Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich
1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. ^>
Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer eingespaltenen Zeile 10 pfg., im amtlichen Teile 20 pfg. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.ns^r^s^»
herssel-er Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 148. Sonnabend, den 16. Dezember 1905.
Elftes Statt
IMF” Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Hätte die Richtigkeit der Bezeichnung der Sozial- demokratte als „vaterlandslose Gesellen" noch eines Beweises bedurft, so wäre dieser während der verflossenen Woche zur Genüge erbracht worden. Der sozialdemokratische Parteidiktator Bebel hat mit seiner jüngsten Etalsrede in der Tat den höchsten Rekord unpatriotischer und anttnatio- naler Gesinnung erreicht. „Das Vaterland hat immer unrecht" — das war das einförmige Leitmotiv seiner langatmigen Kannegiehereien über unsere auswärtige Politik. Man versteht das Behagen, mit dem dieses Gerede in den deutschfeindlichen Kreisen des Auslandes ausgenommen worden ist. Der Engländer oder Franzose hat zwar für den Träger solcher Anschauungen im Grunde seines Herzens nur Ekel und Verachtung übrig, er weiß aber im Interesse der eigenen Ration seine wahren Gefühle sehr wohl hinter äußerer Anerkennung und Bewunderung zu verbergen. Diesmal aber erscheint solche Anerkennung noch ganz besonders am Platze, ^ B^b-s sich nicht damit begnügt, das Vaterland unter allen Umständen in« Unrecht zu setzen, sondern auch für den Fall einer kriegerischen Verwicklung Deutschlands dem Auslande die freundwillige Hülfeleistung der deutschen Sozialdemokratie durch einen Soldatenstreik in lockende Aussicht stellte. Das ist Vaterlandsverrat in bester Form und zwar ein umso nichtswürdigerer und feigerer, als er unter dem Schutze der parlamentarischen Immunität betrieben wird. Es ist daher leider auch nichts anderes möglich, als eine derartige Handlungsweise vor der Oeffent- lichkeit an den Schandpfahl zu nageln und der allgemeinen Verachtung preiszugeben.
Im Reichstage selbst ist die Beleuchtung und Festnage- lung des Bebelschen Verhaltens bereits in äußerst wirksamer und treffender Weise durch den Reichskanzler Fürsten von Bülow vollzogen worden, der zugleich Gelegenheit nahm, seine große Rede über auswärtige Politik in einigen Punkten zu ergänzen. Diese Rede bildet noch immer den Gegenstand eifrigster Beachtung im In- und Auslande. Im Inlands ist dieselbe, abgesehen von der Sozialdemokratie mit fast einhelligem Beisall ausgenommen worden, und auch in Oesterreich-Ungarn und Italien hat ihr Inhalt sympatische Beurteilung gefunden. Wenn man die gleiche Beobachtung an englischen und französischen Preßäußerungen nicht machen kann, so erscheint dies am gestchts der ungeschminkten Darstellung der Verhältnisse durch unseren Reichskanzler kaum verwunderlich. Jeder Unbefangene aber wird zugestehen müssen, daß sich in der Kanzlerrede keine Wendung findet, die geeignet wäre, be. rechtigte Empfindlichkeiten zu verletzen, und daß stch diese Rede in allen ihren Teilen, insbesondere auch in dem von der marokkanischen Angelegenheit handelnden, durch höchste Objektivität auszeichnet. Die mißliebige und teilweise erregte Kritik englisch-französischer Preßorgane entbehrt daher jeder innern Berechtigung.
In Rußland sind die Zustände zu einem fast unerträglichen Grade der Spannung und Verwirrung gediehen, so daß sich die trübe Resignation Wittes, die dieser kürzlich in einigen Kundgebungen zum Ausdrucke gebracht hat, wohl verstehen läßt. Wenn die intelligenten und wohlhabenden Kreise Rußland« nicht bald zur Vernunft kommen, dürften sich der Zukunft des Zarenreiches nur zwei Wege eröffnen, entweder völlige Anarchie oder blutige Reaktion. In beiden Fällen aber werden die Ansätze notwendiger Reformen, die schon im Emporkeimen waren, erstickt und zertreten werden. Die Verantwortung hierfür fällt aus das Haupt der Sozialdemokratie und jener Kreise des Bürgertums, die ihr in einem Taumel des Wahnsinns Helferdienste geleistet haben, und noch immerfort leisten. Es ist selbstverständlich, daß Deutschland sowohl in ethischer wie materieller Hinsicht ein außerordentlich großes Interesse an der Herstellung geordneter Zustände in dem russischen Nach« barreiche hat. Trotzdem aber wird jeder besonnene deutsche Politiker die Stellungnahme der deutschen Politik, wie sie Fürst Bülow mit wenigen wirkungsvollen Strichen vor dem Reichstage gezeichnet hat, nur gutheißen können. Sie läßt sich kurz dahin zusammenfassen: keine Einmischung in die innerpolitischen Verhältnisse Rußlands, wohl aber eine entschiedene und tatkräftige Abwehr jedes Uebergreisen» der Unruhen auf deutsche« Gebiet.
In E n g l a n d hat sich das neue Kabinett nunmehr konstituiert. Es ist Campbell Bannermann schließlich doch
gelungen, den imperialistischen Flügel der Liberalen zum Eintritt in da« Kabinett zu bewegen, allerdings ohne Lord Rosebery, der von keinem Liebäugeln mit den Iren etwas wissen will. Grey, Haldane, Fowler und Asquith sind die Vertreter des liberalen Imperialismus in dem Ministerium Campbell Bannermann. Wahrscheinlich wird das neue Kabinett, falls die Wahlen, wie vorauszusehen, ihm seine Stellung für längere Zeit sichern sollten, den Schwerpunkt seiner Tätigkeit in der inneren Politik suchen. In der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten dagegen wird voraussichtlich Grey, der dieses Portefeuille übernommen, die Kontinuität der bisherigen Politik wahren und getreulich in den Spuren Lord Lansdownes, dem ja England in der Tat auch Großes verdankt, wandeln. Die Wahl« kampagne hat sich übrigens bereits durch einen heftigen Vorstoß Chamberlains angekündigt, der in einer zu Oxford gehaltenen Rede das Ministerium Campbell Bannerman als eine „Hermaphroditische Gesellschaft" bezeichnete und von einer „Regierung von Kleinengländern" sprach. Nach diesem Präludium zu schließen, scheint das neue Kabinett schweren Kämpfen entgegenzugehen.
Unruhen in IMWM
In Ostafrika machen die Expeditionen der deutschen Truppen in Der Richtung auf Kiloffa und weiter im Südwesten des Landes nach Ssongea zu gute Fortschritte. Auch in der Küstengegend, wo die Aufständischen besonders rührig waren, scheint die Macht der Rebellen fast gänzlich gebrochen zu sein. Der erfreulichen Nachricht von der Niederlage der Neger bei Linvi folgt jetzt die Meldung, daß der Küstenstrich zwischen den Inseln Mafia und Kwale gänzlich beruhigt ist.
Dar es Salam, 13. Dez. Heute nachmittag mar- feierte die 15. Kompagnie nach Morogoro und wird von dort weiter nach Kilossa gehen. Führer ist Major von Schleinitz, außerdem Hauptmann Wunderlich, Oberleutnant Pierer, Oberleutnant Knecht, Leutnant Tiller, Oberarzt Ulbrich, Zahlmeister Klinkert, Feldwebel Heilmann, die Unterosfiziere Pulthoff, Grimm, Wörz und Sanitätsunter- offizier Hiese. Aus Sangwe schreibt Regierungsrat Böder, daß er ouf seinem Marsch von Kissidje nach dort alles in bester Ordnung angetroffen habe. Er schickte den größten Teil seiner Askari zurück, weil keinerlei Gefahr mehr vorhanden erscheint.
Aus Jn- und Ausland.
Berlin, 14. Dezember 1905.
Se. Majestät der Kaiser traf gestern abend im Automobil, Ihre Majestät die Kaiserin mit der Bahn öom Neuen Palais aus in Berlin ein. Nach der Abendtafel im Königl. Schlosse begaben Beide Majestäten Sich nach der Hochschule für Musik, um dort einem Vortrag des Architekten B Ebhardt über die Burgen Frankreichs beizuwohnen. — Zum Tee um 9Va Uhr im Königlichen Schlosse war Botschafter n. Schoen geladen. Heute morgen besuchten hre Kilserlich n Majestäten das Atelier des Bildhauers Tuaillon. Später hörte Se. Majestät ber Kaiser die Vorträge des Chefs des Generalstabes der Armee GeneraladjutantenGrafen von Schliessen und des Chefs des Militärkabinetl« Generaladjutanten Grafen Hülfen-Haeseler und empfing den Generaldirektor Bode, sowie darauf bie. Gebrüder Goldschmidt zur Ueberreichung de« Bibelpultes für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. — Zur Frühstücks» tafel waren geloben Fürst und Fürstin Radolin, Gouverneur Dr. Solf, Generalkonsul d. Hartmann und Exzellenz Schoene.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt unterm 13. b.: „Am heutigen Mittwoch wird in Hamburg der Heimkehr des Generalleutnants von Trotha aus Deutsch- Südwestafrika entgegengesehen. Nahezu anderthalb Jahre hat der General den Oberbefehl über die in dem Schutzgebiet kämpsenden Truppen innegehabt und durch seine Wirksamkeit Die Anerkennung Seiner Majestät des Kaiser» erworben und den Dank her Nation verdient. Durch Verleihung des DroensPour le merite hat Se. Majestät zu erkennen gegeben, daß Generalleutnant v. Trotha dem in ihn gesetzten Allerhöchsten Vertrauen in vollstem Maße gerecht geworden ist. Die Angriffe, die im Reichstage gegen den General und dessen Kriegführung erhoben sind, hat der Reichskanzler Fürst v. Bülow zurückaewiefen, indem er hervorhob, daß Generalleutnant von Trotha mit Bravour, Energie und Umsicht sich der schweren Aufgabe entledigt hat, die ihm in Südwestafrika zugesallen war. Jeder Deutsche, der noch einen Funken nationalen Empfinden» in sich trägt, wird mit Bewunderung bei den Taten und der Haltung unserer braven Truppen gegenüber einem vor keiner Unmenschlich- keit zurückschreckenden Feind verweilen, und er wird zugleich mit warmem Dankgefühl der nie versagenden Hingebung gedenken, die die Führer dieser Truppen vom Oberbefehlshaber bis zum jüngsten Leutnant an den Tag gelegt haben.
Welche Probleme der Heeressührung in Südwestafrika gestellt waren, davon vermag sich selbst der Laie ein ,'hlb zu machen, wenn er die außerordentlichen Schwierigkeiten des ausgedehnten Geländes, der Verpflegung, der Gewöhnung an gänzlich neue Verhältnisse und an einen mit keineck europäischen Gegner vergleichbaren Feind ins Auge faßt. Mit lebhafter Genugtuung wird jeder national empfindende Deutsche aus den Verlaus diese» uns ausgezwungenen, leb der so opferreichen Kampfes zurückblicken, dessen Le'ler unter überaus schwierigen Umständen seine Pflicht und Schuldigkeit in einer Weise getan hat, wie sie die Nation von den Offizieren unseres Heeres erwartet. Wir wissen uns eins mit der weit überwiegenden Mehrheit unseres Volkes, indem wir bei seiner Heimkehr dem Generalleutnant von Trotha den ihm gebührenden Dank zollen und ihn auf heimatlichem Boden von Herzen willkommen heißen.
Im Reichstage sprach am Dienstag bei Fortsetzung der Etatsdebatte zunächst Abg. Liebermann von Sonnenberg (Dtschfoz.), dessen Rede von warmem nationalen Gefühl durch- glüht war und deshalb auf der rechten Seite des Hauses lebhaften Beifall fand. Nach ihm hielt der Staatssekretär des Reichsamtes des Innern Gras Posadowsky eine längere Rede, aus der besonders (die Stellungnahme gegen die Forderung von Tagegeldern für die Reichstagsabgeordneten hervorgelu^n zu werden verdient. Es sprachen weiterhin noch Abg. Schröder (frf. Vg.), Abg. Ricklin (Elf), Abg. v. Jazdzeivski (Pole) und schließlich Reichsschatzsekretär Freiherr von Stengel, der der Hoffnung Ausdruck gab, daß trotz der von verschiedenen Seiten geäußerten Bedenken gegenüber den neuen Steuervorlagen doch aus der Kommission etwas Positives und Ersprießliches hinsichtlich der Reichssinanzresonn heran -Stur men- werde. — Am Mittwoch nahm der Reichstag die Handelsprovisorien mit England und Bulgarien in erster und zweiter Lesung an, eine Kommissionsberatung wurde abgelehnt. Alsdann fand die Fortsetzung der Etatsberatung statt. Abg. Gröber vom Zentrum trat für Diäten ein und empfahl den Toleranzantrag. Den Beschluß der Verhandlungen bildeten Reden der Abg. Payer (südd. Vlksp.) und Zimmermann (Rfpt.)
Im preußischen Abgeordnetenhaus- wurde die erste Lesung des VolkrschulunlerhaltungSgesetzeS fortgesetzt. Zunächst sprach Abg. Ernst von der Freisinnigen Vereinigung, der aber im Hause ziemlich unverständlich blieb. Nach ihm erhob der Pole Stychel Einspruch dagegen, daß man Posen und Westpreußen aus dem Rahmen des Gesetze» herausgenommen habe. Die Wiederlegung der beiden Vorredner lieferte in wirksamer Weise Kultusminister Studt. Der nachfolgende Redner, Abg. von der Gröben (kons.), trat warm für die kofessionelle Schule ein. Den Beschluß bildete eine langatmige Rede de» Abg. Caflel (fr. Vp ), der die grundlegenden Bestimmungen de» Gesetzentwurfs in scharfer Weise bekämpfte. Die Vorlage wurde alsdann an eine Kommission von 28 Mitgliedern verwiesen. — Die Mitwochsitzung wurde zum größten Teil von der Besprechung der am 6. Dezember begründeten und beantworteten nationalliberalen Interpellation über beu Wagenmangel im Kohlenrevier ausgefüllt.
In der spanischen Deputiertenkammer richtete Romeo an die Regierung die Anfrage, welche Nachrichten sie über die Schwierigkeiten zwischen Frankreich und Deutschland wegen der Marokko Angelegenheit besitze. Angesichts der Gefahren, sagt der Redner, welchen wir ausgesetzt sein können, wende ich mich an die Vaterlandsliebe der Regierung, welche die Maßnahmen ergreifen muß, die durch die von einigen ausländischen Zeitungen geführte Sprache gerechtfertigt sind. Wenn sich ein Bruch zwischen Berlin und Paris vollzöge, würde die Konferenz in Al- gcciras nicht stattfinden ; es ist aber meine Pflicht, die War- nung auszusprechen, daß es Mächte gibt, die daran interessiert sind, daß man auf dieser Konferenz zu keinem Einvernehmen gelange. Ich fordere nicht, daß die Regierung antwortet. Denn ich begreife wohl, daß es sehr schwierig wäre, die» zu tun, aber ich fordere, daß die Minister sich die Verteidigung der Balearen, der Kanarischen Inseln und der Verbindungen mit diesen Inseln angelegen sein lassen. Der Ministerpräsident Moret erwidert : Die Lage Spaniens ist so klar und so deutlich bestimmt, daß man niemals mit mehr Wahrheit als jetzt wird sagen können, daß, abgesehen von diplomatischen Zwischenfällen von geringerer Bedeutung, für Spanien keine Gefahr irgendwelcher Art zu befürchten ist.
Die französische Deputiertenkammer setzte gestern die Beratung des Artikels 2 des Gesetzes über die Altersversorgung der Arbeiter fort. Jaure« hält an der Verpflichtung von Beitragszahlungen seitens der Arbeiter fest. Das Gesetz dürfe nicht die ganze Last der Alterversorgung den Arbeitgebern auserlegen, da sonst eine Rückwirkung auf die Löhne eintreten würde. Die Bci- tragSleistung seitens der Arbeiter würde für diese eine soziale Bürgschaft bedeuten, da ein mit dem Staate getroffenes Abkommen unverletzlich sein wurde. — WaS sagt der Diktator Bebel zu so sträflich vernünftigen Anschauungen ?
Die Agitation gegen die Fremden in