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herrMer Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8 —— I .....S—W—-—-—>—»-*>»—>»—»»-»—— । -——————-— - .......... —■■«»■^■■■»■■■■■■■■■■■■■■■^^■■■■■■■■■■■^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■i
Nr. 10> Donnerstag, den 25. Januar 1906.
Amtlicher Ceil.
Achtuhr-Ladenschlutz.
Auf meine Aufforderung vom 16. November 1905 — Nr. A. II. 7556 II. — haben sich mehr als zwei Drittel der abstimmenden Inhaber offener Verkaufsstellen in Hersseld für die Einführung des Achtuhr-Ladenschlusses erklärt.
Ich ordne daher auf Grund des § 139 f Absatz 2 der Reichsgewerbeordnung nach Anhörung des Magistrats in Hersfeld an, daß vom 1. Februar 1906 ab in der Stadt Hersfeld die offenen Verkaufsstellen aller Geschäftszweige an den Wochentagen mit Ausnahme:
1. des Sonnabends für diejenigen Geschäfte, welche Lebensmittel führen,
2. derjenigen Tage, an denen die Ortspolizeibehörde gemäß § 139 e Absatz 2 Ziffer 2 der Reichsgewerbeordnung einen späteren Ladenschluß zuläßt, auch in der Zeit zwischen 8 und 9 Uhr abends für den geschäftlichen Verkehr geschlossen sein müssen.
Die gesetzlichen Vorschriften über die Gewährung der Min- destruhezeit für die Angestellten (§ 139 c und d der Reichsgewerbeordnung) werden durch die vorstehende Anordnung nicht berührt.
Im Anschlüsse hieran wird auf die Bestimmung im § 146 a der Reichsgewerbeordnung hingewiesen, wonach mit Geldstrafe bis zu 600 Mark, im Unvermögensfalle mit entsprechender Haft bestraft wird, wer der vorstehenden Anordnung zuwiderhandelt. Meine Anordnung vom 26. Januar 1901 — Nr. A. II. 13662/00 — erfährt durch obige Verfügung insofern eine Aenderung, als nunmehr die offenen Verkaufsstellen aller Geschäftszweige in Hersfeld, mit den oben zu 1. und 2. bezeichneten Ausnahmen, im Sommerhalbjahre (1. April bis 30. September) von 8 Uhr abends bis 53/4 Uhr morgens, im Winterhalbjahre (1. Oktober bis 31. März) von 8 Uhr abends bis 63/4 Uhr morgens für den geschäftlichen Verkehr geschlossen bleiben müssen
Cassel den 22. Januar 1906.
Der Regierungs-Präsident. Graf von Bernstorff.
A. II. G. 29a.
* * *
Hersfeld, den 23. Januar 1906. Wird veröffentlicht.
Der com. Landrat.
J. A.
T h a m e r.
Hersseld, den 22. Januar 1906.
Die Erledigung meiner Verfügung vom 20. Dezember 1905, A. 3138 Kreisblatt 152, betreffend Neuwahl eines Vertreters
Der Sonnenfaiter.
Von M. v. B u ch.
(Fortsetzung.)
Er ließ das Fenster öffnen, die kühle Nachtlnst tat ihm wohl und strich beruhigend über seine Stirn. Wieder machte er die Augen zu und versuchte zu schlafen.
Der Nachtwind rauschte in den Zweigen des Birnbaumes, der dicht unter dem Fenster stand; die Blätter, denen die heiße Sommersonne den Saft entzogen hatten, raschelten leise.
Der Schläfer atmete ängstlich und schwer.
„Wer kommt?" rief er. Ihm war, als hörte er Frauen- gewänder rauschen. Und nun kam es leise, leise durch die Lust gezogen, geflogen? wer weiß es? Es war eine graue Gestalt in wehenden Schleiern . . . eine böse Fee mit kalten, häßlichen Augen. Wie mit Fledermausflügeln strich es über das Bett, dann ließ sich die Gestalt auf feiner Brust nieder. Und sie ward schwerer und schwerer, bis er Zentnerlasten zu spüren vermeinte und glaubte, er müsse zermalmt werden. Mit einem Rucke wollte er sich befreien, und als ihm das nicht gelang, schrie er mit Aufbietung seiner letzten Krast um Hülfe.
Der Diener, der in einem Stuhle sitzend ein wenig geschlafen hatte, sprang auf die Füße und eilte ans Lager.
„Zu Hülfe," rief Trenck, „die graue Gestalt — siehst du hier — sie erdrückt mich — reiße sie von mir — sie soll mich nicht töten — ich will leben — ich will ..."
Der Diener versicherte, daß die Haustür geschlossen und niemand im Zimmer fei. Da antwortete sein Herr: „Sie kam durch die Luft, siehst du — mit dem Rauschen der Blätter"
Der Diener, heftig erschrocken, schloß das Fenster.
„Es ist niemand da," rief er seinem Herrn zu. Der aber röchelte und stöhnte: „Auf meiner Brust ist zentnerschwer — ich — ich kann mich nicht befreien. Hilf Himmel, ich bin verloren."
und Ersatzmannes für die Sektion bringe ich hierdurch mit 8tägiger Frist in Erinnerung.
A. 3138. Der com. Landrat
J. A.
T h a m e r.
Hersseld, den 22. Januar 1906.
Die unter dem Schweinebestande der Wittwe Anna Katharina Schäfer in UntergeiS ausgebrochene Schweinepest ist erloschen.
I. 469. Der com. Landrat.
J. A.:
T h a m e r.
nichtamtlicher Ceil.
Reichstag.
Im Reichstag nahm am Montag die Debatte über den Gesetzentwurf betreffend die Ausgabe von Reichsbanknoten zu 50 und 20 Mark, wiederholt einen recht heftigen, persönlich zugespitzten Charakter an. Allerdings führte zu den gereizten Auseinandersetzungen nicht die Vorlage selbst, sondern die in die Diskussion eingeflochtenen Erörterungen über die Höhe bes Bankdiskonts im Dezember, über die Politik der Reichsbank und über die WährungSfrage. Die Angreifenden waren drei Mitglieder der Reichspartei, nämlich der Abg. Gamp, der für das Gesetz ist, und die Abgg. von Kardorff und Dr. Arendt, die dagegen sind. Insbesondere Herr von Kardorff sprach sehr scharf, und der Präsident des Reichsbankvirektoriums Dr. Koch antwortete noch schärfer. Darüber geriet Dr. Arendt in Harnisch und nannte die Antwort erst „grob", nachdem aber der Prästdent Graf Ballestrem diesen Ausdruck als unzulässig bezeichnet hatte, „unhöflich" und „der zwischen Reichstag und Bundesrat üblichen Sprache nicht entsprechend." Was über die Vorlage selbst gesagt wurde, läßt deren Aussichten als günstig erscheinen, da vte meisten Redner sich dafür erklärten; die Chancen ihrer Annahme werden aber noch dadurch vermehrt, daß sie nicht der Budgetkommission, sondern einer besondern Kommission von 14 Mitgliedern über» wiesen wurde. Obwohl die Debatte sich bis weit in die sechste Stunde ausgedehnt hatte, trat das Haus noch in die erste Beratung des G gentwurfs über den Versicherungsvertrag ein. In der L -k ission, die vom Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. R^berding eingeleitet wurde, erklärte sogar der sozialdemokkatische Abgeordnete Heine, daß die Bestimmungen des Gesetzes vielfach einen Fortschritt bringen, er bekämpfte nur die vorgesehenen Ausnahmen.
In der gestrigen Sitzung (Dienstag) stand als erster Punkt auf der Tagesordnung die Interpellation der Po'en wegen des Beichterlasser im 1. Armeekorps. Der Kriegs-
Er fuhr mit den Armen wild um sich, als versuchte er, irgend etwas von sich zu stoßen, als kämpfe er gegen eine unsichtbare Gewalt. Dann erlahmte seine Kraft, schlaff sanken die Arme auf die Bettdecke zurück, und es klang in einem verzweifelten Aufschrei: „Ich bin verloren."
Als Trenck am nächsten Morgen aus schwerem, wüstem Traume erwachte, lag vor ihm auf dem Bette, gerade auf der Stelle, aus der er gestern Abend die graue Gestalt gesehen hatte, ein Brief, den der Feldpostbriefträger für ihn abgegeben hatte. Die Schriftzüge auf der Adresse kamen ihm bekannt vor, die steilen Buchstaben sahen ihn fast herausfordernd an. Mit einer ungeduldigen Bewegung erbrach er den Umschlag und las den Bries, der also lautete:
„Aus Dero Schreiben de dato Berlin, den 12. Februar, ersehe ich, daß Sie gern ungarische Pferde von mir haben möchten, um sich gegen meine Husaren und Panduren herumzutummeln. Ich habe bereits in voriger Kampagne mit Vergnügen ersehen, daß der preußische Trenck auch ein guter Soldat ist. Zur Bezeugung, daß ich Sie schätze, habe ich Ihnen Ihre von meinen Leuten gefangenen Pferde zurückgeschickt. Wollen Sie aber ungarische reiten, so nehmen Sie mir im nächsten Feldzuge die nichtigen im offenen Felde ab oder kommen Sie zu Ihrem Vetter, der Sie mit offenen Armen empfangen und Ihnen als seinem Sohn und Freunde alle Zufriedenheit verursachen wird.
Franz Freiherr von der Trenck."
Trenck las den Brief und fuhr sich mit der Hand über die Augen, um sich zu vergewissern, daß er recht gelesen. Sollte er seinen Augen trauen? Stand das wirklich da, was er gelesen hatte? Machte sein Vetter ihm wirklich den Vorschlag, zu den Feinden überzugehen? Die Röte des Zorns schlug ihm in die Wangen, und dann wurde er plötzlich blaß. Wie konnte man ihm, der mit anbetender Verehrung an seinem Könige hing, derartige Pläne unterbreiten! Hatte König Friedrich ihm nicht Gunst und Wohlwollen im höchsten Grade bezeigt, daß er — Trenck — hoffen durste, sich and) ferner einer Güte zu erfreuen, die ihm eine
minister erklärt sich bereit zur sofortigen Beantwortung der Interpellation. Abg. Stychel (Pole) begründet die Interpellation und verweist auf die Verfügung des komman- vierenden Generals des 1. Armeekorps vom 19. Dezember 1905. Die Verfügung sagte, im Armeekorps-Bereiche seien nur 9 katholische Polen angemeldet, während 90 Soldaten polnisch beichten. Die Verfügung ordnete daher die Festlegung der Beichtsprache an, weil die Gefahr der Vorschub- leistung der polnischen Bewegung vorliege. Kriegsminister v. Einem macht Mitteilungen über das gegenüber den polnischen Soldaten geübte Verfahren, welches nach Möglichkeit den religiösen Bedürfnissen Rechnung trägt. In dem Gumbinnener Fall habe der Militärgeistlicheollerdings nicht richtig gehandelt. Es liege im Uebrigen der Militärverwaltung ganz fern, einen Gewissenszwang auf die polnischen Soldaten auszuüben, auch Verspottung der Soldaten wegen ihrer Rationalität würden im Heere nicht geduldet und vorkommenden Falle» bestraft.
Abgeordnetenhaus.
Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Montage zunächst mit der vom Abg. Roeren (Z.) begründeten Interpellation wegen der Ueber- wachung der katholischen Geistlichen seitens der Polizei. Kultusminister Dr. Studt erklärte, daß eine allgemeine Verfügung über eine geheime Ueberwachung der katholischen Geistlichen nicht bestehe; selbstverständlich sei es aber, daß in bestimmten Fällen bestimmte Beamte zur vertraulichen Berichterstattung über bestimmte Geistliche aufgefordert würden. In dem in der Interpellation erwähnten Falle habe es sich um schwere Beleidigungen zweier öffentlicher Beamten durch einen katholischen Geistlichen gehandelt, die die Verwaltung peinlich berühren mußten. Von einem Spionagesystem sei keine Rede. Der Minister betonte, daß er sich stets bestrebt habe, den konfessionellen Frieden zu fördern. Es folgte die erste Lesung der Novelle zum Knappschafts gesetz. Handelsminister Dr. Delbrück wies darauf hin, daß die Bestimmungen über KnappschoftSeinrichtungen beinahe so alt seien wie der preußische Bergbau. Die jetzt vorgelegte Novelle wolle diese Bestimmungen denjenigen der sozialen Reichsgesetzgebung anpassen. Besonders wichtig sei die Aenderung, daß Arbeiter nicht mehr wie bisher beim Uebergang von einem KnappschaftSverein zu einem anderen die erworbenen Ansprüche verlieren. Nach nur kurzer Debatte wurde die Vorlage einer besonderen Kommission überwiesen. Das Haus erledigte am Dienstag debattelo» eine Reihe kleinerer Etat» in zweiter Lesung und tritt sodann in die Beratung des Etats der Landwirtschaftsverwaltung ein. Auf verschiedene Anfragen erwiderte der Minister Podbielrki, daß die Frage des Milchverkehrs von hoher Bedeutung für Die Landwirtschaft sowie für die Städte sei. Der Verkäufer müsse immer angeben, was für
ehrenvolle Laufbahn verhieß? Warum sollte er den Dienst seines gnädigen Herrn verlassen?
Trenck war es, als habe er einen Schlag ins Gesicht erhalten. Noch einmal vertiefte er sich in das Schreiben. Er las: Aus Dero Schreiben de dato Berlin, den 12. Februar, ersehe ich, daß sie gern ungarische Pferde haben wollen . . . de dato, den 12. Februar. Mit einem Male begriff er. Das war ja jener unglückliche Tag, an dem er im Arrest gesessen und an dem Joschinsky ihm geraten hatte, sich ungarische Pferde besorgen zu lassen. Warum hatte er, Narr, der er war, den Brief geschrieben uud abgehen lassen? Hölle und Teufel! Und diese im sarkastischen, ein wenig verächtlichen Tone gehaltene Antwort war ■— war die wirklich von seinem Vetter?
Der junge Mann sprang auf und fuhr in seine Kleider. Der verletzte Arm lag in einem Verbände. Sein Kopf war heiß und schmerzte, er meinte, ein kleiner Gang durch die Morgenluft würde ihm gut tun.
Er klinkte die Haustür auf und trat über die Schwelle. Begierig sog er die frische Luft ein, die ihm wohl tat. Da sah er auf dem schmalen Pfade, der auf das Haus zusührte, eine Gestalt auftauchen. In dem wehenden Nebel, der über der Landschaft schwebte, konnte er sie nicht deutlich erkennen, aber er meinte, sie fei ihm bekannt. Plötzlich durchfuhr es ihn. War das Jaschinsky? Oder glaubte er nur den Mann zu sehen, weil er vorher an ihn gedacht? Irrte er sich?
Nein, nein, jetzt sah er recht. Der Mann, der sich mit schnellen Schritten dem Hause näherte, war der Garde-Kapitän. Und jetzt stand er vor ihm und streckte dem Blessierten mir freundlichem Gruße beide Hände entgegen.
„Wie gut, daß Sie wohlauf sind, lieber Trenck," rief er. „Wissen Sie, daß ich im allerhöchsten Auftrage komme? Seine Majestät läßt sich nach Ihrem Befinden erkundigen und hat mit gnädiger Teilnahme von Ihrer Verwundung gehört."
Trenck lächelte matt.
„Von meiner Verwundung?" fragte er. „Ist Seine Majestät bereits davon unterrichtet worden?" (F. f.)