedliche Anschauungen zum Ausdruck bringen. Außerdem weiß auch die französische Regierung sehr wohl, daß England in einem Kriege gegen Deutschland zu Lande seinem Bundetgenossen nicht viel nützen kann. Frankreich hätte also allein die militärische Uebermacht Deutschland« im Landkriege auszuhalten und dieses Bewußtsein, welche« durch die Erinnerungen an den Krieg vom Jahre 1870 noch ganz besonder« bei den Franzosen wachgehalten wird, ist ohne jeden Zweifel die stärkste Frirdentbürgschaft zwischen Frankreich und Deutschland, und wir wüßten nicht, rote der neue französische Ministerpräsident der große Clämenceau, an dieser Sachlage etwa« ändern könnte. Frankreich hatte ja auch vor Jahrzehnten einen großen demokratischen Staatsmann, Loon Gambetta genannt, und auch dieser große Demokrat wurde Ministerpräsident, aber die großen Taten blieben vollständig au«. Die Grundsätze der Demokratie lassen sich eben mit einer großzügigen auswärtigen Politik sehr schlecht vereinbaren. Die Demokratie als ein politische« System der Volksfreiheit muß auch gerade in Frankreich friedlich sein, weil im Grunde genommen die Demokratie in Frankreich gar nicht so sehr gefestigt ist und so allgemein Anhang gewonnen hat, daß nicht in einer großen politischen Krisis ihre Gegner, da« sind die immer noch starken monarchischen Parteien in Frankreich an« Ruder gelangen könnten. Möglicherweise wird aber Clvmencau, der einmal gesaat haben soll, daß in der auswärtigen Politik sein Wahlspruch fei: Liebe für England, Ziel gegen Deutschland und Lohn Elsaß-Lothringen, auf auswärtigen Gebiete doch zu Taten und Handlungen schreiten. Dieselben dürften sich aber nicht direkt gegen Deutschland richten, sondern da« Ziel haben, die Stellung Frankreich« in Ma-
daß eine einsame Frau Sie segnet und des Himmels Segen erfleht für Ihr ganzes Haus, Pietät und Tradition,' so lautet, ich weiß es, der stolze Wappenspruch Ihres Geschechts — möchte unter diesem Zeichen Ihr Haus weiter blühen und gedeihen."
Der Fürst b ie jetzt so belebten Züge b*r vor ihm st beugte er sich tief zum Abschied vor ih> eichte Hand.
Die Tür sch - von fern her fün'ete das Rollen der 5 Gastes.
Der saß zur des Wagens. Gregor hatte ihm nicht - von ihr, der Geliebten und Verlassener eine Heldin — war sie aus dem bitten icht und Liebe hervorgegangen —
„Die gnädi allein zu bleiben," hieß es bald darauf ck, „Fürst Schönau hat die Todesnachri^. v^ u...l.^, rs gebracht." —
Als am anderen Tage durch ^ adt und Land Stelten- stein die Trauerglocken läuteten, die dem Fürsten die letzten Grüße der Seimgen brachten, als die große, vornehme Gesellschaft sich sammelte in der Schloßkapelle zur Trauerandacht, als die weinende Prinzessin Jdaline und Fürst Burchardt, geführt von Gräfin Ellerbach und Gras Lucian, die Plätze dicht am Sarge deS Vaters cinnahmen, hielt Angelika eine stille Totenfeier ab in dem Zimmer des Verstorbenen, das, sonst stets verschlossen, in demselben Zustande geblieben war, wie er eS verlassen.
Sie saß, in tieseS Schwarz gekleidet, vor dem Schreibtisch des Fürsten, ihr Haupt ruhte auf dem Kissen, das die Sehne ferne« Schreibstuhls schmückte, und das sie ihm einst gestickt
vor ihr lagen die Kleinodien, die er ihr durch den Fürsten gesandt hatte, die schlichte goldene Kapsel und der goldene Trauung, den einst — bei ihrer stillen Trauung — der Geistliche an deS Fürsten Finger gesteckt. Sie nahm den Ring und streifte ihn zu dem ihrigen — er gehörte ihr mit Recht. Dann küßte sie die Kapsel, wie er sie geküßt hatte — so nahm sie den dritten — den letzten Abschied von dem Galten. Er war leichter als die beiden ersten. Es mischte sich keine Bitter-