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Beilage 511m

Herrfel-er Kreisblatt

Nr. 55* Sonnabend, den 12. Mai 1906t

Jer gestsKne IimMMch.

Roman von I. Garwin.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Richard traten die Tränen in die Augen.Schicke mich nicht so von Dir, Vater!" bat er.Glaube mir, ich bin un­schuldig. Es wird sich einst alles ausklären.

Geh"' wiederholte der Major in strengem Tone,oder ich könnte meine Handlungsweise bereuen! Fordere mich nicht weiter heraus. Dein Anblick ist mir verhaßt."

Mit gesenktem Haupte und wankenden Schrittes verließ Richard unter peinlicher Stille das Zimmer und begab sich hinaus in die finstere Nacht.

Kaum hatte er das Haus verlassen, so schwankte der Ma­jor, der Kops sank aus die Brust, seine Augen schlössen sich, und er fiel leblos zu Boden. Alle sprangen herzu, um ihm beizustehen. Einer lief nach dem Arzt, ein anderer brächte ein einfaches Hilfsmittel gegen Ohnmacht herbei. Sie hoben ihn auf, aber der Puls hatte aufgehört zu schlagen. Der Ma­jor von Burgsdorf war an einem Herzschlage infolge der furchtbaren Erregung gestorben.

Neuntes Kapitel.

Möller, der abgefeimte Schurke floh aus dem Schloß. Unter dem Arm trug er in einer großen Reisetasche die drei Kästchen mit den kostbaren Diamanten. Noch nie war ihm ein Diebstahl so leicht gemacht worden. Und was für ein Diebstahl! Eine halbe Million waren die Diamanten wert. Jetzt meinte er, sei seine Zukunft gesichert. Wenn er nur erst nach England gelangt war, würde es ihm nicht schwer fallen, die Diamanten mit nicht zu großem Verlust an einen Juden oder Juwelenhändler zu verkaufen. Mit dem Erlös wollte er nach Amerika gehen und dort ein neues Leben beginnen.

Wie alle, die sich einem verbrecherischen Lebenswandel hin­gegeben haben, sehnte auch er sich nach Ruhe. Friede und Freiheit waren ihm, was dem Schiffbrüchigen, der mitten auf dem Ozean von gewaltigen Wogen hin und her getrieben wird, das Festland ist.

Möller, der seit Jahren nur von Diebstahl, Einbruch und Betrug gelebt hatte, war immer in Gesahr, wegen mehr als eines Verbrechens festgenommen zu werden, und ehe er die Hauptstadt verlassen, hatte er in Erfahrung gebracht, daß der sehr geschickte Kriminalbeamte Burmann ihm wegen eines großen Diebstahls, den er in einem Juwelierladen verübt hatte, auf der Spur sei.

Voll Angst und Unruhe beschleunigte er seine Schritte. Wenn ihm irgend jemand mit der sehr schweren Reisetasche unter dem Arm begegnete, konnte er Verdacht erregen.

Er mußte bis zum nächsten Morgen aus einen Zug nach Hamburg warten und wußte nicht, wie er den Diamanten­schatz verbergen sollte. Die Größe und Schwere der Reise­tasche mußte die Aufmerksamkeit auf sich lenken und Verdacht erwecken.

Ich vergrabe den Schatz", murmelte er.Ich kann ja in einigen Tagen mit einem Gefährten kommen und die Diamanten holen. Schade, daß ich daran nicht früher ge­dacht habe!"

Er sann eine Weile nach, dann kehrte er um und lenkte seine Schritte der Höhle am Strande zu, wo er seine Schwester getroffen hatte.

, Das Meer war sehr unruhig, und seine Wellen schlugen hoch aufschäumend gegen die Felsen, gleichsam als ob sie über das in dem Burgsdorfschen Schlosse begangene Unrecht böse wären, und der Wind heulte und tobte um die zackigen Klippen, als beklage er den Tod des großherzigen Majors.

Als Möller glücklich in die Höhle gelangt war, zog er Streichhölzer und ein kleines Stück Wachslicht aus der Tasche und zündete dieses an.

Dann drang er tiefer in das Innere und verschwand in den gewundenen Gängen. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus und sah sich rings um, ob er auch von nie­manden beobachtet worden sei. Keine Seele war zu erblicken, auch von dem einsamen Schiffe, das er auf der wogenden See erkennen konnte, leuchtete kein Licht! aber in dem Schlosse waren noch verschiedene Fenster erhellt. Mit hämischem Lachen sprach Möller zu sich selbst:Ich habe ihnen für einige Zeit Stoff zur Unterhaltung gegeben! Aber es muß schon spät sein", fuhr er fort.

Ich muß mir irgendwo ein Lager suchen. Das Gast­haus, wo ich die vorige Nacht zubrachte, ist schon geschlossen, doch ich erinnere mich, daß sich auf dem Hof ein Heuboden befindet . . . der wäre als Nachtlager so übel nicht!"

Zufrieden, daß er den großen Schatz geborgen, das heißt in der Höhle vergraben hatte, begab sich Möller nach dem. Gasthof, der dicht am Eingang des nächsten Dorfes stand.

Er kletterte über das Gitter, schlich vorsichtig durch den Hof und wollte eben den Fuß auf die Leiter setzen, als sich eine Hand schwer aus seine Schulter legte und eine andere ihn am Halse packte; er wurde heftig aus die Steine im Hofezu- rückgcschleudert, der Schein einer Laterne fiel ihm in das Ge­sicht, dunkle, finster aussehende Gestalten umgaben ihn, und er hielt sich sür verloren.

Das ist unser Mann!" rief eine Stimme, die er nur zu gut kannte.

Es war Burmann, der gefürchtete Polizist, in Begleitung von noch drei andern.

In der nächsten Minute war Möller gefesselt. Jetzt sank ihm der Mut. Im Augenblick seines größten Ersolges als Dieb ergriffen zu werden, war in der Tat bitter. All seine Pläne von Reichtum und Freiheit in einem fremden Lande schwanden wie ein Traum.

Was wollt Ihr von mir ?

Ihr habt wohl das Verbrechen vergessen, das Ihr vor Monaten begangen?" entgegnete der Polizist lachend.Frei­lich kann ich nicht sagen, was Ihr in dieser Nacht getan habt, denn Leute wie Ihr pflegen gewöhnlich nicht zwecklos im Land umherzureisen. Vielleicht kommt Ihr Eurer Gesundheit wegen hierber?"

Diese Worte ernteten lautes Gelächter von feiten der drei andern Männer.

Da habt Ihr gerade das Rechte getroffen!" antwortete Möller jetzt frech und höhnisch.Ich glaubte, die Seeluft tue mir gut. . . Aber wie habt Ihr mich entdeckt?"

Wir hörten imStern" von Polly, daß Ihr in der Nähe seid.

Da wurde Möller's Gesicht blau vor Wut.Wie? Die hat es Euch gesagt?" rief er mit vor Leidenschaft heiserer Stimme.Fluch ihr! Wer hätte gedacht, daß sie mich ver­raten würde nach allem, was ich für sie getan ? Aber was nützt es, davon zu reden! Ein Mann, der einem Weibe traut, kann sicher sein, früher oder später verraten zu werden. Was für ein Tor war ich doch! Erst jetzt sehe ich, wie ich meine Zeit vergeudet habe."

Jetzt aber kommt," drängte der Polizist gutmütig.Wenn Ihr wieder frei seid, habt Ihr neue Hoffnung. Ihr seid ja noch jung, und wie es heißt, sollt Ihr ja von vornehmer Her­kunft sein."

O, das ist es nicht", versetzte Möller bitter,aber daß mich das einzige Wesen, das ich liebte, das Mädchen, dem ich Heimat, Freude und alles geopfert habe, verraten hat ... das ist's was mich wurmt. Ohne sie wäre ich nicht zu dem Menschen geworden, der ich bin. Sie allein hat mich zu Grunde gerichtet."

Ich glaube, sie war eifersüchtig", entgegnete Burmann. , Sie hat einen Brief von einer Dame bei Euch gefunden, und denkt, Ihr seid ihr untreu geworden."

Das muß ein Brief von meiner Schwester gewesen sein ... den habe ich liegen gelassen," sagte Möller, mehr mit sich selbst redend.Diese Törin !" Dann wechselte er den Ton und fuhr zu seinen Begleitern gewendet fort:Bringt mich irgendwo für diese Nacht unter, denn vermutlich führt Ihr mich erst morgen nach der Residenz?"

Morgen mit dem ersten Zuge", lautete die Antwort. Zwei meiner Leute werden mit Euch aus dem Heuboden bleiben."

Ohne ein weiteres Wort ließ Möller sich darauf fortführen.

Einer der Polizisten bewachte ihn, während die anderen schliefen; aber der Verbrecher konnte nicht schlafen, er dachte an sein Unglück, an sein bitteres Los und die lange Gefangen­schaft, die ihm bevorstand.

Am nächsten Morgen wurde er nach der Stadt abgeführt. Es blieb ihm nur ein einziger Trost: er allein wußte, wo die Burgsdorfschen Diamanten versteckt lagen. Wenn er das Ge­fängnis verließ, konnte er sie zu Gelde machen und den Rest seines Lebens in Wohlstand verbringen.

Zehntes Kapitel.

Richard von Burgsdors begab sich, als er zum zweiten- male aus dem Vaterhause verwiesen worden war, in einen nahen Gasthof, um später mit einem Abendzuge nach der Re­sidenz zurückzukehren. Das Bewußtsein, daß sein Vater ihn einer solchen Tat für fähig hielt, drückte ihn tief darnieder. Außerdem hatte er viele Schulden und wenig Geld. Es blieb ihm nichts übrig, als in seine alte Wohnung in der Residenz zurückzukehren. Der Wirt des Hauses, Herr Müller, hatte bis vor wenigen Jahren im Dienste seines Vaters gestanden, als er aber die Jungfer im Schlosse heiratete, wurde er unbarm­herzig entlassen, da der Herr Major keine verheirateten Leute in seinem Hause haben wollte.

Müller war ein kräftig gebauter, stattlicher junger Mann mit gutem Herzen und stets heiterem Sinn; seine und seiner jungen Frau Entlassung war für ihn ein schwerer Schlag. Richard hatte ihm damals mit einigen tausend Mark aus der Not geholfen, und riet ihm nach der Residenz zu gehen und sich dort irgendwie eine Existenz zu gründen.

Müller war ein kluger, vernünftiger Mensch, folgte diesem Rat, mietete eine Wohnung in der Stadt, stattetc sie mit Möbeln aus und vermietete Zimmer.

So oft Richard in die Stadt kam, stieg er bei ihm ab und empfahl seinen Freunden, ein Gleiches zu tun.

Die zwei besten Zimmer im ganzen Hause standen stets dem jungen Herrn zur Verfügung.

In der Residenz angelangt, wechselte Richard seine Kleider, sagte, daß er in der Nacht zurückkehren werde, und begab sich in seinen Klub, um dort einige Freunde zu suchen und sich ju zerstreuen. Er war überzeugt, daß man in der Stadt nichts von dem Verbrechen erfahren haben könne, was in seines Vaters Schlosse vorgegangen war, und hatte keine Furcht, daß man ihn der schändlichen Tat, deren seine Mutter und Fräu­lein Hornegg ihn beschuldigten, für fähig erachten könnte.

Doch hierin befand sich Richard im Irrtum, zumal er nicht wußte, daß sein Vater am Herzschlag gestorben war.

Ein Herr von Raveneck, ein Better der Frau Major, war Mitglied desselben Klubs, und sie versäumte keinen Augenblick, ihm zu schreiben und ihm des Majors plötzlichen Tod und alles, waS geschehen war, mitzuteilen.

Kaum hatte dieser Herr von Raveneck ihren Brief gelesen, so durchlief diese Neuigkeit feinen Bekanntenkreis wie ein Lauffeuer.

Im Klub verbreitete sich das Gerücht, daß Richard von Burgsdorf mit einigen Helfershelfern seinen Vater in schreck­licher Weise bestohlen, und daß der Kummer und Schreck bei dieser Entdeckung dem alten Herrn das Leben gekostet habe.

Dieses furchtbare Gerücht wurde nach allen Seiten hin auf die verschiedenste Weise besprochen, und als Richard gegen acht Uhr in den Klub trat, wandten sich aller Dingen er­

schrocken auf ihn. Er sprach Verschiedene an, mit denen er bis dahin auf freundschaftlichem Fuße gestanden hatte, aber sie erwiderten alle seinen Gruß nur mit einem kühlen Kopsnicken und fuhren ruhig in ihrer Unterhaltung fort, oder wandten sich der Zeitung wieder zu, in der sie eben lasen.

Richard stutzte über dieses wunderliche Benehmen und wußte nicht recht, was er tun sollte.

Er setzte sich nieder, nahm eine Zeitung zur Hand und versuchte zu lesen, aber die Zeilen schwammen ihm vor den Augen.

Da trat ein Freund, der eben erst in den Klub gekommen war und noch nichts von dem Gerücht gehört hatte, zu ihm.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

München, 9. Mai. Die Strafkammer verurteilte den 14jährigen Gärtnerssohn Georg Kopsch zu 8 Jahren Gefängnis. Der junge stark entwickelte Mann hatte am 16. Januar die 26jährige Dienstmagd Thsrese Bauer, die er im August zwang, ihm zu Willen zu sein, durch eine Schlinge erdrosselt. Das Motiv der Tat war Furcht vor Entdeckung und Bestrafung.

Heidelberg, 8. Mai. Auf traurige Weise ist der stud. phil. Ernst Engel aus Mannheim ums Leben gekommen. Bei einem Spaziergang gegen Ziegelhausen ging ein Revolver, den Engel bei sich trug, los. Dem jungen Mann drang eine Kugel in den Unterleib 'durch die Lunge. Erst nach mehreren Stunden wurde der Verunglückte aus­gefunden und nach dem akademischen Krankenhaus trans­portiert, wo er trotz sofort vorgenommener Operation gestern seinen Verletzungen erlag. Erschossen aufgefunden wurde heute vormittag in seiner Wohnung der Student Max Vollmer aus Halberstadt. Motiv unbekannt.

Hamburg, 9. Mai. Der Seemann Herrmann hat heute nacht in seiner Wohnung Rostocker Straße erst seine Frau und dann sich erschossen. Er hat die Tat aus Eifersucht begangen.

(E i n e B a u e r n h o 4 z e i t.) Der Winkel zwischen Rhein und Lahn ist weit und breit bekannt wegen seiner glänzenden Familienfeste, besonders der Hochzeiten, die min­destens zwei Tage dauern. So wurde Sonntag und Mon­tag in dem alten Hauptorte des Einrichgaues, MarienfelS, bei Gelegenheit der Heirat des einzigen Kindes eines sehr vermögenden Landwirts mit dem nicht minder wohlhabenden Nachbarssohn eineschwere Hochzeit" gehalten. Der ge­ladenen Gäste waren sehr viele, so viele, daß sie in dem sehr geräumigen Hochzeitshause nur mühsam Platz fanden. Und lauter gewichtige Leute waren's, die Elite des Dorfes und der Umgegend, wie man schon äußerlich sehen konnte. Zum Stillen des Hungers waren zwei Rinder geopfert worden im Gesamtgewicht von 800 Pfund, ein Schwein von 180 Pfund, gebacken war viel Kuchen und Torte; dazu herbeigeschafft noch gar manches andere, was zu einer guten Mahlzeit gehört. Zum Löschen des Durstes sollten 5 Hekto­liter Wein dienen. Gesegnete Mahlzeit!

Newyork, 8. Mai. Die Blätter veröffentlichen eine Depesche aus Valparaiso, nach der dort ein heftiges Erdbeben stattgefunden haben soll, durch das viele Gebäude gänzlich zerstört sein sollen. Ob Menschen bei diesem Erdbeben zu Schaden gekommen sind, ist bisher noch nicht bekannt.

Washington, 8. Mai. Das Staatsdepartement hat eine Depesche von dem amerikanischen Konsul in Hankau in China erhalten des Inhalts, daß durch eine sehr heftige Ueberschwemmung in der Provinz Hunan zahlreiche Men­schen umgekommen sind. Auch der durch die Ueberschwemmung angerichtete Schaden soll sehr bedeutend sein. Die Aus­länder befinden sich alle in Sicherheit.

(Eine Greueltat in der Südsee.) Der vor kurzem in Sidney eingetroffene KreuzerConvoi" brächte, wie der Köln. Ztg. von dort geschrieben wird, aus Neu-Guinea die Kunde von einer neuen Bluttat der dortigen Eingebornen. DerCondor" war nach einer mehrwöchigen Reise zwischen den Inseln der Südsee in HerbertShöhe angelangt, als dort die Nachricht eintraf, es fei auf St. Gabriel, in der Admiralitätsgruppe, ein Händler ermordet worden. Das Kriegsschiff ging sogleich nach dem Tatorte, um die Täter zu bestrafen. Sobald die Eingeborenen der Insel es erblickten, flohen sie in das Innere, wo sie in den dichten Dschungeln, meilenweit vom Strande entfernt, sichere Zuflucht fanden. Er war daher über die Ursache und die Einzelheiten der Untat nicht viel zu erfahren, da man bei den Nachforschungen auf die Aussagen entfernter wohnender Eingeborener angewiesen war. Nur so viel konnte festgestellt werden, daß da« Opfer der Tat der Händler Schlehahn sei, ein Mann, der bis dahin mit den Eingeborenen auf bestem Fuße zu stehen schien und ihnen auch in jeder Hinsicht großes Vertrauen schenkte. Herr Schlehahn ist offenbar vollständig ohne Ahnung davon gewesen, daß die Schwarzen etwas Böses im Schilde führten. Er wurde hinterrücks mit einem Keulenschlag über den Kopf zu Boden gestreckt. Darauf stürzten sich die übrigen Schwarzen auf den Betäubten und zerhackten seinen Körper mit Keulen in gräßlicher Weise. Ueber den Verbleib des verstümmelten Leichnams konnte man nichts erfahren; da die Eingeborenen jedoch als Menschenfresser bekannt sind, ist wohl die traurige Annahme berechtigt, daß sie ihr Opfer bei einer ihrer kannibalischen Festlichkeiten verzehrt haben. Das Dorf der Mörder wurde in Brand gesteckt.