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hersselder Armblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage

Sernsprech-slnschlutz Nr. 8

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Nr. 21. Dienstag, den 20. Februar 1906.

Amtlicher teil.

Hersfeld, den 16. Februar 1906.

Die Herrn Bürgermeister des Kreises werden hierdurch an die Erledigung meiner Verfügung vom 7. Februar 1893 Kreisblatt Nr. 18, betreffend: Einsendung von Nahrungs- mittelproben an die Versuchsstation zu Marburg erinnert. Ich sehe der Erledigung derselben bis zum 2 5. d. Mt». bei Meldung von 3 Mark Strafe entgegen.

Der com. Landrat.

J. V.:

T h a m e r.

Hersfeld, den 16. Februar 1906.

Die Herrn Bürgermeister de» Kreises werden hierdurch an die Erledigung meiner Verfügung vom 3. Januar 1899, Kreisblatt Nr. 3, betreffend: Offenlegung der Wählerliste, erinnert. Ich sehe der Erledigung derselben bis zum 2 5. d. M t s. bei Meidung von 3 Mark Strafe entgegen.

Der com. Landrat.

I. V.:

T h a m e r.

Hersfeld, den 16. Februar 1906.

Die Herrn Bürgermeister des Kreises werden hierdurch an die Erledigung meiner Verfügung vom 27. November 1876, Kreisblatt Nr. 96, betreffend: Beantragung von Entloffung aus dem deutschen Untertanenverband, erinnert. Ich sehe der Erledigung derselben bis zum 2 5. d. M t s. bei Meldung von 3 Mark Strafe entgegen.

Der com. Landrat.

I. V.:

T h a m e r.

Asnigliches Landratsamt.

Sprechstunde: Täglich von 912 Uhr

an den Wochentagen vormittags.

Gefundene Gegenstände: Eine Axt. Meldung des Eigentümers bei dem Orts Vorstand in Rohrbach.

nichtamtlicher Ceil.

Reichstag.

Der Reichstag führte am Freitag die .Weindebatte", welche sich tags zuvor beim KapitelReichSgesundheitSamt"

SeeknrätseL

Roman nach dem Englischen von I. P i a.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Lilla North nahm den kleinen roten Rock vom Tische und bückte sich ein paar Sekunden hinter das Katheder. Als sie wieder zum Vorschein kam, zeigte es sich, daß sie eine große schwarze Puppe in die Schule geschmuggelt und derselben den roten Rock angezogen hatte. Da erscholl lautes Gelächter. Sie setzte die Puppe auf den Tisch, stellte zur Stütze einen Schreibkasten dahinter und gab ihr nach Art von Fräulein Main einen leichten Schlag, als sie nicht gerade sitzen wollte.

Es erfolgte ein unbeschreiblicher Lärm. Sämtliche Mädchen sprangen von ihren Sitzen, umdrängten das Katheder und ließen die unglückliche Negerpuppe lachend von Hand zu Hand gehen.

Sachte, sachte! meine Damen," ermähnte der Unfug stiftende kleine Tollkopf auf dem Katheder und rieb sich in glücklicher Nachahmung von Fräulein Main's Lieblingsgerede mit dem Lineal die Nase.Verschüchtern Sie mir unsere kleine schwarze Freundin nicht durch allzugroße Lebendigkeit. Harmonisch einwirken meine Lieben, immer harmonisch! Lassen Sie uns zu ihrer Begrüßung ein Lied singen!"

Wundervoll!" schrie hier ein kleiner Blondkopf, dessen Augen vor Lust an dem Unfug förmlich blitzten.Aber was für eins, liebes Fräulein Main?"

Was für eins?" wiederholte die jugendliche Doppel­gängerin der würdigen Vorsteherin mit salbungsvoll näselnder Stimme, indem sie sich die imaginäre Brille auf der Nase etwas höher rückte.Haben Sie das schöne Lied vergessen, meine Lieben, welches ich so glücklich war, in dem hier auf dem Katheder liegengebliebenen Notizbuche des würdigen Doktor Seidel zu entdecken und welches ich Ihnen schon wiederhvlent- uch vorgesungen habe? Stimmen Sie mit ein, meine Teüren, stimmen Sie mit ein:

entsponnen hatte bei sehr schwacher Besetzung des Hauses weiter. Die Diskussion verlief ungemein ruhig; es be­teiligten sich an ihr die Abgeordneten Dahlem (Ztr.), Blanken- hein (nat.-lib.), Schmidt-Elberfeld (fr.Volksp.), Vogt (wirtsch. Ver.), David (foz.), Dr. Jäger (Ztr.), Dr. Preiß (El- sässer), Wolff (wirtsch. Verein.) und Hug (Ztr.). Sämt­liche Redner aus dem Hause empfahlen strengere Maßnahmen gegen die Weinpantscherei und sprachen sich ebenso über­einstimmend gegen die vom Abgeordneten Grafen Kanitz empfohlene Weinsteuer aus. Graf PosadowSky verbreitete sich nochmals über die Frage der Kellerkontrolle und be­tonte, es müßte in allen Bundesstaaten eine von unab­hängigen Sachverständigen auSgeübte scharfe KeUerkontrolle eingeführt werden.

Zu Beginn der Rei chstagssitzung am Sonnabend wurde der Gesetzentwurf, betr. Ausgabe von Reichsbanknoten zu 50 und 20 Mark, in dritter Lesung angenommen. Da» Haus setzt darauf die Beratung des Etat» des Reichsaml« des Innern beim KapitelGesundheitsamt" fort. Abg. Hue (Soz.) wünscht Auskunft über die Maßnahmen, die gegen die Genickstarre im Ruhrrevier ergriffen worden sind. Es wäre dort von Reichswegen ein bakteriologisches Institut zu errichten, das in dem dichtbevölkerten Ruhrbecken überaus segensreich wirken könnte. Wie steht es ferner mit der Erforschung der Wurmkraukheit? Gegenüber den Be­merkungen des Abg. Prinzen zu Schönaich-Carolath, neulich stelle er hier fest, daß auf der Silesia-Zinkhütte Frauen in den Werkstätten und sonst beschäftigt sind, und daß die Arbeiter ihr Essen mit ungewaschenen Händen zu sich nehmen müssen. Redner polemisiert dann gegen die Ausführungen des Abg. Beumer und hält feine eigenen Angaben über die Verhältnisse in den Stahlhütten und bei Krupp in vollem Umfange aufrecht. Gerade auf dem vom Abg. Dr. Beumer al» Musterwerkstätte bezeichneten Preßbau bei Krupp kommen die zahlreichsten Erkrankungen und die schwersten Unfälle vor. Abg. Schmid-Jmmenstadt (Z.) wünscht schärfere Hand­habung des Margarinegesetzes zu Gunsten der Käsefabrikation im Allgäu und Berücksichtigung des Allgäuer Käse bei den Bezügen der Armee- und Marineverwaltung. Abg. Dr. Paasche (ntl.) kommt auf das Thema der Geheimmittel.

Wir haben eine Liste von sogenannten Geheimmitteln, deren Ankündigung strafbar ist. Darunter befindet sich jedoch eine Anzahl unschuldiger Mittel, deren Verkauf zwar den Apothekern gestattet, deren Anpreisung in den Zeitungen jedoch unter strenge Strafe gestellt ist. Das ist ein unhalt­barer Zustand und wohl nicht mit dem Gewerberecht ver­einbar. Nur schädliche und schwindelhafte Heilmittel sollten vom Verkauf und von Ankündigung in Zeitungen ausge­schlossen sein. Es empfiehlt sich reichsgesetzliche Regelung dieser Materie. Zum Schluß möchte ich noch Herausgabe eines Reichsviehseuchengefetzes empfehlen, um den gefähr­lichen Krankheiten, wie Blattern rc. erfolgreich entgegen« zutreten. Abg. Dr. Burckhardt (wirtsch. Vgg.) führt Be­

'S ist doch närrisch wenn wir eben nur vom Wein einmal genippt,

Daß der Hut so wunderbarlich gleich nach einer Seite kippt!"

Hier hatte die ausgelassene Vorsängerin Herrn Doktor Seidels Hut, der von der vorigen Stunde her noch auf einem Seitentischchen stand, ergriffen und ihn sich unter unermeß­lichem Jubel der übrigen Mädchen schräg auf's Haupt gesetzt, ein Anblick von überwältigender Komik.

Doch das macht Uns erst Kourage, denn die Mädel seht doch an,

Lachen, wo sie uns nur schauen, haben ihre Lust daran."

Sie ließ bei den letzten Worten die rotröckige Negerpuppe einige heitere Sprünge auf dem Katheder machen und zum ausdrücklichen Zeichen.ihres Beifalls mehrmals die Lederhände zusammenschlagen, begleitet von dem Jubelgeschrei der ganzen Klasse.

Dann rückte Fräulein North den Hut noch etwas schiefer auf ihr kleines Ohr und fuhr, mit dem Ausdruck weinseligen Humors, in Begleitung des Chors mit ihrem Sang fort.

Der ausgelassene Jubel der Mädchen hatte seinen Höhe­punkt erreicht, als Lilla vom Katheder herabsprang. Fräulein Morrison, die verdienstliche Versertigerin des roten Rockes unterm Arm ergriff und mit ihr schwankenden Schrittes vor den Bänken aus und nieder spazierte, den übrigen Mädchen Kußhändchen zuwersend. Dabei sangen beide mit schwerer Zunge:

Zwar schief sind wir all' zusammen, unser Liedel so wie wir,

Doch da können schlechte Schuster und Poeten nur dafür,

Denn wir gehen ganz gerade, nur die Stiefel geben krumm,

Unb wir singen wie die Lerchen, doch was ist das Liedel dumm!"!

Tobendes Lachen begleitete die Wiederholung der letzten Worte:Liedeldumm! liedeldumm!" und eben nahm Lilla

schwerde, daß das Bleigesetz auf Krüge mit Zinndeckeln, die einen kleinen Bleizusatz haben, angewendet werde; dadurch wird die bezügliche Industrie schwer geschädigt.

Abgeordnetenhaus.

In der Sitzung de» Abgeordnetenhauses am Sonnabend stand der I u st i z e t a t zur Debatte. Beim TitelMinister- gehalt" kam der Abg. Straffer (kons.) auf die Ueberhand- nahme unsittlicher Literatur zu sprechen und berührte dann die zu geringe Seßhaftigkeit der Amtsrichter in kleinen Orten. Zum Schluß erwähnte Redner die Angelegen­heit des Vereins christlicher Referendare in Breslau, wo bei einem Festmahl ein antisemitisches Tischlied gesungen wurde. Ob da» infolgedessen eingeleitete Disziplinarver­fahren zu rechtfertigen sei, müsse man bezweifeln. Minister Dr. Beseler betonte, daß bereits von seinem Amtsvorgänger an die Staatsanwaltschaft und die Polizei die Anordnung ergangen ist, alle unsittlichen Schriften zu verfolgen und zu konfiszieren. Bei der Revision des Strafgesetzbuches werde auch hierauf Rücksicht genommen werden. Der Land­gerichtsrat Hoffmann in Breslau, der Verfasser des anti­semitischen Liedes, habe mit diesem in Breslau großen Unwillen erregt, darum hätte gegen ihn eine Untersuchung eingeleitet werden müssen. Dem Verein selbst sei und werde nichts geschehen. Taktlosigkeiten aber, wie die in Breslau begangenen, dürften nicht vorkommen. Auf die vom Abg. de Witt (Ztr.) gemachten Ausführungen entgegnete ein RegierungSkommissar. daß hie Justizverwaltung ihre Unterbeamten nicht schlechter stelle als andere Verwaltungen. Abg. Lüdicke-PotSdam (freikons.) trat für eine Dezentrali- sirung der Gerichtsorganisation ein, namentlich nach der Richtung, daß an größeren Amtsgerichten detachierte Straf­kammern und Kammern für Handelssachen eingerichtet werden.

W Male.

Den letzten Schwerinstag im Reichstage, an dem der sozialdemokratische Wahlrechts-Antrag auf der Tagesordnung stand, hat Bebel, der Allgewaltige der Sozialdemokratie, dazu benutzt um über die verrottete bürgerliche Gesellschaft zu wettern, dabei aber auch, ohne es zu wollen, enthüllt, was Ideale sind. Denroten Sonntag" verherrlichte er, als ob er den Ausgangspunkt einer neuen und schönen Zeit zu bilden bestimmt sei, in der Wolf und Lämmer sich umarmen und die Welt in Bruderliebe zerfließt. Und doch ist die ganze große Demonstration auch in Berlin so ruhig verlaufen, daß kaum jemand etwas davon bemerkt hätte, wenn nicht die Truppen mit klingendem Spiele durch die Straßen gezogen wären und der Bevölkerung ein Freikonzert gegeben hätten. Wenn derrote" Sonntag den Anfang der Revolution be­deutete, so war es eine Revolutton mit Musikbegleitung, und

mit unglaublich komischer Umständlichkeit den Hut vom linken Ohr, um sich in salbungsvoller Rede für den gespendeten Beifall $u bedanken, als heftiges Klopfen und zorniges Rufen an der verschlossenen Tür sie darin unterbrach.

Alles horchte auf.

Oeffnen Sie die Türe, Fräulein North, oder ich er­breche sie," rief die Vorsteherin draußen in furchtbarem Tone.

Schnell wieder an Euere Arbeit, schnell!" sagte Fräulein Lilla North, während sie selbst den Hut auf den Tisch stellte, der Puppe den roten Rock auszog und sie in ihr Pult steckte. Dann ging sie nach der Türe.

Inzwischen faß die ganze Klasse längst in musterhafter Haltung da. Aller Augen aus die Bücher gerichtet, aller Ohren aus die gefürchtete Unterredung zwischen Lilla Notth und der Vorsteherin lauschend

Fräulein Main trat mit solcher Erregung in's Zimmer, daß sie anfänglich kaum sprechen konnte.

Fräulein North," rief sie, nachdem sie einige Mal nach Atem geschnappt,was hat dieser skandalöse Lärm zu bedeuten?"

Lärm, Fräulein Main?" sagte sie mit Ton und Miene unschuldiger Verwunderung,die jungen Damen sind ganz ruhig!"

Weshalb hatten Sie die Türe verriegelt? Wie konnten Sie sich das erlauben?"

Ich suchte das Schloß, welches irgendwie nicht in Ord­nung war, herzustellen," antwortete Lilla, während sie die Tür mit kritischem Blick betrachtete, und ich glaube, es wird jetzt ganz wie sonst seine Dienste tun. Und nun will ich Ihnen und den Damen einen guten Morgen sagen."

Mit diesen Worten ging sie in das anstoßende Zimmer setzte ihren Hut aus und nahm ihren kleinen Sonnenschirm und begab sich in's Freie, ehe noch Fräulein Main hinläng­lich Fassung gewonnen hatte, dies zu verhindern und irgend einen anderen, dem Moment entsprechenden Beschluß zu fassen.