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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 105.
Sonnabend, den 8. September
1906.
Amtlicher teil.
Hersseld, den 6. September 1906.
Unter dem Schweinebestonde des Gastwirt« August Letz zu Hersfeld ist die Rotlausseuche ausgebrochen. - I. 7141. Der Königliche Landrot.
J. V.:
Trott zu Solz,
Regierungs-Referendar.
nichtamtlicher CeiL
Politischer Wochenbericht.
In der Leitung der deutschen Kolonialangelegenheiten hat sich ein Wechsel vollzogen. Der bisherige Direktor der Kolonialabteilung Erbprinz zu Hohenlohe-Lan- genburg ist von seinem Posten zurückgetreten, und zu seinem Nachfolger ist der Direktor der Bank für Handel und Industrie Bernhard Dernburg auSersehen worden. Der neue Kolonialdirektor gilt als ein höchst um* sichtiger und energischer Kaufmann, der auf seinem bisherigen Arbeitsfelds eine kraftvolle Initiative entfaltet und vielfache Erfolge errungen Hot. Da unsere Kolonien dringend der Entfaltung gröberer wirtschaftlicher Energie und eines regeren Unternehmungsgeistes bedürfen, außerdem auch die Finanzgebarung in der Kolonialverwaltung, wie es scheint, mancherlei Mängel aufzuweisen hat, so ist es erklärlich, daß sich an den Eintritt eines tatkräftigen Großkaufmanns in das höchste Kolonialamt weitgehende Hoffnungen knüpfen. Jeder Patriot wird von Herzen wünschen, daß sich diese Hoffnungen im vollsten Umfange erfüllen mögen. Wenn aber im übrigen die freisinnig-demokratische Preffe, die in ihrer Freude über die getroffene Wahl des neuen Kolonial» leiters wahre Purzelbäume schlägt, es nun so darzustellen sucht, als liege in der den bisherigen Traditionen wider- sprechenden Berufung eines Kaufmannes in eines der höchsten Staatsämter alles Heil der Zukunft beschlossen, so ist das, gelinde gesagt, eine Albernheit. Preußen und Deutschland sind unter der Leitung ihres Berufsbeamten- tums groß und mächtig geworden, und der Eifer sowie die Treue und Redlichkeit, die dieses Berussbeamtentum allezeit ausgezeichnet haben, sind durch keinerlei noch so großartige kaufmännische Eigenschaften je zu ersetzen.
Der Besuch, den das dänische und schwedische Geschwader während der BerichtSwoche in Kiel abgestattet haben, hat aufs neue die freundnachbarlichen Beziehungen und herzlichen Sympathien, die zwischen Deutschland und den skandinavischen Ländern bestehen, zum Ausdrucke gebracht. Hoffentlich hat der Kieler Flottenbesuch dazu bei, getrogen, diese Beziehungen noch fester, inniger und herzlicher zu gestalten.
In der verfloffenen Woche waren dreißig Jahre vergangen, seit der Beherrscher der Türkei, Sultan Abdul Hamid, die Zügel der Regierung ergriffen hat. Die Verhältnisse, unter denen dies geschah, waren die denkbar schwierigsten. Das türkische Reich war damals bis in die Tiefen erschüttert. Finanzen und Heer befanden sich im Zustande vollster Zerrüttung und Verwahrlosung. Vergleicht man die damaligen Zustände der Türkei mit den heutigen, so ergibt sich für jeden objektiven Beurteiler ein gewaltiger Fortschritt, und diesen Fortschritt verdankt da« Land dem staatSmännischen Blicke und der nie erlahmenden Tatkraft Abdul Hamids. Die erzielten Fortschritte aber erscheinen umso staunens- und anerkennenswerter, als sich dem Sultan bei seiner reformatorischen Tätigkeit Schritt für Schritt die größten Hindernisse in den Weg stellten. Hoffen und wünschen wir, daß Gott dem gegenwärtigen Beherrscher der Türkei, dem warmherzigen Freunde Deutschlands und seines Kaisers, Kraft und Gesundheit verleihen möge, damit er noch recht lange im gleichen Sinne wie bisher seines Herrscheramtes zu walten vermöge.
In Paris hat die zweite Vollversammlung der französischen Bischöfe getagt. Es war die Ausgabe der Versammlung, der Kirche in Frankreich endgültig eine Richtlinie vorzuzeichnen für die Ausübung des Kultur unter den neuen Verhältnissen. Die Lösung dieser Ausgabe ge- Haltet sich höchst schwierig, da es gilt, sich mit der letzten päpstlichen Enzyklika abzufinden und doch einen gangbaren Weg zu finden, der die Abhaltung öffentlicher Gottesdienste ohne Gesetzesverletzung ermöglicht. Wie sich der Bischofstag aus diesem Dilemma heraushelfen wird, kann kein Mensch voraussehen und es bleibt im Interesse Frankreichs nur zu wünschen, daß die gefaßten Beschlüsse nicht noch zur Verschärfung bes Kirchenkampfes beitragen mögen.
Der Verlauf des panamerikanischen Kongresses in Rio dürfte den Erwartungen, die man in den Vereinigten Staaten von Nordamerika auf ihn gesetzt hatte, nicht sonderlich entsprochen haben. Es bleibt vielmehr der Eindruck bestehen, daß die südamerikanischen Staaten
in ihrer großen Mehrheit drnn doch nicht so ohne weiteres geneigt sind, sich vollkommen der Suprematie der nord« amerikanischen Union zu unterstellen und daß die panamerikanische Idee dieses heißersehnte Zukunftsbild der Politiker in Washington und Nerv-Mark, noch weil von ihrer endgültigen Verwirklichung entfernt ist.
M Mm über Sie Sftmarten.
Schon wiederholt hat der Reichskanzler Fürst Bülow erklärt, daß er vie Ostmarkensrage für sehr wichtig, ja für die wichtigste Ausgabe der inneren Politik halte. Neuer- dings nun hat sich Fürst Bülow zu dieser Frage in sehr bemerkenswerter Weise dem Pastor Dr. SatriUe aus Kalmar i. P. gegenüber geäußert, der beim Reichskanzler kürz' lich in Norderney wegen verschiedener, das wirtschaftliche Leben in der Ostmark betreffenden Fragen eine Audienz gehabt und über dessen Aeußerungen zur Ostmarkensrage im „Posener Tageblatt" berichtet hat.
Der Reichskanzler erklärte, daß er an seinem Ostmarken» Programm, wie er es im Jahre 1902 vor dem preußischen Abgeordnetenhause entwickelt habe, unbedingt festhalte und also auch für die Förderung der Industrie lebhaft eintrete. Noch immer halte er die Ostmarkensrage nicht nur für eine wichtige, sondern für die wichtigste Frage unserer gesamten inneren Politik, wie er das im Landtage ausgesprochen habe. Vor allem dürfe nicht hin und her geschwankt werden. „ES ist schlimm gewesen," so fuhr der Fürst fort, „daß auf die Floltwellschen Ansätze eine lange Zeit der Halbheit und Schwäche gefolgt ist; schlimm auch, daß aus die Bis- marcksche Periode die Caprivische folgte. Jetzt sind wir, wenn auch im einzelnen Fehler gemacht werden, die sich nie ganz vermeiden lassen, zu Flottwell-Bismarckschen Grundsätzen zurückgekehrt. Dabei soll es bleiben! Darin lassen wir uns auch durch die elementarsten Schwierigkeiten und Widerstände, auf die wir überall stoßen, nicht irre machen. Wir halten an der Hebung der Kultur unverbrüchlich fest. Zwar wendet ein von mir hochverehrter Mann — der Name muß hier unterdrückt werden, da sein Träger noch in außerordentlich gesegneter Tätigkeit wirkt — stets ein, daß wir durch unsere HebungSarbeit die Polen stärken und ihnen die Waffen schleifen, mit denen sie uns Deutsche bekämpfen. Aber wir bleiben insbesondere auch bei der Ausgestaltung des ostmärkischen Schulwesens, obwohl wir sehr genau wissen, daß jeder zweisprachige Pole ein sehr gefährlicher Konkurrent Des einsprachigen Deutschen auf jedem wirtschaftlichen Gebiete ist. Preußen kann nicht anders. Es übt Fürsorge an jedem seiner Untertanen und verharrt mit geduldiger Ausdauer in dieser Fürsorge, auch wenn ihm mit Undank gelohnt wird."
Er hege aber die Zuversicht, so führte der Reichskanzler weiter aus, daß bei ausreichender Dauer die gewünschten Erfolge eintreten würden. Nur müßten wir beständig bleiben in dem, was wir angefangen haben, und nicht gleich müde werden und nach deutscher Unart schelten, wenn nicht alsbald Früchte zu sehen sind. Wir ständen da in Aufgaben, die nur in Generationen langer, ausdauernder Arbeit ge löst werden könnten. Dabei fei ein unentbehrlicher Faktor, daß die Deutschen besser zusammenhalten. Darin müßten sie von den Polen lernen, die wie jede Nationalität, die unterdrückt wird oder, wie unsere Polen, sich wenigstens unterdrückt glaubt, fest zusammenstehen. „Für ostmärkische Nöte," so schloß der Fürst die Unterredung, „bin ich immer zu haben, Sie dürfen immer zu mir kommen. Nochmals versichere ich: was in meinen Kräften steht, soll geschehen."
Den Polen werden diese Worte des Fürsten Bülow nicht gerade angenehm in die Ohren klingen, aber den Deutschen in der Ostmark mögen sie eine Mahnung sein, auf der Wacht zu sein, und fest zusammenzustehen gegen den polnischen Ansturm auf da» Deuschtum in unseren Ostmarken.
Sritttri’l Friedrich m Wen.
Zu seinem 80. Geburtstage, 9. September.
Großherzog Friedrich von Baden feiert an diesem Sonntage unter freudiger und h -zlicher Teilnahme seines Volkes und der Patrioten aus dem ganzen deutschen Reiche seinen 80. Geburtstag. Im Großherzog Friedrich ist mit das beste Teil der deutschen Geschichte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts verkörpert; er war nicht nur Zeuge der deutschen Einheitsbestrebungen und ihrer Erfüllung, sondern zugleich einer ihrer einsichtsvollsten und tapfersten Vor- und Mitarbeiter unter den deutschen ReichS- fürsten. Kurz vor dem Antritt seiner Regierung war Baden der Schauplatz revolutionärer Kämpfe gewesen, in denen demokratische Hitzköpfe und Schwärmer den deutschen EinheitStraum verwirklichen wollten.
Als dann die Zeiten des deutschen Bundestage» zu Ende gingen, und die preußische Politik unter König Wilhelm, dem Schwiegervater des Großherzog», den praktischen Weg zur Einigung der Nation zeigte, war der badische Fürst einer der ersten, der Richtung und Ziel erkannte und seine
eigene Politik danach einrichtete. Er half, die Brücke über den Main zwischen Nord und Süd schlagen; seine Division war mit die erste, die über den Rhein nach Frankreich ein» drang und das Reichsland gewinnen half. Wie er treu und klug auf dem wichtigen Posten an der Südwestmark Deutschlands gestanden hatte, so durfte er auch mit Recht der Fürst sein, der das erste Hoch auf den ersten Deutschen Kaiser des neuen Reiches in Versailles ausbrachte.
Fortan blieb er nicht nur in innigster Freundschaft den drei erstendeutschen Kaisern, seinem Schwiegervater, Schwager und Neffen, verbunden, sondern bei allen wichtigen Fragen des innern Ausbaues des neuen Reiches erwies er sich stets als einsichtiger Helfer und Berater, und wenn er öffentlich feine Stimme erhob, so geschah es immer im Sinne der Kräftigung des Reichsgedankens im Innern und der Macht des Reiches nach außen. Bekannt sind seine von warmer Vaterlandsliebe getragenen Ansprachen an die frühern Angehörigen des Heeres, an die Mitglieder der Kriegervereine, die überall, wo Deutsche wohnen, einen tiefen Eindruck hinterlassen haben.
Auch um das deutsche Heer hat sich Großherzog Friedrich große Verdienste erworben. Er war der erste süddeutsche Fürst, welcher nach dem Jahre 1866 neben der politisiert Einigung auch die militärische durchzuführen bestrebt war. Die badische Armee wurde nach preußischem Muster eingerichtet, die allgemeine Wehrpflicht eingesührt. Seit dem Jahre 1877 fand Großherzog Friedrich durch seine Ernennung zum Generalinspektor der 5. Armee.Jnspeklion noch mehr Gelegenheit, seine Tätigkeit auf militärischem Gebiete zu entfalten.
Wenn das badische Volk den heutigen Tag besonder» festlich begeht, so ist da» mit in der Fürsorge begründet, die Großherzog Friedrich für feine Untertanen in reichem Maße bewiesen hat. In bezug auf WohlfahrtSbestrebungen für Arme und Geringe ist durch bas Beispiel und die praktische Förderung des Großherzoglichen Paares, das in wenigen Tagen das schöne Fest der goldenen Hochzeit begeht, in Baden Bewundernswertes geleistet worden. Schon 1870 war das erste Arbeiterschutzgesetz in Kraft getreten, das Kindern und Arbeitern weitgehenden Schutz gewährte und ihre Ausbeutung verhinderte. Durch wohltätige Für- sorge des Großherzogs und seiner Gemahlin erwuchsen überall Anstalten zum besten der Kranken und Armen, welche wesentlich dazu beigetragen haben, die allgemeine Zufriedenheit der Bevölkerung zu heben. Warmherzig begrüßte er die Sozialreform, die unter Kais r Wilhelm dem Großen und seinem Kanzler Fürsten Bismarck zum Vorteil der wenig bemittelten Klaffen eingeführt wurde. Arbeiter- bildungSvereine, in denen lernbegierige Arbeiter sich zu- fammenfanben, wurden unter seiner Regierung tatkräftig gefördert und unterstützt, und die badischen Arbeiter haben sich staatStreu und ihres Wahlspruches: „Arbeit, Ehre, Vaterland" würdig erwiesen.
Möge es dem Großherzog Friedrich von Baden an der Seite seiner Gemahlin vergönnt sein, an einem Hellen freundlichen Lebensabend noch viele Jahre dem deutschen Volke als ein Muster deutscher Gesinnung voranzuleuchten!
^aniiwtrttrtag in Snrnltm.
In der Mittwoch-Sitzung des Nürnberger Handwerker- tage» stand die Frage des Befähigungsnachweise» für das Baugewerbe zur Beratung. Geh. Oberregierungs- ral Spielhagen vom Reichsamt des Innern glaubt« mitteilen zu können, daß die Erklärungen, welche der Staats, sekrtär Graf Posadowsky bei der Wiedereröffnung des Reichstages im November zu dieser Frage abgeben würde, alle Beteiligten befriedigen werde. (Großer demonstrativer Beifall.) Angenommen wurde folgende Resolution: „Der Gesetzentwurf betreffend die Anordnung der Gewerbeordnung (Beseitigung von Mißständen im Baugewerbe) entspricht nicht den Forderungen des deutschen Bauhandwerk», wie sie in den Beschlüssen des Kölner Handwerks und Gewerbe- kammertage» im Jahre 1905 niedergelegt sind. Der deutsche Handwerks-und Gewerbekammertag in Nürnberg erneuert den Beschluß bet Kölner Tagung, nach welchem den erheblichen Mißständen im Baugewerbe nur durch Einführung bes Befähigungsnachweise» nutzbringend gesteuert werden k -nn. Der Handwerks- und Gewerdekammertag erkennt ober in dem Entwurf einen dankenswerten Versuch der Verbündeten Regierungen, den vorhandenen Mißständen aus andere Weise abzuhelfen. Der Handwerks- und Ge. werbekammertag hält daher die Annahme des Entwurfs in der durch die 11. Reichstagskommission gegebenen Form, die wesentliche Verbesserungen in sich schließt, für wünschenswert. Der von derselben Kommission angenommenen Resolution, welche die schleunige Einführung des sogenannten kleinen Befähigungsnachweises für das deutsche Handwerk fordert, stimmt der Kammertag zu in der bestimmten Er- Wartung, daß die Verbündeten Regierungen schon in der nächsten Tagung dem Reichstag einen entsprechenden Entwurf vorlegen werden.