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Hersfelder Armblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 98.

---,---,!._

Donnerstag, den 23. August , 1906.

Amtlicher teil.

Unter Bezugnahme aus meine Bekanntmachung vom 13. Dezember 1905 A. II 10464 (abgedruckt in Nr. 42 des Amtsblatts vom 20. Dezember 1905) bringe ich hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß die Herren Minister des Innern und der öffentlichen Arbeiten durch Erlaß vom m III. B. 3. 857. M. d.ö.A.

d.Mtr.- a 59z4.m »ur Kennzeichnungvon

Kraftfahrzeugen für den Regierungsbezirk Hildesheim die weiteren Nummern 30013300 übermiefen haben. (A. II. 6656.)

Gaffel am 31. Juli 1906.

Der RegierungS-Präsivent.

I. V. gez. M e j e r.

* *

Hersfeld, den 16. August 1906.

Wird veröffentlicht.

I. 6486. Der Königliche Landrat.

J. V :

Trott zu Solz, RegierungS-Referendar.

Hersfeld, den 18. August 1906.

Der George Groll II. zu Gittersdorf ist am heutigen Tage als Schöffen-Stellvertreter der Gemeinde Gittersdorf eidlich verpflichtet worden. I. 3180. Der Königliche Landrat.

I. V.:

Trott zu Solz, RegierungS-Referendar.

Hersfeld, den 20. August 1906.

Die Räude unter den Schafen in Nenterode Kreis Rotenburg o/F. ist erloschen.

1. 6646. Der Königliche Landrat.

I. V.:

Trott zu Solz,

Regierungs Referendar.

Gefundene Gegenstände:

Eine Peitsche. Meldung des Eigentümers bei dem OrtSvorstand in Gittersdorf.

Kampf.

Eine Geschichte aus bewegter Zeit von A. von Liliencron geb. von Wrangel.

(Fortsetzung.)

Inge öffnete rasch das Schreiben und las, zuerst freilich nur mit halbem Verständnis, den Erguß dieses schlichten Herzens. Ueberströmende Liebe für Komteßchen, Bericht über das Ergehen jedes einzelnen Familiengliedes und stilles Sich- zurechtfinden in die Führungen Gottes. Dann aber kam der Schlußsatz, den mußte Inge wieder nnd wieder lesen, und dabei wirbelten ihr die Gedanken durch den Kops.

Komteßchen," schrieb die Alte,glaube mir und meinen Erfahrungen. Einen ehrenwerten Mann, der uns liebt, darf man nicht so mir nichts dir nichts abweisen. Der Vetter Hans mit dem goldenen Herzen und der großen, großen Liebe, das meine ich immer, wäre der rechte Mann für mein Kom­teßchen. Und wenn sie sich in ihrem krausen Sinn vielleicht irgend ein anderes Bild zurechtgemacht und sich dabei den Kopf gestoßen hat, wie mir's nach ihrem letzten Briese fast scheinen will, dann ist der Vetter Hans anch der Rechte dazu, um zu warten, bis alles wieder ins Geleise gekommen ist. Ueberlege dir's, Töchterchen, überlege dir's. Die alte Mutter Trude hat's deinem Schreiben angemerkt, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist, sie möchte ihren Liebling gern in sicherem Schutze wissen, an einem Herzen, das sie versteht und sie liebt, wie eben nur der Mann das Weib lieben kann, das er sich znr Lebensgefährtin erwählen will."

Inge ließ den Brief sinken. Was hatte doch Hans heute gesagt, als sie ihm ihre hoffnungslose Liebe gebeichtet hatte? Er wollte warten wollte alles ertragen mit jedem Rest von Liebe zusrieden sein, die sie ihm geben konnte! Und Mutter Gertrud, mahnte sie nicht, nimm's an, Kind, nimm's an?

Mechanisch löste Inge. die Flechtenkrone von ihrem Haupte, als könnte sie mit dieser Last auch jene andere beseitigen, die sie zu erdrücken drohte. Jetzt, wo sie selbst der Liebe Lust und Leid begriff, verstand sie auch Hans in seinen Gefühlen

nichtamtlicher teil.

Frankreich und FriediWaf.

Der französischen Presse ist durch den über Erwarten günstigen Verlauf der deutsch englischen Monarchenbegegnux^ in Friedrichshof das Konzept arg verrückt worden. Irgend welchen störenden Zwischenfall zu eifinden, war angesichts des in vielen Einzelheiten vor Augen liegenden herzlichen Verkehrs zwischen Kaiser Wilhelm und König Eduard nicht gut möglich. Auch hätte es gerade in London, wo man einen Mißerfolg des Königsbesuches auf deutschen Boden nicht wünschte, Anstoß erregen können, wenn in den Tagen von Friedrichshof und Homburg Pariser Blätter als Stören­friede ausgetreten wären. So gut es gehen wollte, wurde also eine sauersüße Miene aufgesetzt. ImFigaro" suchte sogar der ständige Mitarbeiter für auswärtige Politik, Herr Lautier, als besten starke Seite nicht gerade Verschämtheit bezeichnet werden kann, den Tatsachen Gewalt anzutun mit der Einschmuggelung des Gedankens, es sei eigentlich ein Verdienst der französischen Diplomatie, daß Kaiser Wilhelm und König Eduard ein Wiedersehen hätten feiern dürfen. Nach dieser französischen Auffassung wäre also der britische Monarch in seinem Verhalten gegenüber Deutschland von Pariser Wünschen abhängig und die englische Politik hätte durch den Abschluß des herzlichen Einvernehmens mit Frank­reich auf ihr SelbständigkeitSrecht in den Beziehungen Großbritanniens zu dem für den englischen Handel wich­tigsten FestlandSstaat verzichtet. Das ist noch ein Nachwehen jener Geistesverfassung, in der einst der französische Ex- minißer Delcasss glaubte, er habe die Bestimmung des Zeitpunktes in der Hand, wo die britische Flotte gegen Deutschland mobil gemacht werden könnte.

Die Vorstellung von der Unvermeidlichkeit eines deutsch­englischen Zusammenstoßes wirkt indessen auch bet klügeren französischen Politikern als Herrn Lautier noch fort. Im Journal des Tsbats" bekennt sich während der letzten Tage ein angesehener Vertreter der französischen Ueberfee = bethebungen, der im allgemeinen ruhig urteilende und nicht grundsätzlich deutschfeindliche Vicomte Robert de Caix zu der Ansicht, die Wiederherstellung freundschaftlicherer Be­ziehungen zwischen Berlin und London könne wohl auf» schiebend wirken, aber die Lage sei nach wie vor beun» ruhigend. Beweiskräftige Gründe für dieses geflissentliche Verzweifeln an einer friedlichen Entwicklung der deutsch- englischen Zukunft werden freilich nicht ins Feld gestellt. Denn daran, daß wegen egypttscher VerwaltungSfragen ober wegen des Weiterbaues der Bagdadbahn ein gefähr­licher Bruch zwischen zwei großen Handelsmächten erfolgen werde, glaubt im Ernst auch derjenige Teil der Franzosen nicht, der sich im Falle eines solchen offenen deutsch-eng­lischen Zerwürfnisses für Frankreich die Rolle des tertius

und wäre bereit gewesen, viel darum zu geben, wenn sie ihm hätte ersparen können, was sie selbst durchwachte.

In ihrem verzweiflungsvollen Weh packte sie plötzlich das heiße Verlangen, die dargebotene Hand des Vetters zu er­greifen, sie fest zu halten und sich dem treuen Herzen zu übergeben. Sein Begehren war dann erfüllt, und für sich selbst hatte sie die Scheidemaner aufgerichtet, von der dann auch Werbach begreifen mußte, daß sie sie für immer trennte.

Ruhelos wanderte sie im Zimmer umher. Es war ganz dunkel geworden, nur der Mond schien herein. Ihr Kops schmerzte, daß sie es kaum noch ertragen konnte, und jetzt schlug die Uhr auf dem Flure die zwölfte Stunde. Sie fühlte, daß der Körper sein Recht verlangte und sie sich niederlegen mußte. Tastend suchte sie auf dem Tische nach dem Riechsalz, um ihre betäubenden Kopsschmerzen zu lindern. Da fiel ihr ein, daß sie das Fläschchen bei Elsy hatte stehen lassen. Die Kleine schlief wohl schon längst fest nnd von glücklichen Träumen umgankelt. Sie würde sie nicht stören, wenn sie vorsichtig in ihr Schlafzimmer kam.

Behutsam öffnete sie die Verbindnngstür, aber sie blieb erschrocken auf der Schwelle stehen. Von ihrem gelösten Haar wie von einem Goldmantel umflütet, lag Elsy aus den Knien vor ihrem Bett nnd schluchzte zum Herzbrechen. Im Augen­blick war Inge neben ihr.Kind, Liebling, was ist dir?" Es war etwas ganz Unglaubliches, bei diesem immer heiteren, lachenden Geschöpfe diesen fassungslosen Kummer zu sehen.

Elsy hob den Kops und sah die Cousine aus ihren ver­weinten Augen zürnend an.Was willst du von mir? Geh doch! Du brauchst nicht herumzuspionieren! Dir sage ich doch nichts! Dir vor allem nicht!"

Das war so ganz das trotzige, verzogene Kind, wie Inge die Kleine lange nicht gesehen hatte, und wie sie sich nie ihr gegenüber zu zeigen pflegte.

Liebling, waS ist dir in den Sinn gekommen? Sprich dich doch ans! Wir haben uns ja sonst immer verstanden!"

Elsy setzte sich auf den Bettrand und knöpfte in nervöser Ungeduld die Bänder ihres Frisiermantels auf und wieder zu. Das war früher, jetzt aber nicht mehr!" erklärte sie sehr ent­schieden.

gaudens verspricht. Uebrigens ist infolge der heilsamen Lehren des MarokkostreitS die Zahl dieser naiven Gemüter jenseits der Vogesen einigermaßen zusammengeschmolzen. Derselbe Herr de Caix, den die Friedrichshoser Vertraulich­keiten so melancholisch gestimmt haben, hat wenige Tage vorher erklärt, eine deutsch-englische Verständigung sei für die Erhaltung des Weltfriedens erwünscht; und schärfer noch hat diesen richtigen Grundgedanken ein Leitartikel desNerv-Dock Herald" so formuliert: DaS Einver­nehmen zwischen England und Frankreich bedeutet ohne Ergänzung durch gute deutsch-englische Beziehungen eine Gefahr für - die Ruhe Europas. Wir fügen hinzu, vor allem für die Ruhe Frankreich«, dessen Lage zwischen einem zum Angriff übergehenden England und einem zu kräftigster Abwehr ausholenden Deutschland nichts weniger als beneidens­wert wäre.

Ne Sorotiogt in WM.

Als der Verweser des deutschen General­konsulats inWarschauFreiherr v. Lerchen- selb, am 14. August sich von dem Gebäude des General­konsulats am Nachmittag nach einem, wenige Minuten entfernten Klub begab, wurde er von einer Person ange­fallen, die russische Offiziersuniform trug. Dieselbe kam Herrn v. Lerchenfeld entgegen ergriff, als sie dicht an ihm vorüberging, sein rechtes Handgelenk mit der linken Hand und versetzte ihm zwei Faustschläge gegen die Schläfe. Da­raus entfernte sich der Angreifer eilig, bestieg eine Droschke und fuhr davon. Freiherr von Lerchenfeld hatte, als der Fremde seine Hand ergriff, zunächst an eine Personenver- wechslung geglaubt, und fand dann, durch die Faustschläge gänzlich überrascht, nicht Zeit, den flüchtenden Täter fest, zuhalten und zu stellen. Polizei oder Militär war nicht in der Nähe, die Straße fast menschenleer. Freiherr von Lerchenfeld war nicht bewaffnet.

Der Generalkonsulatsverweser teilte den Vorfall un­mittelbar dem Generalgouverneur Scalon mit, der sofort die zur Feststellung der Persönlichkeit des Angreifer» er­forderlichen Verfügungen traf. In St. Peterburg wurde der Ueberfall auf Weisung der deutschen Regierung alsbald diplomatisch zur Sprache gebracht. Am nächsten Tage sandte die russische Regierung der deutschen Botschaft eine amtliche Note, worin sie ihr lebhaftes Bedauern über den Angriff ausdrückte und mitteilte, daß dem Generalgouver- neur in Warschau schleunigst die Weisung zugegangen fei, die energischsten Maßregeln zur Ausklärung des Vorfalls zu ergreifen. Außerdem machte der Generalgouverneur von Warschau dem deutschen Generalkonsulalsverweser aus An­laß des Vorfalls einen Besuch.

Für unsere deutschen Brüder in den baltischen Provinzen scheint eine Zeit neuer Schrecken und Gewalttaten anbrechen zu sollen. Die im eigentlichen Rußland reichlich erprobte

Und warum das?" Inge setzte sich zu ihr und wollte sie umfassen.

Aber die Kleine rückte, soweit es die Länge des Bettes gestattete, von ihr ab, drehte ihr den Rücken zu und murmelte: Weil du gar nicht weißt, was es heißt, jemand so gräßlich lieb haben, ach, so schrecklich lieb, wie wie ja, wie du es gar nicht verstehst!" und Elsy lächelte dabei ganz ver­stohlen, wischte sich aber zugleich ein paar Helle Tränen aus den Augen.

Inge schwieg und sah gedankenvoll auf ihren Liebling. Wenn ich dir nun gestehe, daß ich doch weiß, was lieben heißt?" sagte sie sehr leise.

Wie ein Blitz fuhr Elsy herum. Glühend und bebend stand sie letzt da.Dachte ich mir's doch," schluchzte sie leidenschaftlich.Solange ich denken kann, habe ich ihn lieb gehabt, und immer ist er gut mit mir gewesen, aber nun schnappst du ihn mir weg, und ich ich bin so todun­glücklich !"

Inge begriff jetzt alles. Sie wollte beruhigen, trösten und näherte sich der Kleinen, die sich in einen Lehnstuhl geworfen hatte und sich ihrem Schmerz überließ..

Elsy hatte längst vergessen, daß sie Inge nichts, gar nichts sagen wollte, es war ihr jetzt im Gegenteil lieb, alles hervor- zusprudeln, was sich in ihrem Herzen quälend angesammelt hatte.Heute erst sind mir die Augen aufgegangen, aber nun ist mir auf einmal alles klar geworden, Hans denkt jetzt nur noch an dich! ES wollte mir schon manchmal so scheinen, aber ich klammerte mich daran, daß du so kalt warst und keinen Mann lieben wolltest. Heute aber habe ich euch Arm in Arm unter dem Regenschirm kommen sehen, und wie der Hans den zumachte, da hat er dich angesehen, Inge, so lieb so bittend so herzbeweglich! An den Hals wäre ich ihm geflogen, wenn er vor mir so gestanden hätte. Dazu bist du natürlich zu vernünftig, um so was zu tun auf offener Straße im Regen! Aber gestanden hast du mir's jetzt doch, daß dich der Hans daS Lieben gelehrt hat, und darum will ich nichts, gar nichts mehr von dir wissen!"

Inge ließ sie nicht weiter reden. Sie hatte ElsyS Hand ergriffen und blickte sie mit der ihr eigenen zwingenden Ge-