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Beilage 311m

Herrselder Kreisblatt

Nr. 133* Sonnabend, den 1L November 1905t

Wwf4

Roman von Friedrich Jacobsen.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Denn sie wissen es nicht, wie einem Unschuldigen hinter den Mauern des Zuchthauses zumut ist. Aber dennoch Joseph suhlte in dieser Stunde, wo er eine große Einsamkeit durchwanderte, daß der dem Menschen angeborene Drang nach Freiheit, ihn niemals unwiderstehlich gezwungen haben würde, das Los eines Geächteten auf sich zu nehmen.

Er war eine passive Natur, er konnte dulden, und schieß- lich gingen drei Lebensjahre auch ihrem Ende entgegen; jenseits der Zuchthaustür aber stand die Hoffnung auf ein neues Leben und auf die Möglichkeit einer Rechtfertigung.

Aber jener Mann, der ein Dämon für den Genossen ge­worden war, der mit seiner großen Energie und Menschen­verachtung die Geister bezwäng der trug allein die Schuld an dieser törichten, unbedachten und in ihren letzten Folgen verderblichen Flucht, und der Schwächere hatte sich ihm willen­los untergeordnet.

Alle einzelnen Momente des Befreiungswerkes, von der ersten heimlichen Mitteilung des Gedankens bis zu dem letzten Sprung von der Mauer in den Festungsgraben gingen heute mit lebendiger Kraft an Josephs Seite vorüber heute, wo dieselbe Erdscholle ihn und seinen Gefährten trug.

Mit Klopsen an der Zellenwand hatte es begonnen mitten in der Nacht, wo alles schlief. Sechsmal Klopsen, dann Pause; elfmal Klopfen, dann wieder Pause so ging es weiter mit sechs Pansen, dann war es stille. Joseph hatte den Rest der Nacht für sich, um der Bedeutung dieser Zeichen nachzugrübeln und er fand sehr bald, daß jede Zahl die Stellung eines Buchstabens im Alphabet bedeuten müsse.

Das ganze Wort hieß:Flucht."

In der nächsten Nacht klopfte er selbst auf dieselbe Weise: Nein".

Dann kam die dritte Nacht, und wieder klang von drüben das leise Pochen:

Freiheit!"

Es war nicht mehr das gefährliche Mittel, sondern das lockende Ziel, und Joseph hatte einen langen Tag Zeit, dieses eine wunderbare Wort in sich zu bewegen.

Die vierte Nacht antwortete er mitJa", der Psychologe drüben hinter der Wand halte Recht behalten.

Dann kamen die Fingerzeichen an die Reihe, wenn sie einander zufällig aus dem Hose des Zuchthauses in der Frei­stunde begegneten; der Hinweis auf jene Stelle, wo man über die Mauer gelangen konnte, die Bezeichnung jenes Wärters, der am lässigsten in der Wachsamkeit war.

Zuletzt brächte Franz Schubert es zu stände, daß sie beide in der Kanzlei Schreibarbeit bekamen. Die Kassiber flogen nur so hin und her. Joseph hatte bald den ganzen Plan in Händen, und wenn er sich sträubte, dann kam der Refrain:

Ich sterbe ohne die Freiheit, aber du mußt mit, denn ich trage die Schuld an deinem Los!"

Der eine war wie Wachs in den Händen des anderen geworden, und als die Flucht endlich zur Ausführung kam, und Joseph auf halbem Wege umkehren wollte, da hatte Franz das Brecheisen drohend gegen ihn aufgehoben, und diese Sekunde war für ihre Freiheit entscheidend geworden.

Joseph hatte auf seiner Wanderung nach Hörnum einen Platz erreicht, der so öde und einsam war, daß man sich vor­stellen konnte, es habe noch niemals eines Menschen Fuß diese Stelle betreten.

Zwischen den ringsum ausstrebenden Dünen senkte sich der mit Moor untermischte Heideboden zu einer Mulde in die Erde und an seiner niedrigsten Stelle trat eine Lache brackigen Wassers ans Licht; es wuchs am Rande dieses Tümpels etwas Schilf und die im Winde rauschenden Blätter gaben ihm den Anschein einer Tiefe, die er in Wirklichkeit nicht besaß.

Wer aber lebensmüde hierher kam, der mochte sich durch das schwarze Wasser täuschen lassen und den Versuch des Untertauchens machen bis er inne wird, daß ein Ver­schwinden nicht so leicht ist, und daß der Mensch gut tut zu warten, daß andere Hände ihm ein Grab graben.

Joseph setzte sich auf einen Stein und vergrub den Kopf in die Hände.

War es denn wirklich der Mühe wert, die Probe des Verschwindens immer und immer wieder vorzunehmen, bis endlich in dem Moment der größten Vorsicht der lächerlichste Zufall eine Entdeckung herbeiführte? Wogen die drei Jahre Gesängnismauern die Angst eines ganzen Lebens auf, das tägliche und stündliche Mißtrauen gegen jeden Blick, der auf uns ruht, gegen jede Hand, die unsern Arm berührt, gegen jedes eigene unbedachte Wort?

Vielleicht war es am besten, dem Verfolger entgegenzugehen und die Hand den Fesseln darzubieten, anstatt immer und ewig den Kopf über die Schulter zu wenden; wissen wir doch, wie es uns als Kinder so oft erging, wenn wir Haschen spielten der Atem des Verfolgers keuchte in unserm Nacken, es überlief uns ein sonderbares Gefühl, und wir blieben stehen, um uns haschen zu lassen.

Hinter der nächsten Düne quoll eine Rauchwolke auf; eS war schon der Zug von Westerland nach Hörnuin, und es wurde fraglich, ob der Fußgänger noch daS Schiff erreichen konnte.

Joseph erhob sich wieder und wendete nunmehr feine Schritte dem Bahnkörper zu; dort lag für ihn der gerade Weg, und er beschloß, demselben zu folgen.

Es sollte eine Frage an daS Schicksal sein, wie schwankende

Menschen sie bisweilen in ihrer Haltlosigkeit gerne stellen; wenn das Schiff bei seiner Ankunft noch an der Brücke lag, dann wollte er an Bord gehen und in Hamburg das Weitere überlegen; wo nicht, dann war vielleicht der Moment ge­kommen, wo er seine Hände für die Fesseln ausstreckte.

Er ging weder schnell noch langsam und zählte nur noch rasch die Bohlen unter seinen Füßen, auf denen das Schienen- gleis ruhte; wenn jetzt ein Zug entgegenkain, dann war es auch einerlei, aber dabei wußte er doch ganz genau, daß es nicht der Fall sein konnte.

Ein rotes Ziegeldach.

In diesem Sandmeer machte das einen seltsamen Eindruck, man konnte höchstens erwarten, aus eine Schilshütte zu stoßen, oder auf das Zelt einer vorgeschobenen Arbeiterkolonne, aber der Bahnhof lag elegant und modern auf einem geebneten Stück Heideland, dafür aber so absolut einsam, daß man seine ausschließliche Bestimmung für die kurzen Sommermonate unschwer erkennen konnte.

Im Winter wurden wohl Fenster und Türen mit Brettern verschlagen, und die Möve allein flog um den ein­samen Bau.

Hundert Schritte entfernt lag die Schiffsbrücke, wo der Dampfer anzulegen pflegte; sie war leer und der Zug rangierte langsam für die' Rückfahrt draußen, kaum hundert Meter vom Strande entfernt, wendete das Schiff seinen Bug gegen die Nordsee; es war für heute zu spät.

Die Reisenden, welche mitgekommen waren, hatten bereits ihre Plätze im Zug eingenommen; nur ein einzelner Mann ging langsam auf der Rampe hin und her, als ob er auf irgend etwas wartete; er trug eine dunkelgrüne Uniform, Helm, Säbel und Revolver.

Joseph sah, daß es ein Gendarm war, vielleicht der einzige, den die Insel besaß.

Und nun war die Sache ungeheuer einfach und fast lächer­lich bequem, der Flüchtling, der sein Schicksal in die Hand des Zufalls hatte legen wollen, brauchte nur hinzutreten und zu sagen:

Ich werde steckbrieflich verfolgt, ich bin ein entsprungener Sträfling, nehmen Sie mich fest."

Joseph zögerte.

Wenn dieser Mann des Gesetzes wirklich aus ihn wartete, dann blieb in der Tat gar nichts weiter übrig, als den be­reits halb und halb gefaßten Vorsatz auszusühren ; die nächsten Dünen lagen ziemlich weit entfernt und ein einziger Griff nach dem Revolver hemmte die Flucht.

Der Gendarm kam näher und blieb vor Joseph stehen.

Sie wollten wohl mit dem Schiff?" fragte er und warf einen Blick auf den Ranzen.Warum haben Sie denn nicht den Zug benutzt?"

Der Verdacht, daß jener kein Geld für die Fahrt besitze, daß er ein Stromer ohne Beschäftigung und Legitimation sei, stand ziemlich deutlich in den Augen des Sicherheitsbeamten zu lesen; es bedurfte nur einer ausweichenden oder trotzigen Antwort, um die Fragen nach den Papieren hervorzulocken und dann Joseph lächelte er fühlte, daß er in diesem Moment lächeln mußte.

Ich durchstreife nur die Insel und habe Proviant mitge­nommen," entgegnete er,aber ich sehe, daß der Bahnhof eine Restauration hat."

Gewiß, mein Herr, die ist sogar sehr gut."

Der Beamte hatte das Interesse an dem Frem­den verloren; der Mann sah nicht gerade elegant aus, aber auch nicht schäbig, und Badegäste durften nicht belästigt werden.

Einige Minuten später fuhr der Zug nach Westerland ab, und die Rampe des Bahnhofs lag wieder einsam wie vorhin auch der Gendarm hatte sich den zugereisten Fremden ange­schlossen, es war ihm doch wohl zu öde auf diesem aller­äußersten Vorposten der Zivilisation, und er durfte sicher fein, daß sich kein Bettler hierher verirrte, um zwischen den Dünen hausieren zu gehen.

Joseph atmete auf.

Solange jene tiefgebetteten Moortäler seinen Blick einge­schränkt hatten, war ihm die Seele wie mit Ketten belastet gewesen, und er würde auch feinen Leib willig den Fesseln dargeboten haben; nun stand er an einer Stelle, wo der Westwind scharf um die Spitze der Insel snhr und die Wellen eines großen Meeres Herantrieb.

Das war Leben und Freiheit, und die Brust wurde da­bei unendlich weit; im Gegensatz zu dieser schrankenlosen Ferne bedeuteten die Mauern eines Kerkers den Tod und nur ein Narr konnte freiwillig den Kampf um daS Dasein auf­geben und sich stumm zwischen einem Haufen von Steinen be­graben lassen.

Uebrigens waren auch hier die Spuren des Todes ver­streut.

Der Sohn des Südens stand zum erstenmal in seinem Leben an einer Stelle, wo Stnrm und Wasser, die gewaltigsten Kräfte der Natur, die Alleinherrschaft an sich gerissen hatten; drüben am Strande von Westerland räumen fleißige Menschen­hände alles hinweg, was an Seenot mahnen konnte, und jenseits in dem zahmen Watt lag höchstens das modernde Gerippe eines aufgegebenen Fischerbootes.

Hier aber, an der Stirn des Landes, sammelten sich die Vagabunden des Ozean.

Joseph ging am Strand entlang und sah die Wetterfahne des Bahnhofes hinter den Dünen verschwinden. Er stieß auf einen rostigen Schiffsanker, der sich tief in den Sand hineingewühlt hatte und dessen gesprengte Kette davon Zeug­nis ablegte, daß Eisen in der Brandung wie Glas zerbricht; er sah die Spitze eines Mastbaumes, die so hoch zwischen den Dünen lag, daß nur Riesenkräfte sie dorthin geschleudert haben konnte.

Zuletzt tarn ein kleines niedriges Gebäude in Sicht, das

hoch oben zwischen den Dünen halb vom Sand verschüttet war, aber dennoch von der See aus auf weite Entfernung gesehen werden mußte: ein Rettungsasyl für Schiffbrüchige, die das Wrack verlassen und durch die tosende Brandung den Strand erkämpft hatten.

Der einsame Wanderer stieg hinaus, um die Hütte in Augenschein zu nehmen.

Sie war aus schweren Balken zusammengesügt, und die Tür stand angelehnt; irgend eine Hand hatte mit Kreide daran geschrieben, daß diese Rettungsstation außer Betrieb gesetzt sei, und das Innere des kleinen Raumes bestätigte die Wahrheit der Inschrift.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

G e l s e n k i r ch e n, 8. November. Heute morgen wurde hier der Althändler Fick in seiner Wohnung ermordet aufgesunden. Der Täter ist unbekannt.

Der Schnellzug 13 von Reine-Osnabrück nach Han­nover fuhr unweit der Station Seelze bei dichtem Nebel in eine Schafherde, tötete den Schäfer, dessen zwei Hunde und acht Schafe.

Desertiert ist der Oberleutnant Schöneberg vom Trainbatoillon Nr. 15 zu Straßburg i. E., nachdem er, um Spielschulden zu decken, 4900 Mark Dienstgelder unter­schlagen hatte. Der Leutnant, der angeblich Mobilmachungs­pläne mitgenommen hat, wird steckbrieflich verfolgt.

Der Trinkspruch des Kaisers auf den König von Spanien betonte, daß das deutsche Volk die Sympathien für den König AlfonS XII. auf dessen Sohn Alfons XIII. übertragen hat. Als Alfons XII. während seines damaligen Besuches in Homburg weilte, widmete das Publikum dem spanischen Gast überall, wo er sich zeigte, die größte Aufmerksamkeit. Er wurde aber in der preußischen Ulanenuniform nicht immer erkannt. Als das letzte Manöver beendet war und die Offiziere sich nach der Kritik des Kaisers langsam zerstreuten, betrachteten zwei biedere Sachsenhäuser die glänzenden Uniformen und hätten gern die vielen Fürst­lichkeiten, die damals dem Kaisermanöver beiwohnten, von Angesicht zu Angesicht kennen gelernt Der Kronprinz, nach­mals Kaiser Friedrich, bemerkte da», ritt auf die braven Leute aus Sachfenhaufen zu und sagte, indem er ihren Sachsenhäuser Dialekt nachahmte:Gelle, ihr wollt gern wisse, wer die Leut' alle sinn?* Die Sachsenhäuser halten keine Ahnung, vor wem sie standen, und der eine von ihnen antwortete:Dar welle mer gerade." Darauf fuhr der Kronprinz fort :Der Ulanenoffizier, dort, der mit dem gelben Kragen, ist der König von Spanien."Aha, der Alfon»", unterbrach ihn einer der Sachsenhäuser,der kann mir schon gefalle."Und wißt ihr, wer der dicke Husar ist neben ihm?" fragte der Kronprinz.Den dicken Husar kenne mer auch nicht", erwiderten die Sachsenhäuser. Da» ist der König Milan von Serbien," erklärte der Kronprinz, und der blaue Dragoner ist der König von Sachsen."Der die Franzose bei Gravelotte so feste ge« schlage hat?" fragte einer der beiden Bürger.Ganz derselbe," fuhr der Kronprinz fort,bei Gravelotte und bei St. Privat, und dort der junge Major"Der jetzt gerade fortgaloppiert?' fielen die Sachsenhäuser dem Kron­prinzen in» Wort.Ja, ja, der," sprach der Kronprinz weiter,wißt ihr, das ist mein Sohn, er heißt Wilhelm." Als die biederen Leute verdutzt baßanben, bemerkte der Kronprinz lächelnd:Nun könnt ihr wohl wisse, wer ich bin." Da flüsterte der eine Sachsenhäuser dem anderen halblaut ins Ohr:Du das muß der Kronprinz sinn." Er ist es", sagte der Kronprinz und ritt lächelnd davon.

In Hamburg-Horn hat die Frau des Renn- bahnstr. 85 wohnenden Lehrers König in einem Anfälle von Wahnsinn durch Schüsse aus einem fechrläufigen Re­volver ihre Tante getötet und ihren Mann schwer verletzt. Die Frau, welche schon seit längerer Zeit Spuren des Irr­sinns an den Tag gelegt hatte, war in den letzten Tagen besonders schwermütig gewesen. In der Nacht zum 6. d. M. stand sie auf, holte den geladenen Revolver und voll­brachte die furchtbare Tat. Die zu Hülfe gerufenen Nach­barn und die alarmierten Polizeibeamten leisteten den schwer verwundeten Lehrer Hülse; die unglückselige Frau wurde verhaftet. Weiter wird noch gemeldet, daß die Frau Röntg seit längerer Zeit nervenleidend ist; die Tante hat einen Schuß in den Kopf erhalten, der Lehrer König, der auf da» Geräusch der Schüsse aufsprang und in boS Neben­zimmer eilte, in dem die Tante schlief, erhielt einen Schuß in die Hüfte.

In Stutthof, Kreis Elbing starb am Sonntag die Tochter der Besitzerwitwe Gaßmann an Hungertyphus. Die Familie, bestehend aus der Mutter, einem erwachsenen Sohne und der verstorbenen 22jährigen Tochter, hat ein wahre» Einsiedlerleben geführt, die Wohnung war stets ver­schlossen, die Nahrung bestand, wie die Elb. Ztg. schreibt, nur aus Kartoffeln und Wasser. In der Wohnung herrschte die allergrößte Unsauberkeit, der ganze Unrat, vermischt mit Stroh, war in einem Zimmer seit langer Zeit aufge= häuft. Die Leute haben nicht etwa aus Not ein solche» Leben geführt, denn in der Wohnung wurden 530 Mark bares Geld gefunden, auch ist da» etwa zehn Morgen große Grundstück schuldenfrei. Innerhalb Jahresfrist hat die ganze Ausgabe für Lebensmittel nach den Angaben der Leute nur 90 Mark betragen.

Tokio, 8. November. Ein Taifun richtete gestern Verheerungen an, die sich über ein weile» Gebiet erstreckten. Auf Oshima und den benachbarten Inseln wurden zwei­tausend Gebäude zerstört. Ein Dampfer ist gescheitert. Verlust an Menschen ist bisher nicht gemeldet worden.