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Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 148.
Sonnabend, den 16. Dezember
1905.
Drittes Blatt.
WosM.
Roman von Friedrich Jacobsen.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Da möchte man ein ehrlicher Mann bleiben und läuft sich die Sohlen darum wund," sagte Lude. „Da geht man in die Fabrik und ruft den Herrn beiseite und sagt: Herr, fünf Jahre Zuchthaus habe ich abgerissen und um denselben Lohn will ich schuften, aber nehmt mich nur, denn der Hunger tut weh. Ja, sagt der Biedermeier, das täte ich recht gerne, aber da würden mir meine anderen Arbeiter davon laufen, denn das sind lauter ehrliche Kerle. Und nun sitzt einer hier und will doch nicht einer von denen dahinten werden."
Es war das uralte, ewige Lied, und es tarn in einer rauhen, ungefügen Sprache heraus. Aber hier unten in dem Verbrecherkeller klang es geradezu entsetzlich, denn man sah schon das Ende vor Augen.
„Du mußt daran glauben, sagte Schubert ruhig, „wir müssen alle daran glauben. So gut wie au das Sterben. Oder hast du Mut genug, ins Wasser zu gehen?"
Lude schüttelte sich.
„Wenn einer was tut," sagte Schubert, „so muß er Nutzen davon haben, sonst ist es ein 9larrenftücf. Deine Messer- gokelei war eins, mein kleiner Meineid vielleicht auch. Wenn du nicht ins Wasser magst, so mußt du eben übers Wasser. Verstanden?"
„So dumm bin ich nicht," knurrte der Zuchthäusler, das habe ich mir allenfalls auch überlegt. Aber kann ich denn hinüberschwimmen wie'n Stück Holz?"
„Nein — aber das Geld nimmt man sich, wo es her- kommt."
Sie sahen einer den anderen an und schwiegen beide.
Der Keller war plötzlich leer geworden, und der Wirt trat mit einem mürrischen Gesicht an die beiden letzten Gäste heran.
„Wenn ihr was zu besprechen habt," sagte er, „so könnt ihr euch einen anderen Platz dazu aussuchen. Unsereiner will auch schlafen oder wenigstens was verdienen. Für eine Flasche Wein, will ich euch den Platz noch lassen."
Schubert schien das zu verstehen. — Er legte stillschweigend ein größeres Geldstück auf den Tisch, und der Wirt brächte darauf eine Flasche Wein.
Lude sah mit einem halb begehrlichen Blick aus das Silber.
„Du hast Geld," sagte er, ohne die in Verbrecherkreisen üblichen Ausdrücke anzuwenden, „weißt du auch, daß es gefährlich ist, dergleichen hier zu zeigen?"
Schubert nickte.
„Ich weiß es, aber wir sind jetzt allein. Mit dir will ich mitten in der Nacht durch einen Wald gehen, du würdest deine Hand nicht an meine Kehle legen. Denn du weißt, daß ich es brauche. Hast du nun heraus, worin der Unterschied liegt, wenn man sich Geld verschaffen muß, ohne es verdienen zu können?"
Auch der Zuchthäusler nickte.
„Das ist eine verdammt glatte Rede. Man soll es da nehmen, wo es nicht gebraucht wird — bei den Reichen"
„Aus Harvestehude" —
Für einen ehrlichen Kerl bleibt das doch eine verstuchte Sache!"
„Du kannst ja versuchen, ob das Wasser von einem Fleet besser schmeckt."
Ein Fluch war die Antwort.
„Einbrechen gehört dazu," fuhr der Versucher unbarmherzig fort. „Wir haben es beide noch nicht versucht, aber wenn ich in deiner Lage wäre, dann würde ich es unbedenklich tun. Verstehst du mich, einmal in meinem Leben, um ein ehrlicher Kerl bleiben zu können. Aber es gehören auch Keunttiisse dazu, die wir nicht besitzen, aber ich weift eine Gelegenheit, wo die Sache das reine Kinderspiel ist. Ohne jede Gefahr" —
Der andere schlug auf den Tisch.
„Um die Gefahr schere ich mich den Teufel!"
Die Flasche war leer und der Wirt mahnte abermals zum Aufbruch.
Sie gingen uun beide zusammen und traten aus die Gasse. Es war schon fast vor Tagesanbruch, und obwohl man zwischen den hohen und eng gebauten Häusern nur wenig vom Himmel entdecken konnte, so versprach doch dieser schmale, reine Streifen mit den blassen Sternen einen sehr schönen Tag.
Während sie langsam durch das vollkommen tote Viertel schritten, sprachen beide leise miteinander von einer gefährlichen Sache.
Die Hoffnung, sich ohne große moralische Skrupel Geld verschaffen zu können, war in der Seele des Mannes ausgewacht.
Und er stand unter dem dämonischen Einflüsse seines Begleiters, dessen höhere Bildung er instinktiv anerkannte, und den er dennoch als seinesgleichen betrachtete.
Sie sprachen in Ausdrücken, die nur ihnen allein verständlich waren, und es kam immer wieder zum Ausdruck, daß die Sache gefahrlos sei und daß wegen der Räumlichkeiten und der sonstigen günstigen Umstände eine Ueberraschung während der Ausführung undenkbar wäre.
Sie sprachen von der nächsten Nacht — Sonntag auf Montag.
„Und wenn es dennoch eine Entdeckung geben sollte," sagte Schubert, „dann bedarf es nur eines Sprunges aus dem Fenster, um jede Verfolgung unmöglich zu machen; es handelt sich um einen Mann, der gar nicht daran denkt, von Waffen Gebrauch zu machen; es ist einer, der sich vor dem Rauschen eines Baumes fürchtet."
Dann gingen sie an einer Stelle auseinander, wo sie schon das Aufleuchten des Morgenrots sehen konnten.
Dieses große herannahende Licht, das sich in seiner ganzen Fülle so sehr selten den Bewohnern der düstern Hansestadt offenbart, hätte wohl auch die beiden aus dem Gängeviertel hervorschreitenden Männer veranlassen können, ihre Augen gegen den Himmel empvrzuheben ; aber sie hefteten scheu - und schuldbewußt den Blick auf das schlammüberzogene Straßen- pflaster, und während der eine in die Höhle des Verbrechens und der Not zurücktauchte, drückte der andere sich an den Häusern entlang, um auf Schleichwegen seine vor mehr als zwölf Stunden verlassene Wohnung zu erreichen.
* *
Als Franz die Tür des Zimmers öffnete, bot sich seinen Blicken ein düsteres und übernächtiges Bild. Aus dem Tisch brannte die Petroleumlampe mit einer niedrigen Flamme, und ihr Dunst füllte den engen Raum, so daß es dem aus der frischen Morgenluft Eintretenden fast den Atem benahm. Die dichte Verhüllung der beiden Hoffenster erhöhte noch den bedrückenden Eindruck, so daß man glauben konnte, eine Gruft vor sich zu haben, oder eine hermetisch verschlossene Gefängniszelle. Joseph saß in der Sofaecke mit vermachten Augen; er war vollständig angekleidet und schien das Lager überhaupt nicht berührt zu haben; er erwiderte auch nicht den halblauten Gruß des Gefährten und Franz sagte mit einem verlegenen Lachen:
„Das nenne ich Tollheit — die ganze Nacht aufzu- bleiben" —
Er ging rasch durch das Zimmer, riß die Vorhänge auseinander und öffnete die Fensterflügel; ein Strom frischer Luft kam herein und mit ihm das erste graue Licht des Morgens.
So stand er einen Moment und sah hinaus; sein blasses übernächtiges Gesicht trat scharf aus der Dämmerung hervor, und das letzte Ausflammen der Lampe fuhr darüber hin.
„Sie ist ausgebrannt," — sagte Joseph, ohne auf den Vorwurf zu achten, „endlich kommt der Tag. Willst du schlafen?"
„Natürlich will ich das — wenigstens ein paar Stunden." — —
Der große starkknochige Mann warf sich wie er war auf das eine der beiden Betten, so daß die morsche Lade in allen Fugen krachte; er nahm sich nicht einmal die Mühe, feine kotbespritzten Stiefel auszuziehen, und so lag er, beide Hände unter dem Kopf gekreuzt und starrte die niedrige Zimmerdecke an.
Das dauerte so eine Weile, während Joseph regimgslos aus seinem Platz verharrte und den Liegenden unausgesetzt beobachtete.
Endlich fragte Richter halblaut:
„Franz, kannst du schlafen?"
„Geht's dich was an?"
„Nein, aber ich möchte das gerne wissen. Ich habe oft genug deinen Schlaf beobachtet, mitten in der größten Gefahr. Das war anders als heute."
Schubert richtete sich auf und warf die Beine von der Bettdecke herunter.
„Hol's der Teufel — das ist auch anders als sonst! Wenn dn da hockst wie ein Vampyr und mich fortwährend ansichst!"
„Schließe doch die Augen, dann siehst du nichts. Oder siehst du doch etwas?
„WaS sollte ich sehen?" murmelte Schubert und drehte den Kopf zur Seite.
„Ich kann es nicht wissen, Franz, ich bin in dieser ganzen Nacht nicht an deiner Seit« gewesen."
„Dann fei froh!"
„Bist du es?"
Schubert stand langsam auf und schritt ein paarmal durchs Zimmer — fast wie ein Raubtier im Käfig. Einmal blieb er am Fenster stehen und atmete durch die sestgeschlossenen Zähne.
„Entweder hat dich der Lampendunst betäubt, Joseph, oder ich bin verrückt geworden! Was soll dieses Fragen hinten herum?"
„Ruhig, Franz, wir kommen der Sache schon näher. Nach einer Weile wirst du von selbst -ansangen."
„Du meinst, wo ich diese Nacht gewesen bin. Das kann ich dir gleich sagen, mein Junge. Zuerst — richtig, zuerst habe ich Wein getrunken, und dann überkam mich eine tolle Idee. Ich ging nach Harvestehude hinaus" —
„Also doch."
„Natürlich, du beschriebst mir ja selbst den Weg und die Villa. Ich wollte mal selbst sehen, was mein aller Freund Marxen da draußen macht."
„Hast du ihn gesprochen?"
„Nein," nur gesehen, durchs Fenster, am Schreibtisch, ganz einsam bei seiner Lampe."
„Lebt er noch?"
Die Frage kam so sonderbar überraschend, daß Schubert eine Stuhllehne faßte und sich darauf stützte.
Dann nahm er Joseph gegenüber Platz und stemmte die Fäuste auf den Tifch.
„Denkst dn denn, daß ich ihn durchs Fenster mit einem Stein totgeschmissen habe?"
„Es ist gut, er lebt also noch. Was weiter?"
„Ja, was weiter, dann trieb ich mich herum, der Teufel mag wissen, wo. Jedenfalls bin ich hundsmüde."
„Und kannst doch nicht schlafen."
„Jetzt ist es zu spät dazu; der Tag ist schon da."
„Und die Nacht wird wiederkommen. Dann geht es von neuem los."
„Was?"
„Das was dn mir verschweigst. Wir wollen heute Hamburg verlassen; bist du damit einverstanden?"
„Nein, hente nicht — vielleicht morgen," entgegnete Schu- bert und glättete die halbheruntergezerrte Tischdecke. Joseph folgte mit den Augen seinen Bewegungen.
„Du hast recht, Franz, es sieht hier wüst aus. Es fehlen nur noch ein paar umgeworfene Stühle, dann könnte man glauben, daß hier einer erschlagen worden ist."
Die Anspielung wirkte wie ein Faustschlag. Franz sprang auf und starrte seinem Gefährten ins Gesicht.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
— Wegen Butterfälschung verurteilte die Strafkammer in Gleiwitz Die Butterhändlerin Philippine Polczyk aus Babrze zu P/2 Jahren Gefängnis, weil sie der von ihr in den Handel gebrachten Butter 28 bis 33 v. H. Wasser beigemengt hatte.
— EinefurchtbareFeuerSbrun st vernichtete in der vergangenen Nacht die Ludwigshafner Walzenmühle, die größte Mühle in Deutschland. Nachts 12 Uhr brach Das Feuer im nördlichen Flügel wahrscheinlich infolge einer Mehlstaubexplosion ins und binnen einer halben Stunde standen das mächtige, siebenstöckige Gebäude und die Nebengebäude in ihrer ganzen Ausdehnung in einem Flammenmeer. Unter den in dem Etablissement befindlichen Müllern brach eine große Panik aus. Einer von ihnen stürzte sich vom sechsten Stockwerk auf die Straße hinab und wurde mit zerschmettertem Kopfe aufgefunden. Ein anderer brach ein Bein, mehrere wurden schwer verletzt nach dem Hospital gebracht. Von der großen Mühle stehen nur noch Die Mauern. Der Schaden, in den sich sieben Versicherungsgesellschaften teilen, beziffert sich auf mehrere Millionen. — Ferner wurden in der Spinnerei von Daniels und Stroter in Odenkirchen durch ein Großfeuer Maschinen und Baumwollvorräte im Werte von 50,000 M. zerstört. — In Wernigerode brannte die Heitmannsche Dampftischlerei mit großen Vorräten vollständig ab.
— (Von der Eisenbahn bezahlte Entschädigungen für Waldbrand.) Wie ausBres- lau gemeldet wird, betragen die an 33 ländliche Waldbesitzer, an den Grasen zu Dohna, an die Stadt Bunzlau, an den Forstfiskus und an den Herzog Ernst Günter von Schleswig-Holstein gezahlten Entschädigungen für die am 15. August 1904 durch den Funken einer Güterzuglokomotive entstandenen Waldbrände bei Primkenau rund 420,000 Mk. Die Einnahme aus dem Verkauf der vom Eisenbahn- fiikus erworbenen Brandrückstände aus Den herzoglichen Forsten beträgt 130 000 Mk., so daß sich der Gesamtschaden auf rund 290,000 Mk. beläuft.
— Der „blinde Weber" ist der Magdeb. Ztg. zufolge am 10. Dezember in Wiltenberg gestorben. Weber, aus Halle gebürtig, war ehemals Sergeant bei dem zu jener Zeit in Wittenberg garnisonierenden 67. Regiment. Bei Königgrätz wurden ihm beide Augen ausgeschossen. Sein trauriges Geschick erregte Damals überall um so größere Teilnahme, als er im Begriff stand, sich zu verheiraten. Er hat seine Braut nach seiner Wiederherstellung heimgeführt. Bet dieser Gelegenheit wurden dem Paare viele Beweise der herzlichsten, opferwilligsten Teilnahme dar. gebracht. Der vornehmste Wohltäter des Unglücklichen war BiSmarck, der Weber aus eignen Mitteln noch eine Pension von 300 M. jährlich äusserte, eine Zuwendung, Die BiSmarck später auch noch testamentarisch bis zum Tode Weber« ausdehnte.