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herzselder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
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Ne. 12. Dienstag, den 30. Januar 1906»
Beiteilungen
auf das
Rersfelder Kreisblatt
werden für
den Monat Februar 1906
von allen kaiserlichen Postanstalten, Landbriefträgern und von der Expedition angenommen.
Amtlicher teil.
Der von der Landwirtschaftskammer errichteten Huf- beschlaglehrschmiede in Kirchhain erteile ich hiermit widerruflich die Berechtigung zur Vornahme von Prüfungen der im Husbeschlag dort ausgebildeten Personen und zur Aus- fleöung der zum Betrieb des Hufbeschlaggewerbes befähigenden Prüfungszeugnisse.
Letztere berechtigen ihre Inhaber nach Vollendung des vierundzwanzigsten Lebensjahres zur Anleitung von Lehr- lingen im Handwerksbetriebe des HufbeschtaggewerbeS.
Der Prüfungskommission der Hufbeschlaglehrschmiede in Kirchhain gehören folgende Personen an:
1 . DepaitementSlrerarzt, Veterinärrat Tietze in Cassel als Vorsitzender und Kreistierarzt Schlitzberger in Cassel als stellvertretender Vorsitzender,
2 Kreistierarzt Stamm in Kirchhain als theoretischer Leiter der Lehrschmiede,
3. Lehrschmiedsmeister Hankel in Kirchhain als praktischer Lehrschmiedemeister,
4. Rittmeister d. L. D e i ch m a n n in Lembach als Sachverständiger aus dem Kreise der Hufbeschlaginteressenten und als dessen Stellvertreter Amtsrat Vaupel in Ermschwerv. (A. II. 163.)
Cassel am 15. Januar 1906.
Der Regierungspräsident. Graf v. Bernstorf f.
nichtamtlicher teil.
Unser Vaterland marschiert bekanntlich, was das Ver«
forgungSwefen der durch Alter oder Unfall erwerbsunfähig gewordenen Staatsbürger betrifft, weitaus an der Spitze
Der Sonnenfaiter.
Von M. v. B u ch.
(Fortsetzung.)
Auf der Estrade an der Schmalseite der Wand saß Königin Sophie Dorothea, umgeben von den Prinzessinnen und den hochstehenden Damen des Hofes.
An der fürstlichen Frau schienen die beiden letzten Jahre spurlos vorübergegangen zu sein. Sie sah genau so stolz, stattlich und gebietend aus, wie in jener kalten Winternacht, als sie ihrer Tochter gesagt: „sie habe einem mannhaften Geschlechte das Leben gegeben und wünsche nicht, daß ihr Kind Torheiten mit einem schwachen Herzen entschuldige."
Zu dem heutigen Feste hatte Sophie Dorothea ihren ältesten Sohn erwartet, der zwar seinen Besuch in Aussicht gestellt hatte, aber bis jetzt noch nicht erschienen war.
Hinter der Königin saß ihre jüngste Tochter Anna Amalie. Noch immer schön und mit allen Reizen der Jugend geschmückt, dennoch aber lag um den blühenden Mund der Prinzeß ein müder, beinahe trauriger Zug, und diesen Zug hatte der Kummer um den Freund ins Gesicht geschrieben. Die grossen Augen flogen fast suchend durch den Saal, sie wußte ja, daß der nicht hier war, den sie suchte; dennoch aber konnte sie es den Blicken nicht wehren, daß sie immer — wenn auch vergeblich — nach dem einen Umschau hielten.
Jetzt wandte sich die Königin zu ihr. Anna Amalie blickte auf.
„Warum beteiligst du dich nicht am Tanze?" fragte die Fürstin. „Das Zuschauen an den Freuden der Jugend solltest du uns Alten überlassen."
„Ich habe mich bereits beteiligt," kam die Antwort zurück. „Hat meine Mutter nicht bemerkt, daß ich die Polonaise tanzte?“
„Und warum versäumst du jetzt die Menuette?"
Die Prinzeß bewegte ein wenig ungeduldig ihren Fächer.
aller gesitteten Völker. Es ist aber mit Recht darauf hingewiesen worden, daß die Vorteile und Segnungen dieser Versicherungen in erster Linie den Arbeitern zu gute kommen, während andere Stände in dieser Beziehung noch etwas stiefmütterlich behandelt werden. So entsprechen z. B. die Militärpensionsgesetze durchaus nicht mehr den Anforderungen, die man jetzt an sie stellen muß, wenn sie wirklich ihren Zweck erfüllen sollen. In richtiger Würdigung diese» Uebelstandes hat denn auch die Regierung vor kurzem den neuen Entwurf eines Militärpensionsgesetzes an den Reichstag gehen lassen.
Der Entwurf bedeutet zweifellos eine erhebliche Verbesserung gegen früher. Sehen wir uns nämlich das Pensionsgesetz für Personen des Soldatenstandes vom Feldwebel abwärts an, so finden wir, daß das jetzt bestehende Gesetz bereits feit dem Mai 1871 besteht, inzwischen wohl einige ergänzende Zusätze, aber keine wesentliche Verbesserung gefunden hat. Es wird deshalb von Interesse sein, einmal kurz die wesentlichsten Vorzüge des neuen Entwurfs vor dem alten Gesetz zufammenzustellen.
Zunächst sind die Bedingungen zur Erlangung einer Rente wesentlich anders in dem neuen Gesetzentwurf. Früher wurde der Anspruch auf Pension in erster Linie begründet durch die militärische Dienstunfähigkeit, in zweiter Linie erst durch die geminderte ErwerbSfähigkeit. Die Folge davon ist, daß nach dem allen Gesetz ein Soldat, dessen Erwerbsfähigkeit geminvert ist, der aber voll diensttauglich ist, keine Rente bekommt, während anderseits der, dir nicht mehr ganz diensttauglich ist, eine Rente bekommen kann, auch wenn seine Erwerbstätigkeit nicht be= schränkt ist. Nach dem neuen Gesetz kommt es aber nur darauf an, ob die ErwerbSfähigkeit gemindert ist, nicht daraus, ob und wie weit er diensttauglich ist.
Eine andere wesentliche Neuheit ist, daß in Zukunft für Kriegs- wie für Friedensinvaliden die gleichen Renten vorgesehen sind, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß die Kriegsinvaliden außerdem noch eine Krtegszulage erhalten. In den bürgerlichen Gesetzen wird ferner die Höhe der Abfindung von der Höhe des Einkommens abhängig gemacht, in dem neueren Gesetzentwurf hingegen gibt es für die verschiedenen Klassen des Soldatenstandes nur eine Rente für alle. Die Auszahlung der Rente ist ferner nicht dadurch bedingt, daß die Erwerbsunfähigkeit durch einen Unfall hervorgerufen ist, sondern sie erfolgt auch, wenn die Ursache der Erwerbsunfähigkeit durch die besonderen Eigentümlichkeiten des Militärdienstes, Mitterungseinflüsse, schwere Anstrengungen oder Ansteckung hervorgerufen ist. Schließlich ist auch — ein besonderer Vorzug der Vorlage — eine nicht unwesentliche Erhöhung der Renten gegen früher vorgesehen, was wegen der seit 1871 doch sehr veränderten Lebenshaltung eine dringende Notwendigkeit war.
Diese kurzen Ausführungen werden gezeigt haben, in wie mannigfacher Beziehung für unsere Soldaten des Heeres
„Weil ich müde war," versicherte sie.
„Ich dächte, du hättest dich genügend ausgeruht," meinte die Königin streng. Anna Amalie seufzte.
„Muß ich wirklich tanzen?" fragte sie mit tonloser Stimme.
„Du mußt, mein Kind. Was soll die Gesellschaft von dir denken? Ich bin gewiß, man hat halb und halb das Geheimnis deines Herzens erraten. Soll die Welt über deine Wunden spotten?"
Die Prinzeß neigte bekümmert das Haupt.
„Ich bin seit einiger Zeit gänzlich ohne Nachricht von — nun, ich will fernen Namen nicht nennen — meine Mutter weiß, wen ich meine, und das grämt mich mehr, als ich sagen kann. Ich glaube, ich muß aus Schlimmes gefaßt sein."
„Denkst du an Glatz?"
„Ja," hauchte die Prinzeß, „und daß ich so gar nichts vernehme, macht mir bange."
„Die Gedanken einer königlichen Prinzeß von Preußen sollen sich nicht mit einem Hochverräter beschäftigen."
„Aber er ist kein Hochverräter," warf die Prinzessin leidenschaftlich ein, „man hat ihn verleumdet, dessen bin ich sicher. O, und ich ahne, wer ihn an höchster Stelle verdächtigt bat. Jaschinsky — wie gut, daß dieser entsetzliche Mensch heute nicht hier ist," setzte sie leiser sprechend hinzu. „Jaschinsky hat ihn verdächtigt, o, und ich möchte —"
„Und ich möchte dir raten, vorsichtiger mit dem Nennen von Namen zu sein," entgegnete die Königin mit harter Stimme. „Man verdächtigt nicht honette Leute, wenn nicht bestimmte Beweise gegen sie vorliegen. Liegen sie vor? Keineswegs. Du sprichst: „Ich ahne, wer ihn verleumdet hat, und daraufhin verleumdest du. Kind, Kind, was sind das alles für Torheiten!"
Anna Amalie bis sich auf die Lippen.
„Ich glaube, ich täusche mich nicht," meinte sie.
Sophie Dorothea reckte sich im Sessel zu ihrer vollen Höhe empor.
„Meine Tochter," meinte sie, „Gefühle lassen sich nicht
und der Flotte, die im Dienst des Vaterlandes zu Schaden kommen, durch das neue Gesetz besser gesorgt ist als bisher. Hoffen wir deshalb, daß es baldigst ungeändert im Reichstage zur Annahme gelange!
Reichstag.
Der Reichstag erörterte am Freitag in erster Lesung die Novelle zur Gewerbeordnung; die Vorlage bestimmt in ihrem Kernpunkt, daß Bauunternehmern und Bauleitern wegen erwiesener Unzuverlässigkeit der Gewerbebetrieb versagt werden kann. In der Diskussion sprachen sich sämtliche Redner für Kommissionsberatung aus, wobei die Abgeordneten Malkewitz (tonf.), Gamp (Retchsp.), Raab (wirtschaft. Verein.) und Euler (Zsntr.) den allgemeinen Befähigungsbeweis für das Handwerk verlangten, gegen welche Forderung sich aber der Staatssekretär Graf Posa- dowsky mit Entschiedenheit aussprach. Echmidt-Wanzleben (ntL) wollte einen Befähigungsnachweis direkt für das Baugewerbe, und zwar einen beschränkten, während Abgeordneter Erzberger (Ztr.) für einen allgemeinen Befähigungsnachweis in diesem Gewerbe plädierte. Zuletzt ging die Vorlage an eine Kommission. In erster Lesung nahm bann das Haus die Vorlage wegen Abänderung mehrerer Reichstagswahlkreise in Baden und Hessen an; die hierauf folgende erste Beratung der Novelle zum Unter- stützungSwohnsitzgesetz wurde nach kurzer Debatte auf Mittwoch vertagt.
At MarM-Kochmz.
Die Fragen des Waffenschmuggels, der Steuer» unh Zölle, welche die Marokko-Kon f r rea z seit ihm Eröffnung erörtert und regelt, regen, wie die Agence HavaS meldet, die öffentliche Meinung, die in allen Ländern sensationelle Nachrichten erwartete, nicht auf. Es lagen gestern sichtliche Anzeichen dafür vor, daß die öffentliche Meinung, da derartige Nachrichten bisher ausgeblieben sind, ihr Interesse an der Konferenz stark verliert; diese setzt indessen ihre Tätigkeit beharrlich fort. Man muß in der Tat die Konferenz von einem zwiefachen Standpunkt aus betrachten. Die Delegierten der Mächte sind, wie sie das einmütig erklären, mit der doppelten Absicht zusammenge- kommen, die Reformfrage in Marokko zu regeln und eine tatsächliche und dauernde Beruhigung zwischen den einander gegenüberstehenden Mächten herbeizuführen. Die Regelung der Reformsrage nimmt ihren regelmäßigen, ungestörten Fortgang. Eine große Menge technischer Arbeit wird j den Tag geleistet. Aber neben dieser Arbeit liegt eine andere wichtigere und allgemeinere vor, die nämlich, die allgemeine Beruhigung vorzubereiten. Bis zu diesem Augenblick ist keine ernste Meinungsverschiedenheit zu Tage getreten, alle Delegierten haben einträchtig Seite an Seile geschafft und
verbieten, aber ich verbiete dir, sie zu zeigen. In der Stille der Nacht kannst du der Sprache deines Herzens lauschen, hier aber darfst du nicht deine Empfindungen eingestehen. Ich befehle dir jetzt zu tanzen."
Zeremoniell verneigte sich die Prinzeß.
„Wie Ihre Majestät befehlen."
Wenige Minuten später teilte eine Page einem jungen Garde-Offizier, der erst kürzlich sein Leutnauts-Patent erhalten, mit, daß Ihre Königliche Hoheit die Prinzeß ihm die Ehre erweise, ihn zur nächsten Menuette als Partner zu befehlen.
Und der junge Offizier errötete vor Stolz und Vergnügen, mit einer Prinzeß tanzen zu dürfen.
Königin Sophie Dorothea nickte befriedigend, als sie das Paar entschweben sah, und wandte sich darauf an ihre Hofmeisterin.
„Liebste Kam-cke," sagte sie mit einem freundlichen Lächeln, ich möchte Sie bitten, dein Haushofmeister zu sagen, das Souper möglichst lange hinauszuschieben. Mein Sohn, der König, hat sein Erscheinen zugesagt, und da ich das Gegenteil bisher nicht gehört, glaube ich, trotz der späten Stunde, noch immer auf ihn rechnen zu können. Jedenfalls soll das Souper nicht eher serviert werden, als bis der Koch direkten Befehl empfängt. Wollen Sie das dem Manne bestellen lassen?"
„Sehr wohl, Majestät," meinte die Oberhofmeisterin, „obwohl ich fürchte, Majestät werden auf den Besuch des Königs verzichten müssen. Minister von Podevils war kurz, ehe er hier eintraf, zum Könige besohlen worden. Im Ge- Heim-Archiv werden Dokumente vermißt, die, wie es beißt, von höchster Wichtigkeit sind. Seine Majestät soll, als er von den verschwundenen Dokumenten hörte, außer sich gewesen sein. Man hat Haussuchungen veranstaltet und —"
Die Königin stutzte.
„Dokumente sollen verschwunden sein?"
„Ja, und dies geheimnisvolle Verschwinden bildet daS Hauptgesprächsthema des heutigen Abends. Hat nicht Majestät eine gewisse Unruhe in den Festsälen bemerkt? Immer bildeten sich ©nippen, und in diesen Gruppen ward nur