Beilage 51111t
Herzselder Kreisblatt
Nv. 149t Dienstag, den 19. Dezember 1905t
Moesch.
Roman von Friedrich Jacobsen.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Was willst du damit sagen, Joseph?"
• „Setz' dich wieder hin — mich überkam eben eine Vision, wie ich sie diese Nacht ein paarmal gehabt habe. Weißt du, in der stillen, einsamen Nacht, als ich bei der blakenden Lampe saß. Die wurde immer trüber, und in der Dämmerung kamen die Vorstellungen und die Erinnerungen. Ich schlich wieder mit dir den Korridor entlang, der vor unseren Zellen lag, und ich flüsterte dir atemlos die Frage zu, was denn nun werden sollte, wenn einer unserer Wächter uns in den Weg käme. Weißt du noch, Franz, wie deine Antwort lautete?"
„Ich weiß es," entgegnete Schubert finster. „Nieder mit allem, was uns hinderlich ist — so sagte ich damals."
„Und so sagst du heute" — fuhr Joseph fort, „nur, daß du nicht mehr der Verfolgte bist, nicht mehr das gehetzte Wild, sondern du hast die Verfolgung selbst in deine Hände genommen."
„Du siehst Gespenster, Joseph."
„Ich sehe dein Gesicht, es ist keine Ruhe darin, die schlimmen Gedanken und Pläne haben ihre Schrift hineingegraben. Meinst du, daß ich während all dieser Nächte, wo wir hier zusammenhausen, geschlafen hätte? Ich war oft genug wach und hörte, wie du im Schlafe redetest. Der Name eines Weibes und der Name eines Mannes kamen über deine Lippen, es ging wirr durcheinander, aber den Sinn konnte ich doch erraten. Ich sage dir Franz, wenn du bis zu dieser Stunde noch keinen Mord aus deinem Gewissen hast, der Gedanke daran ist dir nicht mehr fremd, und er läßt dir keine Ruhe bis alles zu Ende ist."
„Du könntest recht haben," entgegnete Schubert nach einer Pause mit gedämpfter Stimme. Es steckt eine Bestie in mir, die sich freimachen will. Das kann ein Erbteil meiner wilden Heimat sein, oder die Lust des Zuchthauses hat mich krank gemacht. Aber ich besitze Energie genug, um das Tier gefangen zu halten, ich werde niemals das Opfer einer gemeinen Rachsucht sein."
Es ist keine Rachsucht, Franz. Der Mensch rächt sich nur für uns erlittene Unbill, und dir ist kein Unrecht zuge- sügt worden. Ich sagte dir schon, du bist in dem Banne eines Weibes."
„Du kennst sie ja, die Weiber — sie haben in deinem Leben eine Rolle gespielt. Sie sind imstande aus einem ehrlichen Manne einen Hundsfott zu machen."
Joseph nickte zögernd.
„Aus deutschem Stamm ist mir keine begegnet, die den Teusel im Leibe hatte. Diese blonden rosigen Mädchen können uns verliebt machen, blind und toll. Aber sie sind im Herzen fromm und wenn wir uns nach ihnen sehnen, so gehen unsere Gedanken nicht durch die Nacht. Die eine, von der wir beide reden, ist unter einer heißen Sonne geboren, und sie versengt die Seele der Männer mit ihren Augen. Mich hat sie gestreift, und dich hat sie umgarnt, du bist ihr rettungslos verfallen. Sie kann nicht lieben, aber sie mordet wie der Vampyr und der Wärwolf und die Sphinx. An Schönheit hängt sie nicht, aber sie tötet am liebsten die Starken, und es muß eine Wollust sein, unter ihren Klauen zu sterben. So ist sie und so habe ich sie ahnen lernen. Sie hat mir nichts getan, denn ich war für sie nur ein Spielzeug, aber du bist ihr Liebling und ihr Opfer."
Es war hell geworden und die Sonne begann ihre ersten Strahlen in das Zimmer zu werfen. Joseph stand auf und suchte den kleinen Ranzen hervor, in dem er seine wenigen Sachen mitgebracht hatte.
„Was willst du tun?" fragte sein Gefährte.
„Ich glaube, es gibt hier nur eins, Franz. Unsere ge= meinsame Flucht ist zu Ende, ich habe dich gebeten, mit mir diesen schrecklichen Ort zu verlassen und du hast dich geweigert, es zu turw Ich hätte schon längst erkennen müssen, daß du ein verlorener Mann bist, aber man sträubt sich gegen die schlimme Wahrheit, so lange es möglich ist. Nun werden wir uns trennen."
„Wohin gehst du?"
„Wenn ich es dir sagen wollte — so würdest du das kaum begreifen. Es wäre in deinen Augen wie Narchcit, und du hast mit deiner eigenen Narrheit genug zu tun."
„Dann weiß ich es," sagte Schubert. „Du willst auch zu der Sphinx, es ist nur eine andere, denn die Welt ist voll davon."
Joseph nickte.
„Ihre Augen haben es mir angetan. Große blaue Sterne, von denen du keine Ahnung hast. Sie war ein Kind, bis ich zu ihr kam, aber meine Hände, die immer nach der Franen- secle lasten müssen, haben die Binde von ihren Augen genommen. Sie sah mich an, wie man einen bösen Geist ansieht und wendete sich von mir ab. Das war im Sturm und zwischen Sand; seitdem ist mein Leben eine Wüste geworden und ich höre immer das Sausen des Windes."
„Und doch willst du sie wieder aufsuchen?"
„Ich sage dir ja, daß sie eS mir angetan hat. Vielleicht summt der alte hintersinnige Mann — du kennst ihn ja — und schlügt mich tot. Dann ist es ganz aus. Sonst muß ich, um den Rest meines Lebens zu retten, etwas anderes tun."
Er hatte das Bündel fertig geschnürt und stand vor dem ehemaligen Freunde. Schubert hatte die Arme über der Brust
verschränkt und blickte ihn forschend an.------
„Es gibt einen Weg, Joseph — um den Rest seines Daseins zu retten, den heute viele gehen. Bisweilen kommt mir der Gedanke, ihn selbst auszusuchen. Meinst du den Weg?"
„Selbstmord? Nein. Wenn ich wie du wäre — vielleicht ; man wählt da das bessere. Ich kehre in meine Zelle zurück, um den Rest der Strafe abzubüßen."
„Du bist dvch unschuldig, Joseph!"
„Mau kann das nicht so genau wissen. Gefehlt habe ich auch, und wenn das Gesetz für die sittliche Verfehlung keine Strafe hat, so kann man sich selbst sein Strafgesetz machen. Aber es ist noch irgend etwas anderes, Franz. Du bist vielleicht im Stande, lange Jahre hindurch die Verfolger auf deinen Fersen zu wissen und dennoch gelassen Schritt um Schritt jede Spur deines Daseins hinter dir zu verwischen. Ich kann das nicht. Wenn wir als Kinder Haschen spielten, so trieb es mich oft, stehen zu bleiben und den Verfolger herankommen zu lassen, bloß weil es mir peinlich war, zu wissen, daß eine Hand nach mir haschte. Es sind furchtsame Naturen, die so handeln, aber ich habe mir meine Natur nicht ausgesucht."
Er warf den Ranzen um und ging an die Tür. Dort drehte er sich noch einmal um.
„Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, Franz, daß ich deine Spur niemals verraten werde."
„Auch dann nicht, wenn sie dir dafür die Freiheit anbieten ?"
„Nein, niemals!"
„Dann bist du auch kein Feigling. Uebrigens entgeht niemand seinem Schicksal. Das Weib, in dessen Händen ich bin, wird den Verrat schon besorgen. Aber es soll schön fein, von der Sphinx gemordet zu werden."
Dann war Franz Schubert allein.
Wie damals, als sie sich nach ihrer Flucht getrennt hatten, weil es jedm von ihnen leichter war, ohne den anderen die Verfolger zu täuschen.
Sie hatten damals nicht verabredet, einander zur günstigen Stunde wieder auszusuchen, aber das gegenseitige Versprechen, es zu tun, war in ihren Augen zu lesen gewesen, und es hatte im Druck ihrer Hand gelegen. Nun gingen sie von einander, ohne sich die Hand zum Abschied zu reichen.
Franz dachte darüber nach.
Es war zwischen ihm und seinem Leidensgenossen eine Kluft aufgerissen, viel tiefer, als jene andere, die zwischen einem Zuchthäusler und dem unbestraften Teile der Menschheit besteht; geben wir dem Sträfling die materielle Möglichkeit, seine Zukunft ehrlich zu gestalten, und er kann, wenn auch nur mit unvordenklicher Verjährung, seinen Fehlschritt vergessen machen — wen wir verachten um seiner selbst willen, an dessen Sarg haben wir schon bei seinen Lebzeiten gestanden.
Schubert fühlte, daß er in dieser auslöschenden Weise der Verachtung anheimgefallen war; er erschien in den Augen seines ehemaligen Gefährten nicht mehr als ein Opfer der sozialen Verhältnisse, nicht mehr der Mann, dem wir das Verbrechen verzeihen können, weil es aus keiner trüben Quelle floß, sondern er war mit den niedrigsten Instinkten behaftet, die aus der Bestie nur immer hervorbrechen können; sein Handeln war Sinnlichkeit, Selbstsucht und Rache, und obwohl ihn die Bildung befähigte, den Irrwegen seiner perversen Natur nachzugehen, so besaß er nicht einmal den elenden Rest moralischer Kraft, sich an der Hand eines Stärkeren sestzuhalten. So war er in den Augen dessen, den er zu beherrschen vermeint hatte, und so war er wohl wirklich beschaffen und nicht nur in der Vorstellung eines dritten.
Oder doch nicht ganz so schlimm?
Das Leben »nd Treiben in dem alten Bau begann langsam zu erwachen, es knisterte über die Treppen und schlich durch die Korridore, aber an die Tür des einen entlegenen halbdunklen Zimmers tastete keine Hand.
Sie ahnten wohl alle, daß der Bewohner dieser Höhle ungestört sein wollte, daß er über irgend etwas nachsann, wovon die helle sonntägliche Welt nichts zu wissen braudjte, daß er in den unergründlichen Tiefen seiner rätselhaften Seele irgend etwas bewegte, über dessen sophistische Feinheit selbst die Bewohner des Gängeviertels ein Gefühl des Grauens nicht hätten unterdrücken können.
Oder nein — da§ ahnte wohl keiner, sonst hätte man den Gast mit dem Totengesicht auf die Straße gesetzt, oder man würde ihn in das Irrenhaus eingeliefert haben, damit die Aerzte an ihm einen neuen Fall moralischer Krankheit heraustüfteln könnten.
Franz Schubert lag aus dem Sofa und hielt seinen schmerzenden Kopf in den fieberheiße» Händen, die Begebenheiten dieser Nacht waren vielleicht wirklich nur ein Spukgebilde, und was in der kommenden Nacht geschehen sollte, das war nur die Phantasie eines kranken Hirns!
Dennoch stand es klar und deutlich vor der Erinnerung des grübelnden Mannes und er zerfaserte die einzelnen Momente seines Planes mit einer Schärfe, die ihn selbst davon überzeugte, daß es sich nicht um den Wahn einer Fiebcistunde handelte.
Wie schon einmal in seinem Leben, so sprach auch jetzt eine langsame, deutliche Stimme mit großer Klarheit zu ihm.
„Du begehrst ein Weib — sagte diese Stimme. Dein Herz hat keinen Anteil an diesem Begehren, denn die Liebe ist dir wie ein Spott, und bist davon überzeugt, daß auch diese schillernde Schlange niemals einer zärtlichen Empfindung fähig sein wird. Dein Verstand sträubt sich gegen das Begehren, denn du ahnst, daß sie dir so wenig die Treue zu wahren vermag, wie sie ihrem anvertrauten Gatten treu gewesen ist.
Aber deine Sinne sind dein Herr. Die Frauen haben sich von dir abgewendet, weil dein Antlitz eine abschreckende Gestalt trägt.
Deine Sinne sind dein Herr, denn sie wird dir Gold vor die Füße werfen, und du magst erproben, ob deine Wille stark genug ist, sie und ihr Geld zu deinem Sklavm zu machen.
(Fortsetzung folgt.)
vermischter.
— Berlin, 15. Dezember. (Ein grauen- hafterLeichenfundzwifchendenEisenbahn- schienen.) In unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Ma- rienselde wurde heute in früher Morgenstunde der entsetzlich verstümmelte Leichnam eines etwa 17jährigen Mädchens zwischen den Gleisen ausgefunden. Die fehlenden Teile des Körpers sowie die Kleidungsstücke der Toten wurden etwa 300 Meter hinter der Station Mariendorf gefunden, Noch Lage der Sache ist mit dem Selbstmord einer Geisteskranken zu rechnen, die sich entkleidet hatte und von einem Eisenbahnzug überfahren ließ; doch ist auch die Möglichkeit eines Kapitalverbrechens nicht ausgeschlossen, zumal der Oberkörper mehrere Wunden aufwies, die von Messerstichen herzurühren und den Tod herbeigeführt zu haben scheinen, bevor der Körper unter die Räder des Zuges geriet. Zur« zeit ist die Mariendorfer Kriminalpolizei bemüht, Klarheit in die aufsehenerregende Angelegenheit zu bringen
— (Die zärtlichen Dienstboten.) Man schreibt den Münchner Neuest. Nachr. aus NewAork: „Eine hier lebende amerikanische Multimillionärin, welche Rä jeden Luxus gönnen kann, ist der Ansicht, daß die besten Dienstboten der Welt von der Inselgruppe Hawai kommen. „Sie haben keine Ahnung, welch gute, treue und arbeitsame Geschöpfe diese Leute find. Ihr einziger Fehler, wenn dies überhaupt ein Fehler ist, ist ihre schreckliche Naivität', so erzählte die genannte Dame. „So können sie sich es z. B. nicht abgewöhnen, die Herrschaft mit dem Vornamen an- zureden, gerade so, wie Re es von den einzelnen Familien, mitgliedern hören. Unter Diener und unser Koch sagt zu meinem Gatten nie anders als: „Ja, John,' oder „Du hast recht, John', und zu mir: „Allright, Mary' usw. Schließlich wurde ich dessen überdrüssig und sagte meinem Mann, als wir neue Dienerschaft engagierten: „John, rufe mich in Gegenwart der Leute nie bei meinem Vornamen. Dann wird man mich doch nicht anders als mit „Madame' anreden können, wenn man meinen Vornamen nicht weiß." Mein Mann richtete sich danach, gab mir alle möglichen Schmeichelnamen, sprach jedoch meinen Namen nie aus, und die Diener gaben mir überhaupt keinen Titel. Eines Tages hatten wir Gesellschaft, und ich erzählte meinen Gästen, wie ich in Bezug auf die erwähnte Eigenheit unserer hawaischen Dienstleute fertig geworden sei. „Sie werden nie hören, daß mich die Leute mit dem Vornamen ansprechen", fügte ich hinzu. In diesem Augenblick kam der Diener intz Zimmer, verbeugte fich respektvoll und sagte: „Liebchen, das Diner ist fertig." „Was?" stammelte ich. „Das Diner ist fertig, Schätzten", wiederholte er, und ich wußte nicht, wohin ich vor Verlegenheit blicken sollte."
— Eine billige Gans hat dieser Tage die Frau eines Geschäftsmannes in Meißen erworben. Sie taufte einen solchen Brotvogel einer Frau aus Robschütz für 8,50 Mk. ab, fand aber beim Ausnehmen in den Eingeweiden des Tieres ein Zehnmarkstück. Da von der Verkäuferin der Etgentumsbeweis nicht erbracht werden kann und die Käuferin die Sans mit allem, „was drum und dran" ist, gekauft hat, so wird diese das Goldstück im eignen Nutzen verwenden.
— EineHochzeitSreise nach demNordpol wollen, wie aus Cinciunati berichtet wird, Mr. Max Fleischmann und Miß Sherlock machen. Gleich nach der Hochzeit, die am 20. Dezember stattfindet, will das Paar in dem norwegischen Schiff Laura, das Mr. Fleischmona gechartert hat, nach den arktischen Gegenden aufbrechen. Er wollte schon immer die Nordpolländer besuchen, hatte aber schon de» Gedanken fast aufgegeben, als seine Braut ihn mit dem Vorschlag, Re wollten die Reise zusammen machen, überraschte.
— (Auch eine Theaterreklame.) Aus New- Dork wird berichtet: Eine bessere Reklame hätte fich bie auf diesem Gebiete doch höchst kundige „göttliche Sarah" nie ersinnen können, als die recht kräftigen Insulten, denen Re in Quebec ausgesetzt war, weil sie den Provinzialismus der Kanadier kritisiert haben sollte. Diese Streitigkeiten haben eine merkwürdige Wirkung auf die Theaterbesucher in New-Iork ausgeübt, die die „göttliche Sarah" demnächst wieder einmal begrüßen werden. Noch niemals ist die Nachfrage in Amerika nach Billets so groß gewesen. Am Donnerstag und Freitag standen Tausende stundenlang wartend vor dem Billettschaller, und eine Polizeimacht war nötig, um den Andrang abzuwehren. Einmal sogar war es so schlimm, daß zur Aufrechterhaltung der Ordnung R-- servetruppen herangezogen werden mußten. Im ganzen wurden am Donnerstag Btlett« im B-trage von 222 000 Mk. verkauft, wa« sogar in Amerika einen Rekord auf diesem Gebiet bedeutet. Mehrere Frauen wurden während des Gedränge» ohnmächtig, eine betam Weinkrämpse, als Re hörte, daß alle BillettS verkauft feien. Im Gegensatz zu ihrer jetzigen Tournee waren Mme. Bernhardt» frühere Kunstreisen in den Vereinigten Staaten erfolglos.